Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1936)
- Date
- 1936-03-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit6 «׳ JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 10. III. 1936 Ein Sdiabbat in der Kwuzah Ein Kapitel aus einem Roman Von MARGARETE MOSES Dieser Tage erscheint im Verla״ Brandus (Berlin) ein Palästina-Roman: ״Diesen um] auch Jenen hat Gott gemacht", von Margarete Muses. Die Erzählung schildert das heben einer Kwuzah in Palästina, in der sich die persönlichen Schickstde der Helden des Romans erfüllen. Dabei treten auch die geistigen Sorgen hervor, die sich im Gemeinschaftsleben ergeben, insbesondere das Suchen der Genossen nach einer Lösung der religiösen Probleme. Das nachfolgende Kapitel, das uns der Verlag zum Vorabdruck zur Verfügung stellt, führt uns mitten in die Behandlung dieser Fragen, die ja in der Tat im Leben Palästinas immer merklicher sich anhändigen. (Red.) Der Morgen brach früh an. Um 5 Uhr schon erhob man sich. Die notwendigsten Arbeiten mußten getan werden. Das Vieh verlangte nach Futter, die Zentrifuge mußte bedient werden. Um den Chawerim etwas Schabbatruhe zu gönnen, hatten sich von den Gästen etliche für diese Arbeiten zur Verfügung gestellt. Es gab viel Lachen und viel opferbereiten Dienst, der gleich verbessert werden mußte. Das Gefühl der innigen Vereinfachung dieses Lebens, der seihst verständlichen gemeinsamen Arbeit, einer gemeinsamen Entschlossenheit für ein großes Werk beschwingte die Menschen. Am langen Tisch zum einfachen Frühstück saß man, als eine große Familie. Während die Apfelsinen, verteilt zur besonderen Feier des Tages, verzehrtwurden, ergab sieh ein langes Gespräch über die Gestaltung des religiösen Lebens in der Kwuzah. Beermann, der Aoheste. erklärte den Gasten, daß man noch nach einer Form suche. Jetzt, nach einem Jahr gemcinsamer Arbeit, wisse man nur, wie man es nicht machen •solle, ״Wir wollen nicht mittun in dem Treiben manche!׳ Chuluzim, das aller Tradition ins Gesicht schlägt. Wir sind uns klar darüber, daß wir auf dem Boden der Väter etwas aufbauen sollen, etwas gestalten wollen, was nur Wert hat, wenn es sich dem großen Zusammenhang unserer Vergangen heit angliedert. Wir verdamme!! nicht diejenigen, die da sagen: die Arbeit ist unsere Religion, mehr brauchen wir nicht. Auch dies ist vielleicht ein Stadium für diejenigen, die uns von weit her, vom Rande her nahegekommen sind, Sic müssen bedenken: Tausende junger Juden sind jetzt dem Judentum /»geschleudert worden ״mearhah kanfoth“ — von den vier Enden ~ nicht der Welt, wohl aber des Denkens, der Ein.siihl, der Lebensformen. Jene, die auf ganz assimilatori.schein Fundament gewachsen waren, haben diese Grundlagen, da sie zu wanken begonnen hatten, schnell und entschlossen verlassen. Kann man da verlangen, daß sie gleich bis zum Innersten, bis zum 'Tiefsten des Jüdischen vordringen? Sie kommen von nulten und müssen die äußerste Schicht bearbeiten. Und auch das verlangt ihre ganze Kraft.“ ״Ja“, warl ein Mann mit schwarzem Voll hart ein, dessen Worte den fränkischen Dialekt unschwer erkennen ließen, ״ja, schon gut. Dann sollen diese jungen Leute aber auch wissen, daß sie außen stehen ,vor dem Heiligtum* und sollen sich bescheiden gebärden. Aber sie tun, als hätten sie nie vom Gebot des Schahhat gehört und sie brüsten sich noch damit.“ ״Ganz Ihrer Meinung“, stimmte ein Dritter zu. ״Es macht: böses Blut, dies Uerumschlendern mit der Zigarette im Mund. Das zur Schau gestellte Verachten alles grundlegenden Jüdischen, liier in Erez Israel hat jeder Einzelne eine große Verantwortung. Die ganze religiöse Diaspora ist getroffen durch ein derartiges Verhalten.“ Der Sprecher stand heftig aut und warf seinen Stuhl dabei um. Ein junger Chawer sprang herzu. Während er dem Erregten die karge Sitzgelegenheit wieder unterschob, sagte er schüchtern: ״Sehen Sie! Wir jungen Leute wollen, wenn wir hierher kommen, vor allem ein ehrliches Leben füllren. Wir wollen Dinge tun, von denen wir genau wissen, daß sie einen S i n n haben, von denen wir genau wissen, warum wir sie tun. Wenn wir die ganze Woche schuften, im Feld, auf der Straße, so denken wir, daß es auch eine Schabbatfeier ist, wenn wir an Jom haschwi’i uusspannen, Sport treiben und rauchen. Man soll sieh Freude gönnen an diesem Tag, denk’ ich.“ Er hielt für einen Augenblick iune, als sei er unsicher geworden und fragte dann: ״Was bedeutet eigentlich das Verbot des Rauchens? Was soll daran sündhaft oder gar entweihend sein? Ich verstehe das nicht, und ich glaube, keiner von uns hier versteht cs. Und nur aus Pietät etwas tun, dessen Sinn man nicht begreift, das wollen wir nicht — das halten wir für unehrlich, für verlogen.“ Beifälliges Kopfnicken und Gemurmel der Chawerim bestätigte den Schüchternen, der soeben seine erste öffentliehe Rede gehalten hatte. Da ergriff ein sehr junger Rabb i n e r aus Deutschland das Wort. Er war auf seiner ersten Palästina-Reise und Freunde hatten ihn in die Kwuzah mitgenommen. Er fühlte sich seiner ganzen Entwicklung nach berechtigt, in diesem Augenblick einzugreifen. ״Eure Bederfken verstehe ich — und ich achte sie, Chawerim! Bloßes Nachmaehen ist nichts für euch, denn das Herz hat daran keinen Anteil. Das wäre im Grunde nichts anderes, als das, was unsere Propheten immer bekämpft haben, als Lippenbekenntnis und falsche Opfer, die mit ,unbeschnittenem Herzen* getan werden.“ In diesem Augenblick zog Gerson sein Pfeifchen heraus und begann, mit sichtbar gutem Gewissen, es zu stopfen. Er saß weit entfernt von den Sprechenden und halte sich während der Unterhaltung mit Hingebung dem ausgedehnten Frühstück überlassen. Als er gerade die Streichhölzer aus der 'Tasche zog, betrat Riwkah den Saal. Mit rotem Kopf nahm sie ihm, ohne ein Wort, Hölzer und Pfeife fort, indem sie heftig das dunkle Haupt schüttelte. Er wollte sich — zornig, und iin Bewußtsein seines Rechtes — beides wieder holen, als Dr. Eick, der junge Rabbi, auf ihn zeigte. Ihm war die kleine Szene nicht entgangen, und er zitierte lächelnd, indem er auf den Jungen zeigte: ein tugendsam Weib ist eine edle Gabe, und wird dem gegeben, der Gott fürchtet. Dann wandte er sich zu den anderen und fuhr fort; ״Ich spüre, was euch fehlt, Brüder, in eurer jungen Gemeinschalt. Ich fühle euer Suchen, Tasten und Schwanken, denn es ist das Suchen von Tausenden heute. Ihr habt den Wunsch und den Willen zur Einkehr und Umkehr, zur großen Tcschuwah. Doch ihr seid unsicher und zögernd und Iindet nicht den Anfang, denn was euch fehlt zum rechten Beginn ist ,Wissen*. Es ist die Möglichkeit, Wissen zu erarbeiten, denn wenn ihr es hättet, so könntet ihr, kraft dieses Wissens, euer lieben gestalten, könntet ihm die eigene Form geben, nach der Mir ungestüm und ehrlich sucht. Darf ich euch erklären, was das Verbot des Rauchens bedeutet?“ Hier nickt® er lächelnd Gerson zu. ״Es ist verboten, an diesem Tag Feuer apzuzünden — Feuer in jeglicher Form, da dies der Ursprung und Keim jeder Beschältigung des praktischen Lebens ist. Denn ohne Feuer ist keine der Arbeiten des praktischen Lebens, die zur Herstellung des notwendigen I.ebenshedarfes dient, ausführbar. So ist durch dies eine Verbot die erste Voraussetzung zur Verrichtung jeder werktäglichen Arbeit verwehrt. Seine Innehaltung ist die Vorbedingung aller wirklichen Schnbbatruhe. Leuchtet euch das ein?“ Einige nickten, andere riefen: ״Ja, das hat einen Sinn, wir erkennen das an.“ Beermann stand auf. Er fragte: ״Chawerim, seid ihr einverstanden, wenn wir es zum 15e- Schluß erheben, bei uns wird am Schabbat nicht mehr geraucht? Ich glaube, wir können das, was wir soeben gehört haben, anerkennen und in Ehrlichkeit annehmen. Wer ist dafür?“ Viele Hände fuhren in die Höhe. Die Gegenprobe zeigte nur drei Arme in der Luft. ״Angenommen“, rief Beermann. Alle schienen befriedigt. ״Und nun zum Arideren“, fuhr Dr. Eick, der junge Rabbiner, fort. ״Ihr meint, den Schahbat solltet ihr dazu benützen, euch von der schweren Arbeit zu entspannen. Und ihr vermeint das zu tun, wenn ihr Sport treibt. Aber — das ist doch kein Gegensatz, was ihr da tut, denn wieder ist euer Körper angespannt. Euer Körper aber sollte ruhen — und eure Seele, euer Geist sollte, zum Ausgleich für sechs schwere Arbeitsf a״,e, an denen er zu kurz kam, nun schwelgen und, einem König gleich, Erhebung genießen.“ ״Und wie sollen wir das anfangen“, fragte ein sehr junger Mensch mit frischen Augtn — ״das Beten unserer vorgeschriebenen Gebete ist Vielen von uns nicht möglich; und wenn wir Goethe und Dostojewski lesen, so isl’s keine j ü ־ dische Bildung unseres Geistes.“ Und warum ist euch das Beten unserer Gebete unmöglieh?“ ״Ach, das sind so veraltete Gedankengänge. Wir sind in Erez Israel, was sollen wir sprechen: führe uns zurück ...“ ״Ueberhaupt, diese Art des Betens gibt uns nichts.“ Eine Frauenstimme fiel hier zum ersten Male ein: ״Sollte das nicht vielleicht an uns liegen? Etwa daran, daß wir so voll von uns selber sind, daß wir für den Sinn dieser Gebete nicht mehr Raum in uns finden?“ Es war Riwkah, die dies vorbrachte — sehr schüchtern und in heftigem Erröten. ״Unsinn“, rief eine männliche Stimme, ״schau dir die großen Kibbuzim an — abgesehen von den orthodoxen, die eine Welt für sich sind. Die Menschen dort können alle, wollen alle nicht mehr so holen, wie es der Ritus verlangt. Eine neue /,eit ist gekommen, und die verlangt Neues.“ ״Unsere Aufgabe heißt ,arbeiten*. Die der Alten hieß vielleicht ,beten‘.“ ״Zuviel der Arbeitsteilung! Beides zusammen hat sich zu allen Zeiten sehr gut vertragen.“ ״Das, was jetzt ringsum vorgeht, ist ja alles nur Vor- Bereitung, Uebergung.“ ״Und was kommt danach, woraufhin zielt diese Vorbereit ung?“ Man rief und schrie durcheinander. Viele waren aufgesprungen. Die Erregung drohte jede geordnete Unterhaitung unmöglich zu machen. In dem Aufruhr drängte sich Riwkah zu Dr. Eick hindurch. Als sie vor ihm stand, nahm sie erregt seine Hand und sagte halblaut, aber sehr dringend: ״Schaffen Sie sich Ruhe, diese Gelegenheit darf nicht vorübergehen. Wir müssen hier eine Form finden. Der Wille dazu ist in Vielen von uns da. Uns fehlt nur ein Mensch, der uns hilft. Vielleicht sind Sie dieser Mensch. Vielleicht! Wir dürfen hier nicht auseinandergehen, ohne daß jetzt etwas geklärt wird. Schaffen Sie sich Gehör! Sprechen Sie zu uns über den Sinn der Gebete oder über den Schahbat. Tun Sie es — sofort! Ich bitte Sie.“ Dr. Eick sah überrascht in das erregte Gesicht des jungen Weihes. Ihre dunklen Augen flammten ihn an, fast angsterfüllt, als ginge es um Unwiederbringliches. Er nickte und stieg ohne Besinnen auf seinen Stuhl. Beide Arme hebend, rief er laut: ״Scheket’)! Chawerim, Scheket!“ Er schwieg, die Arme wie schwörend ausgestreckt, blickte er um sich. Sein gebräuntes Gesicht war gespannt, es war jugendlich und doch sehr ernst. Erfüllt von gesammelter Kraft erzwang er sieh Ruhe. ״Chawerim, Chaweroth, hört mich an! Wenn ihr den Samen dieser Stunde ernten wollt, so geht mir Zeit, auf daß wir ihn tief in unsere Herzen pflanzen. Nehmt diesen Schabbalmorgen als heilige Versammlung, wie es in der Schrift heißt, und hört mir zu. Ich will zu euch sprechen von eurem Suchen nach dem neuen Dienst, das ich mitfühle, mitsuche. Danach aber feiert, tanzt, vergnügt euch, wie es euch gefallt. Am Nachmittag aber, da kommen wir wieder zusammen zum Oneg Schabbat, die Lust des Schabbat zu genießen. Da wollen wir singen, und wenn dann unsere Sehahbatfreude im Zenit stellt, dann sagt mir eure Bedenken und Einwände, dann wollen wir für alle Zweifel aus der Tiefe Antwort und Klarheit finden, für alles Gegründete Begründung suchen. Ist’s euch recht so? Dann setzt euch!“ (Fortsetzung folgt) *) Ruhe. Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIM ER K), I" ortdftiunr Aus dem Zimmer nelvcnnn kam ihr Kind, Es ging leise, und als die Mutter ihm zuwinken wollte, daß es sieh ganz still halten müsse, sah sie, daß es einen Finger auf den Mund gelegt hatte, um sieh selbst Schweigen zu gebieten. Sie hob es auf und hielt es int Arm. So Blieb sie lange stehen. Als nun Francisco wieder die Augen öffnete, sah er, da er Rcyna nicht hatte kommen hören, wie durch ein Wimder Frau und Kind vor sich. Da lachte er leise: ״Ich danke Dir, Herr, Du Allmächtiger." IX. Zwei Monate später stand Gracia Mendez im gleichen Zimmer ihrer Schwester Rcyna und ihren Neffen Joäo und Salomo gcgcnülier. Ueber dem Bett, in dem Francisco gestorben war, lag eine weiße Decke aus schwerer Seide, unter der es verschwand. Wie ein schimmerndes Prunkstück stand es in der Mitte des Zimmers und gab diesem eine feierliche Stimmung, Hier pflegte Gracia die Besprechungen nhzuhalten, die sich um die Rechtsverhältnisse der Hinterlassenschaft drehten, Rcyna war nun volljährig und Herrin ihres Anteils am väterlichen Vermögen. Auch Joäo und Salomo konnten über den Anteil ihres Vaters an der Firma frei verfügen. Aber Francisco hatte bestimmt, daß seine Frau das alleinige Verfügungsrecht ülver allen Besitz der Familie und der Firma, soweit, er sich noch in Portugal befand, haben solle. Für den Fall der Auswanderung aber war sein letzter Wille, daß das Vermögen in Portugal und das in den Niederlanden eine Einheit bleiben und der gemeinschaftlichen Verwaltung seiner Frau und »eines Bruders unterstellt werden solle. Damit waren zwar alle Beteiligten einverstanden, aber Revna. deren väterliches Erbe elvenfalls in die Firma Mendez tibergegangen war, machte bezüglich des Zieles der Aus• Wanderung Schwierigkeiten. Sie wollte nach Rom, in die Nähe des heißer als je verehrten Duart« daz. Paz. Ihr schärfster Gegner war Joäo Monde/,, der sich immer von neuem gezwungen sah, die Gründe für eine IJebersiedlung nach Antwerpen auseinanderzusetzen. Dort war, insbesondere auch dank der geschäftlichen Transaktionen des Verstorbenen in seinen letzten Lebensjahren, dei Hauptteil und das Schwc> ־׳״'viclit clor Firma, dort war Handel und Wandel, Börse und Markt, dort allein schien daher die weitere Entwicklung der Firma gesichert. Was war dagegen Rom? Eine Stadt der politischen Umtriebe, der Wissenschaft und der Künste, aber nicht ein Ort für große kaufmännische Pläne, die Joäos Kopf uusfüllten. Ls ging darum, daß Gracia endlich eine Entscheidung traf. Sic fiel ihr nicht leicht. Reyna war es gelungen, den guten Salomo auf ihre Seite zu bringen. Auch er sprach für Rom. Auch Gracia seihst zog cs stärker nach Italien als nach dc-n Niederlanden. In Italien und so auch in Rom konnte man sein Judentum frei bekennen, wenn auch die Bekenner nicht immer ihrer Freiheit sicher waren. Immerhin gab es eine ansehnliche jüdische Gemeinde in Rom, es gab Synagogen dort und endlich auch die beste Möglichkeit, die Ver- Bindung mit den jüdischen Gemeinden Europas, Asiens und Afrikas nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sogar zu verbessern, (.!überdies war Rom die Stadt der Entscheidung. Dort, so schien es Gracia, mußten die Würfel über das Los der Juden für die christliche Welt fallen. Antwerpen dagegen gehörte zur spanischen Monarchie. Dort herrschte, mindestens nach dem Gesetz, die unbeschränkte Inquisition. Allerdings war sie in Wirklichkeit durch wirtschaftliche und politische Rücksichten ziemlieh beschränkt. Karl V., der ewig Geldbedürftige, brauchte einen blühenden Handel und ein kapitalkräftiges Bankiergewerbe, also brauchte er auch die Mummen, so verhaßt ihm ihr heimliches jüdisches Treiben war. Er ließ sie deshalb gewähren und benutzte ihr schlechtes Gewissen vor der Kirche, um sie seinen Darlehenswünschen gefügig zu machen. Gelegentlich sprach er auch die Konfiskation eines Vermögens aus, um einen Mammen für seine Lässigkeit gegenüber dein allein wahren Glauben 7-u bestrafen. Gracia war darüber durch ihren Schwager genau unterrichtet. Auch er hatte in einem ausführlichen Schreiben den Plan einer Ueliersicdlung nach Rom verworfen und die Voreinigung der Familie und die Zusammenlegung des Vermögens in Antwerpen befürwortet. Von dieser Meinungsäußerung Diogos hatte Gracia gerade den anderen Kenntnis gegolten und war von Joäo wieder bestürmt worden, nun endlich die Entscheidung zu fällen, damit jeder wisse, woran er sei, und damit er selbst mit Rabbi Isaak den Termin für die Uebersiedlung nach dem Stand der Geschäfte von ungefähr bestimmen könne. Die Schwestern sahen sich an: Reyna bemühte sich nicht im geringsten, ihre Erbitterung zu verbergen. Gracia trat nahe an sie heran, faßte sie an den Armen, ohne ein Wort zu reden. Reyna wund sich, um Gracias Hände abzuschütteln. Aber diese ließen sie nicht los, sondern packten sie nur noch fester. Der stille Kampf dauerte solange, bis Reyna sagte: ״Laß doch, laß doch — ich will nicht deine Gefangene sein. Ich will meinen eigenen Willen haben und den Weg gehen, der mir paßt“ Gracia gab sie nicht frei. Sie sagte in einem mütter* liehen Ton: ״Der Weg nach Rom, Kindchen? Du würdest ihn bitter bereuen, gerade du.“ Reyna stieß hervor: ״Warum ich?“ Nun ließ Gracia sie los: ״Weil Don Duarte nicht zu den Männern gehört, die eine Beobachtung aus der Nähe aushaltcn. Je näher man solchen Riesen ist, desto kleiner werden sie.“ Reyna lachte auf: ״Was verstehst du von Männern? Du bist ja fast selbst -einer!“ Die Schwester bewahrte ihre Fassung: ״Du willst mich beschimpfen, Kleines, aber du lobst mich.“ Nun griff Joäo ein: ״Du gehst mit nach Antwerpen, Reyna. Dort wirst da dich ein bißchen einleben und ein Wenig Hinsehen, dann fährst du nach Rom. Vielleicht fahre ich sogar mit dir.“ Reyna musterte den liebenswürdigen Joäo: ״Du mit mir? Wie solltest du dazu kommen, mit mir eine Reise zu machen?“ Sie lächelte, aber nicht ohne Verlegenheit. Denn ihr Blick vorher hatte ihr gerade wieder gezeigt, ein wie eleganter und schöner Kavalier Joäo war. Sie mußte daran denken, daß sie einmal für diesen Jungen geschwärmt hatte. Joäo verbeugte sich vor ihr: ״Es würde mir eine große Ehre sein.“ Da fühlte Reyna einen Blick aus den großen runden Augen Salomos auf sich ruhen. Rasch sagte sie: ״Aber für mich wäre es kein Vergnügen.“ Damit verließ sie das Zimmer, Salomo folgte ihr. Joäo aber sagte nun zu Gracia, die er längst nicht mehr als Tante behandelte: ״Gracia, Antwerpen ruft uns. Schreib an Diogo, daß wir kommen werden.“ Gracia reichte ihm die Hand: ״Gerufen werden wir von überall her. Meine Ohren sind voll davon.“ Joäo fiel rasch ein: ״Und dein Herz! Deine und meine Ohren, dein und mein Herz. Wir wollen beide nicht in Antwerpen unser Leben beschließen“ Gracia erwiderte mit dunkler, leiser Stimme: ״Ja, wir müssen zuerst nach Antwerpen, du hast recht. So soll es also beschlossen sein. Sag es dem Rabbi Isaak.“ Joäo dankte ihr freudig tür den Entschluß. Er eilte davon, um Rabbi Isaak aufzusuchen. (Fortsetzung folgt)