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Jüdische Rundschau · 1936-01-28 · Heft 8 (28.1.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 8 (28.1.1936)
Date
1936-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZO. 11S36 Nr. 8 / Jahrgang 41 Preis 25 RpE, JÜDISCHE RUNDSCHAU SchrtfUeltang, Verlag a. Anselgenverwaltnng i Berlin W1S, Mslnakaatr.lO F«mrul Sammel-Nr. 1l Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - IWiuipr.i. einschl. Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr KM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 539. — Postscheck. Konten der Vertrieb« . Abteilung Berlin 71573 (lür Grat - Berlin), Berlin 17392 (für du» ubriEe Reich), In Füllen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebuhren. — Erscheint jeden Dienstag und Freitag. BEELIN vsnn Dnsy n DIENSTAG, 28. JANUAR 1936 Gültig: Anzelgenprelallite Nr. 4. Die 12 ßespaliene mm . Zeile' 20 Rpl, füt Familtennachnchten 15 Hpl. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten laßen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelege nheit« anzeigen nur bei Vorausmahiunt; aul Postscheck Konto Berlin 7161B oder bar Montag bis Donnerstag 9 —18 Uhr, Freitag 9 —16 Uhr. AnnahmeacbJuß lür die Diensiaj; . Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag. Aus- Rabe Mittwoch 13 Uhr (Für FarnÜienanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das lüdischo Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstitte in Palästina. (Baseler Programm) Die Beschlüsse des Völkerbundrates Michael Hansson Präsident des Nansenamtes — 50000 Franken für das Amt des Oberkommissars — Die Aufgaben des Oberkommissars und der Privatorganisationen — Eine zwischenstaatliche Konferenz Die Entschließungsanträge der Unterkommission des Völkerbundsrat zur Behandlung der Auswandererlrage wurden vom Völkerbundsrat in seiner Sitzung vom 24. Januar angenommen, nachdem der Vertreter Ecuadors, Z a 1 d u m b i d e, als Reporteur für diesen Fragenkomplex über die Tätigkeit der Kommission Bericht erstattet und die Anträge verlesen hatte. Die Antrage lauteten: „Der Völkerbundsrat bringt, nachdem er den Bericht der Kommission für internationale Auswandererhilfe zur Kenntnis genommen hat, seine Genugtuung über die von dieser Kommission geleistete Arbeit zum Ausdruck. In dem Bestreben, in keiner Weise den Entscheidungen vorzugreifen, die von der Völkerbundsversammlung selbst zu treffen sein werden, beschränkt er seine gegenwärtigen Entscheidungen auf Maßnahmen rein provisorischen Charakters. Er übergibt der Völkerbundsversammlung den Bericht der Kommission für internationale Auswandererhilfe und insbesondere diejenigen Teile des Berichtes, die die Bestimmungen über Maßnahmen dauernden Charakters enthalten. Zum Präsidenten des Internationalen Nansenamtes für Flüchtlinge wird Herr Michael Hansson (ehemaliger Präsident des gemischten Appellatlonsgerichts in Aegypten. Red.) ernannt. In Bezug auf die jüdischen und nichtjüdischen Auswanderer aus Deutschland nimmt der Rat den von dem Oberkommissar James Q. MacDonald in seinem Schreiben vom 27. Dezember 1935 angebotenen Rücktritt zur Kenntnis und dankt ihm für die in der Erfüllung seiner Aufgaben geleisteten Dienste. Unter Betonung der Bedeutung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme, vor die viele Länder infolge der Anwesenheit einer großen Zahl aus Deutschland Ausgewanderter gestellt sind, und unier der Feststellung, daß eine Reihe der von der Kommission für internationale Auswandererhilfe vorgeschlagenen provisorischen Maßnahmen den Charakter besonderer Dringlichkeit aufweisen und daß sie deshalb in dem Zeitraum zwischen der gegenwärtigen Ratstagung und der nächsten Tagung der Völkerbundsversammlung besondere Aufmerksamkeit erfordern, ermächtigt der Rat seinen Präsidenten, mit Zustimmung der Mitglieder des Rates einen Völkerbundsoberkommissar zu ernennen, der sich bis zur nächsten Tagung der Völkerbundsversammlung mit den Fragen der Auswanderer aus Deutschland befassen soll. Dem Oberkoinmissar wird die Hilfe der technischen Abteilungen des Völkerbundes nach einer zwischen ihm und dem Generalsekretär zu vereinbarenden Prozedur zur Verfügung stehen. Der Rat ermächtigt den Generalsekretär, aus den in dem Etat für 1935 vorgesehenen Krediten die für die Durchführung dieses Ratsbeschlusscs notwendigen Summen bis zu einem Höchstbetrag von 50 000 Schweizer Franken bereit zu stellen. Der Rat überläßt es dem Oberkommissar, im Einvernehmen mit dem Generalsekretär alle notwendigen administrativen Maßnahmen für die Erfüllung der in dem folgenden Abschnitt gekennzeichneten Aufgaben zu treffen: Aufgabe des Oberkommissars soll es sein: a) Im Einvernehmen mit dem Generalsekretär die Tagung einer zwischenstaatlichen Konferenz vorzubereiten und zu arrangieren mit dem Ziele der Aufstellung eines Rechtsschutz-Systems für Auswanderer aus Deutschland. Zu dieser Konferenz sollen im Einvernehmen mit dem Oberkommissar von dem Generalsekretär die Mitgliedsstaaten des Völkerbundes sowie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Vereinigten Staaten von Brasilien eingeladen werden. b) In geeignetster Form Beratungen mit den verschiedenen Regierungen betreffend die Möglichkeiten und Verhältnisse für eine Beschaffung von Arbeit und Unterkunft für die Ausgewanderten zu pflegen. c) Die von ihm als wünschenswert erachteten Verbindungen mit den Privatorganisationen, die sich mit Hilfe an die Auswanderer, Einwanderung und Arbeitsbeschaffung befassen, in der ihm am geeignetsten scheinenden Weise herzustellen, da die Tätigkeit dieser Vereinigungen von dem Völkerbund als nützlich anerkannt werden. Der Völkerbundsrat fordert ferner den Generalsekretär auf, der Völkerbundsversammlung, außer dem Bericht der Kommission für internationale Auswandererhilfe auch das Rücktrittsschreiben James G. Mac- Donalds, den Bericht und die Resolutionen des Rates sowie die Berichte des Vorsitzenden des Vcrwaltungsrates des Nansen-Amtes und des Oberkommissars für die Auswanderer aus Deutschland vorzulegen." Der Bericht Zaldumbides In den Vorbemerkungen, die der Berichterstatter der Unterkommission, der Vertreter von Ecuador, Z a 1 d u m bide machte, hieß es u. a.: Was die aus Deutschland kommenden jüdischen und nichtjüdischen Auswanderer betrifft, so hat der Rat auf meinen Vorschlag hin eine siebengliedrige Kominission eingesetzt, der außer dem Rapporteur Vertreter des Vereinigten Königreiches, D ä n eraar k s, Frankreichs, 11 a - I i e n s, Polens und der U S S R. angehörten. Aufgabe dieser Kommission war es, Maßnahmen für die Zeit von jet/t bis zur nächsten Tagung der Völkerbundversainmlung vorzuschlagen, die es dem Völkerbund ermöglichen könnten, die dringendsten Probleme, die seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, zu lösen oder wenigstens einer Lösung entgegenzuführen. Die spater zu nennenden Vorschläge beziehen sicii bloß auf diesen Zeitraum. In erster Reihe hat die Kommission anerkannt, daß die Maßnahmen des Völkerbundes zugunsten der Auswanderer auf diejenigen Personen beschränkt bleiben sollen, die ihr Herkunftsland bereits verlassen haben. Nach Anhörung der Erläuterungen und Meinungen des Generalsekretärs ging die Kommission zu einem außerordentlich eingehenden Meinungsaustausch über die Methoden der Handhabung der von der Kommission für internationale Auswandererhiife vorgeschlagenen Maßnahmen über. Sie erwog die Ernennung einer Persönlichkeit, die sich mit den die Auswanderer aus Deutschland betreffenden Fragen befassen soll. Die Kommission hat sich auch damit befaßt, den Status dieser Persönlichkeit zu definieren sowie Wesen und Umfang seiner Aufgabe einerseits auf Grund der Vorschläge der Kommission für internationale Auswandererhilfe (Expertenkommission) und andererseits auf Grund der im Laufe der Dehatte gemachten Bemerkungen festzulegen. Die Kommission war der Ansicht, daß die Aufgabe des Oberkommissars darauf beschränkt sein solle, die Mithilfe der Regierungen zu dem Zweck zu gewinnen, eine Lösung für die im Zusammenhang mit dem Rechtsstatut der Ausgewanderten entstandenen Probleme zu finden und die Verhältnisse in beziig auf Niederlassungs möglich keit und Arbeitsrecht zu studieren. Die Kommission meint, daß die verschiedenen mit direkter Auswandererhilfe verbundenen Aufgaben in den Bereich der Privatorganisationen fallen; doch soll es dem Oberkommissar freistehen, jegliches von ihm für wirksam gehaltene Verbindungssystem zu diesen Organisationen herzustellen. Gleichzeitig hat die Kommission die administrativen und finanziellen Maßnahmen erwogen, die vor der nächsten Völkerbundsversammlung zu treffen wären. Sie hat gefunden, daß es — ohne gegen die von der Völkerbundsvcrsammlung bei ihrer XVI. Tagung gegebene Empfehlung, daß alle zusätzlichen Kosten vermieden werden sollen, zu verstoßen — möglich wäre, die durch diese neue Arbeit bedingten Ausgaben aus den dem Rat zur Verfügung stehenden Krediten zu bestreiten. Reden des französischen und rumänischen Vertreters Der Vertreter Frankreichs im Völkerbundsrat, M a s s i g 1 i, führte zu dem Bericht der Resolutions-Kommission aus, daß in diesem Berichte des Problems, wie neue Auswandcrungswellen verhindert werden sollen, keine Erwähnung getan werde. Dieses Problem sei vorhanden und es sei unmöglich, es außer acht zu lassen. Der Redner lenkte sodann die Aufmerksamkeit des Rates auf das Problem der A u s b ü r g c r u n g e n und kündigte an, daß er die Lage der so entstellenden Staatenlosen auf der durch den Oberkommissar für die Auswanderer aus Deutschland einzuberufenden z w i s c h e u s t a a 11 i c h e n Konferenz zur Sprache bringen werde. Der r ti tu ä n i s c h e A u ß e n minist e r N. T i t u - lesen machte den Rat darauf aufmerksam, daß in Rumänien Gerüchte verbreitet seien, denen zufolge ein Slaat die Absicht habe, für 50 000 Auswanderer in Rumänien Platz zu finden. Diese Gerüchte, erklärte Tituleseu, wolle er durch die einfache Erklärung zerstreuen, daß es in seinem Lande nicht e i n m a I f ü r einen dieser „F r e m d e n" P 1 a t z gäbe. (Diese Bemerkungen des itimäiiisclieii Außenministers bezogen sich offenbar auf die Propaganda der antisemitischen Parteien Rumäniens, die mit dem Argument arbeiten, es sei beabsichtigt, 50 000 Juden aus Deuts e h 1 a n d nach Rumänien zu bringen und ihnen dort auf Kosten der einheimischen Bevölkerung Arbeit zu beschaffen. Red.) Man erwartet in Genf, daß der provisorische Oberkommissar für die Auswanderer aus Deutschland im Laufe der nächsten vierzehn Tage ernannt werden wird. Als Kandidat wird jetzt in den Kreisen der englischen Delegation inoffiziell General Neil Malcolm genannt. Der große Irrtum Der wichtigste Satz in dem Bericht, den M. Zaldumbidc, der Vertreter Ecuadors im Völkerbuudsrat, am 23, Januar namens des Subkomitees für Auswanderungsfragen dem Rat vorgelegt hat, und der so wie der ganze Bericht ohne Debatte angenommen wurde, lautet: „Das Komitee hat anerkannt, daß die Aktion des Völkerbundes zugunsten von Flüchtlingen (refugies) auf Personen beschrankt sein soll, die ihr l 'rspniugsland bereits verlassen haben." Wir wollen dem Komitee nicht unrecht tun. Es stand vor einer sehr verzwickten Aulgabe, und es weil», daß der Völkerbuudsrat nicht den Wunsch hat, neue Verantwortungen zu übernehmen, da er kaum den alten gewachsen ist. Das Komitee war schließlich dazu eingesetzt, um die sogenannte „Flüchtlingsfragc" zu behandeln, das heißt die infolge der groben Zahl der Betroffenen nicht mehr zu übergehende Tatsache, daß Hunderttausende von Menschen asvlsucliend in verschiedene Länder gezogen sind und dort kein Arbeitsrecht, d. Ii. kein Recht auf Lebensunterhalt, und teilweise sogar kein Auleuthaltsreclu erhalten. Diese „I iiüinenschen" im wahrsten Sinne des Wortes konnte mau vielleicht am Rande irgendeiner entlegenen Wüste, aber mau kann sie nicht mitten in den Städten des hoeh/ivilisicrten Europa verkommen lassen. Der Völkerbund hat aus üründen der Humanität den Wunsch zu helfen, es wird ein umfangreiches Aktenmatcrial angehäuft, und es werden Resolutionen in einer nicht immer leicht verständlichen bürokratischen Sprache gefaßt. Die Lasten der Hilfe tragen zum größten Teil private philanthropische Organisationen, aber ohne eine politische Stelle geht es nicht, da schon gewisse Formalitäten wie Pässe usw. völkerrechtlich geregelt werden müssen. Die Vorschläge, die Herr Zaldumbide dem Rat gemacht hat, sind organisatorisch wohldurchdacht und werden die schwierige Fürsorgearbeit gewiß erleichtern. Die Beschlüsse sind als Provisorium zu -werten, da die Vollversammlung des Völkerbundes im September d. J. sich nochmals mit der Sache beschäftigen und neue Beschlüsse fassen wird. Soweit die „Flüchtlings"frage. Was aber mit der Judenfrage? Wir leimen es ab, die Judeufrage unter den Gesichtspunkt des „Llüchtlingsw cseiis" einzureihen. Da der Völkerbuudsrat und sein Subkomiiee sich nur mit der Flüchtlings frage als einer akuten Notinge beschäftigen wollten, ist es vielleicht begreiflich, daß sie sich auf den Standpunkt gestellt haben, der in dem eingangs zitierten Satz, ausgedrückt ist, obwohl der französische Ratsvertreter dies auch inner diesem enteren Gesichtspunkt ungenügend fand. Aber es wäre verfehlt, die Augen davor zu verschließen, daß es ein weit umfassenderes Problem gibt, das durch Süilschweigen nicht aus der Welt geschafft werden kann, nämlich die Judenfiage, Diese ist «aber nicht nur eine Angelegenheit der Philanthropie, sondern sie ist ein soziales, nationales, ökonomisches und politisches Problem, das nicht nur die Juden allein angeht, sondern auch die Interessen zahlreicher nichtjüdi-cher Faktoren berührt. Mag sein, daß das fernab an der Westküste Südamerikas im Gebiete des Aeqtiators liegende Land, dessen Vertreter als Rapporteur in dieser Frage zu fungieren hatte, von der Judeufrage unberührt ist; sonst aber wird es wenige Länder geben, die nicht eine Nah- oder bemwirkung der Judeufrage empfunden haben. Grobe jüdische Massen leben noch immer in einigen Landern Osteuropas in einem beispiellosen Elend und ohne Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg; auf der anderen Seite haben wir in etw.as weiter westlich gelegenen Ländern eine Krise der jüdischen Intclligcn/schicht, und wir beobachten in Einw auderungsländei n eine schnelle Vermehrung des jüdischen Intelligenz-Proletariats, das von dem betreffenden Land und Volk nicht immer mit Sympathie empfunden wird. So werden schon jetzt oder in naher Zukunft neue o b j e k t i v e Pro b I e tu e erzeugt, deren Rückwirkungen nicht abzusehen sind. [ )as A ti s w a n d e r u n g s b e - dürfnis der Juden Deutschlands, besonders derjenigen, die in Deutschland keinen Beruf und Broterwerb finden können, also insbesondere eines erheblichen Teils der schulentwachsenen Jugend, ist nur ein Teilaspekt dieses Gesamtproblems, wenn auch infolge der besonderen Umstände ein recht drängender. Die Frage, was nun geschehen soll, kann nicht von den Juden allein beantwortet werden, wenn die zu einer umfassenden Diskussion berufenen Stellen sich so lange die Augen verbinden, bis es zu spät ist. Das jüdische Volk, oder zumindest ein Teil des jüdischen Volkes -- nämlich diejenigen Kreise, d.e sich ihres Yolksomis bewußt geworden sind und, durch diesen Prozeß zu schär-

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