Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1936)
- Date
- 1936-03-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653947--28491-2689976- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3. 193& Nr• 24 ✓ Jahrgang 41 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU Schriftleitttag, Verlag a. Anxwlgenvertealtimjft Berlin W15, Melneke«tr.lO Femraf 1 Semmel - Nummer J 1 (Bismarck) 9031• — Bezugspreis «ioichl Bestellgeld je Monet RM 2,-, 1© Vierieijehr RM 5,75» bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5*39 —־• Postscheck - Konten der Vertrieb• - Abteilung: Berlin 71573 (für GroA - Berlin), Berlin 17392 (für du übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch •uf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Beragagebühren. — Erscheint Jeden Dienstag ■ad Freitag• BERLIN א׳ ניסן תרצ״ו DIENSTAG, 24. MAERZ 1936 GftlBgt Anzeigenpreisliste Nr• 4• Die 12 gespaltene mm Zeilo 20 Rpf, für Famüieunschrichten 25 Rpf■ Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen odei Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheits anzeigen nur bei Vorausza)>lung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bet Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 ■—16 Uhr. AnnahmeschluE für die Dienstag . Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag . Aus* gäbe Mittwoch 13 Ubr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Oer Zionismus erstrebt für das JQdlseHe Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Auswandererschutz - Konferenz Europäer und Juden Die Krise Europas und die Juden — Die Genier Konferenz — Kardinal Hlond und die polnischen Juden — Stimmen ans Oesterreich — Philanthropie und Volkshilie — Abkommen der Jewish Agency mit der Emica Es ist in dieser Zeit nicht ganz leicht, ein Europäer zu sein. Obwohl andere Erdteile sich anheischig machen, dem alten Europa den Rang abzulaufen, ist es doch noch immer so, daß mit dem Wort ״Europa“ eine Fülle von Vorstellungen und Begriffen verbunden ist, die die Welt anerkennt und auf die der Europäer stolz ist. Dennoch scheint es seit beinahe einem Menschenalter, als ob die Grundfesten dieses Erdteils wanken, und in dem unerhörten Schauspiel der Umwälzungen schwankt auch manchmal der Glaube an die Mission unseres Erdteils und der Völker, die ihn bewohnen. Wir Juden, die wir zum Großteil mit Europa und seinen Sorgen verbunden sind, empfinden das Beben des Bodens unter unseren Füßen doppelt heftig. Mag auch das Schicksal mit anderen Völkern nicht immer sanft umgegangen sein, so sind diese doch untrennbar mit dem Boden ihrer Heimat verbunden, und ihnen bleibt unter allen Umständen wenigstens eines, das ihnen nicht genommen weiden kann und der unwandelbare Besitz der Geschlechter ist: die Heimat. Das jüdische Volk dagegen, aus dessen Reihen nicht die schlechtesten ״Europäer“ hervorgegangen sind, wurde in seinen einzelncn Teilen von den Erschütterungen dieses großen Bebens erfaßt, und es wurde in einerWeise umgetrieben, wie es in der Weltgeschichte einzigartig dasteht. Dazu kommt, daß die Sorgen der Völker sehr oft zu verdoppelten Sorgen der Juden wurden, die in ihrer Mitte leben, weil gerade in unruhigen Zeiten sich das Gefühl der Völker gegen die Juden wendet. Es ist nicht leicht, in dieser Welt der Unruhe und Bewegtheit ein Jude zu sein. Wir gehören nicht zu denen, die meinen, daß dieses Eingeständnis durch Moralpredigten und Ansprachen nach Art von Traktätchen zu erleichtern geht; dies wären Steine statt Brot. Gewiß können wir mit Stolz auf unsere Geschichte blicken, und wir kennen die Kulturwerte unseres Volkes, wir spüren auch in uns die Kraft, die Linie seines Schaffens fortzuführen und neue Beiträge zur menschliehen Gesittung zu liefern; aber wir wissen, daß mit diesen Erkenntnissen dem jüdischen Volk in seiner Not und dem einzelnen Juden, der von ihr betroffen ist, nur wenig gedient ist. Es gilt vielmehr, unser Augenmerk auf die Aktionen der Selbsthilfe zu lenken und auf all das, was an Kräften vorhanden ist, die einen Ausweg aus dieser Lage finden wollen. Nicht Betrachtung und Versenkung tun einem Volke in der Stunde der Gefahr not, sondern Aktion und Konzentration seiner Energien auf das Ziel seiner Erhaltung und Wiedergeburt. Es gab und gibt Kreise im jüdischen Volk, die das meiste zur Ueberwindung ihrer eigenen Notlage von der Hilfe der Welt erhoffen. Wir glauben nicht an die Richtigkeit dieser Ansicht, weil wir erkannt haben, daß auch ein Volk nur dann leben kann, wenn es sich selbst zu helfen weiß, daß es in den Augen der Welt nur so hoch geschätzt wird, wie seine eigenen Kräfte sich der Welt präsentieren, und daß sein Kredit und die Bereit- Schaft, ihm beizustehen, sich danach richtet. Dennoch wissen wir, daß das jüdische Volk auch in dieser Hinsicht ein Sonder fall ist, der aus seiner geographisehen Zersplitterung und seiner Machtlosigkeit resultiert. Das Volk bedarf daher in gewissem Umfange und auf bestimmten Gebieten, die seiner eigenen Kompetenz entzogen sind, der Unterstützung durch die Umwelt. In diesem Sinne sind die Aktionen bedeutsam, die von seiten des Völkerbundes zur Regulierung der Lebensverhältnisse der jüdischen Emigration unternommen worden sind. Gerade jetzt hat der neue Oberkommissar des Völkerbundes für die jüdischen Auswanderer aus Deutschland, Sir Neill Malcolm, die schon bet seiner Ernennung in Aussicht genommene zwischenstaat- 1 iche Konferenz für den 2. Juli einberufen, um die rechtliche Lage dieser Auswanderer in ihren jetzigen Wohnländern zu regeln. Die Tagesordnung der Konferenz zeigt, daß ihr wichtige Aufgaben obliegen, deren Lösung im Interesse der Betroffenen dringend erforderlieh ist. Dennoch darf nicht etwa der Eindruck entstehen, daß durch eine Erörterung und Lösung dieser Fragen bereits das Problem selbst In Angriff genommen wird. Einberufung zum 2• Juli — Die Genf, 20. März. (JTA.) Der Generalsekretär des Völkerhundes hat an die Regierungen aller Mitgliedsstaaten des Völkerbundes sowie an die Regierungen der Vereinigten Staaten von Nordamerika und der Vereinigten Staaten von Brasilien ein Rundschreiben gerichtet, in dem er an die Beschlüsse des Völkerbundsrates vom 24. Januar 1936 über den Schutz der Auswanderer aus Deutschland erinnert und den Regierungen mitteilt, daß die in diesen Beschlüssen vorgesehene zwischenstaatliche Konferenz zwecks Fest- Setzung eines legalen Status der aus Deutschland Ausgewanderten für den 2. Juli 1936 einberufen wird. Gleichzeitig überreicht der Generalsekretär den cingciadenen Regierungen eine vom Oberkominissar Sir Neill Malcolm ausgearbeitete provisorische Tagesordnung der Konferenz. In dieser schlägt der Oberkommissar mit Rücksicht auf die Dringlichkeit der zu behandelnden Fragen vor, daß zunächst provisorische zwischenstaatliche Vereinbarungen getroffen werden, die unverziiglieh in Kraft treten könnten. In zweiter Linie möge dann die Konferenz die Frage einer internationalen Konvention über den rechtlichen Status der Ausgewanderten behandeln und in dritter Reihe die Frage der Ausstellung •von I d e n.ti t,ä ts p a p i e r e n. Demgemäß enthält die provisorische Tagesordnung die folgenden drei Punkte: 1. Ausarbeitung von provisorischen Abmachungen betreffend den rechtlichen Status der aus Deutschland Ausgewanderten. Der Oberkommissar bemerkt zu diesem Punkt, daß durch diese provisorischen Vereinbarungen den Ausgewanderten so schnell wie möglich ein rechtlicher Status bis zu dem Zeitpunkt gegeben werden soll, in dem ein stabilerer Vertragszustand in Kraft getreten sein wird. In den Vereinbarungen sollen a) die Kategorien Ausgewanderter bezeichnet werden, auf die die Regelung Anwendung finden wird; sie sollen b) gewisse administrative Maßnahmen Wenn der rechtliche Status der Emigranten festgelcgt wird, so ist nur eine Vorfrage bereinigt, hinter der erst die eigentlichen Probleme offenbar werden. Diese aber sind die Fragen der wirtschaftlichen Eingliederung dieser Mensehen in ihren jetzigen Wohnländern, ihre Seßhaftmachung in überseeischen Gebieten, ihre berufliche Schulung hierfür, die Erzielung der Bereitschaft der Regierungen, sie aufzunehmen, und nicht zuletzt jener Fragenkreis, der nicht allein auf die bereits Ausgewanderten zugeschnitten ist, sondern die Absorption der in Zukunft aus Deutschland auswandernden Juden zum Ziele hat. Hier entsteht ein Problem viel größeren Ausmaßes, als es auf der jetzt in Aussicht genommenen Konferenz zur Erörterung steht, ein Problem, das gewiß außerordentliche Schwierigkeiten rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher und finanzieller Natur in sich birgt, dessen Inangriffnahme jedoch vor der Gesamtheit der Nationen noch als Aufgabe steht. Daß die Absorption der Einwanderer nicht nur wirtschaftliche Schwierigkeiten — selbst i!1 Ländern, die mit großen ökonomischen Sorgen zu kämpfen haben — mit sich bringt, sondern auch eine Belebung mancher Wirtschaftszweige, zeigen Berichte aus England und Holland, in denen darüber gesprochen wird, in welchem Umfange jüdische Einwanderer aus Deutschland neue Erwerbszweige entwickelt haben. Das Problem des jüdischen Volkes als einer Gruppe von Menschen, deren Lebensbasis weitgehend erschüttert ist, wird naturgemäß noch von einer anderen Seite verschärft, die gerade jetzt von höchster Aktualität ist: von Polen her. Der Drang zur Auswanderung ist im polnischen Judentum ungeheuer, und es wird nicht ausbleiben, daß dieses Ventil sich unter der dort herrschenden sozialen Spannung erweitert. Die letzten Entwicklungen in Polen, die Verstärkung des antisemitischen Druckes auf die Regierungskreise und ihr Nachgeben in der Frage der Schechita, die in Polen für die nichtjüdischen Interessenten in erster Linie ein Wirtschaftliches Problem darstellt, sind Symptome für die Verschärfung der Situation. Es muß zu noch größerer Besorgnis Anlaß geben, wenn auch von einer Seite, die ein entschiedener Gegner der judenfeindlichen Exzesse ist, nämlich vom katholischen Primas von Polen, Kardinal Hlond, ein Wort ausgeht, das von tiefgreifenden Folgen für das Schicksal des polnischen Judentums sein kann: Nach den letzten Meldungen aus Warschau hat sich der Kardinal nämlich für einen wirtschaftlichen Boykott der Juden in Polen ausgesprochen! Was eine solche Aufforderung bedeutet, liegt auf der Hand. Gewiß ist die Parole des Boykotts gegen die provisorische Tagesordnung vorsehen: Ausstellung von Fdenfitäts- und Reisezertifikaten; Gültigkeit dieser Zertifikate, dauernde Lin- und Ausreiseeriaubnis für die Inhaber dieser Papiere, Kosten der Aus- Stellung der Zertifikate und der Visa; ferner Bestimmungen über Ausweisung und Verweigerung der Zulassung; schließlicli Maßnahmen, die die Rechtsstellung betreffen: Bezeichnung des für den persönlichen Status der Ausgewanderten maßgebenden Gesetzes, Gültigkeit der von religiösen Behörden ausgestellten Papiere, Rechte, die auf Grund der Landcsgcsct/e erworben werden können (F.hcrectit, Rechtsfiihigkeit verheirateter Frauen), Ehescheidung, Recht des Erscheinens vor Gericht als Kläger oder Beklagter. 2. Ausarbeitung des Entwurfs einer internationalen Konvention, die den Rechtsstatus der Ausgewanderten endgültig festlegt. 3. Prüfung der Methoden für die Erleichterung der Ausfolgung von Zivilstands - und a n deren Papieren durch die Behörden des Herkunftslandes. In einem B e g 1 e i t s c h r c• i I> e n des G e n c r a I - Sekretärs Ave n 0 1 werden die Regierungen ersucht, bis zum 15. Mai 1036 bekanntzugeben, ob sie beabsichtigen, sich auf dieser Konferenz vertreten zu lassen, und womöglich den Namen ihres Vertreters mitzuteilen. Ferner werden die Regierungen ersucht, etwaige Vorschläge für die endgültige Zusammenstellung der Tagesordnung zu machen. Der Oberkommissar behalte sich das Recht vor, das Programm aut Grund des gegenwärtigen Meinungsaustausches und der von den Regierungen eintreffenden Antwerten abzuändern und eventuelle Textentwürfe zu unterbreiten. Zum Schluß betont der Generalsekretär, daß mit Rücksicht auf die Dringlichkeit des Gegenstandes und im Sinne des vom Völkerbundsrat geäußerten Wunsches die Einberufung der Konferenz binnen verhältnismäßig kurzer Frist notwendig war. Juden in Polen nichts Neues, und sie wird von den antisemitischen Kreisen von jeher angewandt, die insbesondere die Bauern unter Druck setzen, ihre Handels- Beziehungen zu Juden abzubrechen. Wenn eine derartige Parole, die bisher eine Sache von Opposition«- gruppen war, nunmehr von einer hohen kirchlichen Stelle aufgegriffen wird, so zeigt sich darin, wie stark der Druck der antisemitischen Welle in Polen ist. Man darf allerdings dabei nicht vergessen, daß eine solche lendenz in einem Lande, wo die Juden einen ganz erhebliehen Bruchteil der Bevölkerung darstellen, zu einer tiefgehenden Erschütterung ries allgemeinen Wirtschaftliehen Lebens führen muß, und daß dadurch die Gefahr heraufbeschworen wird, daß zugleich mit der Wirtschaftliehen Vernichtung der Juden auch das ökonomische Gesamtgebäude gefährdet wird. Ob diese Erwägungen jedoch für die Juden einen 1 rost darstellen, muß dahingestellt bleiben. Es wäre, verfehlt anzunelimen, daß Parolen dieser Art nur nach rationalen Ucberlegungen ausgegeben und befolgt werden; gefühlsmäßige Reaktionen spielen hierbei vielmehr eine entscheidende Rolle. Auch aus einem anderen Lande haben wir Stimmen vernommen, die Beachtung verdienen. Die Juden irt Oesterreich sind bereits aus den meisten politisch, kulturell oder sozial wichtigen Positionen verdrängt und wenn auch nicht im Wege der Gesetzgebung, so doch praktisch in eine Sonderstellung versetzt worden. Nunmehr sind es gerade christlich-soziale und katholische Kreise, die eine weitgehende Lösung der Judenfrage beanspruchen. Sowohl Staatsrat Kunschak wie der Jesuitenpater B i c h 1 m a i r haben diese Forderung aufgestellt, und wenn sie auch noch keine konkreten Projekte für die Behandlung der Juden vorgelegt haben, so ist doch die Tendenz ihrer Wünsche klar. Sie hedeutet in jedem Falle eine weitere Erschwerung des ökonomischen Lebens der Juden in Oesterreich. ♦ Die Analyse der Lage des jüdischen Volkes ist nicht geeignet, optimistische Schlüsse zu ziehen. Niemand weiß, ob die Entwicklung eine weitere Verschärfung der Situation bringen oder diese erleichtern wird. In jedem Falle aber gilt es, alle Kräfte des jüdischen Volkes zusammenzufassen, um wenigstens einen Teil unserer Sorgen zu beheben und dem Volke einen Weg in die Zukunft zu bahnen. Diese Aufgabe ist für ein Volk nicht leicht, das über keine Machtmittel verfügt, und das seine Angehörigen nicht so dirigieren kann,