Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1936)
- Date
- 1936-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 20 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpl JÜDISCHE RUNDSCHAU 8dutftl«ItB&(tVnl«2 au Ansftigtnvarwalhug t Berlin WJ5, M4latk««tr.l0 Famnil: Sammei-Nr. fl Bismarck 3101/82,7165/70,7240/42. * Bezugspreis einsdbL Bestellgeld je Monet RM 2,., je Vierteljahr RM 5,75! hei Abholung RM L88 bew. RM 539 — Postscheck - Komet» der Vertriebs ■ Abteilung: Berlin 71573 (iür Groll - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugagebührenu — Ersehe Int jeden Olemtsg und Freitag. BERLIN ט״ז א דר חרצ״ו DIENSTAG, 10. MAERZ 1936 Gttltlgs Aazelgsnpraiilista Nr• 4. Ehe 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpl, fü* Familiennachricliten 15 Rpl- Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit! ameigen nur bei Vorauszahlung aul Postscheck Konto Berlin 71618 oder bat Montag bi* Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annahmeachluft füi die Dienstag. Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag -Aua• gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12Uhr Der Zionismus erstrebt für das iddiscMe Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Bewegte Stunden Die Ereignisse der letzten Tage haben die ganze europäische Welt in Spannung und Erregung versetzt. Alle haben das Bewußtsein, einen historischen Moment von großer Tragweite zu durchleben, demgegenüber kleinere Vorkommnisse und Wünsche, denen sonst unsere Alltagsarbeit gewidmet ist, in ihrer Bedeutung verblassen. Wieder empfinden wir mit aller Eindringlichkeit die Abhängigkeit des Einzelnen von dem großen Gang der Geschichte. Wir Juden, die wir ein besonders starkes Gefühl für die Labilität eines Zustandes haben, wünschen, daß die Welt endlich den Weg zu einer friedlichen Verständigung der Völker finde. Wir glauben, daß alle aufbauenden Kräfte vonnöten sind, um aus dem chaotischen Zustand der Nachkriegszeit zu einer fruchtbaren Gestaltung des Lebens zu kommen, die der Höherentwicklung der Menschen und der Völker dient. In diesem Prozeß ihre ganze Kraft einsetzen zu können, ist auch der tiefe Wunsch der Juden. Das jüdische Volk ist in seinen Existenzgrundlagen noch weit weniger gefestigt als irgendein anderes Volk der Welt. In diesem von großen politischen, ökonomischen und geistigen Umwälzungen erfüllten 20. Jahrhundert stehen wir vor der Aufgabe, unser Leben neu aufzubauen, ihm eine ganz andere Form zu geben, als die jüdische Existenz in den vergangenen Jahrhunderten hatte. Die einzelnen Juden sind als Staatsangehörige ihrer Länder mit dem Wohl und Wehe ihres Staates verwachsen und nehmen überall an den Pflichten gegen- Die Judenfrage ist eine Weltfrage. Diese Erkenntnis steht am Beginn der zionistischen Bewegung, die damit zum Ausdruck bringen wollte, daß die Judenfrage nicht auf einzelne Länder beschränkt ist, nicht etwa nur eine Sache der ״verfolgten Ostjuden“, sondern überall auftritt, wo Juden jeben. Zugleich ist sic nicht die Privatangelegenheit der Juden, sondern sie geht auch die Völker an, in deren Mitte sie leben, weil das ungelöste Judenproblem eine Quelle der Beunruhigung für alle Teile ist. Der Druck dieser Frage wird naturgemäß dann besonders fühlbar, wenn die allgemeinen politischen und sozialen Spannungen der Welt stärker werden und die Empfindlichkeit für Faktoren der Unruhe Steigt. Diese Grunderkenntnis wird aufs neue durch die Ent- Wicklung der jüngsten Zeit in verschiedenen Ländern bestätigt. Die Nachrichten, die zu uns aus Polen, Ru m ä - nien, Ungarn und anderen Ländern dringen, verkünden nichts Gutes. Sie zeigen die Labilität der Lage der Juden jener Länder, ja es scheint beinahe, als ob eine Wolke des Verderbens über Millionen von Juden heraufzieht, deren Entladung von tragischen Folgen begleitet sein muß. Es ist notwendig, daß wir Juden selbst diese Tatsachen und Gefahrenmomente mit aller Deutlichkeit erkennen. Wir können nicht warten, bis eine Explosion die Welt aufhorchen läßt, sondern müssen uns um Voraussicht bemühen und uns bei unseren eigenen Aktionen danach richten, was sich in der Entwicklung andcutet. Unsere Aufgabe wird es dann sein, die Mächte der Welt auf das hinzuweisen, was wir erkannt haben, damit nicht eines Tages die Ucberraschung allzu schmerzlich ist. Die Lage der Juden insbesondere in dem Gebiete des Massensiedlung wird heute durch zwei Erscheinungen gekennzeichnet: Es sind die Verengung der Auswanderungsmögiiehkeiten in überseeische Gebiete und die Durchdringung der Wirtschaft mit dem poütischen Willen des Staates. Die Situation der Juden insbesondere in dem Gebiete des ehemaligen Rußland war auch vor dem Kriege gewiß nicht leicht, aber dennoch hatten sie die Möglichkeit, wenigstens dafür zu sorgen, daß ihre wirtschaftliche und soziale Situation nicht ins Uferlose ab glitt, indem sie einen erheblichen Teil ihres Bevölkerungsüberschusses durch Auswanderung abgaben. So konnten jährlich 100 000 bis 150 000 Juden die Länder des Ostens verlassen, sei es daß sie nach Westeuropa oder — in der Hauptsache — in überseeische Länder gingen, wobei die Vereinigten Staaten eine beherrschende Stellung einnahmen. Dies hat sich nach dem Kriege geändert, da sowohl die Vereinigten Staaten wie auch die meisten über ihrem Staat getreulich teil. Aber das jüdische Volk als solches hat noch keine gesicherte Position in der Welt. Das Unbefriedigende unserer Existenz kann nur durch eine neue Lebensform ausgeglichen werden. Wenn unsere friedliche Aufbauarbeit, die den Frieden der Welt zur Voraussetzung hat, gelingt, dann sehen wir einen Zustand voraus, der dem Juden eine neue Möglichkeit der Entfaltung seiner Gaben und eine neue Möglichkeit des Einsatzes seiner Kräfte überall gibt, wo er zu wirken imstande ist. Ueber die politischen Ereignisse, die alle zutiefst bewegen, steht uns eine Acußerung nicht zu. Das deutsche Volk ist aus einem außenpolitischen Anlaß aufgerufen, durch Wahl eines neuen Reichstages seine Stimme für die Politik der letzten drei Jahre abzugeben. Nach dem soeben erschienenen Gesetz über das Wahlrecht sind wahlberechtigt diejenigen deutschen Staatsangehörigen, die nach der ersten Verordnung vom 14. November 1935 (Reichsgesctzblatt I, S. 1333) zum Reichsbürgergesetz vorläufig als Reichsbürger gelten, ferner die deutschen Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes, die am Wahltage 20 Jahre alt sind, sofern sie nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen sind oder sofern nicht die Ausübung ihres Wahlrechtes ruht. Die Juden, die nach der hier zitierten Verordnung des vorläufigen Reichsbürgerrechtes nicht teilhaftig wurden, sind also auch nicht wahlberechtigt. Es ist die erste Wahl, an der Juden nicht teilnehmen. anderen überseeischen Länder zu einer rigorosen Drosselung der Einwanderung übergegangen sind, so daß die jüdische Auswanderung auf einen Bruchteil der früheren Zahlen zurückgegangen ist; seit dem Jahre 1925 überschritt sie, soweit es sich um Westeuropa und Uebersee handelt, zumeist kaum die Größe von 10 000 Personen im Jahr. Die Ein- Wanderung nach Palästina hat naturgemäß einen neuen Faktor beigesteuert, war jedoch zumeist nicht so groll, um eine nennenswerte Erleichterung der wirtschaftlichen Spannungen zu bringen, obwohl in den allerletzten Jahren ihr Anteil auch quantitativ bedeutend geworden ist. Dcnnocli ist im ganzen betrachtet das Ausvvanderungsvcntil nur unzureichend geöffnet, so daß der Druck, der innerhalb der jiidisehen Massen herrscht, aufs unerträglichste gestiegen ist. Der zweite für die Lage typische Faktor ist die Durchsetzung politischer Maßstäbe in der Wirtschaft. Es hat sich als ein tiefgehender Irrtum erwiesen, wenn manche Kreise im jüdischen Volk die Annahme vertraten, daß die Judenfrage allein von der wirtschaftlichen Seite her gelöst werden könne, und daß es daher genüge, wenn wirtschaftliche und sozialpolitische Maßnahmen in den Ländern der Massensiedlung durchgeführt würden. Dieser Irrtum, der in Kreisen, die im übrigen weltanschaulich stark divergierten, zu finden war, ist in verhängnisvoller Weise aufgedeckt worden. Es hat sich nämlich gezeigt, daß die Entwicklung der Wirtschaft in immer größerem Umfange vom Willen des Staates abhängt, und daß dieser in der Lage ist, dabei eine bestimmte Politik gegenüber einzelnen Gruppen der Bevölkerung zu treiben. Am sinnfälligsten ist diese Erscheinung in Sowjet-Rußland geworden, wo die gesamte Wirtschaft unter die Obhut des Staates genommen wurde; aber auch in anderen Ländern wurde der staatliche Einfluß in der Wirtschaft immer größer, so besonders in Polen. Ein symptomatisches Beispiel für die Verquickung von Politik und Wirtschaft und den entschcidenden Einfluß, der von der politischen Seite ausgeht, war auch die unlängst gehaltene Rede des Ministerpräsidenten G ö m - bös im ungarischen Reichstag, der den ungarischen Juden einen freiwilligen Verzicht auf bestimmte Wirtschaftspositionen anempfahl, wobei deutlich zu in Ausdruck kam, daß sonst ihre Verdrängung aus diesen Positionen eingeleitet würde. All dies beleuchtet eindringlich die Tatsache, daß die Struktur der jüdischen Gesellschaft einer besonderen Gefährdung unterliegt. Der anormale wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufbau des jüdischen Volkes wurde von zionistischer Seite als solcher erkannt und als refo! mbedürftig empfunden nicht deshalb, weil romantische oder idea- Kulturbund ab 15. März Die Veranstaltungen des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland und damit auch des Jüdischen Kulturbundes Berlin E. V. sind mit dem 15. März 1936 (Sonntag) wieder genehmigt. Sämtliche Veranstaltungen vom 10. bis 14. März werden auf einen späteren Zeitpunkt verlegt. listische Motive oder gar Gründe einer ,,nationalen Aesthetik“ ihn als unerwünscht erscheinen ließen, sondern weil man bemerkte, daß diese Wirtschaftsstrnktur in sich eine besondere Gef a h r d u 11 g berge. Man erkannte zionistischerseits schon verhältnismäßig früh, daß die Art, in der die Juden ihre Existenz gewinnen, jedem Zugriff von außen und jeder politischen Aktion wehrlos ausgeliefert ist, und daß daher die Juden — mag es ihnen irgendwo gut oder schlecht gellen — in jedem Falle einem ungewissen Schiefsal entgegensehen, dessen Gestaltung nicht von ihnen, sondern von der politischen Entwicklung der Umwelt abhängt. Betrachten wir als Beispiel hierfür kur/ die Situation der polnischen J u d e n h e i t, deren ökonomische Verelendung von Monat zu Monat wächst und deren politische Bedrohung — wie man ans den Nachrichten der jüngsten Zeit schließen muß — einen erheblichen Umfang angenommen hat. Die Berufsgliederung der Juden Polens steht in einem diametralen Gegensatz zur beruflichen Glicderung der polnischen üesamtbevölkerung. Während bei der nichtjüdischen Bevölkerung Polens im Jahre 1021, dem Zeitpunkt der letzten großen Zählung, 80,7 «0 in Land-, Forst- Wirtschaft und Fischerei beschäftigt waren, waren es bei den Juden nur 9,8 0/0. Auf Industrie und Bergbau entfielen bei der nichtjüdischen Bevölkerung 7,7 “״׳, bei den Juden dagegen 32,2 0/0, auf Handel, Verkehr, Gast- und Schankgewerbe bei der nichtjüdischen Bevölkerung 3,2 0/0, bei den Juden dagegen 37,8 °,0, auf öffentliche Dienste und freie Berufe bei der nichtjüdischen Bevölkerung 2,3 °;>, bei den Juden 4,4 ״/o (darunter nur 0,6 00־ auf öffentliche Dienste), aut sonstige Berufe bei der nichtjüdischen Bevölkerung 6,1 0/0, bei den Juden 15,8 «0 (darunter ein erheblicher Prozentsatz von Menschen ohne bestimmten Beruf!). Diese Zahlen zeigen nüt großer Eindringlichkeit, unter welchen Gesetzen die jüdische Wirtschaft in Polen — und auch in den meisten anderen Ländern — stellt. Es fehlt die Verbindung mit der Urproduktion, i)emgegenüber ist der Anteil an Handel, Verkehr usw. abnorm hoch. Die Beteiligung an der Industrie erscheint ebenfalls relativ hoch, was jedoch noch nicht bedeutet, daß dadurch eine wirkliche Beteiligung der Juden an der industriellen Urproduktion gesichert ist. Es ist vielmehr so. daß der Großteil der auf diesem Gebiete tätigen Juden nicht in der Schwerindustrie oder überhaupt in der Fahrikiiulustric an/utreffen ist, sondern im Handwerk oder in kleineren industriellen Betrieben. Die industrielle Arbeit der Juden dient weniger der Urproduktion als der Verarbeit» n g u n d Verfeinerung einzelner Produkte. Typisch ist hierfür die Anhäufung der Juden im Bekleidungsgewerbe, also einer ausgesprochen verfeinernden Tätigkeit, die ganz am Ende der Produktionskette liegt und eng mit dein Konsumenten verbunden ist. Dazu kommt, daß die Ausrüstung der Juden mit Betriebskapital zumeist verhältnismäßig schlecht ist. Die jüdischen Industriebetriebe sind in dieser Hinsicht der nichtjüdischen Konkurrenz unterlegen, sie stellen vielfach ein rückständiges Element der Produktion dar, das Angriffen von außen sehr leicht unterliegt. Das jüdische Handwerk endlich ist einer wachsenden Konkurrenz seitens polnischer Handwerker;msgeset/t, so daß seine Lage äußerst kritisch wurde. Aus dieser Erscheinung läßt sich das Gesetz der jüdischen Existenz klar ablesen. Die Einkommens bildung der jüdischen Massen ist nicht so sehr von den Einflüssen der natürlichen Entwicklung abhängig, die ganz besonders in der Landwirtschaft, aber auch in der industriellen Produktion beherrschend sind, als vielmehr von den gesellschaftlichen Einflüssen, weil eben die Tätigkeit der Juden aus den Bedürfnissen der Gesellschaft ihren Antrieb zieht. Dies wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, wie groß der Anteil der Juden am Handel und Verkehr, also den vermittelnden Berufen ist, die von der reinen Naturalwirtschaft besonders weit entfernt liegen, und es wird auch in ihrer starken Anteilnahme an den freien Berufen sichtbar. Es ist klar, daß hier der Ansatzpunkt für die stete Gefährdung der jüdischen Existenz, liegt. Wenn der Wille der Gesellschaft und des Staates in einer Richtung geilt, die den Interessen der Juden zuwider läuft, muß zwangsläufig ihre Verdrängung aus den Wirtscliaftspositioncn eintreten, ohne daß dieser Erscheinung antijüdische Motive zugrunde liegen müssen. Wenn solche Motive hinzutreten — und die Judenheit keines Landes ist sicher, daß dies nicht eines Tages der Fall sein kann —, ist es ein leichtes, den Aus- Schaltungsprozeß der Juden radikal zu betreiben. Auch hierfür ist Polen ein Beispiel par cxcellcncc. Die Lage der polnischen Wirtschaft wurde nach dem Kriege sehr schwierig. Die Valuta entwertete sich, und durch die Gren ziehung gegen Rußland entfiel ein wichtiger Abnehmer für die polnische Wirtsdiaft. Der Staat versuchte der Krise Wohin mit den Juden? Epoche der Gefahr — Das verschlossene Ventil — Politik und Wirtschaft Zur Lage in Polen — ״Etatismus“ und Verdrängungspolitik — Und U. S, A«? Keine Scheinlösungen! — Das Aktionsprogramm Selbsthilfe und Welthilfe tun not