Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1936)
- Date
- 1936-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ¥-* J l. > •"<v ff Nr. 6 / Jahrgang 41 Preis 25 RpL JODISCHE RUNDSCHAU SchrixUettung, V.rUg u. Antelgenvenraltnng i Berlin W15, MalnalcMtr.l« Farcrul Sammal-Nr.! 1 Biomarck 3181/82,7165/70, 7240/ 42. - B«URapreia einschl. BMtclleeld )• Monat HM 2,-, je Vi«rtelj«hr RM 5,75, bei Abholung RM%88 biw. RM 5J9. — PotMcheck - Konten der Vertrieb« - Abteilung: Berlin 71573 Our CroS-BerlinX Berlin 17392 (tut de« übriEe Reich). In Fällen hftherer Gewalt benebt kein Anspruch aul Nachlielerung oder Eretutung etwa »chon Bezahlter Benigesebühren. — Erecheliit |eden Dlenataig ttotl Frajltag. BERLIN Ts in hüd VD DIENSTAG, 21. JANUAR 1936 Gültig: Anzelgenprelaliate "*» *• i->'» 12 ijespaitene rntu 7-eile 20 Rpl, lür FamiliennachrichMtn 15 Rpl- Aufnahme von Anzeigen »n bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Geleßenheitaan/eincn nur bei Vorauszahlung aul Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montau bis Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Annahmeschluft lür die Dienstag Ajt «gäbe Montag lO Uhr, (ür die Freitag Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am "lag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das iQdlsche Volk die Schaffunq einer öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstatte in Palästina. (Baseler Programm) Die Genfer Ratstagung Die Auswandererfrage Genf. (JTA.-Dicnst.) Der Bericht der Expertenkommission für die Neuregelung der Auswandcrerfiirsorge und das Rücktrittsschreiben des bisherigen Oberkonimissars James G. Mac Donald bilden einen Punkt der Tagesordnung, die der Völkerbundsrat in seiner am 20. Januar beginnenden ordentlichen Session zu erledigen haben wird. Die Ratstagung, die bis zum 25. Januar dauern soll, wird von dem Vertreter Australiens im Völkerbundsrat, dem Londoner Oberkommissar des australischen Bundes, Stanley Bruce, geleitet werden. Zum Berichterstatter über die Auswandererfrage ist der Vertreter Ecuadors, das im September an Stelle Mexikos einen Ratssitz erhielt, bestimmt worden. In der ersten Sitzung am 20. Januar vormittags gab der Vertreter von Ecuador als Rapporteur einen Ueberblick über den Bericht der Expertenkommission und legte dem Rat gleichzeitig das Rücktrittsschreiben James MacDonalds, sowie das Material vor, das MacDonald zur Begründung seines Rücktritts zusammengestellt hat. Dabei fand er lobende Worte der Anerkennung für die Tätigkeit des bisherigen Oberkommissars. Im Anschluß an seinen Bericht beantragte der Vertreter Ecuadors, eine Kommission einzusetzen, die zu den Vorschlägen der Expertenkommission entsprechende Resolutionen für den Völkerbundsrat ausarbeiten soll. Ferner erbat er die Benennung von Persönlichkeiten für die Leitung des Nansen-Amtes und die provisorische Führung der Angelegenheiten der Auswanderer aus Deutschland. Die Wahl der von dem Rapporteur vorgeschlagenen Kommission, der die Vertreter Englands, Frankreichs, Polens, der USSR., Dänemarks und Ecuadors angehören sollen, wird In der Abendsitzung vom 20. Januar oder in der Vormittagssitzung vom 21. Januar vorgenommen werden. Es wird erwartet, daß Ende der Woche eine Debatte Ober die grundsätzliche Seite des Auswandererproblems stattfinden wird. Was die Person des Oberkommissars für die Auswanderer aus Deutschland betrifft, so laßt sich vorläufig noch kein Name mit einiger Bestimmtheit anführen. Eine Zeitlang sprach man davon, daß Sir Arthur S a 11 e r die meisten Aussichten hat, auf diesen Posten berufen zu werden. Es wurden jedoch in der führenden englischen Presse auch Namen wie Churchill und Lord Ceci! genannt. Mit Sicherheit ist jedoch anzunehmen, daß die Wahl auf einen Engländer fallen wird. Die an der Frage interessierten Kreise sind übereinstimmend der Ansicht, daß ein Engländer für diesen Posten am geeignetsten wäre. Die Entscheidung über die Nationalität des Kandidaten wird vom Rat getroffen werden und die endgültige Ernennung dürfte einige Wochen nach der Ratstagung erfolgen. Sir Samuel Hoare Flüchtlingskommissar? „Daily Herald" meldet — laut DNB — aus Genf, daß Sir Samuel Hoare im Zusammenhang mit der geplanten Ernennung eines neuen Kommissars für Flüchtlingsfragen genannt werde. Man weist darauf hin, daß Sir Samuel Hoare bereits im Jahre 1921 als Völkerbundskommissar für russische Flüchtlinge unter Leitung von Nansen tätig war. (Die Nachricht klingt unwahrscheinlich — Red. „Jüd. Rundschau".) Englische Völkerbundsliga für allgemeinen Emigrantenschuiz DNB. meldet aus London: Der Vollzugsausschuß der englischen Völkerbund s 1 i g a beschäftigte sich, ,,Daily Herald" zufolge, am Donnerstag mit Flüchtlingsfragen. Nach dem Blatt ist vom Ausschuß eine Entschließung gefaßt worden, in der gefordert wird, daß auf der in Genf geplanten internationalen Konferenz über Flüchtlingsfragen der Schutz aller Flüchtlinge nicht nur der aus Deutschland kommenden Emigranten behandelt werden müsse. Der Völkerbundsverband habe es bedauert, daß der Bericht des Völkerbundsausschusses für Flüchtlingsfragcn sich lediglich mit der Unterstützung von Emigranten aus Deutschland, infolge des Widerstandes der Räteregierung aber nicht mit der Frage der russischen und armenischen Flüchtlinge befaßt habe, die weit zahlreichet seien. Das Attentat auf Dr. Niemirower Bukarest, 16. Januar. (JTA.) Die Untersuchung nach dem mißglückten Attentat auf den Oberrabbiner von Bukarest und Vertreter der jüdischen Glaubensgemeinschaft im rumänischen Senat, Dr. 1. Niemirower, wird von der Oeffentlichkeit mit größter Spannung verfolgt. Die fortschrittliche Presse protestiert gegen Verdunkelungsversuche, die im dem Bestreben, die politischen Hintergründe des Attentats unaufgedeckt zu lassen, ohne die Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung abzuwarten, schon jetzt erklären, es handele sich um die vereinzelte Tat eines Wahnsinnigen. In den betreffenden Communiques wird gar nicht erwähnt, daß der Attentäter Dr. Niemirower schon seit 5 Uhr morgens auflauerte, daß er von zwei Personen begleitet war, die ihm Dr. Niemirower zeigten, daß in seiner Tasche eine Banknote von 1000 Lei gefunden wurde und daß die Herkunft der Waffe und der Munition wohl Hinweise auf die genaueren Zusammenhänge ergeben wird. Bemerkenswert ist auch, daß ein Sonnabend für die Ausführung des Attentats gewählt wurde, der einzige Tag, an dem Dr. Niemirower sich zu Fuß zur Synagoge begibt, während er an den Wochentagen ein Auto benutzt. Inzwischen haben die führenden Staatsmänner und Politiker Dr. Niemirower ihr Mitgefühl ausgedrückt. Der Außenminister Nicolae Titulescu hat aus St. Moritz ein Telegramm an Oberrabbiner Dr. Niemirower gerichtet. — Der Kultusminister Alexander Lapedatu hat Dr. Niemirower ein herzlich gehaltenes Schreiben geschickt. Glückwünsche sprach auch der Präsident des Senats, Constantiu Diunitriu, aus. Unterstaatssekretär Eugen T i t i a n u stattete im Auftrag der Regierung dem Oberrabbiner einen Besuch ab. Der rumänische Patriarch und frühere Regent Dr. Miron Cristea sowie andere in Bukarest weilende Kirchenfürsten haben sich mit großer Teilnahme nach dem Befinden Dr. Niemirowers, der infolge des Attentats einen Nervenschock erlitten hat, erkundigt, Lehrlingsausbildung in jüdischen Handelsbetrieben Die Vertretungen des Einzelhandels sind seit einiger Zeit damit beschäftigt, Richtlinien für die Ausbildung von Lehrlinge n aufzustellen, lieber ihren Inhalt teilt der Rcichsfachgruppenwalter für den Einzelhandel, Dr. Piens, im „Deutschen Kaufmann" Einzelheiten mit. Die Erziehung des Berufsnachwuchses hänge im Einzelhandel mehr als in anderen Betrieben von der Persönlichkeit des Lehrherrn ab. Es genüge deshalb nicht, „erfolgreichen" Kaufleuten die Erziehung des Nachwuchses zu übergeben, sondern der charakterlich einwandfreie ehrbare Kaufmann müsse in der Volkswirtschaft wieder häufiger werden. Es gehe auch nicht an, jüdischen Betriebsführern die Erziehung unseres kaufmännischen Nachwuchses zu überlassen. Da es andererseits noch einige Branchen gebe, in denen die Zahl der jüdischen Betriebe überwiege, müsse man den Ausweg gehen, in solchen Fällen für den jüdischen Betriebsführer einen voll verantwortlichen Lehrherrnstellvertreter mit der Lehrlingsausbildung zu beauftragen. Tagesordnung des XXV. Delegiertentages der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Berlin in den Räumen des Bachsaals, LütaeowstraOe 76, in der Zeit vom 2. bis 4. Februar 1936 Sonntag, den 2. Februar 1936, 15.30 Uhr: Eröffnung des Delegiertentages, Wahl des Präsidiums und der Kommissionen. Anschließend: Referat des Vorsitzenden der ZVfD., Dr. Siegfried Moses: „Aufgabe, Leistung und Bewährung der zionistischen Bewegung in Deutschland". Anschließend nachmittags und abends: Generaldebatte. Montag, den 3. Februar 1936, 9 Uhr: Kommissionssitzungen. 15.30 Uhr: Referat S. Tschertok: „Die zionistische Bewegung als Trägerin jüdischer Kulturarbeit". Referat Hans Gärtner: „Der Aufbau der jüdischen Schule". Anschließend Debatte. 20.30 Uhr: Referat Kurt Blumenfeld, Jerusalem: „Zionismus — Palästina — Judenfrage. Ein Situationsbericht". Dienstag, den 4. Februar 1936, 9.15 Uhr vormittags: Referat Dr. Georg Landauer, Jerusalem, Leiter des Büros für die Ansiedlung deutscher Juden: „Ergebnisse und Perspektiven der Alijah aus Deutschland in Erez Israel". Referat Dr. Michael Traub: „Funktion und Bedeutung des nationalen Kapitals für den Palästina- Aufbau". Anschließend Debatte. 15 Uhr: Kommissionssitzungen. 19 Uhr: Schlußsitzung des Plenums. Berichte der Vorsitzenden der Kommissionen. Beschlußfassung über die Resolutionen. Wahles der leitenden Körperschaften und Ausschüsse. Was wird aus unseren Alten? Von Dr. Georg Lubinski Das Wort von der „V e r g r e i s u n g" des deutschen Judentums gehört mit Recht zum Arsenal aller Statistiker. Die Tatsache, daß 50<'o aller Juden in Deutschland über -12 Jahre alt und 230/r. über 60 Jahre alt sind, wird hingenommen. Die Fragen, die ans diesen Tatsachen für jede S o z i a 1 p o I i t i k entstehen, werden aber kaum formuliert, geschweige denn ihre Lösung in Angriff genommen. Bei der Fülle ungelöster Fragen, die vor uns stehen, erhalten die ein/einen nicht mehr die Dringlichkeit, die sie sonst gehallt hätten. Diese abwartende Haltung ist nur so lange zu rechtfertigen, als man sich der Beantwortung der Fragen entziehen kann. Der Druck der Frage, was mit unseren Alten werden wird, verstärkt sich aber von Tag zu Tag. Jede auswandernde Familie, die Eltern zurückläßt, steht vor dieser Frage. Jeder ältere Mensch, der früher als sonst aus dem Berufsleben ausscheidet, muß daran denken, wie er mit dieser Frage fertig wird. Palästina hat in diesem Zusammenhange seine Hilfsmöglichkeiten bewiesen: Die ,,Elfern-Aiijah" ist zwar nicht nach dem Umfang, aber wohl nach dem Segen, den sie stiftet, mit der „Jugend-Alijah" zu vergleichen. Es ist bekannt, daß insbesondere die Kwuzoth in Palästina einer erheblichen Zahl von Eltern ihrer Angehörigen Lebens- und oft genug auch noch Arbeifsmöglichkeih-n gewährt haben, und daß für diese Gruppe von Eltern von der Mandatsregierung besondere Zertifikate außerhalb der Schedule bereitgestellt werden, selbstverständlich unabhängig davon, ob die Eltern zu ihren in den Kwuzoth oder sonstwo lebenden Kindern gehen. Für die in Deutschland verbleibenden Alten — und das wird bei weitem die Mehrzahl sein ~ bestehen sowohl das Existenzals auch das U n t c r b r i n g u n g s p r o b 1 c m in voller Schärfe. Für einen großen Teil von ihnen wird das Existenzv problem, d. h. die Frage, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können, nur mit Hilfe der öffentlichen Fürsorg e, insbesondere auch der Kleinrentnerhilfe, gegebenenfalls unter Ergänzung seitens der jüdischen Wohlfahrtspflege gelöst werden müssen. Nachdem die jüdischen Kleinrentner nach dem 1. Januar 1936 nicht mehr Mitglieder des Deutschen Kleinrentnerbundes sein können, fällt der jüdischen Wohlfahrtspflege in der Beratung dieser Gruppe eine neue Aufgabe zu. Noch wichtiger ist aber vielleicht die Beratung derjenigen alten Leute, die für ihren Lebensabend ein bestimmtes Kapital zur Verfügung haben, das sie aber so anlegen müssen, daß ihr Lebensunterhalt tatsächlich bis zu ihrem Lebensende, unabhängig von dessen Eintritt, sichergestellt ist Ist das Vermögen so groß, daß schon dessen Zinsen, auch nach der Ermäßigung des Zinsfußes für Pfandbriefe und Hypotheken, für den Lebensunterhalt ausreichen, so besteht auch hier kein Problem. Anders ist das in den sehr häufigen Fäller,, in den i die Zinsen allein nicht ausreichen, in denen daher auch das Kapital angegriffen werden muß, immer :.i der bangen Sorge, daß es infolge der zunehmenden Inanspruchnahme durch den mit dem Verbrauch des Kapitals ständig geringer werdendem Zinsertrag frühzeitig aufgezehrt ist und der Kapifalscigncr dann vor dem Nichts steht. Es ist bekannt, daß über diese Schwierigkeit der Versicherungsgedanke hinweghilft. Für die Erfüllung der hier gestellten Aufgabe ist die sogenannte Rentenversicherung von den großen Versicherungsgesellschaften geschahen v, ortlen. Diese Vorsicherungsart gewährt dem Versicherten entweder auf Grund früherer Prämienzahlung oder auf Grund der einmaligen Einzahlung einer bestimmten Summe (Abschluß einer Leibrente) von einem bestimmten Zeitpunkt an bis zum Tode des Versicherten oder auch weiter bis zum Tode des letztversterbenden Ehegatten eine regelmäßige Rente, deren Höhe selbstv.::ich abhängig ist einmal von der Höhe der Prämien oder des eingezahlten Kapitals und weiterhin um so größer ist, je höher das Lebensalter des Versicherten ist, also je kürzer vermutlich der Zeitraum sein wird, innerhalb dessen die Rente gezahlt werden muß. Entsprechend dem Versicherungsprinzip wird daher das sonst nur individuelle Risiko eines frühen oder späten Todes auf die Gesamtheit der Versicherten verteilt. Diese Form der Versicherung macht im übrigen den Versicherten unabhängig von der Entwickhrng des Geldmarktes und gestattet insbesondere den auswandernden Angehörigen, mit einem sonst auf ein Sperrkonto gelangenden Teil ihres Vermögens den Lebensunterhalt ihrer in Deutschland verbleibenden älteren Angehörigen sicherzustellen. Fast ebenso wichtig wie die Lösung der Existenzfrage ist die Gestaltung des Unterbringt! ngsprob lern s. Die jüdischen Altersheime in Deutschland verfügen insgesamt über 2700 Plätze, allein die Zahl der über 65jährigen jüdischen Männer und Frauen belief sich im Jahre 1933 auf 53000 und ist inzwiselten weiter gestiegen. Schon aus dieser Gegenüberstellung erklärt sich die allgemein bekannte Tatsache, daß die Altersheime trotz. Ueberbelegimg bei weitem nicht alle Anmeldungen berücksichtigen können, und daß manche An falten gezwungen sind, Bewerber unter 70 oder sogar 72 Jahren von vornherein zurückzuweisen, weil zuviel Bewerber ..bcr dem Mindestaltcr noch nicht berücksichtigt werde» können. Dies« Entwicklung wird noch durch eine #