Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1936)
- Date
- 1936-03-20
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653946--28487-2689971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 KINDER-RUNDSCHAU Nr. 5 -----.......- -—.......— ..״— — ״ — aut der Schulter über den Weg. Plötzlich fühle ich einen schrecklichen Stich am Bein, ich gucke hin, doch da schwirrt es schon um mich herum. In demselben Augenblick wird mir klar, was geschehen ist: Hornissen! Ich fange an zu laufen und zu schreien, und die Hornissen immer mit mir. Ich sehe mit Entsetzen, wie die Chawerim hilflos vor mir fliehen. Una plötzlich wird es dunkel vor meinen Augen, ich bekomme einen Schlag ins Gesicht und eine Stimme ruft: ,Sei still, bleib stehen, rühr dich nicht!‘ Ich sehe, wie der Arbeitsleiter und die Erzieherin mit Säcken auf mich losschlagen, und allmählich wurde ich befreit von den mörderischen Insekten, die mich sogar durch die Kleider hindurch gestochen haben, vom Scheitel bis zur Sohle, und wie Mit viel Kraftanstrengung muß man die Stähle aus dem Boden ziehen Kletten an mir saßen. Aber auch meine beiden Helfer trugen ihr Teil von der Schlacht mit davon. Erst jetzt spürte ich schreckliche Schmerzen und sah die Arbeiter und Chawerim vor mir stehen und mich mit Staunen und Mit* leia betrachten. Mit vorsichtigen Schritten ging ich in meinen Lift. Ich glaubte, ich müßte platzen, denn die Stiche schwollen an, und auf einem Auge konnte ich schon nicht mehr sehen. Ich wußte nicht, wie ich mich hinlegen sollte, bis ich zum Schluß aut den Bauch zu liegen kam, denn dort hatff ich die wenigsten Stiche. Ich wurde nach Naveh Shaanan gebracht und in nasse Laken gewickelt. Nach einigen Tagen konnte ich meine Stiche zählen: nicht weniger als dreißig! Und auch, als ich schon aufgestanden war, behielt ich noch lange ein geschwollenes Gesicht und andere Erinnerungen an mein Abenteuer.“ Mit der Bodenbearbeitung haben wir erst angefangen. Wir haben vier Dunam umgepflügt und umgegraben, um den Boden fürs Säen und Pflanzen vorzubereiten. Mist zum Düngen bekamen wir von Arabern geliefert. Zwei Wochen lang gruben wir um. Dann teilten wir die Beete ein und pflanzten und säten. Setzlinge holten wir uns aus der Siedlung. Wir haben Kohl und Sellerie gepflanzt, Kohlrabi, Mohrrüben und Wicken gesät. Die Setzlinge sind gut angegangen, von dem Gesäten sieht man noch nichts. Interessant war der Bau des K u h s t al 1 s, der für acht Kühe bestimmt ist. Die Mädchen strichen die Balken an, und die Jungen setzten sie zusammen. Gesicht, Hände und Kleider, alles war mit schwarzen Flecken bedeckt. Danach machten wir die Holzform für die Beton wand, 1 m hoch und 20 cm breit. Dann gossen wir sie. Die Jungen mischten den Beton, und die Mädel füllten ihn in alte zerbeulte Eimer und trugen ihn zu der vorbereiteten Form. Der Arbeitsleiter nahm die Eimer ab, leerte sie aus, und sie wurden wieder zum Füllen gebracht. Da es aber in der Nacht geregnet hatte, war alles voller Matsch. Die Mädel wankten bei jedem Schritt hin und her und waren immer der Gefahr ausgesetzt, sich einmal auf diesen etwas weichen Boden hinzusetzen. Dabei schlugen die verbeulten Eimer an die Beine und zerkratzten sie ganz. Schweißtriefend,, aber mit nassen Beinen liefen sie hin und her. Bei jeder neuen Mischung, die die Jungen machten, fielen sie ermattet auf die nebenstehenden Sandhaufen. Ueherhaupt der Regen! Wir wohnten, wie gesagt, im ersten Monat in Lifts. Wir richteten sie so gemütlich ein, wie es eher! bei der Enge nur möglich war. Solange die Sonne schien, fühlten wir uns in ihnen wie Gott in Frankreich. Aber es sollte auch anders kommen. Als die ersten Wölkchen sich bemerkbar machten, kletterten wir aut unsere Lifts und besserten die Dächer aus. So dachten wir uns geborgen. Leider blieb es nur beim Denken. Denn eines Nachts wachten einige von den Mädels durch ein Geräusch auf, das sie garnicht mehr gewohnt waren. Sie horchen und horchen und denken immer noch, sie hören nicht richtig. Aber es stimmt: es regnet! Schnell kriechen alle unter die Decke und freuen sich, wie warm sie es haben. Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Langsam aber sicher kam der Regen durch die Decken unserer Lifts und tropfte auf die Betten. An Schlafen war kaum noch zu denken. Wir klapperten in unseren feuchten Betten vor Kälte. Am liebsten wollten wir flüchten, aber wohin? Es wäre nur übrig geblieben, unters Bett zu kriechen, wenn wir ins Trockene wollten, da der Fußboden auch schon schwamm. Doch am Tage hörte es auf zu regnen. Wir ließen alles trocknen, in der Hoffnung, die nächste Nacht trockener zu schlafen. Wir besserten wieder aus, n :or die Fensteröffnungen wollten wir nicht zunageln, und für provisorische Scheiben hatten wir kein Geld. Alle Ritzen in den Wänden zuzumauerti lohnte sich nicht, da wäre es schon praktischer, einen neuen Lift zu bauen. In den neuen Bau zu ziehen, bekamen wir keine Erlaubnis. Wir verweilten also, gewollt oder nicht, in unseren im Sommer oft erwünschten, im Winter aufgezwungenen Schwimmbassins. Aber wir, oder der Regen, erweichten dann doch die Herzen der Arbeiter, und so schlafen wir jetzt mit ihrer Erlaubnis in dem Steinhaus. Zwar gibt es weder Türen noch Fenster, aber wenn man die Betten in die Mitte schiebt, so kann der Regen uns nichts anhaben. Mittlerweile sind auch die Türen fertig geworden. Wir haben genug Decken, um nicht frieren zu müssen, und an Stelle der Fenster haben wir gegen die Kälte Decken gespannt. Im Freien ist der Matsch ja nicht wegzuschaffen. So ut es geht, arbeiten wir weiter, über die Pfützen haben wir rücken aus Brettern gebaut, aber sie schaukeln, und sie zu überschreiten ist nicht ohne Gefahr. Das Graben war nicht eben leicht. Der Boden konnte sich zu unserem Schmerz gar nicht von der Gabel trennen. Er klebte daran wie angewachsen. Nach jedem Stich mußten wir die Gabeln säubern. ln der Regenzeit haben wir landwirtschaftlichen Unterricht. Oefter wird ausgeschlafen, das einzige Angenehme in dieser Zeit Nasse Stiefel, nasse Strümpfe, nasse Beine, ein anständiger Schnupfen, völliger Verbrauch aller Taschentücher, das sind so die Segnungen der Regentage. Und die Baracke, die Baracke, die Zentrale unseres Lebens! Der Regen paukt auf die Blechtrommel, die uns als Dach dient. Man kann in diesem Sieb nicht alle Löcher zustopfen, und des Laufens und Reparierens ist kein Ende. Der Regen tropft taktmäßig durch jene Löcher. Es entstehen erst feuchte Stellen, dann kleine Pfützen und zum Schluß große Lachen. Die Wäsche- und Kleiderverwalterin ruft: ״Ach. das oberste Fach des Schrankes ist schon naß, holt schnell ein Blech, um den Schrank m überdecken.“ Aus der Küche ertönt ein herzergreifendes Stöhnen, denn der Eine Vollmondnacht} in der man spazierenreitet Wind und der Regen verlöschen ständig den Primus. Wir müssen ihn und die Kochtöpfe schützen, wenn die Flamme nicht ausgehen soll und wir nicht mit Regenwasser, vermengt mit Dachschmutz kochen wollen. Mit dem großen Tisch geht man solange spazieren, bis man einen einigermaßen trockenen Platz findet. Mit viel Kraftanstrengung muß man die Stühle aus dem Boden ziehen. Wenn man sich dann zum Essen hinsetzt, sinkt der Stuhl unter einem tiefer und tiefer, je nach dem Gewicht des Sitzenden. Sehr unangenehm