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Jüdische Rundschau · 1936-02-25 · Heft 16 (25.2.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 16 (25.2.1936)
Date
1936-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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/ Jlr.l®/׳ Jahrgang 41 JÜDISCHE o £ t. 6■?\׳ 0ל Preis 25 RpS• RUNDSCHAU Bcb1iftl4it«aR|V«1i1g au ABEeigebvtrweltaof iBtrlin Wll, Meltttkwtr.il Ferartki: Satnmei-Nr. J1 tiiscisrcJt 3101/82,7165/7^ 7240/42. - Baatugeprei« •tasehl. Bactallgaki )• Monat RM 2,.,;• Vierteljahr RM 5,75* bei Abholung RM l£8 brw. RM — Postachecfc - Konten der Vertrieb« ־ Abteilung: Berlin 71573 (Hftr Oral - BerttnX Berlin 17392 <fü* da« übrige Kelch), ln Fällen höherer Gewalt benäht kein Anspruch au! Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gexahlter Beaxvceb&hraau — Erscheint jadaa Ulsoatag «ad Fraltag. BERLIN ב׳ אדר תרצ״ר DIENSTAG, 25, FEBRUAR 1936 GttltSg 1 AaislgsoprslBlIfta Nr. 4« Di• 12 gespaltene mm'Telle 20 Rpf, für FamiUennachrkhten 15 Rpl Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit* «»zeigen nur bei Vorauszahlung aut Postscheck ־ Konto Berlin 716 IS oder bar Montag bi« Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Annahmeschlufc iftr die Dienatag . Ausgabe Montag 10 Uhr, Kir die Freitag .Auagäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhu Dar Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstitte In Palästina.!Baseler Programm) Ein moderner Jude Italien und die Mandatsfrage Die Erklärungen des Senatspräsidenten Federzoni — Das Abkommen Italien- Frankreich und die Vorgänge in Syrien — Italien und die arabische Welt Von unserem Berichterstatter Kr. Rom, 22. Februar Zwei Ereignisse haben in hohem Maße die Aufmerk־ *amkeit der hiesigen diplomatischen Kreise erregt: Die Ver- Öffentlicbung des sog. Maffey-Rapports, womit zum erstenmal die Existenz eines italienisch-französischen Geheimabkommens über Abessinien zugegeben wurde, und die vor wenigen Tagen in Venedig gehaltene Rede des italienischen Senatspräsidenten Federzoni über die Haltung Italiens in der Mandatsfrage. Beide Verlautbarungen stehen in einem direkten Zusammenhang, lassen ein und dieselbe Direktive erkennen. Ihr genaues Studium ist notwendig, um die Beweggründe und Ziele der italienischen Mittelmeer- und K o! o n i a 1 p o I i t i k zu erkennen. Die Haltung Italiens in der Mandatsfrage war bisher eindeutig oppositionell. Es fühlte sich auf der Friedenskonferenz übers Ohr gehauen. England und Frankreich hatten weite Gebiete des ehemaligen Ottomanischen Reiches unter sich aufgcteilt, und Italien hatte man mit den Dodekanes-Inseln abgespeist, in denen es nie und nimmer ein Aequivalent für Syrien oder Palästina erblicken konnte. Mit wachsendem Unbehagen sah man in Rom den ständig zunehmenden Einfluß Englands und Frankreichs im östliehen Mittelmeer, ln unzähligen Veröffentlichungen protestierte Italien yor allem dagegen, daß durch das englischfranzösische Vorgehen in den östlichen Randgebieten des Mittelmeeres der italienischen Immigration Schranken gesetzt wurden. Hier ist auch dne der Wurzeln für die Gegnerschaft gewisser italienischer Kreise gegen den Zionismus. In einem vor einiger Zeit erschienenen Buch des italienischen Abgeordneten Orazio Pedrazzi ״Das östliche Mittelmeer und Italien“ wurde eine heftige Attackegegen den Zionismus geritten. Obwohl der Verfasser nicht umhin konnte, das in Palästina gerade von zionistischer Seite Geleistete anzuerkennen, erklärte er doch, daß diese jüdische Massensiedlung im östlichen Mittelmeer mit Rücksicht auf die dadurch den Italienern versperrte Immigration vom italienischen Standpunkt aus zu bedauern sei. Er ging jedoch hoch darüber hinaus und erklärte: ״Wir (d. h. Italien) betrachten den Zionismus als ein wahres Unglück und eine Bedrohung für eine friedliche Entwicklung im Mittelmeer.“ Aehnlich, wenn auch in gemilderter Form, äußerte sich Romolo T r i t o n y in einer kürzlich von der ״Rassegna Italiana“ herausgegebenen Publikation ״Italien und die Levante“. Darin hieß es u. a.: ״Italien kann nicht mit der Lösüng der palästinensischen Frage einverstanden sein. Wir müssen sie im Hinblick auf unseren Einfluß im Nahen Orient und auf das Gleichgewicht der Kräfte und die Aktions- Sphären der Mittelmeermächte betrachten. Unsere Interessen dort sind vor allem spirituell (gemeint sind die heiligen Stätten des Katholizismus), aber auch wirtschaftlich und politisch, nicht zuletzt wegen unserer Position als ausschließliehe Mittelmeermacht.“ Der Krieg in Abessinien und die dadurch ausgelöste Bewegung der arabischen Welt, die in Italien mit größter Aufmerksamkeit und Spannung verfolgt wird, hat das Interesse an der Mandatsfrage und die Diskussion darüber wieder aufleben lassen. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß die italienischen Zeitungen über die Unruhen in Syrien, die Studcntenkrawalle in Aegypten und die militärischen Vorbereitungen Englands in Palästina berichten. Und man verzeichnet die dadurch der anglo-französischen Kolonial- und Mandatspolitik entstehenden Schwicrigkeiten nicht ohne eine gewisse Genugtuung. Mit großer Befriedigung quittierte man in Rom die unlängst abgegebene Erklärung Ibn Sauds, daß er es ablehne, sich an den Sanktionen gegen Italien zu beteiligen. Und auch sonst fehlt es in Italien zur Zeit nicht an Sympathiekundgebungen für die Araber, die als unterdrückt und ausgebcutet hingcstellt werden. Andererseits wünscht man jedoch in Rom, die Dinge keineswegs auf die Spitze zu treiben, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die italienischen Kolonien am Rande des Mittelmeers, in denen zahlreiche Araber leben, die auch eines Tages von der großen revolutionärcn Welle erfaßt werden könnten. Die Haltung Ita- Bens in der Mandatsfrage, die zwar grundsätzlich oppositionell ist, ist keineswegs so unkompliziert und eindeutig, Wie das vielfach hingestellt wird. In vieler Hinsicht aufschlußreich war eine Rede, die der italienische Senatspräsident und ehemalige Innenminister Federzoni in diesen Tagen vor einem auserlesenen Publikum in Venedig hielt, und zwar im Rahmen der kolonialen Veranstaltungen des faschistischen Kulturinstituts über das Thema ״La questione dei mandati“ (Die Frage der Mandate). Der Leitgedanke dieser Rede war etwa folgender: Italien betrachtet die Verteilung der Mandate unter die kolonialen, ohnedies mit Land und Rohstoffen saturierten Großmächte als eine schwere Benachteiligung Italiens. Es hat trotzdem, mit Rücksicht auf sein Verantwortungsgefühl, das gewichtige und komplexe Problem der Mandate nicht aufgerollt. Es verlangt kein Land, das dem Einfluß und Dominium m i, ׳? י«, 1h. י Italien organisiert in seinen Kolonien die arabische Jagend nach faschistischem Vorbild. Unser Bild zeigt eine von den Italienern bewaffnete arabische Jugendorganisation in Tri■ polis. Links im Vordergrund ein italienischer Kolonialoffi• zier. Die durch ,europäische Mächte den Arabern vermittelten nationalen und organisatorischen Gedanken wirken naiurgemäß auf die gesamte arabische Weit, die dementsprechend in immer höherem Maße auch nationale Unabhängigkeit fordert Foto: Vitullo, Rom anderer Mächte untersteht. Aber es reklamiert für sich das Recht, selbst für die Befriedigung seiner Aspirationen zu sorgen ,,auf dem letzten Stück freier Erde, das noch völlig der Barbarei und Unproduktivität ausgeliefert ist“. Italien brauche dies für die Sicherheit seiner eigenen Besitzungen in Afrika, für den Ueberschuß an arbeitsuchender Bevölkerung und für seine Versorgung mit Rohstoffen. Mit anderen Worten: Wenn die Großmächte Italien in Abessinien freie Hand lassen, ist es bereit, seine bisherigen Aspirationen und Ansprüche in der Mandatsfrage zwar nicht ein für allemal aufzugeben, aber doch, soweit die Mandatsgebiete im östlichen Mittelmeer in Betracht kommen, für die nächste Zeit zurückzustellen. Die Ablenkung italiens von Tunis und den Mittelmeerbesitzungen der ehemaligen Alliierten war ja auch das Ziel Lavals, als er im Januar vorigen Jahres mit Mussolini in Rom zusammentraf und mit ihm jenes Geheimabkommen über Abessinien vereinbarte, dessen Existenz man seit langem vermutete, dessen Abschluß jedoch bisher geleugnet wurde, und das nun zum erstenmal in der Introduktion des Maffey- Rapports erwähnt wird, also in dem amtlichen Dokument einer englischen Regierungskommission, das auf irgendeinem Wege in italienische Hände gelangte und am 20. Februar im ״Giornale d’ltalia“ veröffentlicht wurde. Diese Indiskretion, die nicht nur in England enormes Aufsehen erregt hat, ist italienischerseits in diesem Augenblick nicht ohne Absicht erfolgt. Italien wünscht eine Bresche in die Sankiionsfront zu schlagen, dann aber auch eben jetzt, wo sich die militärische Lage für die Italiener in Abessinien günstig gestaltet und Verhandlungen mit größerer Aussicht auf Erfolg eingeleitet werden können, noch einmal vor aller Welt klarzustellen, daß es keine wie auch immer gearteter! Aggressivplane im Mittelmeer verfolge, sondern auf Grund bestehender Verträge und Abkommen lediglich in Abessinien in Ruhe gelassen werden wolle. Insofern steht die Veröffentlichung des Maffey-Rapports durch die italienische Presse in einem direkten Zusammenhang mit den Erklärungen Federzonis in Venedig. Italien ist heute mit Rücksicht auf sein abessinisches Unternehmen bereit, seine praktische Politik, wenn auch nicht seine grundsätzliche Haltung, in der Mandatsfrage neu zu orientieren. Eine Befriedigung der italienischen Wünsche in Ostafrika könnte demnach von günstigen Folgen für das künftige Verhältnis zwischen Italien und Palästina begleitet seid und eine objektivere Würdigung des Zionismus in Italien zur Folge haben. Der Zionismus, der an einer friedliehen Entwicklung im Mittelmeer in hohem Maße interessiert ist, wird deshalb mit besonderem Interesse die Erklärungen Federzonis über die Neuorientierung der italienischen Mandatspolitik zur Kenntnis nehmen. (Siehe auch den Bericht unseres Pariser Berichterstatters auf S. 4.) Zur deutschen Answahl der Schriften Arlosoroffe Die Aufgaben, vor die das jüdische Volk sich in seiner letzten Entwicklungsphase, nach der Durchdringung mit europäischen Ideen gestellt sah, erforderten ein neues Denken und eine neue Art Menschen, die man vorher im jüdischen Bereich nicht kannte, Menschen, die aus der Erkenntnis der Lage ihres Volkes zum Handeln, zur gestaltenden Tat strebten. Eine ganze jüdische Generation ist durch den Zionismus zu einer neuen politischen Anschauung und zu jenem Verantwortungsgefühl erweckt worden, das die Vorausset/ung des Führertums bildet. Erfüllt mit den Vorstellungen der modernen Zeit, mit ihrem Blick für Zusammenhänge und Gegebenheiten, mit Verständnis für die Vorgange in der großen Welt, und vor allem beseelt von innerer Leidenschaft, haben diese Menschen versucht, dem gänzlich unpolitischen jüdischen Volk einen Weg auch durch das Dornengestrüpp moderner Politik zu bahnen. Wir haben in der kurzen Zeit der letzten 30 oder 40 Jahre nicht viele, die den hohen Anforderungen eines solchen Typus Jude entsprachen. Unter ihnen ist gewiß eine der anziehendsten und wirkungsvollsten Gestalten der uns zu früh entrissene Chain! Ariosoroff. Er ist aus unserem engsten Kreise, dem Zionismus in Deutschland, hervorgegangen und lebt noch in unserem Gedächtnis. Sein menschliches Wesen und seine Bedeutung als führende Gestalt des Zionismus werden wieder lebendig und die Tragik seines Verlustes wird uns allzu schmerzlich bewußt, w enn wir die soeben erschienene dcutsehe Ausgabe seiner Schriften, Reden, Tagebücher und Briefe lesen, die eine Auswahl aus der sechsbändigen hebräischen Ausgabe darstcllt')• Dc-r Hecliaiuz-Verlag hat sich mit der Herausgabe dieses Buches ein außerordentliches Vcrdienst erworben, da auf diese Weise wenigstens ein Abglanz' von Arlosoroffs einzigartiger Persönlichkeit der jüngsten zionistischen Generation übermittelt wird, die ihn nicht mehr persönlich kennt. Auch die Einleitung des Buches durch Georg Landauer, die einen kurzen Abriß von Arlosoroffs zionistischer Bedeutung gibt, ist vorzüglich gelungen. Wir sehen aus all diesen Reden und Skizzen, den Aufsätzen und Tagebuchaufzeichnungen, wie der Mensch und Zionist Ariosoroff heranreift, wie sich bereits in der frühesten Periode seiner Entwicklung die Grundlinien seines Charakters und seiner zionistischen Anschauungen zeigen. Ariosoroff, das zeigte sich schon in seiner frühen Jugend, war gewiß nicht der Typ des nüchternen und kalten Politikers, sondern er war mit den schönen Dingen der Welt, mit Kunst und Literatur verbunden. Er selbst schrieb Gedichte, übersetzte schon als Gymnasiast aus dein Hebräischen und bewahrte sich auch in den Zeiten der größten Arbeitsüberlastung, der anstrengendsten Reisen, die ihn in viele Teile der Welt führten, den Blick für die Schönheiten und Eigenarten des Lebens. Ucbcrhaupt war es ein w a eher B1 i c k, der ihn auszeichnete. Vielleicht war es die. Erbschaft seiner Herkunft, die ihn aus detn Osten nach Deutschland geführt hatte und ihn hier schon in seiner Jugend ein anderes Milieu mit einer Vielfalt der Eindrücke erleben ließ. Diese Offenheit für alles zeichnete ihn aus; überall suchte er in das Wesen der Dinge einzudringen, aber nicht wie ein gewöhnlicher Betrachter, der sich mit Erkenntnissen zufrieden gibt, sondern er suchte all das, was er über Länder und Völker erfuhr, für seine eigene große Aufgabe auszuwerten und in das System seines Denkens einzuordnen. Diese Eigenart und der Charme seines Wesens sicherten ihm schon in der Jugctul Freunde, und bald umgab ihn nicht nur ein kleiner Kreis, sondern er wurde zu einer der zentralen Gestalten der jungen zionistischen Bewegung zunächst in Deutschland, dann in Palästina, wohin er frühzeitig übcrsiedclte. Dort wurde er in raschem, ja überraschendem Aufstieg zu einem der wichtigsten Führer der Arbeiterschaft, die diesen ״Intellektuellen“ liebte, weil er zu ihr ihre eigene Sprache, die Sprache des Volkes, zu sprechen verstand, und weil sic fühlte, daß in ihm ein Mann heranwmchs, der sich auf seine Aufgabe mit ganzem Ernst vorbereitete und den Weg der zionistischen Verwirklichung kannte. Denn noch eines — und dies war die Grundtatsache seines Wesens — zeichnete ihn aus: Ariosoroff war ein durch und durch politischer Mensch, durch starre Dogmen nicht gefesselt, die Realitäten erkennend, aber das Ziel seines Handelns unbeirrt verfolgend. Er war damit eine lebendige Antwort auf den Streit im Zionismus, was nun eigentlich ein ״politischer“ Zionist sei. Beinahe seit den ersten Tagen der zionistischen Bewegung geht dieser Streit. Die einen gebrauchten dieses Wort als einen Ehrenn a m e n und stellten ihn in Gegensatz zu etwas, was sie oft nur selbst konstruierten, nämlich den ״Kulturzioniste n“, den sie sich als einen mehr oder weniger weitfremden, verschwommenen Idealen nachjagenden Menschen vorstellten. Von der anderen Seite gesehen, galten die ״poli* tischen“ Zionisten, die sich selbst so nannten, häufig als Großsprecher, die glaubten, durch möglichst kräftig vorgetragene Forderungen sei schon alles getan. Hier ver* *) Chaim Ariosoroff, Leben und Werk, Ausgewählte Schriften, Reden, Tagebücher und Briefe. Hcchaluz-Veriag, Berlin 1936.

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