Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1936)
- Date
- 1936-01-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8, 28. I. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite tt* Das Neueste in Kurze Von unserem palästinensischen al.-Korrespondenten Politik L o r d L1 o y d, der frühere High Commissioner in Aegypten, hielt sich einige Zeit als Gast des palästinensischen Oberkommissariats in Jerusalem auf. Die arabische Presse erklärt diesen Besuch in Palästina und die Reise Lloyds nach Aegypten mit einem Auftrag Londons, über die Lage in den beiden Ländern und die Richtung der englischen Politik in nächster Zeit berichten. In einer Versammlung in Haifa wählte die Vereinigung in o s 1 e in ischcr junger Männer einen Nachfolger für Scheich ei Kassau, den in dem Kampfe zwischen den Terroristen und der Polizei getöteten Führer der Vereinigung. Die arabische Presse gibt der Vermutung Ausdruck, daß der Prozeß gegen die Terroristen immer von neuem verschoben wird, weil die englische Regierung jetzt, wo die Frage des Gesetzgebenden Rates auf der Tagesordnung steht, die öffentliche Meinung nicht von dieser Frage ablenken will und sich außerdem scheut, Verurteilungen der Terroristen in einem Momente vorzunehmen, wo die arabische öffentliche Meinung ohnedies erregt ist. Wirtschaft Nach der Verbindung der W <i s s e r I e i t u n g von Ras El E j n mit dem Reservoir in Jerusalem ist die Wasserabgabe an die Einwohner der Hauptstadt häufiger geworden. Die Wassernot ist behoben. In nächster Zeit wird man anfangen können, die Reservetanks der Einzelhäuser täglich zu füllen. In Jerusalem fand die Jahresversammlung der Gesellschaft zur Förderung der palästinensischen Touristik statt, an der Engländer, Araber und Juden teilnahmen. In dem Bericht des Vorsitzenden wurde bekanntgegeben, daß die Regierung der Gesellschaft eine Subvention von £ 500 bewilligt habe. Ein Antrag, von der Regierung die Erleichterung der Einreise für Touristengruppen zu verlangen, wurde angenommen. Die Versammlung befaßte sich unter anderem mit dem starken Ausfall in der Touristik dieses Winters. Im Jahre 1035 kamen über 100 000 Touristen ins Land, die etwa 1' , Millionen Pfund im Lande ausgaben. In J e r u s a I e in ist ein Konflikt zwischen den Bäckereibesitzern und der Arbeiterorganisation entstanden. Die Arbeiter verlangen, daß das in den jüdischen Vierteln vertriebene Brot mit jüdischer Arbeit hergestellt werde. Die Verhandlungen haben bisher keine Resultate geliefert. Bei C h e d e r a h wurde der Grundstein zu einem neuen Arbeiterviertel gelegt, das den Namen Ncve Chajim tragen wird (nach Chajim Arlosoroff). Es wird mit dem Bau von 40 I läusern begonnen, für die die Arbeiterkolonisationsgesellschaft „Nir" Anleihen bewilligt hat. Im ganzen ist der Bau von 250 Häusern vorgesehen. Die Darlehnskasse der Arbeiter in Tel-Awiw besaß Ende des Jahres 1935 ein Kapital von nahezu £20 000 und 6600 Mitglieder. Es wurden nahe an £ 100 (»0 Anleihen im letzten Jahre ausgegeben. Das Werk Anna Tidios Von Arthur Eloesscr Wenn Reinbrandts draufgängerischer Simson bei Delila nächtlichen Einlaß begehrt, so klopft er an die Tür eines holländischen Patriz.ierhauscs, das im Judemiertel von Amsterdam steht. Mit dieser Freiheit hat man bis in die Neuzeit Szenen aus der Bibel gemalt als einem Hausbuch der Menschheit, in dem sich jedes Volk und jeder Künstler mit seiner Väter Hausrat einrichten konnte. Das Land der Bibel in seiner Wirklichkeit wurde wissenschaftlich erst vor hundcitfünfzig Jahren entdeckt, worauf ein dichterischer und künstlerischer Kuh der immer gern schweifenden Romantik folgte. Victor Hugo verkleidete sich mit seinen ,,Orientales" in das weite J^p,-»™ r*. ~ . „,. . " - -Wf^ ' Gewand eines arabischen Scheikh, setzte sich einen Turban auf, steckte einen Dolch in den Gürtel, und ein Freiligrath wollte durchaus aut „Yemeiis glühendem Sand" geboren sein. Von den Malern hatte ein Delacroix wenigstens den Orient kennen gelernt und von da die sogenannte judenhochy.eit von Marokko mitgebracht. Andere schufen sich, wenn sie überhaupt eine anregende Vcrglejchung brauchten, einen In der Haifa-Bay wurde der Grundstein für den Bau einer Fabrik elektrischer Kabel gelegt. Die Fabrik wird zu Beginn 30 Arbeiter beschäftigen. In H a i f a wird der Bau einiger Eisfabriken beendet, so daß in diesem Frühjahr die Eisproduktion auf insgesamt 0800 Block steigen wird. Im August betrug die Produktion insgesamt 1700 Block, so daß die durch das Wachstum der Stadt vergrößerte Nachfrage nach Eis nicht befriedigt werden konnte. I)ie Zahl der Kühlräume in der Stadt wird ebenfalls vermehrt, so daß verderbliche Güter entsprechend gelagert werden können. Im G e w e r k s c h a f t s h a ti s Beth Brenner in Tel- Awiw ist eine T e x t i I a u s s t c 11 u n g arrangiert worden, aut der die Produkte von 30 jüdischen Textilfabriken ausgestellt sind. Die Ausstellung ist ein Teil der starken Propaganda für palästinensische Produkte, die gegenwärtig vom Tel-Awiwer Arbeiterrat getrieben wird. Die E i s e n b a h n a n g e s t c 111 e n verlangen von der Leitung eine bis 1954 rückwirkende Gehaltserh ö h u n g wegen der gesteigerten Mietspreise. Nach den Nachrichten der Stadt Tel-Awiw gab die Munizipalität im Jahre 1935 2073 Bauerlaubnisse für 11822 Zimmer und 321 Läden auf einer Baufläche von 450 706 Quadratmetern aus. Für das Jahr 1934 lauten die entsprechenden Ziffern: 2113 Erlaubnisse für 13 707 Zimmer und 316 Läden. Baufläche 429 729 qm. Bis September stieg die Zahl der Baiierlaubnisse ständig im Verhältnis zum vorigen Jahre. Von Oktober an beginnt ein gewisser Abstieg. Im I)ezeinbcr 1935 wurden Erlaubnisse für eine Fläche von 21 201 Quadratmetern ausgegeben, während im Dezember 1034 die Baufläche 38026 Quadratmeter betrug. Bei der J a h r e s v e r s a m m I u n g d er Pardeß-Gc- Seilschaft (Versatidkooperativc für Zitrusfrüchte) wurde eine Resolution gefaßt, die von der Regierung die Erleichterung der Zollhedingungeii in England für palästinensische Zitrusfrüchte und die Hilfe der Behörden bei Verhandlungen mit anderen Regierungen für die Einfuhr palästinensischer Frucht verlangt. Die Resolution wird dem High Commissioner übermittelt werden. Kultur und Gesellschaft In Jaffa ist eine neue arabische illustrierte Wochenschrift erschienen. In Jaffa wurde der Grundstein für eine arabische Schule gelegt, die der moslemische Verein junger Männer errichtet. Der Mufti von Jerusalem war bei der Feier anwesend und forderte die Besucher auf, die Vereinigung zu unterstützen. In Kwuzath Schiller (bei Reehowoth) wurde die Ankunft einer Gruppe der Jugendalijah aus Deutschland festlich begangen. Unter den Gästen war auch Chajim Weizmann, der eine kurze Ansprache an die Kinder richtete. Bar Mizwah. Am 1. 1-Vlmi.ir (8. Srtiwat): KU PowiUci, Sülm vor, Dr. Bruno 1'nv.itzer, Ramath 1 lasehaw im. Orient nach italienischen oder spanischen Vorbildern, indem sie ihm eine noch reichlichere Vegetation an Palmen und Kakteen verliehen und die Landschaft mit immer gleichbleibenden Kulissen besetzten; es haben da auch Anforderungen der Oper mit hincingespiclt. Die jüdischen Kunstler, die endlich nach Erez Israel kamen, waren zu gut, also schlecht vorbereitet; sie mußten, auch fur ihr inneres Auge, diese Kulissen erst von der Landschaft wegschieben, auch wenn ihnen das dahin übertragene Volksleben schon aus dem osteuropäischen Ghetto vertraut war. Als ich in Jerusalem einen der ersten von ihnen nach seinen neuen Arbeiten fragte, sagte er; an wirklichen Bildern ist nych nichts vorhanden; ich muß erst neu sehen lernen, bevor ich einen Pinsel anfasse. Womit natürlich wie bei jedem richtigen Künstler nicht eine absichtsvolle Beobachtung geimint war, sondern diejenige, die sich durch atmosphärische Mitteilung, durch unbewußte Poreitatmung wie von seihst ergibt. Schon die Photographen, wie man sich leicht überzeugen kann, haben die größte A\ühe, für ein Land unter diesem Breitengrad die richtige Stufe ihrer Bclichtungstabelle zu finden. Die Maler müssen sich eine neue Palette anlegen, um sein Licht und seine Farben einzufangen. Da gibt es keinen helfenden Vergleich. Die Luft in Paliistina ist noch viel durchsichtiger als die in Griechenland; man unterschätzt in dem Wüstengebiet wie" auch auf hoher See alle Entfernungen. Die Sonne geht schneller auf und unter, sie verweilt nicht in Uebergängen wie über Europa, Licht und Schatten haben da ganz andere und sozusagen dramatischere Beziehungen. Die Seele der Landschaft ergibt sich nicht einer noch europäisch gestimmten Seele. Nicht in der Sandwüste, nicht in der Stchiwüste, namentlich im Gebirge Juda mit den rostgclberi, rostbraunen, rostroten Schichten und mit dem darauf schwimm .'iiden violetten Schimmc". Fast jede I.andschait, in die man sieh einlebt, kann zu einer gewissen Menschenfreundlichkeit gezähmt werden; diese verdorrte, zu besonderer Härte versteinerte bleibt heroisch, asketisch, scheint wenn nicht feindlich, so doch gleichgültig gegen den Menschen. Manche von der schon beträchtlichen Alijah der Künstler schieben um ersehciis immer noch die alten Opernkulissen in die palästinensische Landschaft, tun mit ihr vertraut, als ob sie zu ihr dieselben gemütlichen Beziehungen hätten. Die wichtigste Arbeit zu ihrer Bewältigung ist von einer Frau, \on Anna T i c h o, geleistet worden, der es wahrscheinlich auch zugute kommt, daß sie schon seit mehreren Jahrzehnten dort lebt. Der verdiente Erfolg hat ihre zähen Bemühungen auch belohnt; Anna Ticho hat in mehreren europäischen Hauptstädten mit Auszeichnung ausgestellt, und mehrere Museen wie die Albertina in Wien oder das Britische Museum haben von ihren Arbeiten erworben. Eine Schülerin der Wiener Graphikers Schitintzcr und auch durch die Pariser Schule gegangen, ist sie weniger Malerin als Zeichner in; sie begnügt sich mit einem meist spitzen Bleistift, wenn sie nicht Rötel und namentlich bei Porfrätskizzen eine leichte Aquarellierung zu Hilfe nimmt. Aber man kann auf ihre Kunst das schöne Wort des alten Goethe anwenden: hier ist weniger als Farbe, und hier ist mehr als Farbe. Die Sachlichkeit von Frau Anna Ticho läßt sich von keiner verschönernden oder mildernden Tendenz hineinreden, sie versucht nicht, die Landschaft anzudichten, Und zwischen ihrem Objekt und ihrem Auge steht keine von den alten romantischen Kulissen mehr. Ihr Gebiet ist Jerusalem, die hochgebaute Stadt, und das Gebirge Juda, das dort noch Weinberge trägt und Herden ernährt, bis es nach dem Toten Meer völlig zur Steinwüste erstarrt. Besuch des High Commissioners im neuen ße/alel Der High Commissioner besuchte am 15. Januar die Kunstschule Bezalcl Hechadasch. Mit ihm kamen seine Gäste aus England, Col. Badington und Mrs. Adams, ferner sein Ad jutant Mr. Stewart. Die < iästc wurden empfangen von Dr. Ruppin, dem Vorsitzenden des Vereins Bezalcl, von dein Dir. Budko, dem I eiter des Schuldepartments der Regierung, Mr. Bowmau, Dr. Georg Landauer, Frau Ticho u. a. Dr. Ruppin erklärte dem High Commissioner die Entstehung der Anstalt und ihre Geschichte bis /um heutigen läge. Die Schöpfung von Prof. Boris Schatz ist jetzt durch eine Beihilfe der Regierung zu neuem Lehen erweckt worden. Auch das Department der jeuish Ageucy fur die Ansiedlung deutscher Juden hat mitgeholfen, 'da sich dort die Möglichkeit der handwerklichen kunstgewerblichen Ausbildung eingewanderter Judiin aus Deutschland bietet. D.e Anstalt erhalt sich jetzt aus Schulgeldern, der erwaiinten Mibvcntion der Deutschen Abteilung und durch litsuiüi •» IKitia.p' \im I r< linden. Budko erlautcrtr dem (rast den l.ehrplan. Der lligh Commissioner besichtigte dir Arbeiten der Schuler und unterhielt sich mit mehreren Schuir™ und Lehrern. Heilte I (tum reehls naeh linli\i: Mr. limemnn, Direkter iles EJuvation Department, Dr. Aiiw Ihippm, Sir Arlur II'««- chope, Joseph Bwlkti, Direktor tles „Bezahl llechadiiselt". Reihe II: Mr. Stewart, Adjutai.l ile.s lligh Commis.si-mers, Coloncl liiuliniitot:, iniu . \nnu 7 ieh», Dr. iieorn Landauer. Heilte III: Mrs. Adams, Mr. II . .1. Stewart, Inspektor für Kunst und Technik. r<>u: lir»»M Das erste Ringen mit dieser Landschaft muß für die Künstlerin geradezu schmerzlich gewesen sein; sie rettete sich in äußerste Sachlichkeit, in die Geduld einer I.iiiearluktik, die nicht nur die Gestalt des Landes aufnahm, den Umriß der Städte und Dinier, soweit es da noch weiche gibt, sondern die auch die Steine zu zahlen schien, ans denen sie getilgt, mit denen die Straßen belegt sind. Dennoch verliert Tutos: Lasar Jiünuar sie sich nie ins Kleinliche; trotz, der Absage an jede steigernde i\\t.iiuiuuita;itat weiden ihre Kompositionen nickt nur zu einem treuen Abbild, sondern auch zu einem Sinnbild der Landschaft. Diese Natur in dieser Kunst teiit ihre Geschichte mit; ich weiß nicht, ob Frau Ticho sich durch geologische Studien belehrt hat, jedenfalls bat sie den vulkanischen Charakter dieses l'elsplatcius gelabt, das sich einmal erhoben hat und durch die tragische Katastrophe von Sodom und Goinorrha wieder gesenkt wurde. Die Frau hat den unterirdischen Blick des echten Landschafters und den anderen für die arabische Straße, die wie keine andere geht, für das arabische Haus, wie es mit den über den IKichern lostsitzenden Unten aus der Landschalt selbst, aus ihren Formen und Farben herausgewachsen scheint. Die Zeichnungen haben meist ein kleines Format, aber in der Erinnerung scheinen sie sich über ihren Rahmen auszudehnen. Der Weg dieser Pionierin zeigt, wie das wahre Palästina künstlerisch erobert werden mußte, das mit der Gartenschönheit von Taiisenduudeincr Nacht so wenig zu tun hat und das sich mit einer ganz anderen so viel strengeren Schönheit nur einem geduldig werbenden Umgang zu ergeben scheint. (Schluß des Palästina-Teils) Das Problem der palästinensischen Landschaft