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Jüdische Rundschau · 1936-01-17 · Heft 5 (17.1.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 5 (17.1.1936)
Date
1936-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dt» R gespaltene mm-Ze*. 20 Rpf, m Familiennachrichten 15 RpL Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen odw Stellen and in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. *"-lrj.i nfiniea anzeigen nur bei Vorauszahlung auf Poatacheck - Konto Berlin 71616 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Frekag 9 — 16 Uhr. Annakmeochra* fSr die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag. Au»« gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jadische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlieh gesicherten Heimstatte in Palästina. (Saseler Programm) Beschränkung statt Erleichterung? Zu den angeblichen Plänen der Palästina-Regierung und zu der Sitzung des Völkerbunds-Rates am 20. d. M. Die Gerüchte über eine angebliche Aenderung der Einwanderungsbestimmungen, die von der JTA. verbreitet werden, haben begreiflicherweise in Palästina und in weitesten jüdischen Kreisen der Diaspora lebhafte Beunruhigung hervorgerufen. Die hebräischen Zeitungen Palästinas wenden sich mit großer Schärfe gegen solche Pläne, die eine Erschwerung der jüdischen Einwanderung gerade in einem Zeitpunkt bewirken würden, wo das Bedürfnis nach Auswanderung so groll ist wie noch nie. Ob tatsächlich solche Pläne bei der Mandatar-Regierung bestehen, konnte authentisch noch nicht festgestellt werden. Wir hoffen, daß dies n i c h t der Fall ist, um so mehr als die Mandatar- Regierung und die maßgebenden Männer, vor allem der High Commissioner von Palästina und der seit seiner letzten Europareise auch persönlich mit den jüdischen Verhältnissen genau vertraute Leiter des Einwanderungs-Departements, Mr. Mills, in vielen Aeußerungen Verständnis für die Lage der auswandennigsbcdürftigen Juden gezeigt haben. Wir glauben berechtigt zu sein, namens der Juden Deutschlands, von denen Tausende sich auf die Einwanderung nach Palästina vorbereiten, mit aller Entschiedenheit an die Mandatarmacht und an die öffentliche Meinung Englands und des Völkerbundes zu appellieren, damit nicht derartige verhängnisvolle Maßnahmen, wie sie in der erwähnten J.T.A.-Meldung als möglich hingestellt werden, Wirklichkeit werden. Die Öffentlichkeit der Welt befaßt sich gerade in diesem Moment vielleicht zum ersten Male eingehend mit dem Problem der jüdischen Wanderung. Es ist ein sehr schwieriges Problem, das viele unangenehme Seiten hat, und man kann es psychologisch begreifen (wenn man es auch von unserem Standpunkt aus überaus bedauern muß), daß der Völkerbund, die großen interessierten Mächte und sonstige Organisationen bisher die Sache immer wieder nach einigen praktisch ergebnislosen Diskussionen abgeschoben haben, ohne etwas Wirksames zu unternehmen. Nunmehr aber ist eine Behandlung der Frage und eine konstruktive Lösung unaufschiebbar geworden. Besonders die Tatsache, daß nicht nur in vielen Ländern Emigranten sitzen, deren Los völlig in der Luft hängt, sondern daß auch mit Bestimmtheit in den nächsten Jahren mit einer ständigen jüdischen Auswanderung aus Deutschland gerechnet w erden m n ß, zwingt dazu, das Problem sehr ernst zu nehmen. Unter allen den Faktoren, die sich in den letzten Tagen mit der Sache befaßt haben, steht die öffentliche Meinung Englands an erster Stelle. In dem (schon in der vorigen Nummer zitierten) bemerkenswerten Leitartikel der „Times" vom 10. Januar wird nachdrücklich gesagt, daß private Organisationen das Problem nicht mehr bewältigen können, sondern daß die im Völkerbund vereinigten Staaten die Sache in die Hand nehmen müssen, wobei zugegeben wird, daß es sich in erster Linie um die Schaffung von Sicdlungsmöglichkeiten handelt. „Times" weist in diesem Artikel auch darauf hin, daß Tausende von Juden aus Deutschland bereits in Palästina angesiedelt worden sind und daß man noch weiter zur Befriedigung des Auswauderungsbedürfnisses Siedlungsboden finden müsse, worüber auch in Südamerika schon Nachforschungen angestellt worden seien. Der Volk er - bundsrat wird sich am 20. Januar auf Grund des Berichtes der Experten-Kommission, den wir in der vorigen Nummer veröffentlicht haben, mit der Sache beschäftigen. Die „Jüdische Rundschau" hat anläßlich der Tagung der Experten-Kommission in Genf am 26. November in einem viel beachteten Aufsatz unter der Ueberschrift „O e f f n e t die Tor e" einen Appell an die Völker gerichtet, Möglichkeiten für eine jüdische Einwanderung angesichts des von niemandem bestrittenen Auswanderungsbedürfnisses der Juden Deutschlands zu erschließen. Selbstverständlich müssen alle Möglichkeiten nutzbar gemacht werden. Es ist — wie den Lesern der „Jüdischen Rundschau" bekannt ist — keineswegs unsere Meinung, daß alle Juden nach Palästina auswandern sollen oder können. Wir haben es auch als unsere Pflicht betrachtet, über die Verhältnisse in anderen Ländern und über die dort bestehenden Einwanderung«-, bzw. Niederlassungsrnöglichkeiten dauernd ausführlich zu berichten. Aber niemand kann bestreiten, dal! vom jüdischen Standpunkt die Auswanderung nach Palästina nicht nur an erster Stelle steht, sondern auch einen ganz anderen Rang einnimmt als die nach anderen Ländern. Ganz abgesehen von der Tatsache, daß das kleine Palästina allein so viele Juden aus Deutschland aufgenommen hat, wie alle anderen Länder zusammengenommen: für den Fortbestand des Judentums und für die seelische und geistige Bindung des jüdischen Volkes spielt Palästina, das Land des völkerrechtlich anerkannten „Jüdischen Nationalheims", eine ganz andere Rolle als jedes andere Land. Wer nach Palästina auswandert, wird für sich und besonders für seine Nachkommen in ein Volljudentum eingereiht, während Auswanderer nach anderen Ländern sich dem Judentum vielleicht entfremden oder ihm schließlich ganz verloren gehen. Es liegt auf der Hand, daß jüdische Gemeinschafts-Anstrengungen, die Palästina gelten, in ihrer jüdischen Wirkung nicht auf eine Stufe zu stellen sind mit anderen Aktionen, die lediglich individuelle Hilfe für einzelne Juden bezwecken. Wenn dieser — gewiß unbestreitbare — Unterschied von allen jüdischen Gruppen beachtet würde, dann wäre bei den die jüdische Gesamtheit in gleicher Weise angehenden großen Hilfsaktionen keine innerjüdische „Partei- Differenz" (und daher auch keine Polemik) notwendig. Aber gerade wegen der Sonderstellung Palästinas und wegen der greifbaren Möglichkeiten dort müssen wir — und hier sprechen wir sicherlich im Namen aller Juden Deutschlands — gegen Versuche einer neuen Erschwerung oder Beschränkung der Einwanderung Stellung nehmen. Die öffentliche Meinung Englands wird dies gewiß verstehen. Denn während die südamerikanischen Pläne, von denen die „Times" spricht, noch, wie sie selbst richtig sagt, im Stadium der „Untersuchung" sind und leider noch völlig unklar ist, was daraus wird, liegt Palästina greifbar vor uns und ist durch jüdische Anstrengungen und jüdisches Kapital für Einwanderer aufnahmefähig gemacht worden. Palästina hat einen von allen Ländern der Welt beneideten gewaltigen Staatsschatz, und es hat noch weite unerschlossene Boden strecken, die nur durch Aufwand von Kapital und technischen Mitteln besiedelbar werden können. Wenn die großen Mittel, zu deren Beschaffung eine Aktion durch die Abreise der Herbert Samuel-Delegation nach Amerika eingeleitet worden ist, auf solche Pläne konzentriert werden (wobei selbstverständlich auch andere außerpalästinensische konstruktiven Zwecke, sofern es solche gibt, berücksichtigt werden sollen), dann wäre hier, ohne daß man weiter zu suchen braucht, in Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht ein Ausweg gegeben, der sicherlich auch von der englischen öffentlichen Meinung und von den Völkerbundskreisen begrüßt werden würde. Wir haben unseren Ruf „Oeffnet die Tore" an alle Völker gerichtet und wiederholen ihn anläßlich des Zusammentritts des Völkerbundsrafes. Wir richten ihn aber besonders an die Regierung Palästinas und an die Mandatar m a c h t. Das Gebot der Stunde ist eine Erleichterung der Einwanderung nach Palästina unter Zugrundelegung von konstruktiven Plänen, die von der Jewish Agency zusammen mit der Mandatarmacht unter Assistenz der großen jüdischen Organisationen durchgeführt werden müßten. Das ist das einzige reale und durchführbare Projekt einer Hilfe, die nur einen Sinn hat, wenn sie in Taten und nicht in Reden und Resolutionen besteht. Erklärung Brodetskys Gegen den Legislative Council Die Zionist Federation of Oreat Britain and Ireland veranstaltete in London gemeinsam mit den zionistischen Parteien Englands einen P r e s s e - E m p f a n g, um die englische Presse über die Gründe der Ablehnung des Legislative Council durch die Juden aufzuklären. Ansprachen hielten der Leiter der Londoner politischen Abteilung der Jewish Agency, Prof. Selig Brodetsky, das Mitglied des politischen Departements Rev. M. L. P e r 1 z w e i g und der Vorsitzende der Konferenz. Paul Goodman. Prof. Brodetsky betonte, daß die Gegnerschaft gegen das Projekt des Legislative Council im jüdischen Lager durchaus einmütig sei. Diese Gegnerschaft beruhe nicht etwa auf der Ansicht)" daß Selbstverwaltung für Palästina überhaupt .nicht angestrebt werden solle, sondern darauf, daß der geplante Legislative Council im Widerspruch steht zum Wortlaut und Geist des Palästinaniandats und ein Kampf- Instrument gegen die Durchführung des Mandats und gegen das Jüdische Nationalheim sein würde. Zum Schluß seiner ausführlichen Darlegungen sprach Brodetsky das Bedauern darüber aus, daß die Juden nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit, in diesem Fall die Zusammenarbeit mit der englischen Regierung und mit dem High Commissioner, Sir Arthur Wauchope, verweigern müssen. Rev. Perl zweig führte in Ergänzung der Darlegungen Prof. Brodetskys aus, die Bemühungen, gesetzgebende Einrichtungen in diesem Augenblick in Palästina zu schaffen, wären schädlich, weil die Landesbevölkerung politisch noch nicht reif sei. Der Vorsitzende, Paul Goodman, gab ebenfalls einen zusammenfassenden Ueberblick über die Stellungnahme der Juden zu dem Plan eines Legislative Council und schilderte die Einmütigkeit, mit der dieser Plan von allen Teilen der jüdischen Gemeinschaft abgelehnt wird. Sorgen — aber auch Hoffnungen! Zur Frage der Schule und Erziehung Wir veröffentlichen an anderer Stelle der heutigen Ausgabe die Zuschrift einer Mutter, die an die jüdischen Instanzen und insbesondere an die Berliner Jüdische Gemeinde die Frage richtet, was mit den Kindern werden soll, die in diesem Frühjahr eingeschult werden müssen, da die Schulen der Berliner Jüdischen Gemeinde überfüllt sind und keine Neuaufnahmen mehr annehmen. Die Sorge, die in diesem Brief zum Ausdruck kommt, ist kein Einzelfall und nicht auf Berlin beschränkt. Auch in vielen anderen Gemeinden herrscht Ungewißheit darüber, wie sich der Schulbesuch der Kinder nach Ostern gestalten wird, und neben den vielen materiellen Problemen, die auf zahlreichen jüdischen Familien lasten, ist diese Frage eine der dringendsten, die es zu lösen gilt. Es geht nicht an, daß die Organisationen des deutschen Judentums und die Gemeinden ihre Mitglieder noch allzu lange hierüber im unklaren lassen, da die Zeit drängt und von der Gestaltung des Schulwesens in vielen Fällen persönliche Entschlüsse abhängig gemacht werden. Hierbei geht es zunächst um mehr äußerliche Fragen, nämlich in erster Linie darum, ob überhaupt die Möglichkeit des Besuchs einer jüdischen Schule vorhanden ist. Ueber dieser Frage dürfen wir andere Probleme nicht vergessen, die für viele Eltern und die jüdische Gesamtheit als solche keine geringere Bedeutung haben und mit dem Zustand unseres Schulwesens als Ganzem verbunden sind. Gewiß kann man auf dem Gebiete der Schule nichts überstürzen, und die Dinge brauchen Weile, um sich zu entwickeln; wir dürfen aber nicht verkennen, daß die Zeiträume, mit denen wir zu rechnen haben, doch nur begrenzt sind. Die Entwicklung der jüdischen Schule in Deutschland geht einem Höhepunkt entgegen, der sehr bald erreicht sein muß, nnd wird alsdann wieder einem Schrumpfungsprozeß unterworfen sein, weil die Zahl der Kinder, die sie zu betreuen hat, infolge der geringen Geburtenrate und der Abwanderung gerade der jüngeren Jahrgänge naturgemäß sinken muß. Aus diesem Grunde gilt es, auf dem Gebiet des Schulwesens die notwendige äußere und innere Entwicklung mit möglichster Beschleunigung durchzuführen, weil sonst die Gcfahi besteht, daß manches erst dann geschaffen wird, wenn ein eigentliches Bedürfnis nicht mehr vorhanden ist. Und in diesem Sinne können wir — und mit uns viele, die mit der praktischen Arbeit eng verbunden sind — unsere Befürchtungen nicht verbergen. Gewiß sind Anläufe gemacht worden, die bedeutsam sind. Die Richtlinien der Reichs Vertretung für die Ausgestaltung des jüdischen Schulwerkes stellten ein brauchbares Rahmenprogramm pädagogischer Art dar, und in ihrer Ausführung ist sowolil von der zentralen Stelle wie auch in einer ganzen Reihe von Schulen Beachtliches geleistet worden, obwohl nicht verkannt werden darf, daß sich seit ihrer Formulierung unsere Vorstellungen über das jüdische Schulwesen erheblich konkretisiert haben. Dennoch fehlt noch allzu vieles, und wir müssen ja auch immer im Auge behalten, daß auf einem mit dem Menschen selbst so eng verbundenen Gebiete, wie es das Schulwesen darstellt, Richtlinien nur etwas, das Lebe n a her all c s b c d c u - tet! Dabei können wir nicht verhehlen, daß Kernstücke unseres jüdischen Schulwesens noch sehr der Entwicklung bedürfen. Wir denken dabei in erster Linie an die Frage der Lehrerausbildung und - f o r t b i 1 d u n g. Soweit es sich um nichtorthodoxe Lehrer handelt, sind die Ausbildungsmöglichkeifen völlig unzureichend und werden bis auf den heutigen Tag in einem Geiste geführt, der alles andere als mit jüdischem Volkstum und jüdischer Zukunftshoffnung verbunden ist; wenn die jungen Lehrer nicht von sich aus bereits den Willen zum lebendigen Judentum mitbringen, werden sie ihn in ihrer Ausbildungszeit schwerlich erhalten. Besonders unzureichend ist die Stellung des Hebräischen in der bisher durchgeführten Lehrerbildung. Was soll man weiter dazu sagen, daß z. B. in der Berliner Gemeinde die Möglichkeiten von Studienreisen nach Palästina für Lehrer außerordentlich beschränkt sind, und daß infolge Zeitmangels und Nichtvorhandenseins von Stipendien für diesen Zweck so manche Reise im Projekt steckengeblieben ist! Dabei gibt es niemand, der bestreitet, daß eine Palästinareise für die Fortbildung eines jüdischen Lehrers von ganz entscheidender Bedeutung ist. Aber auch dann, wenn etwas geschieht, ist nicht immes die Gefahr vermieden worden, daß man sich mehr um die Fassade müht, als um das, was wirklich not tut. Wir brauchen Lehrmittel und Bücher für unser Schulwesen; aber wozu dann die Zersplitterung, die dazu führt, daß von verschiedenen Stellen beinahe das gleiche h (ausgegeben wird? Wo ist die Stelle, die die Themenwahl der Veröffentlichungen bestimmt und dafür Sorge trägt, daß wirklich das herausgegeben wird, was Lehrer und Schüler am dringendsten brauchen? Hüten wir uns, unsere Kräfte zu vergeuden und etwas zu tun, damit es so scheint, als ob etwas Reales geschehe, während wir in Wirklichkeit durch unsere Aktionen nichts bessern! Der Geist der Schulen und ihre wirkliche pädagogische Praxis sind es, die ihren Wert für unsere junge Generation ausmachen. In diesem Zusammenhange ist es immer wieder bedeutsam,; auf die Arbeit der Schulen selbst zu achten und zu sehen/ / .1; i*

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