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Jüdische Rundschau · 1936-01-24 · Heft 7 (24.1.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 7 (24.1.1936)
Date
1936-01-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7, 24. I. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Erziehung zur Gemeinschaft Das Koburger Schalheim Oegc:i Ende des Krieges, als die bekannlen jüdischen Institute in Wolfenbüttd und Seesen — durch die Zeitumstände bedingt — ihrer Auflösung entgegengingen, griff der Verfasser dieser Zeilen den Oedanken eines jüdischen Schulheims wieder auf, indem er in Koburg den Grundstein ZU einer Schulgemeinschaft legte. Veranlassung da/u gab damals vor allem die Tatsache, daü zu linde des Krieges und in der Nachkriegszeit (Inflation!) die Erzkhu.igbinöglichkeit und die Erziehuiigsfähigkeit des Elternhauses sehr problematisch geworden war. Iis trat eine Lockerung des Familienlebens an sieh ein, eine Erschütterung der Begriffe, der Beziehungen zum Ncbcnmeuschen, zur Religion, zum Judentum, so daß man mit Recht um die Zukunft d«x heranwachsenden Jugend in Sorge war. Vor allem schien die städtische Jugend gefährdet. Die wirtschaftlichen Anormalsten zeitigten Verhältnisse, die für die Jugend außerordentlich ungesund waren. Gewissenhafte und besorgte Eltern suchten daher ihre Kinder in einen gesunden Lebenskreis zu verpflanzen und ergriffen mit Freuden die Gelegenheit dieses neuen Schultyps iii Koburg, wo der Lebensstil durch keine äußere Konjunktur beeinflußt werden konnte und wo vor allem der erzieherische und persönliche Einfluß der Ausgangspunkt aller Erfolge auf weite Sicht sein konnte. Heute wird uns natürlich ein ganz anders geartetes Schülerniaterial zugeführt. Diese jungen Menschen wollen lernen, wollen leisten, wollen vor allem als Juden etwas leisten. Man muß die jungen Menschen gesehen haben, wie sie offen und^ klar in die Welt blicken. Alan muß sie auch in ihren Gesprächen, Meinungen und Lebensauffassungen gehört haben: die Ucberzeuguüg ihrer geraden, jüdischen Haltung, den unentwegten jüdischen Willen. Dort sieht man die Kinder, die früher die Arbeit scheuten, die sie jetzt lieben und als ethisches Prinzip in ihr Leben stellen, die bei aller inneren und äußeren Freiheit durchaus diszipliniert Selbstzucht üben. In dieser Gemeinschaft spielt die Selbsterziehung eine ebenso wichtige Rolle wie der Einfluß der erzieherischen Autorität. In dieser Wechselwirkung vollzieht sich die Gemeinschaft. Es ist heute eine Selbsfyei st.indii ,-hkeit, daß der Grundsatz vorherrscht, daß das schönste, besteingerichtete _H ei in für unsere Jugend gerade gut genug ist. Es muß alle Möglichkeiten zur geistigen und körperlichen Ausbildung besitzen. Gerade die früher so hervorstechetide_ Differenzierung zwischen körperlicher und geistiger Ausbildung soll hier überwunden werden und zu einem Ausgleich führen. Der oberste Grundsatz aber ist und bleibt, daß in dieser Gemeinschaft jüdisch gelebt, jüdisch gefeiert, Judentum erforscht und geistig wie seelisch erobert wird. Hier wird starkes, jüdisches Bewußtsein zur Selbstverständlichkeit. Prediger Hermann Hirsch, Koburg Das Landschulheim Västraby Zu dem in Nr. 5 und 6 der „Jüdischen Rundschau" angeschnittenen Thema der Schule und Erziehung „Sorgen, aber auch Hoffnungen" und zu Dr. Leppmamis „Landschulheini Florenz" möchte ich gern einen Bericht über das leider noch viel zu wenig bekannte schwedische Landschulheini Västraby hinzufügen, das von den beiden Berliner Pädagogen, dem Studienassessor Dr. Ludwig Posen er und seiner Gattin, Frau Dr. Lotte Posener geleitet wird. Das Internat — ein schloBariiges Herrenhaus, umgeben von großem Park und Wäldern — blickt auf den landschaftlich reizvoll gelegenen Ringsee, liegt neben einem der größten Güter Südschwedens, weit entfernt von der Großstadt. Aber nicht von der äußerlichen „Guinitfergebrachtheit" der Kinder möchte ich erzählen, nicht von ihrer schulisch vorzüglichen Ausbildung, die sie dort, völlig individuell'nach Begabung und Können in Kursen eingeteilt von einer menschlich hochstehenden Lehrergemeinschaft, genießen, sondern von dem so außerordentlich glücklichen Leben möchte ich berichten, das die Kinder dort in bewußter Vorbereitung für den zukünftigen palästinensischen Alltag führen. In gesunder, einfacher,'ländlich schöner Umgebung beginnen hier Stadtkinder aus allen Gauen des Deutschen Reiches sich mit großer Hingabe umzuschichten. Sie profitieren den Lehrplan einer höheren Schule und werden BRIEFE AN DIE REDARTION Juden als Mittler zwischen Ost und West Berlin, den 20. Januar 1936 Selir geehrte Redaktion! Georges Duhamel, ein führender Schriftsteller des gegenwärtigen Frankreich, veröffentlicht« 1923 ein Büchlein: „Hiltruden sur 1'e.sprit Europeen" (Editions des Caliiers Libres, Pari»). In diesem Uuehe ist viel von der Gefahr die Red«, die der Kultur Europas von »eiten der farbigen Völker drohe: Duhamel sieht »ich nach Vermittlern um, die dieoe Gefahr bannen könnten. Er sagt hier u. a.: ..... Sollten nicht für diese Aufgabe, den Geist de» Morgenlandes mit dein Geiste des Abendlandes zu versöhnen, die Juden ihrer ganzen Natur nach wie berufen sein? Die Juden, ein Volk von überragender Intelligenz, haben starke Wurzeln im Abcndlandc getrieben und doch die zarten Faden, die noch nach ihrer orientalischen Ibimat hinüberweisen, nicht zerreißen lassen; sie scheinen mir daher für den Vcrstandiyunftsdien.at, wenn einmal die Stunde der Gefahr gekommen »ein wird, wie geschaffen. — Ich brauche Ihnen aber wohl kaum zu »agen, daß die meisten der mir befreundeten französischen Juden, mit denen ich diese Dinj;e besprach, mir Absage heute Sprint einer lächelnden arc worten: ,Wrr sin viel zu sehr Ernnzos.cu ten sie mir. ,\Vir haben das Gefühl für den Orient verloren; wir würden keine guten Mittler sein.' Dürfen wir aber dieses Bekenntnis ganz wörtlirh nehmen? Ich bin mir dessen doch nicht recht sicher. Ich höre da immer noch einen l"nterton ,aus einer anderen Welt'. Und wenn ein so hoch_cTebiid( ter oder — besser ausgedrückt — ein so allem A'x-ndlamlisdien zugewandter Jude wie Jean- Richard Bloch in der Einleitung zu seiner .Kurdist ani -chen Nacht' ausruit: .Meine Heimat, die ist da drüben', so setzt mich das nicht über die Mähen in Er .taunen Ich glaube, daß diese Kemerkung Duhamels recht charakteristisch und auch heute aktuell ist. Hochachtungsvoll Walter Kornick Asien und Europa Essen, den 20. Januar 1936 An dii .Jüdische Rundschau"! Zum Artikel .,Fernost und Palästina" von Dr. Gustav Löffler möchte ich folgendes bemerken: Die Auseinandersetzung zwischen Asien-Afrika und Europa liegt in der nächsten Zukunft. Wie sie verlaufen wird, wird auch die Zukunft entscheiden. Der iüdische Standpunkt in dieser Frage mulj gckl.irt werden. I n-cre Politik iir ihre richtigen Hahnen cn lenkt werden. In einer gmiSen Lösung wird auch das arabische Problem seine befriedigende Aufklarung finden. Die Juden, als ,<srmiti-i Ii»* Volk, jahnaiisendking in Europa lebend, sind da/u beritten und befähigt, als Milder zwischen den beiden Weiten auizuirelen. Das Rassenpiohlcm, das in vielen Ländern ict.e aulecdlr wuole, wird d.ibi , ein-' eioi'e Rolle spielen. Die Juden, die in vielen Ländern .Lirunbr L ilien, müssen dies jetzt aufgreifen und posiriv verweilen. England mit seinem poliii -eben Weitblick und seiner Einstellung wird unsere Bemühungen werten und stützen (Keading in Indien). Benjamin Disraeli. ein Semite und Kassenbekenner, machte die beste englische Politiker mögen über dieses Pro- Ürientpolitik. blem nachdenken. Unsere Wissenschaftler und L, Teicher uim Mussaf Iwri Breslau 13, 19. Januar 1936 Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 2 de» Mussaf Iwri erschienen „Gedenktage im n D." Man vennibt ab<r d< n 10. dieses Monats, an dem die Belagerung lerusalenis bega-m und der noch heute als Fasttag giii. Ist dieser Termin nicht ebenso denkwürdig wie etwa der ISO. Tode,'ag von Moses Mendelssohn, der, wie Ludwig Feuchtwanger kürzlich treticnd bemerkte, nach unserer leidigen Art der Jahrhundert- und Ilafbiabrhundert-Feicrn erst vor »echs Jahren an seinem 200. Geburtstag gefeiert wurde? Zum S hluti möchte ich die Gelegenheit benn zen, dem Mussaf Iwri zu seinem — noch viel kürzeren Jubiläum zu gratulieren. Er ward sicher mit immer wachsendem Interesse und aufrichtiger Dankbarkeit für das Gebotene begrüßt werden. Mit Zion'gruß Dr. Samy Kober Der Forsdicr Mosdie Wilhusdiewicz Dada, den 16. Januar Mi36 An ,,Jüdische Runds: bau"! Zu der Xo'iz in Nr. 90 vom 6. November 1933 Ihn » blil'es über die f'iirchtnng eine» La- Uilalui mm , an dir i mver '■ c a t Jcru aleui zur Free bang der hiokhnia! i s : . a \; c,( mn' m Pale.! ma Hh'e L' c ich al . lachu il! in de. Iba ber, Mosdie Wdbuxl.e- WH..7. tollende bemerken: -Ab, , he WilbUscheu icz wild n.it st inen I H-rci' . ^eit \ ielen! shretr in liaiia .-!!,- bieten Eaboco: icn und saiii!! s : en v.'. vüs i.ai n.! a 11 A] )j eil aU n an die I hrcr : .a Ziehen, wo man C:lc 11 L \ * 1 a 1 lall euiebten und für dei l.abo.ainrien, in denen ,J'o Kiinsco- M. W. tä oc au. '1. eine kleine Sternwarle dal zu um erheb, n. Fr selber wiel in seinem Eabota torium der! udiniii d. Ii. shbtten, .h im ,.wa>hnen'' tu! er in seinen Mich.:, riaune n nach in Grundsatz: ..Man mub Ai:>. a .- r :i u m e (bzw. Stieb, nauine) haben, aber nur eine Schlaf c. k (oder, wie er sich manchimd ausdrückt, „Schlafstelle"). Nach diesem seinem Ptinzip lebt er bewußt -sit Vi J .ihren. lim sein.- k er ..'hungen besser hir da 1 .and ■ dein er in im. < :.;eniettzi-er W. i .<• alle seine kor-. Lic s , .an \ ei hig'ii.g stellt -. nie/. : oi ';......n, r:et man ihn -in die I niv. i wo rr unter bei. .Inas . b"'i.;!, ,. icn Dozi igen arh. hen wird, uni zu crfur-chen, zu eri.C.n. n, ,,wie der liebe Ca' der Natur bemhlen ha!, dann! <i:c e im <S. hatten w rc r: a bt.bes s'nd seine W'oi'.c um b.nacb cm spreeb^md zu lebia, d. h. „Sciueu Willen zu bin"'. M. \V. gel." in -einen I'Y.r- -. Lungen lind ■ cace-r 1 a"b< ns.iufla iiiia i. v.ai iier Ilioel aus, .mi 1 :■■ . r; - ganz/' Lebensw» isiice gras.!, t.!">" i -t jetzt m Arbcn eme „Mibhsctie Symphonie d. r ILak'nnatologie", woiin er der Weh zeigen will, v ie seh: sie {Licr int fvaandederen die WfOorkun.ks ttetrefn n-i > am .,< hates. GmcIc" an-;;e\^iasen ist. f Incbaebt itngsvol! Mariba Ii a r u c h - S a 1 a d i n gleichzeitig spielend in Gartenbau, Milchwirtschaft und Hühnerzucht eingeführt, haben eine vorzügliche Tisehlerciwcrkstatt, einen regelrechten Haushalts-, Nah- und Werkunterricht. Kleine Kunstwerke sah ich schon dort entstellen. Die Auszeichnung' für einen ersten und zwei zweite Preise beim Clianukkah- Preisausschreibcn der Kinder-Rundschau legen in der jetzt gerade stattfindenden Ausstellung des KKL Zeugnis dafür ab. Das Typischste und Schönste in Västraby aber sind die jüdischen Feste, die in liebevoller Art und aufopfernder Arbeit — zumeist von den Kindern allein vorbereitet — gefeiert werden. Ich hatte das Glück, dort Sukkoth miterleben zu dürfen in der großen sclbstgezimmcrten Sukkah und den Höhepunkt: das Simchaf-Thorah-Fest mit seinen nicht cndenwollenden Ueberrascluuigen, außerdem feierte ich Ghanukkah mit seinen ungelogen Hunderten Von herrlichen, zum größten Teil selbstgefertigten Geschenken, seinen guten musikalischen, originellen literarischen und turnerischen Darbietungen mit. Es würde hier zu weit führen, das vorbildlich frohe und arbeitsame Gemeinschaftsleben dieser Vorbereitungsscltule zu würdigen. Alles, was Erez Israel angeht, beschäftigt die kleine Gesellschaft brennend, sie fragen einen interessiert, ungeniert und innerlich beteiligt wie die droben über schwierigste, ja hochpolitische Probleme des jüdischen Lebens und palästinensischen Alltags aus. Ein guter llebraist lehrt unsere bprache, der Haushalt ist rituell gefuhrt, der Schabat wird besonders durch Lieder, Sichot und Oneg hervorgehoben und für die Religiösen ist ein von den Kindern selbstgeleiteter Gottesdienst in einer aus eigener Werkstatt stammenden Synagoge geschaffen. Au das Internat angeschlossen ist eine Gruppe von Praktikanten und Praktikantinnen, die liachscharah auf dem Gute und im Hause machen, das Leben der Schule bereichern und den Schillern ein Vorbild sind. Für mich ist Västraby tiiie kleine Gase, iii tler eine Lehrerschaft sich in harter, verantworiungsvnller Arbeit muht, die ebenso zahlreichen wie schwierigen Probleme einer zielvollen Erziehung zu lösen, nämlich: selbständige, tüchtige, charaktervolle und auch frohe judische Menschen ftir unser Land heranzubilden, E tl i t h F r t r (1 e n t Ii a I , Berlin-Wilmersdorf. „Die groGrrt Geschenke, die Ilir-ih.l am Tdge .seiner Hochzeit erhielt, stammten von Kaufleulert und Fabrikanten, von denen die Firma llorwilz kauft. Was die Verwandten von liaruch McTr (dem Vater HirseheL,), ja selbst die Verwandten Zirls (-einer Muller) brachten, konnte man einer Ratte an den Scbwanz binden, oluie ihr die Flucht vor der K itz zu er-schweren, außer einem Geschenk, einem langen giimen (b ldsehein, Dollar genannt, der manche Geschenke au:wik;. Ein MUx ist zwar nicht mehr ah fünf österreichische Klonen, aber der Sender luyte ihm Worte der Poesie hinzu. Kaiser und Könige oralen Münzen und Präsidenten neu In n nicht, mehr weit. Ein Dichter fugt ihnen und sie siird mehr wert. Mesehullam, der hatte nicht genügend Geld, um zur Hochzeit da nahm er ein Stück Papier und sehrieb ies-ii'te es mit einer Nadel an den Dollar und M( fr und Mc chulhmi sind Brüder, P.arueh ol-ien Laden, Mesehullam sitzt in einem kleinen ist all seine Tae;e beschäftigt, Mesehullam ist Dollare und sie sind zwei, drei Zahlen l«i Bruder liaruch Me'irs, Hirscheis zu kommen, daraul ein Gedicht, h. sandte lieid. s. liarucl Melr sitz! in einem j>: Laden, Haruch Mclr die Mehrheit seiner Tage unbeschäftigt. So sitzt Mesehullam in seinem Laden und macht Gedichte über Jahreszeiten und Feste. Das Maehsor (Gebetbuch für die Feiertage) ist bereits abe<cscnlossen, aber das jüdi,che Heiz ist noch nicht abgeschlossen, und wenn die Seele des, Menschen verzagt, gießt er sein Leid in die Heilige Sprache; Engel und Seraphim unterbrechen ihren Gesang und kommen um zuzuhören und seine Worte vor Gottes Thron zu bringen, und der Heilige, gelobt sei er, fü^i sie zu Seinem Gebetbuch zusammen und liest in ihnen und wird des Mitleids voll über Israel. Der Laden Mesr hullams ist dem Laden liaruch Me'irs nicht vergleichbar, seine Wagseiialcn nicht den Wagsclialen liaruch Me'irs, die immer beladen sind, seine Maß'-iabe nicht den immer benutzten seines Bruders, nicht seine Hände denen seines Bruders. Er sitzt, in sieh gekehrt, wagt seine Verse und mißt die Silben ab und bündelt sich selbst in das Bündel seiner Gedichte, Du findest seine Gedichte nicht irn „1 lamaggid" und nicht im .JJteraturschatz" und nicht in den „Ergötzuugsscbriften", sondern sie liegen versteckt im geflochtenen Korb unter seinem Bett, und wenn seine Frau auf den Markt geht, um Gemüse für einen Heller zu kaufen, nimmt sie sie heraus und legt sie unter das Kopfkissen, und legt sie sie wieder in den Korb." wenn : Lb. mint, Agnons Sprache die Bedeutung dieses Dichters für dii Man kann hebräische Literatur nicht erschöpfend behandeln, wenn man sich nur mit der Würdigung des Inhaltlichen begnügt. Die wenigen Proben, die wir gegeben haben, besagen zwar vielleicht mehr als alle Worte. Trotzdem soll hier versucht werden, wenigstens eine Seile der Agnonschen Diktion etwas eingehender zu behandeln. Während Atoion „In der lilüte seiner Jahre" noch — wohl sein letzter Versuch einer Kettling des Kibelstils für die modern» Prosa — in biblisierender Art schreibl, bat er sich seitdem konsequent für die „Sprache d e r W e i s en" als der, modernerem Empfinden nngemesseren und wohl auch ausdriicksfähigeren entschieden. Das mag auf den ersten Wiek absurd klingen. Galt es doch in den ersten Zeiten der neuliebriiisehen Literatur als ausgemacht, dal'i nur die Lrspriintrlielikeif, ISihlhaftigkeit und Wucht der biblischen Sprache geeignet sei, dem modernen hebräischen Kunstschaffen als Grundlage zu dienen. So sind die ersten Generationen der neuliebriiisehen schönen Literatur zu fanatischen Puristen für die reine lÜbelsprarlie und ihre Svntax geworden. Die bewußte Anwendung von spiileren Sprachschichten hatte wohl ihren psychologischen Grund in "der inhaltlich ablehnenden Stellung der llaskala zum Geiste des lalmudisclien und rabbinischen Schrifttums, in dem sie das haarspalterisch entstellte Bild des klassischen Judentums zu sehen glaubten. Erst ganz allmählich drangen in die neuhebräische schöne Literatur des 19. Jahrhunderts schürhlei ne Elemente, zunächst fast nur Vokabeln aus der „Sprache der Weisen'' ein. bewußt kenntlich gemacht durch ihre aramäischen Endungen und fast nur als gelehrte Zitate gedacht (z. Ii. in den Tendenzgedichten J. L. Gordons). Erst mit Mendelo Mocher Sforim kommt es zu einer Art Gleichberechtisning beider Stilarten in der erzählenden Prosa. Man hat Mendel es Sprache irrtümlich als „Synthese" zwischen «h»n beiden grnf'en Sprachschichten bezeichnet. Die willkürliche Ziisnnimenknnpelung beider Stilarten, wie wir sie bei Mendele vorfinden, ist aber keine echte Synthese. Mendeles historisches Verdienst um die Gestaltung des modernen hebräischen Erzälilurigsstils und die Präzisierung der poetischen Begriffs»eil bleibt dabei ungeschmälert und ist allgemein wohl am eindrucksvollsten von Bialik7) anerkannt worden. Das hebräische Stilgefühl hat sich aber in den letzten Jahrzehnten so stark verfeinert, daß es bekanntlich eine große Peinlichkeil für den Lehrer der neuhebräisehen Literatur im Schulunterricht licileutet, wenn er -seinen Schülern die Lektüre kuitiirgcsrliirbilirh wirbliger Werke aus dem 18. oder dem Anfang des 10. Jahrhunderts empfiehlt. Er ist sich da- T) Vgl. die von Viktor Kellner in deutscher Uebersetzung erschienenen „Essays" Bialiks (Jüdischer Verlag, Berlin 1825), S, 136 bis 147. bei l>c\\ lll'd, . Gefahr einer 1 "ehe rt/ewiehf ist übrigens l-elx-rrest aus Biblischen hat ihrer leititiinei .Ii l/b ■ I >.-!.- i unsere?.ii li.p iid der insci tigo Schulen ierender spräche itel. Mi 1" Weh cilich fn-iii ls cn hat die laid igor ■n, von wieder losin ihrem r h.vü.'.nda" es, nicht immer l"'« allieor Marknehe der Weisen" bei ist, der Stil .N" ala er das >p i ,n b a11 tili m\\!-.scn \ eru lldel'l Hl L' .1 des Biblischi IcbiMi-cliei eben falls ein schh-Mti ll.iskal.is Sturinzi-ifcn. j sich per sc in die ,,Sp i Ltirlsetzuiu; biinibeixn- \N eisen" ainlci ei seils en Elemente des rein Aramäischen In sich anfueiionim denen sie ein verfeinertes Slili/efuhl am Itesien lösen wird. Schon Bialik und Bawnilzki habe Standardwerk der groBeu Sagens-iunnlunL' vor (Heseln schweren Problem gesl.iiidt n um mit gleichem Glück, zu lü»on vixichl. Em stein auf dem Wege die.»»r Erlösung der „Sp ist Agnons ErzählungsMil, der übrigens d; einer ganzen jüngeren ErzShlergeneralion zu werden. Agnon hat fast von aller Anfan« an, die „Sprache der Weisen" zu der seinen gemacht. Alles Biblische bei ihm ist entweder bloßes Zitat oder eben von der ,.Sprache der Weisen" selbst übernommenes Gut aus der biblischen Spraehwelt. Andererseits aber zügelt Agnon diese Sprache in ihren aramäischen Seitensprüngen. Aramäismen muten bei ihm wie Fremdworte und fremdsprachige Redensarten in modernen europäischen Sprachen an. In Agnons Werken fühlt sich der Leser jenem einheitlichen, universal e n Hebräisch gegenüber, das beim gegenwärtigen Stand unseres Eindringens in unsere historische Sprachkultur als ein Höhepunkt allgemein gültiger und volkstümlicher Spracherneuerung betrachtet werden muß. Von den Mühseligkeiten dieses Unternehmens, moderne Denkkaletrorien mit den eigensinnigen Mitteln ül>erkonimcner Sprachgebilde aus vergangenen Jahrhunderten ein/.tifangen, kann sich nur der einen Begriff machen, der diese Werke im Original liest. Ueberselzungcn können über diese diffizile Werkslattarbeit des Künstlers wenig Bescheid geben. Agnons Stil liest sich, wie wenn niemals Hebräisch anders geschrieben worden wäre, und wie wenn der von ihm gewählte oder besser wieder entdeckte und neu eingeführte Ausdruck seit Urzeiten Bürgerrecht gehabt hülle. Alter gerade wer die sprachlich teilweise bizarren Quellen kennt, aus denen Agnon seine Sprache destilliert, weiß, welche sprachbildnerische und stilistische Leistung hier vollbracht ist

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