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Jüdische Rundschau · 1936-02-11 · Heft 12 (11.2.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 12 (11.2.1936)
Date
1936-02-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JODISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT NR. 12,11. FEBRUAR 1936 Die Universität Jerusalem Wir berichteten bereits, daß Kurt Blumenfeld das Department für Organisation und Ideenpropaganda der Universität Jerusalem übernommen hat. Unser palästinensischer Korrespondent hatte bei seinem Besuch auf dem Skopus Gelegenheit, sich mit Blumen leid über Aufgaben, Ziele und Aussichten der Hebräischen Universität zu unterhalten. Wir bringen im folgenden die sehr bedeutsamen und weitschauenden Ansichten Blumenfelds. (Red.) Ein Gespräch mit Kurt Blumenfeld 1. Die Kette der Tradition In diesen Räumen hier oben auf dem Skopus ist uns die Möglichkeit gegeben und die gewaltige Aufgabe gestellt, die Fäden der Tradition, des Wissens, die überall im Judentum abzureißen drohen, zu sammeln und wieder anzuknüpfen. Eine Tradition des Wissens und der Geistesarbeit darf nicht unterbrochen werden, wenn die Werte, die in ihr enthalten sind, nicht verloren gehen sollen. Unsere Lage erinnert mich an jenen Brand der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur in China, die die Gebäude zerstörte und die Arbeit, die hier seit Jahrhunderten getan worden war, mit einem Schlage stillegte. Erst als man daran ging, die Ruinen wieder aufzubauen und mit der Porzcllanherstellung von neuem zu beginnen, wurde es klar, daß man nicht mehr zu den Leistungen imstande war, die vor dem Brande diese Erzeugnisse in der ganzen Welt berühmt gemacht hatten. Die alten Meister waren gestorben, die Herstellung des Materials, die Mischung der alten Farben in Vergessenheit geraten — durch die Unterbrechung der Tradition in kurzer Zeit war die Fähigkeit verloren gegangen, das edle chinesische Porzellan zu erzeugen. In einer ähnlichen Gefahr befinden sich die luden heute. Sie haben einen Schatz an Kenntnissen, an Wissen aufgehäuft, den sie tradieren müssen, wenn er nicht verloren gehen soll. Und es darf nicht dazu kommen, daß die Kette abreißt, daß eine, daß zwei Generationen folgen, die nicht in diese Kette eingereiht sind. Bald werden keine großen jüdischen Aerzte mehr in der Golah sich bilden können, keine jüdischen Gelehrten dort mehr erwachsen. Es bleibt nur noch eine kurze Zeit für die Aufrechterhaltung der naturwissenschaftlichen Tradition unter den Juden. Lassen wir sie tatenlos verstreichen, so droht uns das Abreißen der Kette, das Versinken der angesammelten Kenntnisse und Fähigkeiten. 2. Die Einzigartigkeit Palästinas Das Land selbst stellt uns heute unausweichlich unsere Aufgaben, drängt uns zu seiner Erforschung und seiner Erkenntnis. Ein Volk, das in einem Lande lebt, erwirbt das Recht auf das Land auch dadurch, daß es das Land kennt und es wissenschaftlich erforscht und beherrscht. Wieviel bemühen sich die anderen um dieses einzigartige Land. Was hat die internationale Wissenschaft hier aufgedeckt, was tut sie noch heute! Aber im tiefsten Grunde wartet das Land noch auf uns, auf unsere Forschung, unsere Fähigkeiten und unser Interesse. Nach den vielen Ausfrabungsunternehmen der Vergangenheit warten nach den chätzungen der Forscher noch weit über tausend Punkte aut ihre archäologische Untersuchung. Welch große Aufgabe für die Hebräische Universität! Dieses Wissen um das Land umfaßt alle seine Gebiete. Die Kenntnisse des Landes müssen gesammelt, ein M u - seum für Landeskunde geschaffen werden. Seine Flora, seine Fauna muß studiert, gesammelt, von der Wissenschaft erfaßt werden. Hier haben wir schon heute vielversprechende Anfänge auf der Universität. In einem Glasschrank finden wir den Urweizen, daneben die Pflanzen, die einmal untrennbar zu dem Weltbild und Lebensgefühl des jüdischen Menschen im Lande gehörten. Die Propheten, die früher hier wirkten, kannten nur die Welt, in der sie lebten. Aber mit ihr waren sie eng verbunden, mit ihr empfanden sie, aus ihr holten sie ihre Beispiele und Sinnbilder. In diese Welt kehren wir heute zurück, mit ihr wollen wir uns verbinden und sie erforschen. Wie schön ist es, durch diese Kenntnis der Dinge zu sehen, was im Lande möglich ist, was hier geschehen kann. Man spricht heute immer von einer Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften. Wie führt uns aber der Anblick der palästinensischen Landschaft, ihrer Tiere und Pflanzen in die Bibel hinein, wie bekommen ihre Geschichten und Gestalten erst hier lebendige Anschaulichkeit. Elijahu, der den gewaltigen Regen erwartet, die Schilderung im letzten Kapitel des Fünften Buches Moses — all das, was draußen Schilderung war, wird hier erlebte Anschauung. 3. Aufgaben der Universität Unsere erste und wichtigste Aufgabe ist die Forschung. Die Universität soll eine Stätte der Forschung sein. Die höchsten Leistungen können hier erreicht werden. Die Menschen, die sie vollbringen können, sind da. Wir müssen ihnen nur die Arbeitsmöglichkeit geben. Uns ist es heute möglich, dem Schicksal, der Katastrophe einen Sinn zu geben. Die Not als solche ist nicht schöpferisch. Vom Menschen muß etwas geschehen, was sie fruchtbar macht, was der Katastrophe einen historischen Sinn gibt, dem blinden Schicksal eine Richtung. Für diese höchste Leistung müssen wir die Voraussetzungen schaffen. Institute, Bauten sind erforderlich, Apparate, Instrumentarien für die Experimentalforschung. Die Universität kann baulich unsere Akropolis werden, eine neue Leistung jüdischer Schöpferkraft. Unci dieses Neue, das wir aufrichten müssen, muß etwas Besonderes sein. Der Ort, der Skopus, hingelagcrt mit dem Blick auf Jerusalem, das Tote Meer und die Berge Moabs, dieser Ort mit seinen historischen Erinnerungen, verpflichtet. Es gibt eine Verantwortung vor den Bauten, die einmal existierten und auch vor solchen, die heute stehen (der Tempclplatz). Gerade hier ist es gefährlich, konventionelle Bauten hinzustellen. Der schöpferischste Baumeister ist gerade gut genug. Die Leistungen, die hier oben vollbracht werden, können sich die nötige Resonanz schaffen. Die Wissenschaft des iudentums in Deutschland war resonanzlos, schwebte im .eeren. Hier kann und muß es anders werden. Die große Aufgabe der Universität ist jetzt, zu sammeln und zu sichten. Bialik hat gesammelt, die Grundlagen gelegt für die spätere Schöpfung. Erneuerung kommt erst aus dem Erlebnis, das im gemeinsamen Leben von Generationen dem Menschen zuteil wird. Aus dem Wissen und der Kenntnis, die schon da ist, ist der gemeinsame geistige Besitz des jüdischen Volkes vorzubereiten und allmählich zu schaffen. Die Universität soll in ihrem äußeren Umfang zunächst aut die Stufe einer mittleren europäischen Universität kommen. Ihr Aufbau muß planmäßig sein. Manchmal gelingt es auch, ein Werk zu errichten, wenn man an allen Ecken zugleich zu bauen anfängt. Für uns ist heute diese Zeit vorbei. Viele Elemente sind vorhanden, heute muß man versuchen, sie sinnvoll zu verbinden. Darum dürfen Erweiterungen nicht in der Erfüllung zufälliger Wünsche bestehen, sondern unter rein sachlichen Gesichtspunkten erfolgen. Beträge, die nur unter der Bedingung gegeben werden, daß sie für eine bestimmte Sache verwendet werden, schaden dem Etat und dem planvollen Aufbau der Universität. Es ist unsere Erziehungsaufgabe, den Spendern und Freunden der Universität diese Tatsache klarzumachen. Jeder Beitrag muß ein Baustein für den Gesamtaufbau sein. 4. Zionismus und Universität Ein interessantes Phänomen: für Wirtschaft und Politik interessierte sich bei uns immer der innerste Kreis der Bewegung, für Kultur und Universität kamen die Förderer vielfach aus der Peripherie. Dies muß aufhören. Heute ist die Kultur eine zentrale Aufgabe. Wenn wir Zionisten an die Verwirklichung des Zionismus dachten, glaubten viele von uns: Kultur kommt von selbst. Die Behandlung von Kulturfragen war den Spezialisten in der Ecke überlassen. Die Juden haben aus den Ländern der Golah ihr Gepäck mitgenommen und zu den Mobilien, die sie transportierten, gehören auch ihre Anschauungen über den Staat, über die politischen Parteien und über Wesen und Sinn des Lebens. So neu das materielle Gepäck ist und so sicher es auch hier seinen Wert behält, so alt und problematisch ist vielfach das geistige Gepäck, das sie mitbringen. Es muß allen bewußt werden, daß wir hier in unseren Anschauungen neu zu lernen haben, daß sie auf neuen Kenntnissen erwachsen müssen. Andererseits kann man auf diesem Gebiet nicht sofort etwas Neues schaffen. Ueberall, wo Juden Outsider waren, hatten sie als festen Standort das allgemeine Leben. Hierher kommen sie, um die Voraussetzungen dieses Lebens erst zu schaffen. Und wenn das Chaos die Voraussetzung der Schöpfung ist, so muß man verstehen, Zeit gekommen ist, Ordnung Denn Schöpfung ist Ordnung daß jetzt die zu schaffen. (Kosmos). 8. Die Aufgaben In der Welt Es kann keinen niveaulosen Zionismus geben. Die Völker glauben, durch ihre Zahl, durch ihre Masse, durch ihre triebhaften Kräfte wirken zu können. Wir aber waren und sind ein Volk, das nicht durch die Zahl imponiert. Wir können kein unkontrolliertes Leben führen. Unsere Rettung bestand immer darin, daß wir die Kraft hatten, unser Leben zu kontrollieren. Irgendeine Macht des jüdischen Volkes kann nur zur Geltung kommen durch ein Volk, das danach ist. Das ist eine Frage der Erziehung, der Bildung, der Kultur. Sie sind ein Teil der jüdischen „Machtpolitik", das heißt die Voraussetzungen für die Behauptung der bewährten Kraft, Gerade in Zeiten krisenhafter Zustände kommt es darauf an, wie die Menschen sind. Andere haben einen Staat, der durch Gesetze und Ordnung hilft. Wir brauchen die Erziehung, um Ordnung zu halten, Kleinmut, Panik, Zusammenbruch zu vermeiden. Ob wir die Nerven behalten oder verlieren, ist eine Frage der geistigen Haltung und des Charakters. Wir brauchen ein gebildetes Volk, kein Volk von Akademikern, sondern von gebildeten Juden. Der Arbeiter soll nicht ungebildeter sein als der Besitzende, aber der Besitzende auch nicht ungebildeter als der Arbeiter. Weder Besitz noch Arbeit befreien von der Pflicht desLernens. Wir hatten bisher das Glück einer Relation zur Umwelt. Diese wird uns heute hier entzogen. Wir laufen gerade im eigenen Lande die Gefahr der Provin/.ialisicrung. Ihr werden wir nur durch gründliche Bildung und Erziehung begegnen. In der Golah bedeutet Bildung die Kenntnis der Oberfläche, im eigenen Lande bedeutet sie die Verwurzelung durch die Vergangenheit. Die Frage der Bildung führt uns unmittelbar zur Frage der Form. Leben ist Form, kann sich nur in Form manifestieren. Eine unmittelbare Manifestation des Lebens existiert nicht. Wie können Kenntnis und Wissen dabei helfen? Form kann nur geschaffen werden durch gemeinsamen geistigen Besitz. Das nationale Gefühl erwächst nur auf Grund von gleichen geistigen Erlebnissen. Es muß die Möglichkeit der Verständigung im gemeinsamen vertrauten Raum geistigen Besitzes gegeben sein. Diesen geistigen Raum zu schaffen, ist der Sinn der Erziehung. Diesem Ziele dienend, muß die Universität der Besitz des ganzen Volkes auf der Welt sein. Sie muß zu einem Mittelpunkt werden, an dem alle Juden ein Interesse nehmen. Hier gibt uns die Organisation der Freunde der Universität einen organisatorischen Rahmen für dieses Interesse und für die tatsächliche Mitarbeit am Aufbau des Instituts. Hier ist zugleich das Feld für die großen Mäzene, die bereits viel für das Werk auf dem Skopus geleistet haben. (Warum geben aber immer noch Juden Riesensummen für allgemeine Institute, während sie mit Gleichgültigkeit an unseren Bemühungen vorbeigehen?) Der Aufbau der Hebräischen Universität auf dem Skopus, einer der ältesten historischen Stätten der Welt, an einem der vielleicht schönsten Punkte der Erde, ist eine gewaltige Aufgabe. Sie gibt uns die Möglichkeit, in einer Stunde der schwersten Not der jüdischen Geschichte ein Werk zu errichten, das die Verstreuten Israels von neuein um ein Zentrum sammelt. Eine Siedlungsgesellschaft des KH. Nach Genehmigung ihrer Statuten durch die Regierung wurde die P a 1 e s t i n e A g r i c u 11 u r a 1 Settlement Association Limited ms Register eingetragen. Diese Genossenschaft wurde auf Grund eines Kongreßbcschlusscs gegründet und soll die Kolonisationsarbeit des Keren Hajessod mit übernehmen. Die Genossenschaft wird ferner durch Herausgabe von Schuldscheinen Gelder außerhalb des Keren Hajcssod aufbringen. Der Keren Hajessod ist Inhaber der Gründeraktien mit 51 «o des Stimmrechtes. Es ist beabsichtigt, eine Kapitalerhöhung zum Zwecke der Ausdehnung der Kolonisationsarbeit durchzuführen. (Palcor.) Krise im Stadtrat von Tel-Awiw Tel-Awiw, 9. Februar. (JTA.) Infolge eines Kompetenz Streites zwischen den bürgerlichen Stadträten und den Vertretern der Arbeiterschaft ist es im Stadtrat zu Tel-Awiw zu einer ernsten Krise gekommen. Der Vizebürgermeister Rokeac h hat sein Amt niedergelegt und will es nur unter der Bedingung wieder übernehmen, daß die Rechnungen aller Ressorts der Stadtverwaltung vorher ihm und dem Bürgermeister Di/cngoff zur Gegenzeichnung vorgelegt werden. Im Hinblick auf die Demission Rokcachs hat der Zentrumsblock des Stadtrats eine Beratung abgehalten und zu Bürgermeister Dizengoff eine Abordnung entsandt, die von ihm verlangte, er solle die Forderungen des Vizebürgermeisters Rokeach unterstützen. Andernfalls würden sämtliche den bürgerlichen Parteien angehörenden Ressortleiter demissionieren. Es werden alle Anstrengungen gemacht, um diese Krise zu beheben. Die Einigungsverhandlungen im «Jischuw Jerusalem, 7. Februar. (JTA.) Dr. Chaim Welzin a n n, der demnächst Palästina verläßt, benutzt die letzten Tage seines Aufenthaltes in Palastina, um durch Verhandlungen mit den verschiedenen Gruppen die politische Einheit des lischuw zu sichern. Am 6. Februar hat Weizmann eine Besprechung mit den Allgemeinen Zionisten Palästinas über politische und wirtschaftliche Fragen abgehalten. Die Allgemeinen Zionisten verlangen entsprechend den- Vereinbarungen auf dem letzten Kongreß die Einsetzung eines Amtsleiters aus ihren Reihen in der Palästina-Exekutive. Die Waffeneinfuhr nach Palästina London, 6. Februar. (JTA.) Der Abgeordnete Major M i I n e r fragte im U n t e r h a u s den Koloniennünister, ob er w isse, daß geheime W a f f c n s e n d u n g e n in steigendem Maße nach Palastina gingen, und daß arabische, japanische und griechische Agenten damit befaßt sind, hauptsächlich über die Nord- und Ostgrenze Waffen in das Land zu bringen. Im Nann-n der Regierung erklärte .Major Davis, daß das Kolonicnministerium von kleineren Warensendungen nach Palästina wisse, und dall alle möglichen Schritte gemacht worden sind und in Zukunft gemacht werden, um diese Dinge zu unterbinden. Die Führer der arabischen Parteien die an der Besprechung mit dem High Commissioner über den Legislative Council teilnahmen Ragheb Bey Nasehaschibi (Nationale Verteidigung.? - Partei) Dschemal Husseini Partei) (Mufti- Ishac tff. ßudeiri (Reform- Jakub Kif. Ghassein I'Jugend- Partei J Organisation) i\>u>: Uur Dänin

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