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Jüdische Rundschau · 1936-03-13 · Heft 21 (13.3.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 21 (13.3.1936)
Date
1936-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Nr. 21 / Jahrgang 41 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU ld1HftIe!tnnx,Verlax o, AnetRe&verMraltanRt BerlIoW15,Meloeka«tr. 10 Fernml: Sammel-Nr 11 Bismarck 3!8I1240/42 ,70)7165 ,82׳. - Bezugspreis einachL Beateilgeld je Monat KM 2,-, ie Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1 ßS bzw. RM 5J9- Postscheck *־ Konten der Vertriebs Abteilune: Berlin 73 15ל (lür Groft. Berlin', Berlin 17392 •lür das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aut NachÜelerung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. - Erscheint )adan Diaoitag and Fr01 tag* BERLIN י״ם אדר תרצ״ו FREITAG, 13. MAERZ 1936 GBlftigs AntelganprelilUta Nr• 4• Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf, ffir Famtliennachrichten 15 Rpt Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit*- an/eigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Morttae bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9—16־ Uhr. AnnahmeachluS für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für FamiHenanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Bftentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Die Londoner Verhandlungen Ein erweitertes Palästina-Ansiedlungsprogramm Eintreffen Dr. Weizmanns London, 10. März. (JTA.) Der Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation Dr. Chaim Weizmann hat sofort nach seinem Eintreffen in London Vorbesprechungen mit führenden Persönlichkeiten der Palästina- Bewegung über die Möglichkeiten einer neuen großzügigen Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Palästina im Rahmen der Samuel- Aktion begonnen. An den Besprechungen beteiligten sich das Mitglied der in die Vereinigten Staaten entsandten englisch-jüdischcn Delegation Simon Marks, der Leiter des politischen Departments der Jewish Agency, Prof. Selig B r o - d e t s k y, der Leiter des Informationsdepartments, Rabbi M. L. P e r I z w c i g, der Schatzmeister der Jewish Agency, Elioser Kaplan, das Mitglied der Palästina-Delegation und Direktor der Anglo Palestine-Bank S. Hoofien, Dr. Georg Landauer und Dr. Martin Rosenblüth vom Zentralbüro für die Ansiedlung deutscher Juden, der Vertreter der Hitachduth Olej Germania Dr. Felix P i n n e r, der frühere politische Sekretär der jewish Agency Prof. L. B. Namier und der Ehrenpräsident der Zionistischen Organisation Arnerikas, Louis L1 p s k y. Gegenstand der Aussprache bildeten die Pläne, die die Jewish Agency for Palestine dem Council for German Jewry für die Ansiedlung jüdischer Jugendlicher aus Deutschland in Palästina vorlegen will. Man erwartet, daß innerhalb der nächsten Tage volle U e herein- Stimmung über den dem Council for German Jewry vorzulegenden Plan herbeigeführt werden wird. In den letzten Tagen haben Beratungen über eine Reihe noch zu lösender Probleme stattgefunden. In diesen Beratungen wurden auch Vorbereitungen getroffen für die Eröffnung einer Kampagne zur Aufbringung von einer Million Pfund für die Auswanderung von 100 000 jungen Juden aus Deutschland und ihre Ansiedlung in Palästina und anderen Ländern. Ueber die Zusammensetzung des Council im einzelnen wurden endgültige Entscheidungen noch nicht getroffen, wenn auch im allgemeinen damit zu rechnen ist, daß der Council vier zionistische und vier nichtzionistische Mitglieder haben wird, zu denen noch Sir Herbert Samuel als Vorsitzender hinzukommt. Die La ge der polnischen Juden Die Schechita•Frage Warschau, 0. März. (JTA.) Aus der Provinz treffen weiter Nachrichten über lokale Schächtverbote ein. So hat die Stadtverwaltung von Bydgoszcz (Bromberg) beschlossen, für das Schlachten im städtischen Schlachthaus die obligatorische elektrische Betäubung einzuführen. Damit ist das rituelle Schächten unmöglich gemacht worden. Auch in Leszno (Prov. Posen) hat der Stadtrat einstimmig die Einführung eines Sehächtverbotcs beschlossen. Bürgermeister Kowalski gab bekannt, daß dieses Verbot bereits in den nächsten Tagen in Kraft treten werde. Dagegen hat der Stadtrat von Piotrkow (Petrikau) mit Stimmenmehrheit einen von nationaldeinokratischer Seite eingebrachten Schiichtverbotsantrag a b g e I e h n t. Diesem Antrag war ein anderer desselben Antragstellers, des natioualdemokrafischen Stadtverordneten Dobrzanski, vorangegangen, in den Stadtliaushait unter dem Kapitel ״öffentliche Sicherheit“ einen symbolischen Posten von einem Zloty zur Förderung der Massen aus« Wanderung von Juden aus Petrikau nach Palästina ein/udeHeti. Der Vorsitzende des Stadtrats, Prof. St. Fischer, erklärte jedoch, daß er diesen Antrag nicht zur Abstimmung bringen werde. Bemerkenswert ist, daß die Aufsichtsbehörden zwar die Möglichkeit hätten, lokale Schächtverbote nicht zu/tdassen, jedoch scheinbar diesbezüglich bisher keine Instruktionen erhalten haben und deshalb eine eindeutige Stellungnahme vermeiden. Die mohammedanischen und karaitischcn Verbände i!1 Polen haben sieh an die Zentralbehörden mit einem Protest gegen das Projekt eines Sehächtverbotcs gewandt. Sie weisen darauf hin, daß ihnen durch ein solches Verbot der Fleischgenuß unmöglich gemacht werden würde, da für sie dieselben religiösen Schächtbestimmungen Geltung haben wie bei den Juden. Eine von dem Pariser Großrahhiner Liber geführte Delegation, der außerdem die Rabbiner Rubinstein, Feder und (irinberg angeliörte», hat bei dem polnischen Botschafter in Paris, M. de Chlapowsky, vorgesprochen, um gegen das polnische Schäclitverbot zu protestieren. Der amerikanische Staatssekretär des Aeußeren Hüll hat die Frage eines Sehachtverbots in Polen auf Grund eines ihm von einer Abordnung des Verbandes der polnischen Juden in Amerika überreichten Memorandums einem Studium unterzogen. Staatssekretär Hüll brachte sein Interesse für die dargelegten Probleme uii'd seine ,Sympathie für die Wünsche der jüdischen Bevölkerung zum Ausdruck. Die Stellung der Regierung Warschau, 11. März. (JTA.) Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die Regierung die Schcchita- Frage mit den Vorsitzenden von Sejm und Senat besprochen., Die Regierung vertrat den Standpunkt, daß ein vollständiges Schäclitverbot im Hinblick auf die in der Verfassung gewährleisteten religiösen Rechte jeder anerkannten Glaubensgemeinschaft verfassungswidrig wäre. Die Regierung ist deshalb der Ansicht, daß der Gesetzentwurf vom Sejm in der Weise ab geändert werden sollte, daß von einem vollständigen Schäclitverbot abgesehen wird. Gegen judenfemdliche Exzesse Aussprache Im polnischen Senat Warschau, 10. März. (JTA.) Im polnischen Senat wurde von einer Reihe von Rednern die Forderung erhoben, daß scharfe Maßnahmen zur Unterdrückung der judcnleindlichcn nationaldcmokratisehen Ausschreitungen getroffen weiden mögen. Senator Jaroszewicz erklärte, nationaidemokratische Exzedenten würden von den Gerichten viel zu milde behandelt. Auch die Polizei gehe nicht aktiv genug gegen die Nationaldemokraten vor. Der frühere Ministerpräsident S1 i w i n s k i Blick in die Welt Kampf um die Schechita in Polen und Wirtschaft — Die Welt wird Syrien und Palästina — Rasse enger — wies auf die Gefahren hin, die die geheimen antisemitischen Organisationen in Polen für die öffentliche Sicherheit bedeuten. Es sei unrecht und zu verurteilen, wenn man die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufreizt. An der Debatte beteiligten sich auch die jüdischen Senatoren Oberrabbiner Prof. Dr. Schorr und Jakob Trocken heim. — aber neue Ausschreitungen In Przytyk (Kreis Radom), wo wiederholt schon schwere judenfeindliche Exzesse statfgefunden haben, ist es abermals zu Ausschreitungen gekommen. Zahlreiche Juden wurden verletzt, elf von ihnen schwer. Der jüdische Einwohner Pesach Minkowski und seine Frau wurden getötet, ihr IGjähriger Sohn, Gabriel Minkowski, schwer verletzt. Auch ein Nichtjude fand bei den Ausschreitungen den Tod. Aus Radom und Kielce herangezogene Polizei- Verstärkungen stellten die Ordnung wieder 11er. Der von 700 Familien bewohnte jüdische Ortsteil bietet ein Bild grauenhafter Zerstörung. Sämtliche Fensterscheiben sind zertrümniert, eine Reihe jüdischer Läden wurde geplündert. In manchen Wohnungen wurde alles kurz und klein geschlagen. Die Betten wurden aufgeschnitten. Jüdische Aerzte in Radom haben einen Hilfsplatz für die Opfer der Ausschreitungen errichtet. Die jüdische Gemeinde in Radom hat Autos nach Przytyk entsandt, mit denen die Opfer der Ausschreitungen nach Radom gebracht wurden. Eine Gruppe von, etwa vierzig antisemitischen Exzedenten hat planmäßig Ucberfäüe auf jüdische Passanten in der Mickiewiczstraßc in Wilna unternommen. Für ein ״Juden-Reservat“ Warschau,(). März. (JTA.) Die ״W a r t a“, ein Wochenblatt, das sich ausschließlich judenfeindlicher Propaganda widmet, hat einen ״Beitrag zur Lösung der Judenfrage“ veröffentlich!, der deshaib Erwähnung verdient, weil eine große Tageszeitung, der konservative ״C z a s“, es für nötig befunden hat, auf die darin gemachten Vorschläge zu reagieren, ln dem Artikel wird ausgeführt: Die Juden müssen isoliert werden, man muß fiir sie in Polen ein Reservat schaffen. Ais ein derartiges Isolierungsgebiet wäre der Osten der Republik mit I’insk und Brest Litowsk geeignet. Eine vollständige Absonderung der Juden von der ganzen polnischen Gesellschaft wird die Judenfragc ein für allemal lösen. Das Gebiet muß für die Juden durch den Staat gegen den aus dem Verkauf ihrer beweglichen und unbeweglichen Güter erzielten Erlös abgetreten werden. Auf dem Territorium hätten die Juden vollständige Handllingstreiheit auf administrativem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Handelstransaktionen zwischen dem arischen Polen und der jüdischen Kolonie dürften nur durch einen organisierten Handel unter der Aufsicht einer dazu berufenen Kommission durehgefiihrt werden. Das Isolierungsgebiet muß durch eine besondere Wache und Grenzschranken abgcriegclt werden. Da die Juden in dem arischen Polen nichts zu tun hätten, ■wären auch alle Verbindungen mit dem nichtisolierten Landesteil unerwünscht. Dazu bemerkt der ״Czas“: ״Der Antisemitismus ist scheinbar gar nicht so schrecklich, wie wir bisher gedacht haben. Auch der Laie weiß ja, daß von niemandem anders als von jüdischer Seite selbst wiederholt vorgcschlagen wurde, in gewissen Teilen von Polesien eine jüdische Kolonisation durchzuführen, ln dem Programm der Territorialsten war mehr als einmal von Polesien die Rede, und aut diese Weise werden wir aus unserer einzigen nationalen Minderheit, die nicht an ein bestimmtes Siedlungsgebiet geknüpft ist, eine territoriale ethnographische Minderheit mpchcii. Charakteristisch für unseren Antisemitismus ist es, daß er die Schwierigkeiten des jüdischen Problems immer wieder aut andere Schultern abwälzt. Die Intellektuellen wollen keine jüdischen Aerzte und Advokaten, die Industriellen wollen keine jüdischen Fabrikanten und darum sollen nach der Ansicht der ״Warta“ die Poleschuken Polesien verlassen.“ Das polnische Judentum durchlebt Wochen höchster Erregung. War seine Lage schon seit Jahren außerordentlich kritisch, und z.war nicht nur in wärtschädlicher Beziehung, sondern auch deshalb, weil immer wieder Exzesse Lehen und Besitz, der Juden bedrohten, so ist jetzt ein neues (iefahrenmomeut hinzugetreten, der Kampf um die Schechita. Man darf die Bedeutung dieser Frage für die Judenheit Polens nicht unterschätzen. Die religiöse Lebensführung der breiten Massen des polnischen Judentums wird dadurch bedroht. Dazu kommt, daß auch auf wirtschaftlichem Gebiete ein Verbot der Schechita von weittragenden Folgen wäre; denn es sind ja gerade die ökonomischen Konse!|!1e11/en, die von de» Anhängern des Verbots im polnischen Sejm in erster Linie verfolgt werden. Selbst wenn — wie es nach den vorliegenden Nachrichten nicht ausgeschlossen scheint — ein völliges Verbot der Schechita nicht erfolgen sollte, sondem nur ihre E i n s c h r ä n k u n g auf den tatsächlichen Konsum der jüdischen Bevölkerung beschlossen wird, würden die wirtschaftlichen Folgen für die Juden schwer sein. Die polnische Regierung, die sich in letzter Zeit mit bemerkenswerter Energie den Exzessen widersetzt hat, die in weiten Teilen des Landes von nationaldemokratischer Seite gegen die Juden verübt worden sind, hat in dieser Frage eine schwankende Haltung eingenommen, und es scheint, als ob sie es nicht wagt, einer Parole entgegenzutreten, die in der Bevölkerung auch über den Kreis der extrem-antisemitischen Gruppen hinaus große Popularität besitzt. In jedem Falle entsteht von dieser Seite her eine neue Erschwerung der an sich schon so bedrohlichen Lage des polnischen Judentums. Es beleuchtet in der Tat die ganze Anormalität unserer wirtschaftlichen Situation, wenn eine Frage religiösen Charakters, wie sie das Schachtproblem darstellt, von so weittragenden wirtschaftlichen Folgen für die Judenheit eines Landes begleitet ist. Diese Anormalität wird von uns in allen Teilen der Welt empfunden, und die Selhsthilfebestrebungen des jüdischen Volkes gehen darauf hin, sic durch eine große Kraftanstrenguug zu mildern. Wir lassen uns dabei von der Erkenntnis leiten, daß die ökonomische Basis unseres Lehens in der Welt durch die Tatsache bestimmt ist, daß die Juden nirgendwo ei n e n g e s c h I o s - senen Volkskörper bilden, daß sic überall als eine kleine oder gar verschwindende Minderheit in andere Volkskörper eingesprengt sind, so daß sie sich den Bedingungen des Lebens dieser Völker anpassen müssen, Dies darf jedoch nicht so verstanden werden, als ob die Juden in der Wirtschaft der Umwelt völlig passiv verharrten; die Geschichte lehrt vielmehr, daß sie imstande waren, die Wirtschaft der Umwelt zu entwickeln, ja ganz, neue ökonomische Funktionen in ihr herauszubilden, die ohne ihr Zutun nicht entstanden wären. Es ist die T ragik in der Wirtschaftsgeschichte des jüdischen Volkes, daß in ihr ein Gesetz zu walten scheint, wonach die Juden stets dann aus ihren wirtschaftüchen Positionen verdrängt werden, wenn sie neue Funktionen entwickelt haben und die Umwelt nicht zuletzt durch ihre Mithilfe fähig geworden ist, diese selbst auszuhauen. Das polnische Judentum, der erste Träger von Handel und Handwerk in Polen, ist hierfür eines der grandiosesten Beispiele, aber auch anderswo läßt sich der Nachweis für diese Gesetzlichkeit führen. Wenn gelegentlich versucht wird, die Besonderheit der jüdischen wirtschaftlichen Lage auf Rasse ei genschäften zurückzuführen, die bewirkt haben sollen, daß die Juden keine eigene Volkswirtschaft entwickelten, so scheint uns dieser Gedanke mit der Wirklichkeit nicht übereinzustiminen. Die Mängel der jiidisehen wirtschaftlichen Position sind vielmehr notwendige Folgen ihres Diasporalebcns und des Mangels an einein eigenen Territorium. In der klassischen Periode seiner Geschichte in Palästina hat das jüdische Volk selbstverständlich eine für die damaligen Zeiten ,.normale“ Volkswirtschaft ausgebildet, und im Mittelpunkt seiner heutigen Bestrebungen steht der große Versuch, auf dem Boden Palästinas dieses verlorene Gut wiederzuerlangen, wobei die Konzentration genügend großer

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