Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1936)
- Date
- 1936-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE Preis 25 RpL RDNDS CHAD SchiifUeitungiVerlag a, Anxdlf«nv0rw«ltBOg 1 ®•flla WISV Mtlmkwfar.lD Ferarol: SimioitNi. J1 Bismarck 3181/82,7165/70.7240/42. - Bezugspreis •inschi. Bestellgeld je Monet RM 2,—, je Vierteljahr RM 5*75. h«i Abholung RM 1,88 bzw. RM 5*39• — Poat* check. Konten der Vertriebe * Abteilung: Bertis 715 73 (Hir Groft Berlin), Berlin 17392 (für des übrige Reich), b Fäll es höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezug •gebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag« BERLIN כ״ג אדר תרצ״ו DIENSTAG, 17. MAERZ 1936 CWttgi AnxelffenpreUUeto Nr. 4« Die 12 gespaltene mm .Zeile 20 Rpf, für Familiennachricht es 15 Rpi• Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellte) und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit• anzeigen nur bei Vorauszahlung •ui Postscheck Konto Berlin 716 IS oder her Montag bis Donnerstag 9*—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Annahmeschluß für die Diensteg . Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag Ausgäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familien anzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das JOdisehe Volk die Schäftung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) W ochenschau Briefwechsel über den Legislative Council — Die Gefahr in Polen — Ein Gedenktag Beginn des ״Appeal“ Die Diskussion über die politischen Probleme Palästinas wird durch einen Briefwechsel beleuchtet, der soeben veröffentlicht wurde. Es handelt sich um ein Antwortschreiben des englischen Kolonienministers J. H. Thomas an Lord Melchett als dem Führer einer englischen Abordnung, die dem Minister am 31. Januar die Meinung der englischen Judenheit zur Frage des Legislative Council übermittelt hatte, und eine Erwiderung Lord Melchetts auf dieses Schreiben. Aus dem Schreiben des Ministers Thomas interessieren insbesondere zwei Hinweise: Er betont erneut, daß das Mandat absolut gesichert ist, und daß der Plan für den Legislative Council nichts enthalte, was die Erfühung der Mandatsverpflichtungen Englands beeinflussen könnte. Eine weitere Versicherung sagt zu, daß die Beziehungen zwischen der Jewish Agency und der Palästinaverwaltung durch die Einsetzurig eines Legislative Council nicht übergangen werden sollen. Es scheint uns, daß diese Zusicherungen von unserer Seite in einem Augenblick beachtet und in ihrem Wert hervorgehoben werden sollten, in dem der Wille der englischen Regierung, zu ihrem Versprechen der Schaffung des Legislative Council zu stehen, unerschüttert zu sein scheint. Dies ging bereits sehr deutlich aus der Antwort der Regierung in der bekannten Oberhausdebatte über diese Frage hervor und wird auch jetzt vom Kolonienminister wieder bestätigt. Um so mehr müssen wir an den gleichzeitigen Erklärungen der Regierung festhalten, die im Zusammenhang mit der Councilfrage erneut ihre Verpflichtungen dem jüdischen Volk gegenüber betont. Dabei scheint es, daß eine Ueberstürzung der Angelegenheit nicht beabsichtigt ist. In der Unterhaussitzung vom 11. März hat Minister Thomas jedenfalls die Erklärung abgegeben, daß eine endgültige Entscheidung nicht wahrscheinlich sei, bevor nicht dem Unterhaus eine Erörterung der Frage ermöglicht worden wäre. Allerdings stimmt uns eine andere Bemerkung in dem Schreiben des Ministers an Lord Melchett bedenklieh, und zwar in einem Sinne, den wir bereits nach der Oberhausdebatte zum Ausdruck gebracht haben. Es scheint uns nicht angängig, daß die Regierung ihr Festhalten an dem Legislative Council-Plan damit begründet, daß sie Befürchtungen über eine Störung der öffentlichen Ordnung in Palästina ausdrückt, die im Falle der Nichtgewährung dieser Institution im gegenwärtigen Zeitpunkte eintreten könnte. Gewiß ist es verständlich, wenn die Regierung den Versuch unternimmt, mit den verschiedenen im Lande vorhandenen Faktoren der Bevölkerung ins Einvernehmen zu kommen. Dies jedoch damit zu verbinden, daß man einer Bevölkerungsgruppe sozusagen die moralische Rechtfertigung dafür gibt, daß sie Störungen der öffentlichen Ordnung herbeiführt, liegt gewiß nicht im Interesse des Landes selbst und ist wohl auch nicht von den verantwortlichen Männern der Mandatsregierung in diesem Sinne gemeint, ln einer Situation, wie sie gegenwärtig im Vorderen Orient herrscht, ist aber auch das Spielen mit derartigen Begriffen ein gefährliches Unterfangen, das besser unterbleiben sollte. Daß die Situation in Palästina selbst solche Besorgnisse nicht völlig unbegründet sein läßt, zeigen einige Vorfälle der letzten Zeit. Erst vor kurzem begann der Prozeß gegen die Mörder des Polizisten Rosenfeld, die eine ausgesprochene Terrorgruppe darzustellen scheinen, ln der letzten Woche ist wiederum ein Anschlag verübt worden, dem diesmal ein jüdischer Siedler zürn Opfer fiel. Es steht bis heute noch nicht fest, wer die Mörder waren und aus welchen Motiven die Tat verübt worden ist; dennoch ist es notwendig, auf derartige Symptome zu achten, die in einer Zeit wie der heutigen, die die gesamte Welt des Vorderen Orients in Unruhe versetzt hat, erhöhte Bedeutung haben. * Wir haben in der vergangenen Woche mehrfach auf die Lage hingewiesen, in der sich das polnische Judentum befindet. Die in der heutigen Nummer vorliegenden Meldungen lassen die Oefahr mit erschreckender Deutlichkeit erkennen. Die Vorgänge in einem kleinen Städtchen des Kreises Radom sind ein Warnungs- Signal, das nicht nur die jüdische Welt aufhorchen läßt, sondern auch der polnischen Gesellschaft und den Regierungskreisen die kritische Situation vor Augen fühlen RW., London, 15. März Die Vorbereitungen der englischen Judenheit für ihre erweiterte Hilfsaktion zugunsten der aus Deutschland auswandernden Juden sind in der vergangenen Woche in ihr entscheidendes Stadium eingetreten. Es werden Pläne erörtert, Memoranden geschrieben, Budgets aufgestellt, Sachverständige angehört, die Führergruppe, die die Initiative zu dieser Aktion ergriffen hat, hält Beratungen ab, alles ist von stärkster Aktivität erfüllt. Auch die politischen Weltereignisse, die in der letzten Woche alles andere überschatteten und naturgemäß ihren Einfluß auf die Gesamtstirnmung ausüben, können die Arbeit nicht unterbrechen; es ist so, wie Sir Herbert Samuel und der Vorsitzende der Anglo-jüdisehen Konferenz, Anthony de Rothschild, heute nachmittag in ihren Reden sagten: Wir Juden hoffen sehnlich, daß die internationalen Komplikationen eine friedliche Lösung finden mögen, und in dieser Voraussetzung müssen wir die Fürsorgearbeit unangefochten weiter fortsetzen. Es geht nicht an, sich durch Momente der allgemeinen Ungewißheit beeinflussen zu lassen. Man muß zugeben, daß ein großes Maß von Bereitschaft und gutem Willen zu helfen im englischen Judentum vorhanden ist. Die maßgebenden Männer bcgreifen auch, daß hier nicht eine Angelegenheit der Wohltätigkeit vorliegt, derengleichcn sonst zu Geld- Sammlungen Anlaß zu sein pflegt, sondern daß ein außergewöhnlicher, einzigartiger Tatbestand auch ganz neue Methoden der Abhilfe erfordert. Diese Erkenntnis ist hoch zu veranschlagen, wenn man bedenkt, daß weite (lind gerade sozial hochstehende) Kreise der westlichen Judenheit bis vor kurzem nicht einsehen wollten, daß es sich beim Schicksal der Juden Deutschlands um eine Aufrollung der Judenfrage im ganzen Umfang handelt, also nicht um diese oder jene Einzelmaßnahme. Und der einfache Jude ״auf der Straße“ weiß und spricht viel von der Lage der Juden Deutschlands, fühlt auch echte Solidarität, aber richtig zu verstehen, was es bedeutet, die gesamten Lebensgrundlagen von Grund auf zu ändern, ja vielfach aus einem früher für sicher gehaltenen Zustand regulärer Berufsarbeit ins Ungewisse und Unbekannte zu gehen, ist für denjenigen, der selbst ein völlig unangefochtenes, ruhiges und normales Leben führt, doch recht schwer. Aus diesem verschiedenartigen psychologischen Ausgangspunkt mögen manche stimmungsmäßigen Differenzen zu erklären sein; um so höher muß aber das hingebungsvolle Interesse der englischen Juden eingeschätzt werden. Freilich, ein einheitlicher und durchführbarer konstruktiver Gesamtplan, der ernsthaft als Grundlage der Arbeit gelten könnte, ist noch nicht vorhanden. muß. Die wahrhaft erschütternden Berichte von Augenzeugen über diesen Pogrom werden durch Meldungen aus allen Teilen des Landes ergänzt, die von einzelnen Exzessen gegen Juden berichten. Dazu kommt die verzweifelte wirtschaftliche Situation der übergroßen Mehrheit des polnischen Judentums, das nicht weiß, wie es die Existenz des Tages fristen soll. Wohl ist die Welt von großen Sorgen bewegt und die Not eines Volkes ohne Macht, wie es das jüdische darstellt, kann nur schwer die Herzen bewegen, aber dennoch sollte man dorthin blicken, wo einige Millionen arbeitswilliger Mensehen, die nichts weiter wünschen, als in Frieden mit ihrem Nachbarn zu leben, dem Untergange entgegenzittern und nicht wissen, was ihnen der nächste Tag bringt. * Wir berichten heute an anderer Stelle unserer Ausgabe über einen Gedenktag, der in erster Linie geistige Bedeutung hat und in der Hauptsache auch von denen begangen werden wird, die mit jüdischer Wissenschaft zu tun haben. Der 50. Todestag von Leopold Zunz bedeutet aber zugleich auch einen Anlaß für eine Rückschau auf die innere Entwicklung des Judentums in diesem Lande. Zunz, wie die meisten seiner Gefährten, war ein Mensch, der persönlich noch im Erdreich des Judentums wurzelte, und der im Grunde den Willen hatte, dieses Judentum zu bewahren und auch in die Zukunft hinüberzuretten. Dennoch konnte er und sein Kreis die erlösende Formel nicht finden. Er glaubte, daß jüdifthe Wissenschaft der Weg sei, um das Juden- Man muß, um gerecht zu sein, das wahrhaft g i g a n - tische Ausmaß der Aufgabe und ihre Präzedenzlosigkeit in Rechnung stellen. Es konnte kaum angenommen werden, daß das Komitee in London für alle Probleme fertige Lösungsvorschläge hat; gibt es doch viele Momente, die von anderen Faktoren abhängen und von den Juden gar nicht zu meistern sind, z. B. die Frage der Einwanderungserlaubnissc in einzelne Länder, und auch die Berufskategorien, für die man prospektive Auswanderer ausbijden soll, sind a priori gar nicht so leicht festzustellen, es sei denn, daß ein komprehensiver Plan vorliegt, der Auswanderung, Bcrufsvorbereitung, Einwanderung und Ansiedlung (Einordnung) in einem umfaßt. Gerade das aber wäre, wenn überhaupt, bei den heutigen Verhältnissen zugestandenermaßen nur in Palästina möglich. Und so stößt man sofort auf den Punkt, der zwar kein ״Streitpunkt“ ist, aber doch immer wieder Anlaß zu Auseinandersetzung und Gruppenbildung bietet. Erst der weitere Verlauf der Aktion wird zeigen, ob das Prinzip einer bloßen Wohltätigkeit, die zwar über den Augenblick hinweghilft, aber keine neue Zukunft schafft, wirklich hundertprozentig über* wunden ist. Es wurde schon bei früheren Gelegenheiten hier berichtet, daß trotz dem Gefühl für die Dringlichkeit der Sache allerlei Imponderabilien den Gang der Verhandlungen zwischen den einzelnen jüdischen Gruppen erschweren. Diese Schwierigkeiten versteiften sich, als die amerikanische Joint-Gruppe darauf bestand, innerhalb des amerikanischen Teiles des neugeschaffenen Council vorherrschend zu sein. Während für England das Fifty-Fiftv-Prinzip zwischen Zionisten und Nichtzionisten theoretisch und praktisch anerkannt ist, haben die Amerikaner in ihrem Bereich diesem Prinzip widersprochen. Dieser Kampf um.Sitze scheint uns deutschen Juden etwas unzeitgemäß, und ist um so sonderbarer, als die Amerikaner dem Council zunächst gar kein Geld, sondern nur einen zweifelhaften ״Ueberschuß“ zur Verfügung stellen. Die jewish Agency, deren Präsident Dr. W c i z m a n n in den ״Council for German Jewry“ eintreten soll (der in der Tat ohne ihn ein Torso wäre), kann naturgemäß eine von inneramerikanischen Erwägungen diktierte Zurücksetzung der amerikanischen Zionisten nicht akzeptieren. Und so war die Woche ausgefüllt mit Verhandlungen und Telegramm- Wechsel über den Ozean, die trotz größter Bemühungen und trotz loyalen Eingreifens Herbert Samuels, noch zu keinem positiven Ergebnis führten. Auf diese Tatsache mußte Dr. Weizmann auch in seiner öffentlichen Rede bei der heutigen Kundgebung Hinweisen. Wie die Dinge liegen, haben wir heute nur eine englische tum dem neuzeitlichen Geiste gemäß zu machen und es auch dann wertvoll sein zu lassen, wenn seine Bekenner das Zentrum ihres Lebens in die Außenwelt verlegt hätten. Die Leistungen, die diesem Gedanken entsprossen, waren gewiß nicht gering, und wir sind die letzten, die nicht anerkennen wollten, daß ohne diese Wissen- Schaft die jüdisch-nationale Renaissance ärmer an geistigen Werten wäre, ja manches gar nicht erfassen könnte, weil ihr die historische Fundierung ermangelte. Dennoch: jene Wissenschaft bedeutete eine ״Mumifizierung“ des Judentums, das zum Gegenstand einer Art von archäologischer Forschung gemacht wurde, die niemals wirklich populär war, sondern auf einen Kreis von Gelehrten und Liebhabern beschränkt blieb. Eine wirkliche Regeneration des jüdischen Lebens mußte von der Erneuerung des Menschen ausgehen, von der Wiederbelebung der Herzen und des Gefühls für jüdische Ehre und Würde. Diesen Weg haben andere betreten, die vom Judentum selbst herzlich wenig wußten, aber den richtigen Instinkt dafür hatten, was dem Volke nottat. Erst auf dem Boden der von ihnen geschaffenen Renaissancebewegung vermochte und vermag auch die Wissenschaft vom Judentum einen neuen W'irkungskreis zu finden, nämlich־ als geistige Waffe im Kampf gegen die auflösenden Tendenzen und als Mittel der Vertiefung des nationalen Willens im Volke. So ist der Same, an dessen Pflanzung Zunz mitgeholfen hat, gewiß nicht verloren gegangen, obwohl sein erster Sproß — der Zeit, in der er das Licht des Tages erblickte, entsprechend die Hoffnungen seines Schöpfers noch nicht zu erfüllen vermochte. K. L.