Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1936)
- Date
- 1936-03-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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jüdische Rundschau NR. 18, 3. MAERZ1936 PALÄSTINA-BL Alf Kampf um und gegen den Apparat Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, Ende Februar 1936 Ueber Kosmos, Aktentaschen und Büros Es ist noch nicht lange her — obwohl es manchmal sehr lange her scheinen will —, daß Palästina das u n - formellste und unfornialste Land der Erde war. Für nichts bestand eine feste Form und ein anerkannter Rahmen. Man lebte, arbeitete, kleidete sich, vergnügte sich, wie man es für gut und richtig hielt. Man arbeitete viel, oftmals unmäßig viel und unter den schwersten Bedingungen, aber über allem lag ein ungenierter, legerer, familicnhafter und vielfach origineller Zug. Da man alles, Arbeitsmethoden, Bauformen, Lebensart, sogar Unarten und Uebergriffe so- Zusagen aus dem Nichts zu stampfen hatte, da die neuen Bedingungen eine vollständige Umstellung erforderten, da man Kolonisationsformen und -methoden, Verwaltungspraxis, politische Arbeit selbst erfinden mußte, band man sich an wenig Hergebrachtes und fing bei allem von neuem an. Es gab damals sehr wenig Ordnung im Lande und sie war auch gar nicht zu erwarten. Denn man lebte in einer Periode des ״Chaos“ und dabei in der sicheren und vielfach begründeten Hoffnung, daß daraus zu geeigneter Zeit und bei der genügenden Hingabe einmal der ״Kosmos“, die Ordnung, entstehen würde. Die Verhältnisse waren sehr klein und jeder kannte jeden und alles. ״Akten“, feste Institute, feste Arbeitsformen waren unbekannt. Viele gesegnete Jahre hindurch befanden sich die Dokumente über die landwirtschaftlichen Siedlungen, über die Baukosten der neuen Ställe, über die Anzahl der Kühe, die einmal darin stehen sollten, in den Rocktaschen des Mannes, der mit immer neuen Anstrengungen versuchte, diese Ställe unter Dach und Fach zu bringen. Und es galt bereits als eine echte ״Revolution“, die im Lande viel besprochen wurde, als diese ״Dokumente“, eine Reihe kreuz und quer beschriebener Zettel, aus den Rocktaschen in eine leibhaftige grollmächtige Aktentasche hinüberwanderten. Heute scheint das alles wie versunken und verg essen. Demi die Aktentaschen haben sich geradezu kaninchenhaft vermehrt und sie dienen nicht mehr als Archiv. Eine ganze Reihe von Büros sind entstanden und einer der berühmten und berüchtigten Verzweiflungsausbrüche des ״Grünen“ wird immer dann beobachtet, wenn er unter den in den verschiedenen Städten des Landes und den Straßen der Städte verstreuten massenhaften Büros dasjenige herausfinden soll, das er gerade braucht und innerhalb der ver- ’ schiedenen Zimmerfluchten gerade den Beamten, der für seine Sache zuständig ist. Es ist geradezu ein neues Büro nötig, an das sich der ״Grüne“ wenden kann, um beraten und an die richtige Stelle überwiesen zu werden . . . Und wenn man meint, daß mit dieser Entwicklung von der einzelnen Aktentasche zum großen Büronetz die Dinge sich zu einem glatten Ablauf durchgebildet haben, so irrt man schwer. Man könnte mit einiger Uebertreibung behaupten, daß genau das Gegenteil der Fall ist, daß die Ausnahme darin bestellt, wenn einmal ein Fall glatt läuft . . . ״Protekzije, Protekzije“ Um gerecht zu sein; es gibt nicht so sehr viel ״glatte“ Fälle, die zu erledigen sind. Jeder trägt seine Speziaikompiikationen in sieh. Wir arbeiten kaum je in Palästina unter wirklich normalen Bedingungen. Unsere Verhältnisse sind in dauernder Umwandlung begriffen; was gestern an Ausmaßen und Qualität genügend schien, erweist sich heute bereits als zu wenig und zu schlecht und eine dauernde Adaption an die sich wandelnden Bedingungen ist von aller! Seiten und daher auch allen Verwaltungsstellen notwendig. Dazu kommt, daß seit etlicher Zeit nicht mehr die Einwanderung nach den Bedürfnissen Palästinas geregelt werden kann, sondern Paliistiria sich unter dem gewaltigen Druck in den Galuthländern nach den Menschen richten muß, die es aufnimmt. Nur ein bestimmter Teil der Immigranten ist im vollen Sinne des Wortes k o 1 o n i s a t i o 11 s f ä 11 i g, also jung, gesund, bereit, wenn es nötig ist, sich auf neue schwere Arbeit und primitive Bedingungen ein/iistellen. ln sehr vielen Fällen müssen Menschen ״irgendwie“ untergebracht werden, ob nun eine entsprechende Stelle da ist oder nicht. Und so entsteht das große Heer der ״A u s n a h m e n“, das seine Spezialwünsche hat, das besonders berücksichtigt werden muß. Es entsteht bei der Verteilung von Zertifikaten, bei Anforderungen, bei Stellungsbewerbungen die oft beängstigende Konkurrenz, wo in der Regel 99 Prozent der Suchenden unbefriedigt abziehen müssen. Aus dieser Situation und der besonderen Mentalität, die sie mit sielt bringt und die ein Teil der Juden aus dein Galuth mitbringt, ist die Krankheit der Protektion entstanden. Das Wort ״Protekzije“, wie man im Lande (jiddisch) sagt, ist zu einem der häutigst gebrauchten Ausdrücke, geworden. Es handelt sich dabei um ein endloses Netz von E m p - f e h 1 u n g e 1t, das sich gelegentlich zu einer wahren Plage auswächst. Vielfach nimmt der Neuling, der gerade in dieser Beziehung außerordentlich schnell lernt, eo ipso an, daß sieh für ihn keine Tür ohne eine ״Empfehlung“ öffnet, und er beginnt eine wahre Jagd nach Referenzen, Briefen, Fürsprachen, und versucht schließlich, den und jenen zu persönliehen Interventionen zu seinen. Gunsten zu bewegen. Für die etwas prominenteren Leute im Lande wird dieses System nach und nach unerträglich. Sie werden von alien Seiten um Empfehlungen und Interventionen angcgangen, sie sind weder zu Hause noch im Büro vor Pctenten sicher und niemand wird ihren Beteuerungen glauben, daß an dieser oder jener Stelle ihr Einfluß nichts bedeutet, daß sie hier nicht empfehlen und dort nicht intervenieren können. Es herrscht eine Art Wunderglaube an die Mächte der ״Alteingesessenen“ und Arrivierten, von deren gutem Willen es allein abhängen soll, ob der und jener sein Zertifikat, seine Bescheinigung, seine Anstellung erhält. Wie allgemein das System benutzt wird, zeigt ein kürzlich im Autobus geführtes Gespräch, wo einer dem andern sein Leid klagte, daß er die Anstellung noch immer nicht hekommen hätte, obwohl er doch schon zu X. (folgt der Name eines der bekannten Männer der Stadt) ״Protekzije“ und zwar sogar nach Hause gehabt hätte . . . Keiner der Fahrgäste fand an diesem Gespräch etwas Ungewöhnliches. Dieser Glaube an die ״Protekzije“ in allen möglichen Lebenslagen ist nicht nur eine Gefahr für die äffe ntliehe Moral und die entsprechende Auswahl von Bewcrbern, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Beschwerung des Apparates und der ihn dirigierenden Personen. Die Publikumsabfertigung an allen Stellen, von den Arbeitsämtern bis zu den verschiedenen Departements der Jewish Agency, würde vermutlich sehr viel glatter ablaufen, wenn sich das Publikum aller Schattierungen einmal die Idee der Protektion aus dem Kopfe schlüge und alle Stellen keinen der Briete mehr öffneten, keine Empfehlung mehr anhörten. Aber daran ist kaum zu denken, denn derjenige unter den Hunderten, der bei dem Rennen um Existenz und Hilfe doch Erfolg hat, wird in den meisten Fällen sein Gelingen einer der vielen ״Empfehlungen“ zuschreiben, die er sich im Schweiße seines Angesichts (und des Angesichts seiner Protektoren) verschafft hat. und sein Beispiel wird wieder Hunderte von Petenten auf die Beine bringen. Und wer von den ״Protektoren“ hat wirklich das Herz, alle Petenten abzuweisen, wenn sich auch nur ein Schimmer einer Hoffnung bietet, daß man diesem oder jenem, der es in der Tat sehr nötig hat und der sicher auch eine Stütze verdient, mit einem Brief oder einenf■ Telephongespräch oder einem Hinweis helfen kann? ״Von heute In 3 Wochen um Aber diese Protektion ist nur eine von den vielen Beschwerungen der jüdischen Vcrwaltungsapparate. Es gibt andere und vielleicht ernstere. Eine davon ist die Häuf u n g von Aemtern bei einzelnen Personen. Wer erst einmal zu einer Stellung von öffentlicher Bedeutung aufgerückt ist, muß in der Regel der Aussicht auf eine konzentrierte Arbeit, bei der man sich auf ein Gebiet beschränken kann, von dem man wirklich etwas versteht, ein für allemal Valet sagen. Der ״Prominente“ findet sich im Handumdrehen in den verschiedensten Kommissionen, in Verwaltungsbehörden, als Leiter in den verschiedensten Institutionen. Wenn er alles, was ihm so von den politischen und ökonomischen Stellen aufgeladen wird, wirklich t u n sollte und richtig tun sollte, so müßte er entweder ein Universalgenie sein, das ebensoviel von Wirtschaft wie von Politik, wie von Verwaltung versteht, oder zumindestens einen Arbeitstag von 36 Stunden haben, oder — und darauf kommen wir noch besonders zu sprechen — eine Reihe von gut geschulten Fachsekretären. Es braucht nicht betont zu werden, daß von all dem kaum die Rede ist. Unsere leitenden Persönlichkeiten sind vermutlich nicht minder begabt als die anderer Gemeinschaften, aber sie können nicht alle Universalgenies sein. Sie haben zudem wie alle anderen Menschen eine beschränkte Arbeitskraft. Und was die Frage des geschulten Personals betrifft, so ist das ein besonders dorniges Problem, das besondere Beachtung verdient. Eine Zusammenstellung der Aemter, die zum Beispiel manche Mitglieder der Exekutive der Agency oder manche Arbeiterführer auf sich vereinen, würde das einfache Publikum in Staunen setzen und es würde sich sofort zeigen, daß ein einzelner Mensch gar nicht imstande ist, den damit verbundenen Pflichten auch nur notdürftig nachzukommen, geschweige denn sic in vollem Umfange zu erfüllen. Es ist aber bei uns üblich, daß bei alle n wichtigen Aktionen so ziemlich alle wichtigen Leute vertreten sein müssen und daher auch die endlose Reihe der Beratungen, die immer wieder zur Schaffung neuer Kommissionen fuhren, die dazu noch oft genug recht groll gehalten werden, um sie nur ja wieder zu D i s k u t i c r k 1 u b s lmmiwandeln. Bei dieser Ucbcrbürdiing ist es dann kein Wunder, daß gelegentlich jemand, der einen der ״Prominenten“ rasch und dringend sprechen will, diesen ein beängstigend großes Notizbuch aus der Tasche ziehen sieht und nach sorgfältiger stirnrunzelndcr Betrachtung der Eintragungen die ermutigende Antwort bekommt: Von heute in drei Wochen von "7—7, ׳ ... Bis vor wenigen Jahren war Palästina auch in der Verwaltutig und im Aufbau der verschiedenen Verwaltungs* apparate das klassische 1 and der selt'made-men, ganz gleich, ob es sich um die Jewish Agency oder die Stadtverwaltungen oder die verschiedenen Wirtseliaft.-iiistitute der Arbciterorganisation oder andere öffentliche Unternehmungen handelte. Fs konnte gar nicht anders sein, denn wo sollte man die geschulten Verwaltungskrafte hemehmen, wo doch Juden niemals eine eigene Verwaltung b Kitten? Dann begann man sich unbehaglich zu fühlen, man spürte, daß die Dinge nicht so glatt liefen, wjc cs eigentlich sein sollte und es erhob sich der Schrei nach dem 11״ sperten". Der!'achmann kam — und er erwies sich in vielen Füllen als eine große Enttäuschung. Der aus dem Ausland importierte Experte, der palästinensische Pläne begutachten sollte, schöpfte in der Regel aus einem großen Erfahrungsschatz, aber die Entwicklung des Landes machte sich in vielen Fällen geradezu ein Vergnügen daraus, seine Diagnosen Lügen zu strafen. Es genügt, mir ein Beispiel für den Gegensatz von — anscheinend gut begründeter -- Theorie und Praxis zu nennen: welcher ״Fachmann" hätte die ilinw andenmgszahlen der letzten Jahre — 50(100, (10 000 Menschen pro Jahr — noch vor fünf Jahren für möglich gehalten? Es zeigte sich gerade an diesem wichtigen Punkte, daß die palästinensischen Bedingungen, schon an sich reichlich kompliziert und noch dazu abhängig von der Judenlage im Galuth, so elastisch waren, daß man ihnen nicht einfach mit Expertisen, sondern nur mit einer sehr wachen, immer sich auf dem Laufenden haltenden Beobachtung beikommeu konnte; daß hier keine Routinearbeit die wachsenden Ansprüche erfüllen kann, sondern nur eine -immer neu sich befruchtende Initiative. ״Und da man nichts mehr wußte zu beschließen..." Und hier kommen wfr an einen der Punkte, au dem sehr deutlich zu erkennen ist, daß die Schaffung gut funkt ionierender Apparate nicht mir wichtig ist für den glatten Ablauf der täglichen Geschäfte, sondern auch für die Bereitschaft in besonderen Fället) und in Notlagen. Gerade in Palästina, wo wir es im Zusammenhang mit der Lage im Galuth fast immer mit besonderen Fällen und Notlagen zu tun haben, ist die S c b 1 a g f e r t i g k e i t und Wachheit der führenden Organe eine der wichtigsten Bedingungen für eine gesunde Entwicklung. (Gerade die letzten Monate mit ihren ökonomischen Schwierigkeiten sind ein neuer Beweis für diese These.) Die Erfahrung lehrt uns jedoch, daß fast alle unsere Vcrwaltungsapparate von der Jewish Agency bis zu den!deinen Institutionen ungewöhnlich schwer in Bewegung zu setzen und noch schwerer in eine neue Richtung zu bringen sind. Jetier, dtr einmal versucht hat, mit einem neuen Projekt 111 diesen Apparaten durch/udringen — wenn er nicht zufällig selbst am Steuer sitzt — wird bestätigen können, daß ein ungeheurer Motor notwendig ist, um hier eine Reaktion aus/ulösen. Untersucht man, warum dieser A[;parat so schwerfällig ist, so wird man vorerst zugeben mu-.se;1, daß die objektiven Bedingungen besonders schwierig sind. Die /ionistische Politik wird nicht nur in Palästina gemacht, sondern auch in London und in New York, in Warschau und in Johannesburg. Handelt es sich um eine Maßnahme von großerer Bedeutung, so wird die Exekutive in Jerusalem mit London konferieren müssen, und wenn auch das nicht geniigt, wird man auf die Embcnifimi; einer Aktious-tiomite- Sitzung oder gar eines Kongresses warten müssen, um den legalen Hintergrund für grundlegende Resolutionen zu haben. Da zudem unsere Institutionen noch immer den Aufgaben einer praktischen Verwaltung nicht adaptiert wurden — wieviel ist in den letzten Jahren!Hier K o ti g r e II r e f o r rn geschrieben und wie wenig oder nichts ist ausgeführt wor* den! so führt diese Situation oft zu grotesken Resultaten. Wichtige Aktionen müssen entweder ganz, unterbleiben oder kommen um Monate zu spät. (Wenn es der Platz, gestatten ZUM FRÜHLING IN PALÄSTINA PALESTINE EXPRESS CO durch die MOTORSCHIFF VU LCAN I A 2 4 000 lo. 2. April ab Neapel über Athen, 6. 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