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Jüdische Rundschau · 1936-02-21 · Heft 15 (21.2.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 15 (21.2.1936)
Date
1936-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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15 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpl. JÜDISCHE RUNDSCHAU Sd1rlftItU«a|,V«rlaf «u AnmelgnnvnrwnHtmjn B«rll«W15 ,ÄnInnknttT. 1• Firarui: Sammei-Nr. 11 Bismarck 5181/82, 7165/70, 7240/42- - Bezugspreis eiz&schL Beetetlgeld je Monat RM 2,-* je Vierteljahr RM 5*75» bei Abholung RM 1,88 hzw. RM 5,39. — Postscheck Konten der Vertriebs * Abteilung: Berlin 715 73 (für Groll - Berlin), Berlin 17392 das übrig« Reich), ln Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder F.rntattung etwa schon gezahlter ßesugsgebähren. — Erscheint ]•den Dlaaita! and Fraltaf. BERLIN כ״ח שבט תרצ״ו FREITAG, 21. FEBRUAR 1936 Qttltigi Anselgenpretaliate Nr. 4, Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf, för F'amiliennachrichten 15 Rpl. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in beetimmte Ausgaben kann sicht gewährleistet werden. Gelegenheit*- anreigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bsr Montag bi» Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Annnhmeachluß für die Dienstag - Auagabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Aus• gäbe Mittwoch 13 Uhr. (F'ür Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das Jüdische Volk die Schaffung einer Sttentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Der Auswanderungs-Kommissar Sir Neill Malcolm ernannt Genf, 18. Februar. (JTA.) General Sir Neill MaleoIm ist zum Oberkommissar für die Auswanderer aus Deutschland ernannt worden. Als Ernennungsdatum wurde vom Präsidium des Völkerbundsrates der 14. Februar festgesetzt. (Die wichtigsten Lebensdaten des neuen Kommissars, der ein iin 67. Jahre stehender General ist, haben wir vor einer Woche veröffentlicht.) Malcolms Absichten Generalmajor Sir Neill Malcolm gewährte einem Vertreter des Londoner JTA.-Büros eine Unterredung, in der er sich über die mit seinem neuen Amt verbundenen Aufgaben äußerte. Sir Neil! bemerkte einleitend, er habe seine Arbeit bereits auf genommen, und stellte sodann fest, dal) seiner Auffassung nach das Oberkommissariat mit der Wirt- Schafts- und bcrufsfürsorgcrisclicn Seite des Auswanderer- Problems nichts zu tun haben soll. Dieser Teil der Arbeit solle vielmel durchaus den Privatorganisationcn für Auswandererhilfe überlassen bleiben. Ich werde mich, erklärte der Oberkotnmissar, au-schließlieh mit den politischen und rechtlichen Fragen belassen, die Personen, soweit sie bereits ausgewandert sind, betreffen. Der Völkerbund befaßt sich nur mit dem politischen und rechtlichen Status der Menschen nach ihrer Aus- Wanderung. Er befallt sich dagegen nicht mit ihrer wirts c h a f 11 i c h e n Lage, um die sich Institutionen zu kiimmern haben, die wir als philanthropische oder fiirsorgerischc bezeichnen können. Es wird eine deutliche Abgrenzung der Arbeitsgebiete stattfinden. Das, was der Völkerbund tim will, ist weit entfernt von dem, was früher der Völkerbundskommissar getan hat. Zum Schluß erklärte Sir Neill, daß die ersten Maßnahmen, die er nunmehr treffen werde, im Zusammenhang stünden mit der zwischenstaatlichen Kegierungs‘ onferenz, deren Einberufung zwecks Behandlung der Auswandererfrage in Zukunft der Völkerbundsrat beschlossen hat. Oberkommissar Malcolm wird in Genf ein Büro haben, glaubt jedoch, daß er sich vorwiegend in London aufhalten wird. * Durch die Ernennung von Sir Neill Malcofm tritt ein Mann von erprobter Energie und großer internationaler Reputation an die Spitze des neuen Völkerbunds-Kommissariats. Sir Neill Malcolm gehört zu d e n hohen englischen Militärs, die sich auch in Verwaltung und im geistig-politischen Leben einen Namen geschaffen haben. Aus den verschiedenen Positionen, die er in der Nachkriegszeit eingenommen hat, sind Reise Wauchopes nach London? Jerusalem, 17. Februar. (JTA.) In politischen Kreisen wird behauptet, daß High Comniissioner Sir Arthur Wauc h o p e Vorbereitungen zu einer neuerlichen Reis c 11 a c h London im März d. J. treffe. Diese Reise soll mit Rücksicht daraut unternommen werden, daß sich die Not- Wendigkeit ergeben habe, die jüngste Entwicklung der englischen Palästina-Politik gemeinsam mit den maßgebenden Faktorc ׳ in London einer Prüfung zu unterziehen. Gleichzeitig wird darauf hiugewiesen, daß diese Reise des High Comniissioner zeitlich mit dem Aufenthalt Dr. Weizmanns in London zusammenfallcn würde. (Eine Bestätigung dieses Gerüchts einer angeblich geplanten London-Reise Wauchopes liegt nicht vor. — A. d. R.) Brodetsky über die politische Lage London, 17. Februar. (JTA.) In der Vereinigung paläsiinensischer Studenten sprach der politische Dezernent der Zionistischen Exekutive in London, Prof. Dr. Selig Brod'etsky, über die gegenwärtige politische Lage in Palästina. Die' schwierigste Aufgabe der Zionistischen Organisation, erklärte der Redner, bestehe darin, der Regierung kiarzumachen, daß es sich bei dem zionistischen Problem nicht um die bloße Erwerbung eines Territoriums, sondern darum handele, dem jüdischer! Volk die Möglichkeit seiner Wiederaufrichtung zu geben. Von den verschiedenen englischen Regierungen sei die Judenfrage häufig mit den Interessen der Pflanzer von Kenia in einen Topf geworfen worden, von denen man erklärte, sie hätten sich angesicdelt, um die Eingeborenen auszubeuten. Diese Ansicht sei insbesondere zur Amtszeit des Kolonicnminister Lord Passf i e 1 d vorherrschend gewesen und habe in dem berühmten Weißbuch ihren Ausdruck gefunden. Es sei zwar ziemlich leicht gewesen, die Tatsachen festzustclicn, die diese irrige Ansicht widerlegten, aber eine ganz andere Sache war es, auch die Verwaltung zu überzeugen; so sei es der Jewish Agency sehr schwer gefallen, die Ausgabe einer größeren Zahl von Einwanderungszertifikaten durchzusetzen. Ein weiteres Argument, das von der Regierung ins Treffen geführt werde, wenn eine größere Zahl von Zertifikaten von ihr verlangt wird, sei der Hinweis auf die fluktuierende kleine Zahl von Arbeitslosen. Die Regierung verlange, daß diese Arbeitslosen zunächst Arbeit gefunden haben müßten, bevor neue Zertifikate bewilligt werden. Im Zusammenhang damit betonte Prof. Brodetsky, daß die wirtschaftliche Lage in Palästina gesund sei. Die emporgetriebenen Bodenpreise seien wieder auf eine normale Höhe zurückgesunken, die. Bodenspekulanten seien zurückgedrängt ilun auch die Verhältnisse in Deutschland nicht unbekannt. Sir Neill’s Amt ist im Gegensatz zu dem seines Vorgängers, des Amerikaners James MacDonald, dem Völkerbunds-Apparat direkt eingegliedert. Aus dieser Tatsache ergibt sich offenbar auch die einschränkende Auffassung, die er von seiner Aufgabe zu haben scheint. Der V'ölkerbundsrat hat in seiner letzten Sitzung bei der Beschlußfassung über die Errichtung des neuen Kommissariats zu erkennen gegeben, daß er nicht den Wunsch hat, neue Agenden, die bisher nicht auf dem Völkerbund lasten, in den Kreis seiner 'Tätigkeit zu ziehen. Die Frage der künftigen Auswamlerung aus Deutschland wurde ausgeschaltet. Die große, auf der Welt lastende Frage, was mit den jüdischen Massen, die in den verschiedenen Ländern ohne jede Fxisten/möglichkeit leben und zur Auswanderung drängen, geschehen soll, wurde vom Völkerbund nicht erörtert. Der Gedanke, daß die J u d e 11 f r a g e in i h r e r Gesamtheit im Rate der Völker zur Diskussion gestellt und unter tätiger Mithilft; jüdischer Stellen eine auf lange S i c 111 b e r e c 11 - nete Hilfe ungebahnt wird, ist noch, nicht verwirklicht. Dies müssen wir uns ins Gedächtnis rufen, um nicht falsche Hoffnungen auf die Tätigkeit des neuen Volkerbundsorgans zu setzen. Man muß bedenken, daß das Interview Malcolms eine Presse-Acufieriing und keine offizielle Kundgebung ist. Nach seinen Worten zu schließen, scheint der Oberkommissar sich in erster Linie der Einberufung der zwischenstaatlichen Konter e 11 /. widmen zu wollen, bei der über den rechtliehen Status der Emigranten gesprochen weiden soll. Ls wird aber nicht zu umgehen sein, daß das Kommissariat in Zusammenarbeit mit jenen Institutionen tritt, die unmitfelbar Hilfsarbeit leisten wollen, also vor allem mit den großen jüdischen Organisationen. Denn das Problem des .rechtliehen Status der Emigranten ist zum großen Teil ein Problem der Beschaffung von Aufenthalts- und Arb c i t s c r I a 11 h n i s s c 11 in verschiedenen Ländern, und diese sind unter Umständen an materielle Voraussetzungen , geknüpft, wie sie andererseits auch die Voraussetzung zu einer planvollen Hilfsarbeit bilden. In der praktischen Arbeit dürfte dem neuen Kommissar, dessen Weitblick gerühmt wird, bald klar werden, daß mit einer ,,Aufarbeitung‘‘ der gegenwärlig in der Luft schwebenden Emigranten nur ein A n ־ f a n g gemacht wäre, da das eigentliche Problem dahin geht, Raum zu finden für Menschen, denen in Zukunft nichts anderes als Auswanderung übrig bleibt. Wir hoffen und wünschen, daß sich die Tätigkeit des neuen Oberkommissars fruchtbar und segensreich gestalten möge. worden und sind größtenteils verschwunden. All dies seien erfreuliche Erscheinungen. Die Zertifikatfrage werde allerdings stets eine besonders schwierige sein. Zur Frage der Bodengeseftzgebung London, 17. Februar. (JTA.) Vor den Mitgliedern des P r o - P a I ii s t i n a - K o m i t e c s des englischen P a riaments sprach Mrs. Edgar D u g d a 1 e, die Nichte des verstorbenen I.ord Balfour, über die gegenwärtige Richtung der Rcgicrungspolitik in Palästina. Die Rcdiierin betonte die Notwendigkeit, die Frage einer neuen Bodengesetzg e h u 11 g in Palästina sorgfältig zu überprüfen, bevor irgendwelche Schritte in dieser Angelegenheit unternommen werden, da die Boden frage für die Entwicklung des ganzen Landes von höchster Bedeutung sei. Jede Beschränkung des Boden- Verkaufs, erklärte Mrs. Dugdale, würde die Gesamtheit aufs empfindlichste treffen. Die Kellnerin befaßte sich auch mit der Frage des Legislative Council und anderen aktuellen politischen Fragen. Der Versammlung, die im Unterhaus abgehalten wurde, wohnten auch zahlreiche Mitglieder des Oberhauses bei. _ Ministerpräsident Klagges über die Judenfrage Die ״Westfälische Landeszeitung — Rote Erde“ berichtet, daß Ministerpräsident Klagges auf einer Kundgebung in Hagen gesprochen hat. Zur Judenfrage führte er aus, daß durch die Rasseiigesetzgebung die Erhaltung des erbgesunden Nachwuchses garantiert werde. ״Damit bestimmen wir — so sagte er — nicht etwa das Schicksal der Juden, sondern lediglich das Schicksal des deutschen Volkes. Wir greifen mit unserer Rassengesetzgebung das jüdische Volk auch nicht an, weil es jüdisch ist, vielmehr richten wir uns gegen jene Juden, die Deutsche sein wollen, ohne ein Recht hierzu zu haben.“ Präsident Franklin D. Roosevelt hat an die amerikanische M i s r a c h i - K o n f e r c n z, die am 17. Februar in Washington eröffnet wurde, eine Botschaft gerichtet, in der er die Rolle, die die Religion in der Menschheitsentwicklung gespielt hat, rühmend hervorhebt. Dies treffe mit besonderer Stärke auf die Juden zu. Von den Anfängen ihrer Geschichte an, schreibt Roosevelt, waren die religiösen Füllrer der Juden Figuren von Weltformat und haben das Volk in guten und schlechten Zeiten in günstigen Epochen und in Zeiten der Verfolgung zusammengchaltcn. Neuordnung aus neuem Geist Zur innerjüdischen Lage In diesen Wochen schwerwiegenden Geschehens, in denen die Spannungen und Nervositäten der Völker Europas die schweren Sorgen und die Angst vor Kata- Strophen widerspiegeln, haben wir Juden noch unsere eigenen speziellen Sorgen. Man hat dieser Tage gesagt, der Entschluß Englands zur Aufrüstung sei das wichtigste europäische Ereignis seit!<)18. Vielleicht sollte damit gemeint sein, da({ hierdurch eine Periode abgeschlossen wird, die den Versuch einer Annäherung der Völker darstcllen sollte, und daß wir nun wieder in eine Epoche offener Rivalität und zähen Ringens eintreten. So wurde in England die Unter- Scheidung zwischen den ״llaves und llave-nots“, den Besitzenden und Habenichtsen unter den Nationen geprägt; darin liegt das Verständnis dafür, daß Völker Raum, daß sie Boden brauchen, um darauf zu leben. Unter den Habenichtsen stellt wohl das jüdische Volk einen ganz exiremen l all dar. Wir wissen, daß unter sich immer mehr verschlechternden Verhältnissen Millioneu Juden heute in gewissen Teilen der Welt raumlos und bodenlos in einer ökonomisch fast hoffnungslosen Situation zusammengepfercht sind. Die jüdische Gemeinschaft in jedem Land hat heute (freilich mit Abstufungen) ihre Sorgen, und wir Juden in Deutschland haben gewiß welche, da für uns in einem noch weiteren Sinne als für andere es darum geht, eine völlige Umwand- 1 u n g aller Ecbensvcrhältnisse zu vollziehen. Das Problein des Zusammenlebens mit der nichtjiidischen Umweit ist für uns besonders akut geworden, und die große Mehrheit der Juden Deutschlands ist wohl ־/.u der Erkenntnis gekommen, daß nur durch Auswandcrung und durch eine grundlegende, innere und äußere IJ m s t e 1111!1 g unter viel Mühe, Geduld und Opfern die von uns gewünschte Besserung — im Laufe vielleicht von Generationen — angebahnt werden kann. Wir sehen in einer Reihe von anderen Ländern, wie die objcktiven Verhältnisse auf eine Zuspitzung dieses Problems des Zusammenlebens hinwirken; die Hoffnung, die Schwierigkeiten würden vorübergehen oder sich durch einfache Fortsetzung der gewohnten Lebensformen ״von selbst“ lösen, ist wohl für unsere l.ebensdatier geschwunden. Die Aufgabe, mit den inzwischen von lins erworbenen europäischen Denk- und Arheitsmethoden eine durch Jahrhunderte lange Entwicklung entstandene Situation mit kühler Umsicht und weitdenkender konstruktiver Vernunft zu meistern, weichst ins Gigantische. * Wir haben also, wie man sieht, unsere Sorgen, aber neben den großen Italien wir eine Menge kleiner, und oft scheint es, als ob die kleinen völlig־ (las Feld beherrschten. Wir Juden halten ein verantwortliches Handein im Sinne der Leitung unserer eigenen Geschicke erst allmählich lernen müssen. Jahrzehntelang kannten wir nur Kehilla-Angciegenheiten mit ihren aufgehntischten Eitelkeiten und Plänkeleien. Jetzt geht es um die Ganzheit unseres 1 cbens, Lines ist klar: wir brauchen alle Kräfte, die wir mobil machen können. Niemand kann heute partikulnristische Tendenzen im jüdischen Leben haben, denn jede Form von S p a 11 11 n g erzeugt eine Minderung der Kräfte. Gewiß ist die Tatsache, daß über den richtigen Weg und die richtigen Methoden jüdischer Gegenwarts- und ZukunfDnrbeit die Mcin ungen geteilt sind, nicht aus der Welt zu schaffen. Aber heute weniger als je können diese Meimingsunterschiede sich ans formelhaften Programmen herleiten, statt das Notwendige aus den Realitäten selbst zu erfassen. Und in der Praxis ist längst entschieden worden, daß es sich in vielen Dingen, die die Gemüter erhitzen, nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohlals-auch handelt. Viel Worte und Diskussionen verschieiern häufig die Tatsachen mehr als sie sie klären. Und dann besteht die Gefahr, daß wir uns in die Kontroversen um die kleinen vergänglichen Dinge verlieren, während doch die schweren Sorgen um die großen Dinge auf uns lasten. * Wenn wir einmal unter solchem Gesichtspunkt die innerjüdische Situation in Deutschland betrachten, die zuweilen in Verwirrung zu geraten droht, dann wüire folgendes festzustellen: Ls bedarf einer Zusammenarbeit und Auswertung aller hier noch vorhandenen persönlichen, intellektuellen und materiellen Kräfte. Strenge Scheidewände zwischen Gruppen sind in

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