Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1936)
- Date
- 1936-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 21.1. 1936 Wie £«kslalle ich den Sehabbal? Für Schabbat, 25. Januar Wochenabschnitt: „Waera" (2. B. M. Kap. 6, 2 — 9, 35) I. Der Wochenabschnitt erzählt von der Verhängung der 10 Plagen über Pharao und die Aeß-ypter. Uebcr den Sinn dieser Plauen informiert man sieh im jüdischen Lexikon unter dem Stichwort: „Plagen". Dort wird auch über zwei verschiedenartitre Formen berichtet, in denen die Strafen auftreten. Zur Vertiefung ziehe man noch die Ausführungen von Samson kafael Hirsch zu dieser Stelle heran, der die einzelnen Strafen in /iisanuuenhaufr bringt mit den entsprechenden Verfehlungen Pharaos und der Aegypten .Vlan halte für den Oncg Sehabbat möglichst Illustrationen der 10 Plagen, die sich in vielen I lagadot finden, bereit. II. In Vers 12 des b. Kapitels sagt Mosche tu Gott: „Siehe, die Kinder Israel hören nicht auf mich und wie soll Pharao mich anhören!" Nachdem wir den Sjnn dieses Verses herausgearbeitet und darauf verwiesen haben, daß schon immer erst das j ü d i s c h e Volk von seinen Notwendigkeiten überzeugt werden mußte, bevor man mit Faktoren außerhalb des jüdischen Volkes verhandelte, nehmen wir Bezug auf eine Bemerkung Raschis zu diesem Vers, der erklärt, dali hier ein „kal wachomer" vorliegt, ein Sehlull vom Leichteren auf das Schwerere. Der „kal wachomer" ist eine der hermer.cufischen Regeln, deren sich, der Talmud zur Schriftatislegung bedient. Der Artikel ..Hermeneutik" im jüdischen Lexikon bringt die wichtigsten dieser Aiisdciituiigsregeln mit sehr plastischen Beispielen. Vir v. erden versuchen, auf diesem Oneg Schabbat einige --oichcr!); utungsregeln zu besprechen, wobei wir am besten vom täglichen Morgengebet ausgehen, wo die Dcutung-reg'ehi aufgezählt sind. Auf einige dieser Regeln i>t auch hingewiesen in den Mitteilungsblättern der Mittelstcilc tur JtulUchc 1 ■ rwacbseneu'>iUln:ig von Dr. Ernst Simon. Dort i-t auch das Protokoll einer Arbeitsgemeinschaft über das jüdische (jcseU wiedergegel>en, wo über diese I'rngcn gesprochen wird. Da an diesem Sch.ibbat Rosch Chaudesch ist, wird als Haftarah das letzte Kapitel aus dem Propheten Jc^aja gelegen. Der Zusammenhang wird hergesteilt durch den 22. und 'IS. Vers dieses Kapitels, ' I. E. Die Schmorte Essre Unter den judi-cln-n Gebeten nimmt die sogenannte „Schmolle Essre" einen ersten Platz ein, und es ist lohnend im Rahmen eines ()rn g Schabbat auf das Wesen und die Fntstehmig dieser I iturgie ausführlich einzugehen. Wir tun gut, manche Stucke der „Schmone Essre" im Original oder in der 1 :ehcisct/img (etwa bei Hirsch in stsner PraMi-clien Judcntuinskünde) zu lesen und daran eine Besprecht!' anzuknüpfen. Vir unterhalten uns anschließend über den Inhalt und die Form der Gebete und können dabei auf das Wesen dieses oder jenes Stuckes, dessen Entstehung; geschichtlich bedingt ist, eingehen. - Vir schicken dabei voraus daß dieses Gebet (als Tefilin schlechthin bezeichnet) wegen seiner ursprünglichen 13 Benediktionen;rt1313) im Volksmund „Schmone Fssre", das Achtzehngebet, heißt. Wann das Gebet entstanden ist, wissen wir heute nicht mehr. Sicherlich reichen seine Anfange in die vormakkabäische Zeit, zumal wir in der Tefilla noch heute Reste der alten Tempeliiturgie vorfinden. Die Tefilla hat im Laufe der Zeit viele Erweiterungen, I 'eberarbeitungen, Umgestaltungen und Veränderungen des Wortlautes erfahren. Die urpi u;igliche Zahl der Benediktionen war wohl nicht, wie heute Pi, sondern 7, die dann spater immer mdir erweitert wurde, bis sie auf 17 angewachsen ist. Das achtzehnte Gebet (in unserer heutigen „Schmone Fssrc" ist es die zwölfte Bitte», das man gewöhnlich als die hem-diktion gegen die Abtiünnigeu rc"13 Ö'J'am bezeichnet, ist unter R. (iamlicl II, dem Redaktor der „Schmone Fssrc", etwa ums Jahr PK) nach Christi hinzugekommen. Ihre Fntstehung verdankt sie der Situation, die mit der Ausbreitung des (.hri-tentums im Zusammenhang steht. Es wäre gut, hier auf manche Fragen der Fnfst-hung und Ausbreitung die (h.i-lentums im 1. Ja'urhundcit n. Chr. einzugehen, um das WctanditK tur eine dcraiiige Malfnahmc des geistigen < »herhauptes der luden in der damaligen Zeit aufzubringen. Vir wissen, daß in der ersten Zeit die '(.bristen weder besondere Gebete noch einen gesonderten Gottesdienst hatten. Um dei iiberlcnid-iehuieinleu christlichen Propaganda in den Gotteshäusern während der gemeinsamen Andacht einen Riegel vorzuschieben, entschloß man sich jiklischerseits, die Trennung der Judenchristen (0T8) von der Synagoge durchzuführen, und verfaßte dieses Gebet. Die Zahl der Benediktionen der „Tefilla" war somit auf IS angewachsen. In einein späteren Zeitalter, etwa im 3. Jahrhundert n. Chr., wurde die 19. Eulogie (in der heutigen Anordnung ist es die 16.) mit der Bitte für das Erscheinen des Messias aus dem Hause Davids eingeführt. Zwar stimmte jetzt der Name „Schmone Essre" (Achtzehngebet) nicht mehr, wurde aber trotzdem ohne Bedenken beibehalten. Er hat sich so fest eingebürgert, daß sogar die Tefilla der Sehabbate und Festtage, die nur 7 Eulogien aufzuweisen hat, den Namen „Schmone Essre" führt. Welches ist nun der Inhalt dieser Gebete? Uebcr einzelne haben wir uns schon unterhalten. Unter den übrigen finden wir Stücke, die Bitten allgemeinen Inhalts enthalten. Es sind Bitten um persönliches Wohlc r g e h e n, um Gesundheit und Segen in der Arbeit (VIII u. IX), Bitten um bußfertige Einkehr (V). Daran reihen sich die Gebete nationalen Inhalts, das Flehen um nationale Wiederg e b u r t, um Wiederau frichtung des Volkes und seiner Heimat (X, XI u. XIII). Diese Gebete sind, wie wir beim Lesen feststellen können, von einer starken Zuversicht und Hoffnung getragen und gipfeln in der apokalyptischen Erwartung, daß in der tnessianischen Endzeit die Sammlung aller Zerstreuten erfolgen wird. — Wir werden hier auf das starke nationale Ethos, auf das tiefe und echte Erlebnis, das diesen Gebeten innewohnt und ihnen Richtung und Inhalt gegeben hat, eingehen. In einer Zeit der Not war das gesamte Denken von apokalyptischen Hoffnungen und Vorstellungen beherrscht, die dann in den Gebelen ihren Niederschlag gefunden haben. Es wäre noch anschließend darauf einzugehen, wie sich das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert der Reformen und der Loslösungstetidenzen, das derartige nationale Gebete weder erleben noch verstehen konnte, dazu bezogen hat. Wir wissen aus der Geschichte des Gottesdienstes, daß die Reformbewegung hier manche Aenderungen vorgenommen hat. An Literatur ist zu empfehlen: Elbogen, Jüdischer Gottesdienst § 8 ti. § <J und Seite 218. — Leo Hirsch, Praktische Judentumskunde Seite 17 f. und Jüdisches Lexikon unter „Schmone Essre". J. M. Max Reinhardts „Sommernachtstraum" - Film Die „Frankfurter Zeitung" vom 14. 1. bringt einen Filmbericht aus England von Irene Seligo, in dem u. a. über die Verfilmung von Shakespeares „Sommernachtstraum" durch M- Reinhardt berichtet wird. Es heißt hierüber wie folgt: „Und hier ist von einem höchst sonderbaren und fesselnden. wenn auch in der Wirkung enttäuschenden Ivxpei iinent zu berichten, von Max Reinhardts amerikanischem Soimnernachls- Irauni. Reinhardt eiklärie zu diesem seinen Film, er stelle für ihn die Yerwhlslichiing eines alten Traumes dar, .denn die Bühne setze ('■renzen für Phalli!)sie und Atmosphäre, aber die Kamera habe unbegrenzte Bewegungsfreiheit'. Tatsächlich ha! die Kamera l 'i s' aunlichp, geleistet, indem sie die Visionen Reiiih.ndfs auf die Leinwand hr;ehie (wenn aneh mancher fr:e'cn mochte, ob denn diese» Sichü•anfachen allerj Vorgänge einer dtch'e i-chen Phantasie ni<!a eine Eiczmihming der Dichtung selber ilai-iellc, in der doch die Sprache ihre eigene Bild-Wirkung haben soll); nur konnten auch die verschmitztesten und teuersten Knute der Technik aul!i»!lv»'io.|.Ciih nein Sliaktspcarr-- Liiert machen. Der kleine Mskrv RiKTiiry war ein hübscher Purk und James ('agnev ein origineller Uoliom; die ilandlun;; hielt sich streng an den Text. Der Ki'lekt des Ganzen war etwa so, als sähe man einem mächtigen Magier hei einer vergeblichen IWiiwürang zu: Zaulxikreis und [Such, farbige Flammen und duften le Daniele, alles Dium und i)ian ist da und eehl: aber der ('-eis! kommt niehl." In dem gleichen Bericht wird noch von einigen anderen Filmen berichtet, in denen jüdische Künstler mitgewirkt haben. So wird in England „Wie es euch gefällt" mit der liergner gedreht, und in Arabien wird im Jahre 1()K> ein < ilurst-l awrence-Film von Alexander Korda hergestellt werden. Ferner wird darauf hingewiesen, daß die belebende Medizin, die der eng'ischeu Filmindustrie eingegeben wurde, hauptsächlich aus einer starken Dosis fremden Blutes bestand. In diesem Zusammenhang erwähnt die Verfasserin den ersten Welterfolg eines englischen Filmes „Heinrich VIII.", Der hebräische Dichter S. J. AGNON (Jerusalem) dessen neueste im Verlag Schocken erschienenen Bände an anderer Stelle der heutigen Ausgabe der „Jadischen Randschau" besprochen werden. K.lo: Arehi» den Korda drehte, der auch verantwortlich für den Film „Sanders of the river" und zusammen mit Rene Clair für „The ühost goes West" zeichnet. Der Film „Escape me never" verdankt seine Popularität Elisabeth Bergner, und „Abdul the Dainned1' Fritz Kortn er. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 21. Januar: Wien (506), 12: U. a. Rubinstein; 17.30: LI. a. Weinherger. — Söltens (443), 16.30: LI. a. Mendelssohn. — Laibach (569), 18: Offenbach-Konzcrt. — Stockholm (1389), 20: Alexander Kipnis singt Lieder und Arien. —- Nord-England (449), 20.45. U. a. Bruch. — Sottens (443), 20.50: LI. a. Offenbach. — Luxemburg (1304), 23.45: Schallplatte!!, u. a. Alexander Kipnis. Mittwoch, 22. Januar: Paris I'.T.T. (432), 21.20: Mcycrbccr: „Die Hugenotten*". — London National (1500), 21.30: U. a. Schönberg. Donnerstag, 23. Januar: Wien (506), 12: U. a. Ottenbach, Goldmark. -~- StraCburg (349), 19.30: U. a. Mendelssohn. — Luxemburg (1304), 18.45: U. a. Mcycrbccr: „Der Prophet"; 21.40: Schallplatten, u. a. Jehudi Menuhin. — Toulouse (329), 22: Mcycrbccr: „Die Afrikanerin". — Mittel-Italien (421), 22: U. a. Castelnuovo-Tedesco. — Stockholm (1389), 22: (J. a. Weill. Freitag, 24. Januar: Kaiundborg (1263), 15.20: U. a. Mcndclssofin. — Prag (470), 16.10: U. a. Wcinbergcr. — Radio Paris (1648), 17.30: LI. a. Handel: „Judas Maccabäus". — Toulouse (328), 18.15: Ilalevy: „Die Jüdin". — Nord-KngUmd (449), 21: U. a. Saint Sacns: „Samson und Dalila". — London National (1500), 22: II. a. Bruch. -—■ Stockholm (1389), 22: U. a. Moszkowslci. — Radio Paus (1648). 22.45: ü. a. Milhaud. — Luxemburg (1304), 23: Schallplatten. Alexander Kipnis. Sonnabend, 25. Januar: Wien (506), 14: Schallplatten, Jascha Heifetr. — Warschau (1339), 18: U. a. Rubinstein. — Schottland (391), 20.30: Mendelssohn: „llebriden-Ouvcrtürc". — Kowno (1935), 21.30: Sinfonie A-Dur von Mendelssolui. — Paris P.T.T. (432), Rcwialdo Hahn: „Der Kaufmann von Venedig" (Uebertragung aus der Pariser Oper). Aguda und BDJJ. Zu dem Bericht über den Delcgiertenfag der Agudas Jisroel in Nr. 3 der „Jüd. Rundschau" erhalten wir eine Zuschrift der Landesorgatiisation der Agudas Jisroel in Frankfurt a. M., die im Sinne der von uns bereits in Nr. 4 abgedruckten Zuschrift des BDJJ. klarstellt, daß Herr Dr. Ehrmann in seinem Referat nur sagen wollte, die Führer des BDJJ. hätten erklärt, daß die Mitglieder des Bundes, falls sie die Absicht haben nach Palästina zu emigrieren, veranlaßt wurden, vorher aus dem Bunde auszuscheiden, doch werden sie bei dieser Gelegenheit dahin beraten, sich demjenigen Chaluzim-Biinde anzuschließen, welcher ihrer Mentalität am meisten entspricht. Im Falle es sich um junge Menschen handelt, die dem agiidistischen Gedanken nahestehen, würden sie an die Aguda verwiesen werden. — Wir geben dieser nachträglichen Berichtigung Raum, obwohl der Referent sich zumindest sehr mißverständlich ausgedrückt haben muß, denn die Teilnehmer der Tagung, darunter auch unser Berichterstatter, bestätigen, daß in seinem Referat die Sache so dargestellt war, wie ursprünglich gemeldet. Dies ist auch sachlich plausibel, denn die Mitteilung, daß diejenigen Menschen, di« ohnedies den agudistischen Gedanken nahestehen, auch an die Aguda verwiesen werden sollen, wäre an sich nichts Bemerkenswertes. Die Angelegenheit erscheint uns jedoch viel zu unwichtig, um darauf weiter einzugehen. Bticz.aezer Heiseeesell-el,,! ft ,,,r etwa hundert Jahren, mil dem Kerndiick einer Schi ff-fahl I sun (hilalz nach Konslantinopel und einer ,| s i mi i-clun, I eher f.di rt \.m da nach Jaffa, eincei aliud \..n den \ i.rbnvilungeii zur Rci-e und dem Bettuch der KlagemaMer nach glücklicher I /Ilching, sind nicht bloli zu einem kultur- und naliniialge-ehiclillich faszinierenden Beigebet -ielil /11 - -a i n 11 n 11 >_'e f a . »je eröffnen vielmehr dem (Yeindeii Auge eine einheitliche Weh mela|>h\bischer Sehnsucht, die ihm. wenn is Menschlichem nur innirteilslos offen i-i, Knt/ucken und Bew uiidenmg abringt. Neben rnauniefaelien sneenlci fh n .\cl«iini'>liven, die hier verarbeitet werden, eibl dir; riimanlisch-iinslisi he (lestall (ibannttjas, eines vieleypni I!en, alier srutlverlrauenden Wanderers, der in Biiczacz sich der lleiseirescllsclia ft alisch!ielil, der Erzählung da- Im-uh-ieht iirli" Rohe it des l'iiauln.tischen. Chananja, der auf der Reise noch vor der Einst-hiffims,» in (iiihitz verloren eehl, duichipiert kraft seines unerschütterlichen Glaubens und seiner hilf-U-reilen Hingabe an seine Mitmenschen auf seinem i"i!>c-r die Wellen des Meeres gebreiteten Tuch, seinem einzigen lieiserequisi!, unter Alisinpunp frommer Lieder das Meer und landet noch vor seinen Genossen an den l 'fern des Heiligen Landes. Die Heisegesellsehaft i-t von ihrem Schilfe aus. ahnunjHns, dali dies Chananja sei, Zeugin des Wunders. „Es gleite' das Schiff dahin, und der Heiliee, gelobt .sei er, rollt Licht vor Finsternis und Finsternis vor Lieht hinweg, und sendet Wind und nicki das Schilf von der Siehe. Mit jedem Tag nimmt die Kraft der Sonne zu. bis das Au-eihr nicht mehr ins Antlitz blicken kann und naehis leuchtet jedi r Stern «te ein Mond. Die Weilen des Miete- -acl bcwejj! und »..gen. utel!,ieht ikitici. n «,(. steigert ihnen und ein I ic Ii schwimm: dartiher, aic-eehreiiei \\ ic ein Schill im Hetzen des Meeres, und ein Mensch sitzt aul ihm, sein Gesicht gen Osten gewandt. Keine Woge des Meeres erhebt sich wider ihn, ihn zu versenken, kein Tier des Meeres erhebt sich wider ihn, ihn zu verschlingen, und der Stoßvoge! Ta-ith stoßt im Fluge durch die Lüh und umkreist ihn. Wieviel Tage sie auf dem Schiffe fuhren, cr-imst du daraus: ,ds sie das Schilf bestiee-cn, hallen de -•.eh «he lia.ipt Uevcon, und te'zl ver-inki dir Tellüa (tirbelka|j,el) des K'> im Haar. \V,-tm de in-. Mt er spähen, seilen sie vor »icii l.u hl ti.imthen, die dein Mu re etil steigen, und ein gebreitetes Tuch, das wie ein Scliiff im Herzen des Meeres schwimmt, und ein Mensch sitzt auf dem Tuche, sein Gesicht gen Osten gc- Dic Gestalt jedes einzelnen Fahrtjrenossen und die lx-sonderen Motive und ErltensimiMiinde, die ihn zum ,.Aufstieg" ins llcilitre Land ver.'itil.dit haben, kommen in ihren nuancierten I'cinlieiteti zur Darstellung. Es gibt kein besseres Mittel, das ('harakterisiiseho dieser Erzählung ins rechte Lieht zu setzen, a'w kurz, mitzuteilen, wer die Weggenossen dieser Heise sind. Da ist Habbi Schlomo der Alte, der all seine Tagt» Kaufmann gewesen ist und nun die Güter dieser Welt verläßt, um nach Erez Israel aufzusteigen; der Sehochct und Eleisclihesehauer iiabbi Alter, der seinem Schwiegersohn sein Amt üherlüfit: der Lehrer Habbi Aller, dem es heim fa hren des Talmudtniktates ..Ketulxdb" (..Ehebriefu") in den Sinn koiiiml, dali Erez. Israel doeli der Ehebrief zwischen Israel und dem Heiligen, gelobt sei er, sei, und dali es der Erati verixden sei. olitie Ehebrief zu bleiben, der aus dieser Erwägung heraus seine Schüler zerstreut, seine Trdmudfolianten verkauft und sich in die Liste der Reisenden einlrägt: der Vorsteher der großen Synagoge, Rabbi l'essach mil seiner Erau, die aus ,,selbstsüchtigen" Gründen ihren Aufstieg UseUliclieu. indem sie hoffen, daß sie in Erez Israel gewürdigt werden, Kinder zu Itekomrnen, die ihnen bisher versagt geblielxm waren; Rabbi Josef Melr, der seiner Frau den Seheidebrief gegel>en hat, weil sie nicht nach Erez Israel aufsteigen will, und dem sein Schwiegervater die Verdoppelung der Mitgift verspricht, falls er die Scheidung rückgängig macht, worauf ihm Rabbi Melr anlwortel: ,,ich habe mich bereits einer anderen Braut angelobt und kann sie nicht beschämen": Rabbi Moselie, der Bruder des uns aus dem Werk „Der Verstoßene"1) bekannten Rabbi Gersclioni, der aus Liebe zum Land seine beiden Törhler zurücklaßt und sich und seine Frau in die Liste der Aufsteigenden einträgt; der Chassid Rabbi Juda Mendel, dem mit dem Hinscheiden seines Rabbi die ganze Welt nicht mehr wert scheint: einer, dessen Name nicht mehr erinnerlich ist: der Schlächter Leibusch, den später das Land wieder ausspie, weil er zu seinem Tadel gesprochen hatte, *) Band Iii der Schriften Agnons. indem er sagte: „Habt ihr ein Land gesehen, in dem man nnr Hammelfleisch findet?"; und schließlich Rabbi Schmuel Josef, Sohn des Leviten Rabbi Scbalom MordechaL Vor besonderem Reiz ist der Einfall des Autors, in der Gestalt dieses letzteren wohl sich selbst als Weggenossen seiner Landsleule (Buczaez ist die Geburtsstadt Agnons) einzuführen. A on diesem Rabbi Schmuel Josef wird gesagt, daß er in den Mythen Erez Israels l>cwandert gewesen sei, „jenen Mythen, mil denen man den Namen des Heiligen, gelob* sei er, heiligt, und wenn er den Mund zum Lobe des Landes öffnete, schien es, als ob der Name Gottes auf der Spitze seiner Zunge eingeritzt wäre." Diese Fahrt „Im Herzen der Meere" kann ihre innere Verwandtschaft zu den Wanderungen des Rabbi Jidel in „11 achn assat h-ka 1 la"*) nicht verleugnen, und zwar nicht gerade wegen der geschilderten ostgalizischcn Menschentypen und wegen der offenbaren Analogie, die im breitausgesponnenen Reisemotiv selbst liegt — dies Motiv spielt ja schon in Agnons erstem großem Werk „Und das Krumrae wird gerade"«) eine charakteristische Rolle —, wie viel mehr wegen der in beiden Werken zum Ausdruck kommenden Neigung zum Phantastischen und Wunderbaren. Das Romantisch-Wunderbare ist bei Agnon in die Realität des chassidischen Alltags so organisch eingebaut, daß man an dem sonst so klaren Gegensatz zwischen Realismus und Romantik irre werden könnte. Diese bei allgemeiner LitcratuTbclrachtung anwendbaren Begriffsunterscheidungen werden für das W e se n s j fl d i s c he, wie es uns bei diesem Autor entgegentritt, fast belanglos. In der Sphäre des Metaphysischen besitzt das Wunderbare größere reale Kraft als noch so fanatischer „Realismus". Denn hier vollzieht sich im Wunder das wahre Wirkliche. In dieser Hinsicht geht Agnon noch weit über J. L. Perez hinaus, der als Vater der „realistisch-romantischen Synthese" in unserer Literatur gilt (Schluß folgt) 6) Vgl. die ausführliche Besprechung dieses Werkes in der „J. K" Nr. 23/2-1, 1932. 6) In deutscher Lcbersetzung von Max Strauss erschienen; Neuausgabe im Schocken-Vcrlag.