Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1936)
- Date
- 1936-03-20
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, den 20.111.1936 P-V* Beilage der ״Jüdischen Rundschau" 4. Jahrgang / Nr. 5 ]ך־־ייי־־זז־י-8 ף־־ףs gr־^, Neubeginnen Ein Bericht vom Leben in Erez Israel Anderthalb Jahre waren wir in Naveh Shaanan (bei Haifa). Die Jungen lernten vielfach ein Handwerk in der Stadt oder arbeiteten in unserer Wirtschaft, die Mädchen aber waren meist in der Hauswirtschaft beschäftigt. Offen gestanden: so hatten wir uns eigentlich unser Leben in Palästina nicht vorgestellt. Und als es endlich so weit war, daß unser Haus in Kirjath Bialik (in der Haifa-Bay) angefangen wurde und man daran denken mußte, mit allen möglichen Grundarbeiten anzufangen, hatten wir den Willen, von Anfang an mitzubauen. In unserer Gruppe von 25 Leuten fanden sich zehn zusammen, zwei Jungen und acht Mädchen im Alter von 15—17 Jahren, die nicht nur Interesse an der Arbeit hatten, sondern auch den Willen, ein engeres Gemeinschaftsleben zu führen. Diese gingen zusammen mit der Erzieherin herunter. Es war für uns dazu eine große Umstellung nötig, denn das neue Leben war reich an neuen Bedingungen, Vorfällen und Erlebnissen. Der Umzug war recht lustig. Unsere Lifts wurden auf Lastwagen geladen und unsere ganze Wirtschaft eingepackt. Als diese Sachen verstaut waren, mußten auch wir noch einsteigen, und los ging die Fahrt. Aber es braucht sich Die Araber kielten es für nötig, uns anzysprechen niemand einzubilden, daß das besondere angenehm war. Bei allen Kurven kam unser Hausrat bedrohlich ins Schwanken, und man mußte aufpassen, daß man nicht etwa einen Besen oder gar das Bügeleisen auf den Kopf bekam. Unten wurden wir von unserem Arbeitsleiter in Empfang genommen. Wir stellten mit ihm die Lifts auf und brachten unseren ganzen Kram in Ordnung. Täglich kamen noch 2—4 Chawerim herunter, die zum Teil schon ein Fach in der Stadt gelernt hatten — Tischlerei und Schlosserei —, oder die von unserer Wirtschaft her schon arbeitserprobt waren. Schon vor unserem Umzug hatten einige Chawerim unsere Blechbaracke auf gestellt. Eine antike Baracke, die schon dreimal auseinandergenommen und wieder aufgestellt war Sie ist nicht groß, unsere Baracke, aber dafür sehr inhaltsreich. Sie enthält nämlich für jeden Arbeitszweig etwas. Angefangen mit der Küche, für uie ein Tisch mit Primuskochern und zwei Schränke für Lebensmittel und Geschirr eingeräumt sind. Eine Ecke dient als Waschküche, die Werkarbeit ist vertreten durch eine Hobelbank, in einer Ecke befindet sich der Schrank für Kleider und Wäsche, und daneben stehen üartengeräte. In der Mitte steht ein Tisch, und die ganze Baiacke dient also als Küche, Waschküche, Speicher für Kleider und Wäsche, für Arbeitsgeräte, als Eßzimmer, Schulzimmer und Gruppenklub. ln der Küche arbeitet je eine Chawerah 4—6 Wochen, die anderen sind mit der Vorbereitung der Feld- und Gartenwirtschaft beschäftigt. Wir arbeiten von 7—12 und nach der Mittagspause von 2—4 Uhr. Nach einer Duschpause von einer Stunde ist dreimal wöchentlich Unterricht von 5—10 Uhr mit einer Stunde Abendbrotpause. Wir lernen Tenach, hebräische Literatur, Geschichte, Wirtschaftsgeographie. Ein Abend ist dem europäischen Drama gewidmet, ein anderer einem Kursus über die Entwicklung der Gesellschaft. Zuweilen finden Aussprachen über Fragen der Gemeinschaft statt, und zweimal wöchentlich besuchen wir abends die Jugendbewegungen, zu denen wir gehören. Bei schönem Wetter ist so eine Baracke ganz roman* tisch und angenehm, zumal wenn der Mond seine weißen Strahlen gemütlich durch die großen oder kleinen Löcher des Daches gleiten läßt und unten der Laubfrosch sein nächtliches Lied beginnt. Nach Aufstellung dieser ״Bauten" fingen wir an, ein Gitter .um unser Grundstück zu machen. Wir schaufelten Gruben für die Eisenpfähle und betonierten sie ein. Dann spannten wir den Stacheldraht und das Netz. Das Gitter versperrte einen Weg, aut dem Nacht für Nacht — wer weiß, wieviel Jahrhunderte lang — die Araber auf Kamelen ihr Gemüse vom Dorf in die Stadt brachten. Das 150 m lange Gitter wurde natürlich nicht an einem Tage fertig, der Weg der Araber führte direkt an unserem Lift vorbei, und unsere ersten Nächte verbrachten wir fast schlaflos. Manchmal war es ganz angenehm, die Araber zu hören, die schon nach Mitternacht vorüberzogen. Der Glockenklang verkündet etwa einem anderen Araber, der zufällig auch nächtlich vorüberzieht, das Nahen der Karawane, er begrüßt sie mit einem langgezogenen Ruf, und von ihr her ertönt eine glockenbegleitete Antwort. Oder wir erwachten von einem Glockenklang, in den eine schöne Stimme mit voltklingender arabischer Melodie hineintönte. — Oft jedoch kam es vor, daß man vom Geschrei lauter Stimmen geweckt wurde, so daß wir glaubten, daß sie gleich mit einem Ueberfall beginnen würden. Später waren die Araber gezwungen, einen kleinen Umweg zu machen. Sie mußten direkt an unserem Zaun entlang gehen, und das geschah auch am hellen Tage. Da wir draußen arbeiteten, hielten sie es für nötig, uns anzusprechen. Wir, die wir nur ein paar Dutzend Worte arabisch können, gaben nur immer mit ״ja" oder ״nein" Antwort. Sie lachten uns aus und wunderten sich sehr, daß auch die Mädchen Jungenarbeit verrichteten. Auch an Ueberraschungen fehlte es nicht, wie das zur ״Pionierarbeit" gehört. Einmal kam eine Chawerah plötzlich schreiend zu uns gelaufen. Es sah so komisch aus, daß wir laut zu lachen anfingen. Das Lachen verging uns aber bald, als es sich herausstellte, daß sie in ein Hornissennest getreten war. Doch geben wir ihr selbst das Wort: ״Wir waren gerade dabei, die Eisenstangen in ihre Löcher zu tragen. Ich gehe — nichts Böses ahnend — mit der Stange Ich sehe, wie der Arheitsleiter und die Erzieherin mit Säcken auf mich losschlagen