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Jüdische Rundschau · 1936-02-21 · Heft 15 (21.2.1936) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 15 (21.2.1936)
Date
1936-02-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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jüdische Rundschau NR. 15, 21. FEBRUAR 1936 PAlASTlKlA-BlATT an der Universität Jerusalem Wandlungen und Rückfälle Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Jerusalem, 13. Februar 1936 Obwohl wilder Sturm über den Bergen Jerusalems tobt und den kurzen Weg von der Chaussee auf dem Skopus in die Bibliothek zu einem minutenlangen Kampfe machte, versammelten sich doch Hunderte von Teilnehmern im großen Lesesaalc, um der Graduierung von Studenten der geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fakultät bei/uwohnen (über die bereits kurz in unserer letzten Ausgabe berichtet wurde. Red.). Der Saal war für diesen Tag ausgeräumt und festlich mit Teppichen und großen Blattpflanzen dekoriert worden. Vor dem Kuratoriumstisch saßen in langen Reihen die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität, und zwischen ihnen die Graduierten, die ihr Diplom aus der Hand des Kanzlers empfangen sollten. Unter den Ehrengästen waren die Mitglieder der Exekutive, die Leitung des Waad Leumi, jüdische und nichtjüdische Fon rechts nach links: Ussischkin, Dr. Hugo Bergmann (st ':end), Dr. Magnes, Sir Arthur Wauchape, Salman Schochen; an den Seiten sitzend die Kandidaten Koto: Ze*w Pitich, Jerutaltm Wissenschaftler, Mitglieder des diplomatischen Korps und Reamte der Regierung. In der hinteren Hälfte des Saales drängte sich Kopf an Kopf der Teil der Studentenschaft, der drinnen Platz gefunden hatte, während die übrigen draußen in den KoFridorcn und auf den Treppen w־artetcn. Ihre große Zahl bewies, daß die Universität nicht mehr wie zu Beginn aus einigen Forschungsinstituten besteht, sondern auch begonnen hat. ein Lehr Institut zu sein, das bereits Hunderten wissenschaftliche Ausbildung in verschiedensten Fächern gewährt. Musik, der feierliche Einzug der Leitung unter der Führung des Rektors, Prof. B e r g m a n n, und die An- Wesenheit des High Commissioncrs gaben der Feier einen zeremoniellen Anstrich. Eine Rede des Kanzlers der Universität, Dr. Magnes, leitete ein. Ihr folgte die Vor- Stellung der zu Graduierenden durch die Dekane, die Liebergäbe der Diplome und eine kurze Begrüßungsrede des High Commissioncrs, der auf die Wissenschaft als eine der wuchtigsten Stützen des Nationalheims hinwies. Die Rede des Rektors, dem die Studenten langdaucrndc Ovationen darbrachten, und der Gesang der Hatikwah beschlossen die Feier. Es ist das fünfte Mal, daß die Hebräische Universität Diplome an Studenten ausgibt, und das erste Mal, daß die naturwissenschaftliche Fakultät eine Gruppe von Studierenden zur Graduierung stellt. In diesen Anfangs- *tadien der Entwicklung erscheinen Details, die aut alten, entwickelten Universitäten mit einer Tradition von Jahrhunderten kaum beachtet werden, bemerkenswert. So haben manche der Studenten, die zum ersten Al,11c das naturwissenschaftliche Diplom bekommen, zugleich am Aufbau der institute mitgearbeitet, ihre wissenschaftlichen Studien gemacht, während erst nach und nach alles Lehrmaterial zusammengebracht wurde und sich die Lern- und Lehrbedingungen nach und nach verbesserten. Es erscheint noch als ein Ereignis, daß sich unter den Absolventen eine Frau findet, die bereits Kinder hat, oder ein Regicrungsbcainfer — der erste seiner Art, der jetzt seine Studien beendet hat. Auch in der F o r tn der Feier sprach sicli das Anfangsstadium der Hebräischen Universität aus. fn den alten Akademien gibt es für solche feierlichen Anlässe feststehende Formen, die zu einem guten Teil noch aus früheren Jahrhunderten stammen, gelegentlieh sich heute wie Relikte aus der Historie ausnehmen, aber in jedem Falle allen diesen Handlungen eine traditionelle Form gehen. Die fast überall noch benutzte lateinische Sprache, die traditionellen Gewänder der Teilnehmer und die verschiedenen Insignien geben diesen Zeremonien eine bestimmte Note. Von alt dem kann bei der Hebräischen Universität keine Rede sein. Sie hat sich ihre Formen aus dem Nichts zu schaffen. Man spürt, daß man sich darum bemüht, durch Ausschmückung des Raumes, durch die Erzwingung eines bestimmten Zeremonielles in dem sonst reichlich!informellen jüdischen Palästina. Dabei muß die neu entstehende Form ohne all die Hilfsmittel, die in Europa üblich waren — besondere Gewänder und Symbole, Latein usw. — auskommen, und vielfach fehlt wohl auch unter dem Publikum, vielleicht besonders unter den Studenten selbst, das V'erständnis für die Notwendigkeit derartiger fester und feier- Ticher Formen. Dennoch liegt in diesem ersten Versuch, m der genau cingctcilten Zeremonie, der A n ik und den. teppichgeschmückten Wänden ein fast rührender Beginn, 1 der tastende Versuch, zu neuen Formen zu gelangen, die der Universität aut dem Skopus und ihrem Geiste entsprechen. Die Abwesenheit Dr. W e i z in a n n 5, des Dekans der naturwissenschaftlichen Fakultät, der wegen des widrigen Wetters nicht kommen konnte, wurde allgemein bedauert. Der bisherige Leiter des Erziehungsde partements der Palästina-Regierung, Bowman, verläßt im kommenden April seine Steilung. An seinen Platz ist ein Beamter des sudanesischen Stabes berufen worde״ Zur ״Moazah“ der Arbeiterorganisation Vo.i unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tei-Awiw, 12. Februar 1936 fn Tel-Aw׳iw trat, wie bereits berichtet, in dieser Woche die ,,Moa/.ah“ (Rat) der Arbeiterorganisation zusammen. Die ״Moazah“ ist ein gewählter größerer Rat, der die führenden Leute aller Richtungen innerhalb der Arbeiterschaft umfaßt und zwischen den Konferenzen der Arbeiterorganisation• von Zeit;;1 Zeit Zusammentritt, um in wichtigen Fragen Beschlüsse zu fassen. Neben den Mitgliedern des Rates waren auch die Vertreter der Gewerkschaften und Repräsentanten aus allen Kolonien de Landes anwesend. Als Hauptpunkt stand die Arbeitslag c zur Debatte. Diese wurde in einem Referat beleuchtet, dann von den Teilnehmern ausführlich diskutiert, (lieber die Situation, die von der Arbeiterschaft vorgeschlagenen Mittel zu ihrer Besserung und die gefaßten Beschlüsse wurde bereits berichtet.) Der äußere Rahmen der Beratungen war ein neuer Beweis für die V e 1׳ ä 11 d e r 11 11 g e 11 innerhalb der Arbeiter- Organisation während der letzten Jahre, die zugleich Wandlungen de:, gesamten Jischuw sind. In früheren ״Moazoth“ dieser Art fand man alle irgendwie führenden Figuren der Arbeiterschaft versammelt und nicht etwa mir für die Fr- Öffnung oder besonders wichtige Momente, sondern in allen Sitzungen, die oft genug Tag und Nacht ohne viele Pausen durchtlauertcn. Ein Abschluß nach außen hin oder eine Festk'gung de Rahmens wäre niemandem eingefallen. Die Debatten wurden in der Regel vor offenen Türen geführt, und das Pu! lü.ur. kannte sich ebenso untereinander wie die Führerschaft, und alles trug eher einen familiären ais einen parteimäßigen Charakter (wenn auch der Kampf der Slrömuiigen untereinander vielfach schärfer war als heute). Die Verhandlungen zeichneten sich in jenen Tagen durch endlose Langen aus, pünktlicher Beginn war ebenso unbekannt wie die starke Hand eines Vorsitzenden oder Präsidiums, bei der Klärung so mancher praktischer Fragen kam es zu ausgedehnten ideologischen und weltanschaulichen Auseinander- Setzungen. Von all dem ist heute nur wenig zu finden. Von einer Debatte vor offenen Türen kann keine Rede mehr sein, denn es gibt keinen Saal mehr in der Stadt, der imstande wäre, die Zehntaiisende zu fassen, die heute die Arbeiterschaft sind, und man hat auch gelernt, daß zuviel Publikum sachliehen Beratungen schadet. Man hat also angefangen zu organisieren, der Eintritt ist nur mit Karten gestattet (und es werden sogar nicht mehr Karten ausgegeben als Platz vorhanden ist!), Delegierte und Publikum sind voneinander getrennt, man beginnt pünktlich, der Vorsitzende achtet so- 15. Schwat in Jerusalem Vom frühen Morgen an wogten die Massen hinaus nach dem Westen der Stadt. Gegen 10 Uhr verdichteten sich die Mengen; Familien mit allen Kindern, ja mit ihren Babys auf der Schulter oder im Kinderwagen, füllten die Straßen nach Beth-Hakerc 111. Hier ist es zur ständigen Einrichtung geworden, daß alle Schulkinder Jerusalems sich nach der Pflanzung von einigen Hunderten von Bäumen im sogenannten ״Emek Zion" treffen und Vorführungen auf dem dein KKL gehörigen Boden veranstalten. So war es auch diesmal; Die Schüler hatten sich im Innern der Stadt zu einem geschlossenen Zuge vereinigt und zogen nun unter Voranfragen ihrer Fahnen mit zwei Kapellen durch die von Begleitern und Zuschauern wogenden Straßen. Die Scminaristen und die Gymnasiasten zogen weiter nach Bajit wegan der westlichen jüdischen Ansiedlung auf der Höhe über Fn Karin!, um dort eine Allee zu pflanzen, während die Volksschüler in Beth-Hakerem ein Stück der Promenade mit über 300 Bäumen bepflanzten. Die Kinder, die Räume pflanzen durften, waren von jeder Schule vorher bestimmt und rückten unter Führung eines Leiters an die vorbereiteten Plätze, wo sie bereits von Fachleuten angelegte Löcher und wohl darauf, daß die Debatter nur zur Sache sprechen, wie auch, daß sie ihre Redezeit nicht überschreiten. Unter den Delegierte.! findet man viele der Gestalten aus der ״hcroischcn“ Zeit, Gründer der ersten nationalen Siedlungen, Erbauer der Arbeiterorganisation, und man ist eigentümlich berührt, an ihnen die ersten Zeichen des Alterns zu enfdecken, zu sehen, wie die Jahrzehnte der schweren Kämpfe und harten Lebcnsbedingungen ihre Zeichen an ihnen zurückgelassen haben. Die jungen stürmenden Elemente von gestern haben sich in harte, fast schon gebeugte Kämpfer von heute verwandelt, die fester als je die Zügel der Leitung innerhalb der Arbeiterschaft und damit in der Siedlungsbewegung und wichtigen ökonomischen Unternehmungen der Gesamtwirtschaft in der Hand halten. 1111 letzten Jahrzehnt ist um die Bewegung und ihre ungeordneten Ausdrucksformen ein Apparat erwachsen, der die Dinge nicht mehr sicli von selbst entwickeln läßt, sondern ihnen eine bestimmte Richtung vorsdireibt. Der glatten Abwicklung der Verhandlungen tut es sicher gut, daß dieser Apparat die Diskussionen regelt, fiir Piinktiiclikeit und die äußeren Voraussetzungen der Arbeit sorgt una auch zu einem Teil die Einfluss׳ der Straße fernhält. Andererseits jedoch wird auch bei solchen Anlassen wie einer ״Moazah“ ein gewisser lähmender I itifhiß eben dieses Apparates fühlbar. Es werden vielfach immer wieder dieselben Reden gehalten. Die I)iskussioii bewegt sieh, besonders in den innerparteilichen Kontroversen, immer wieder in denselber Bahnen, es fehlen starke, neue < JcMchtspimktc, es lehlt an Originalität. Vielleicht ist diese Entwicklung mit der Ausdehnung der Bewegung, ihrem Wachstum, sowohl was Zahlen und Machtmittel als auch Aufgaben und Apparatur betrifft, untrennbar verknüpft. Und vielleicht werden sich mit einer Konsolidierung der neu ins 1 and geströmten Massen auch wieder neue Gestalten unter der Jugend finden, die dem Denken und Handeln eine neue Note verleihen. Freilich erlitt die Zusammenkunft, nachdem bereits die Tagesordnung fast erledigt war und jeder einen Abschluß erwartete, einen starken Rückfall in die früheren Zeiten, ais auf eine Interpellation hin eine neue frage zur Behändhing gestellt wurde mul plötzlich, ohne jede vorherige Warnung, eine Verlängerung der ״Moazali“ nötig machte. Ein Streit um Gleichberechtigung bei der Ansiedhmg, der zwischen Kwuzo'h und Moscliawim seit Jahren geführt wird, wurde plötzlich mit aller Wucht vor die Delegierten gebracht, und es dauerte einen vollen Tag, bis man die Frage in allen ihren Einzelheiten behandelt hatte. (Der gefaßte Beschluß zu diesem Punkt ändert zudem die bestehende Sachlage nur geringfügig.) In dieser Diskussion kam einer der großen weitan s’c ha 11 lich-kolonisato rischen K ä m p f e, die Auseinandersetzung zwischen Kwu/ali und Moschaw, die die palästinensische Arbeiterbewegung jahrelang in Atem gehalten hat, von neuem zum Durchbruch. Dieser Kampf zwischen der in jedem ein junges Bäumchen vorhanden. Nachdem sie Auf- Stellung genommen hatten, gab ein Signa! des leitenden Lehrers den Augenblick an, in dem mit dem ״Pflanzen“ begönnen werden durfte. Die Spannung und Begeisterung war groß. Einen wundervollen Anblick bot das bunte Bild. Die Kinder hatten zum Teil Sehultrachten an. Alle waren festlich gekleidet. Nach, getaner Arbeit, die Beth-Hakerem einen weiteren schattigen Platz mit Bankanlagen fiir seine Gäste bringt, zog inan auf den Spielplatz hinunter. Tum- Vorführungen der Jungen, Tänze der Mädchen wechselten ah, die Kapelle der Bläser kapelle der Tarhkemonischule verdient besonders hervorgehoben zu werden. Auf den Höhen ringsum saßen die Zusdiauermasson, unter denen die orientalischen Juden aus der Altstadt hervorstachen. Fiir viele, vielleicht die meisten der Tausende, ist dies ein Ausflugstag eigener Art. Der Jude Jerusalems kennt Ausflüge nur seiten. An diesem Tage mm zieht er ins ״Ginne“, denn kein anderer Weg ist so von Gästen eingesäumt wie der durch Beth-Hakercin, Man bewunderte die Bäume und die Blumen, aber weder auf detn Hinnoch' aut dem Rückwege gab es Zeit, lange zu verweilen, der Strom stieß jeden weiter. Die Menge der Teilnehmenden wurde auf zirka 10 000 geschätzt. Joseph M a r c 11 s Spiele der Kinder nach der Baumpflanzung ■j- JE | ÜSs’■. 'ffis. ■! .«ייו■ ■

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