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Jüdische Rundschau · 1936-01-14 · Heft 4 (14.1.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 4 (14.1.1936)
Date
1936-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 4, 14.1.1936 Kleine jüdische Kulturschule Bei einer unlängst, in engem Kreis veranstalteten Diskussion über die Ziele und Leistungen der Kulturbünde machte ein ästhetisch besonders empfindsamer Redner gegen die Uchcrtragung ostjüdischcr I iteratur ins Deutsche geltend, dal? diese dabei allzuviel von ihrer Eigenart und ihrem Eigenwert verliere. In der gleichen Zeit wurde gerade von der Berliner Kulturbund-Bühne ein Stück von Shaw vorbereitet, und niemand dachte daran, sich darüber Rechenschaft zu geben oder Bedenken zu machen, wieviel dieser Shaw auf seinem Weg aus dem Englischen ins Deutsche von seiner ursprünglichen geistigen Substanz verloren habe. Der Einwand, daß eben Shaw ein „Europäer" sei und für das europäische Publikum schreibe, ist kaum stichhaltig. Denn in mindestens dem gleichen Grad und Maß ist die jiddische Literatur jüdisch schlechthin und also für alle Juden geschrieben, nicht nur für solche, die es schon immer waren, sondern insbesondere auch für alle die andern, die es wieder werden wollen. Die entscheidende Tatsache, vor der man die Augen gar nicht weit genug aufmachen kann, ist: den Juden in Deutschland fehlt eine Kunst und Literatur, deren Sinn- und Formgebung das Prädikat „jüdisch" verdient. Der kulturell wahrhaft säkulare Versuch des K. E. I ran/os, das (istliche Ghetto für den westeuropäischen, also auch deutschen Blick zu offnen, verfing sich in einer Literalurmode und scheiterte an der Klippe der assimilatorischen Tendenz. \X'as vorher und nachher in deutscher Sprache und Auffassung an jüdischer Kunst produziert wurde, war und ist im buchstäblichen Sinn des Wortes „Vermischtes". Es hat nicht zu einem jüdischen Ziel hin-, sondern eher davon abgelenkt. Die Folgen davon spüren und sehen wir heute, wenn wir sie spüren und sehen w o I I e n, da der Versuch naheliegt und sich aufdrängt, aus der deutschen Sprache heraus in einen indischen Raum hineinzudichten. Vi le judisch auch ein heutiger Schriftsteller oder Dichter denken und fühlen mag, woher soll ihm auf einmal, ohne Vorbereitung und Pehergang, die (iahe kommen, auch jüdisch zu schreiben? Er muiSte denn ein „Prophet", heutig ausgedruckt; ein Genie sein! Und Genies wachsen bekanntlich weder wild, noch lassen sie sich rasch säen und ernten. Da es seit mehr als anderthalb Jahrhunderten kein jüdisches Volk auf deutscher Erde gibt, kann man von diesem auch keinen Dichter verlangen und erwarten. Zuerst muß sich wieder das Volk herstellen, bevor es eine Darstellung semer selbst beanspruchen darf. Wie vollzieht sich aber die I terstellung, richtiger: die Wiederherstellung eines Volkes? Banal und kurz gesagt: indem es sich zuerst und vor allein auf seine legitim-völkischen Verbindungen besinnt. Auf seine rückwärtigen und seitlichen Verbindungen sowohl des Ortes wie auch der Zeit. Darum brauchen wir den Einfluß und die Hilfe der ostjüdisch-jiddischen Kultur und Literatur, darum brauchen wir ferner die Nähe und die Zufuhr des Geistes, der in Palästina herrscht, und darum brauchen wir endlich auch das Licht der judischen Geschichte. Die Jeschiwah- Bachurim hatten und haben ihre „Tage", d. h. sie waren oder sind an jedem Tag Kostganger in einem andern Haus. In einer ähnlichen Situation befindet sich heute das Judentum in Deutschland angesichts seiner geistigen und seelischen Verarmung. Es muß nehmen, von woher man ihm gibt. Es muß, nicht nur wie der Jeschiwah-Bachtirim, sondern auch wie der „lernende'' Schwiegersohn, zur „Kost" wohnen. Diese Vergleiche aus dem Ostjüdischen haben einen pädagogischen Zweck. Sie sollen dazu dienen, allzu hohe Begriffe und allzu schöngeistige Worte von einem Problem fernzuhalten, dessen Problematisches wesentlich in einem Hohlraum besteht. Wir haben nichts, womit wir uns in Schönheit, in jüdischer Schönheit schmücken können. Also müssen wir borgen und betteln. Wir müssen bei unseren ostjüdischen Brüdern und Nachbarn in die Schule gehen. Der ach! so fortgeschrittene Schüler kann und muß von dem oh! so zurückgebliebenen Lehrer profitieren. Der Lehrer sitzt im nahen und „fernen" Osten denn wie fern war uns einstmals Palästina! Dnd wie nah ist es uns heute! Aber w a s werden wir heute oder morgen profitieren können? Es wird uns gewiß kein jüdisch-dichterisches Kornfeld aus der flachen Hand wachsen. Aber die Hand kann und wird sich füllen — womit? Vorläufig nicht mit Form, sondern mit Stoff, nicht gleich mit Gefühl, das uns jüdisch erhöht, sondern mit Wissen, das uns jüdisch vertieft. Wir sind noch nicht reif für die Jesehiwah, wir müssen zuerst den Glieder absolvieren, die jüdische Elementarschule. Wir wer ist das? Das ist zuerst des jüdische Publikum, dem die Schriftsteller und Dichter dienen. Es kann solange keine jüdische Form in sich aufnehmen, wie es noch nicht im Besitz des jüdischen Stoffes ist. Mit dem muß es zuerst vertraut gemacht werden, komme er, woher und in welcher Form auch immer. Die Juden in Deutschland haben sich heute über Probleme der jüdischen Form noch nicht die Köpfe zu zerbrechen. Sie haben diese zuerst mit jüdischem Wissen anzufüllen. Und das Wissen herbei- und zusammenzutragen und es vor dem jüdischen Publikum auszubreiten, das ist beute Pflicht und Aufgabe der — ich gebrauche absichtlich das umfassendste Wort -- jüdischen Publizistik. Sic ist selbst noch nicht reif, zu bauen, also soll sie Bausteine schleppen. Sie soll, anders ausgedrückt, sich in den Dienst der jüdischen Aufklärung stellen. Das ist heute ihre Konjunktur — eine andere hat sie nicht. Von diesem Gesichtspunkt aus ist z. B. auch das ganze jüdische Vortragswesen zu beurteilen. Wenn es in seiner Themenauswahl immer noch darauf aus ist, Zusammenhänge der Assimilationszeit zu behandeln (oder gar zu besingen), so ist es schon aus dem primitiven Grund auf dem falschen Weg, weil ja noch die innerjüdischen Zusammenhänge in weitesten jüdischen Kreisen so wenig oder so gar nicht bekannt sind. Höre ich nicht immer wieder von „jüdischer Kultur" sprechen? Ich möchte fragen: Wer spricht da? Ein Wissender, ein Lernender oder ein Unwissender? Der Wissende hat immer recht, der Lernende hat vielleicht recht, aber der Unwissende hat ... den Mund zu halten! Eine Kultur, was immer man darunter verstanden haben will, kann sich nur aus volkseigenen Elementen bilden und konsolidieren, aus der eigenen Sprache und Geschichte, aus dem eigenen Stoff. Den also gilt es sichtbar und, wenn es hoch hergeht, vielleicht sogar schon formbar zu machen. Aber so zu tun, als ob uns seine „letzte Form" schon Kopfzerbrechen machen dürfte, das ist nicht aufrichtig. Und vollends verlogen ist es, wenn einer schon und noch souverän von den Zusammenhängen mit anderen Kulturen faselt. Ich gehöre nicht zu denen, die der Meinung sind, man müsse erst das jüdische Volk auf eigener (palästinensischer) Erde einwurzeln und wachsen lassen, bevor man von ihm eine unverwechselbare jüdische Kunst verlangen dürfe. Die Juden als Gesamtheit haben durch eine zweitausend]ährigc Geschichte den Begriff der eigenen Erde, des Mutterbodens für sich gleichsam allegorisiert. Sie haben aus etwas Statischem etwas Dynamisches gemacht und sind aus einem „Land-Volk" ein Geschichts-Volk geworden. Daraus entspringt ihr Wehe und ihr Wohl. Zu dem letzteren gehört auch, daß statt des Bodens die Geschichte das jüdisch« Gleichnis schaffen kann. Nur eben ist die Voraussetzung dazu, daß das Volk in seiner Gesamtheit sich wieder in den Besitz dieser Geschichte setzt. Wissen heißt hier fast Können. Zum Schluß: man soll weder vom jüdischen Volk noch von seinen Schriftstellern (das Wort „Dichter" bleibe beiseite!) zuviel verlangen. Man soll aus beiden nicht im Irrgarten der Formprobleme taumelnde Pseudo-Kavaliere machen. Wir befinden uns im Zustand der Armut und der Leere und sind gehalten, uns anzureichern und anzufüllen. Mit Stoff, mit Stoff! Mit Wissen, mit Wissen! Die nach uns kommen, werden es feiner haben und feiner geben können. Wir haben es grob und geben es grob. Eben deshalb, weil wir im Grunde unseres heutigen Zustandes gar keine Geber sein können, sondern nur Nehmer (die paar Ausnahmen ausgenommen!), keine Baumeister, sondern nur Kärrner. Hermann Sinsheimer Jüdisdic Musiker in Amerika Wie wir verschiedenen Meldungen und Berichten der „New York Times" entnehmen, haben jüdische Künstler starken Anteil an der gegenwärtigen musikalischen Saison in New York. So finden wir die Kritik einer Aufführung der 2. S y m p Ii o ii i t v o n (inst a v \\ a h 1 e r, der „Aufir«-:. '. - •v.rehonh. , wir. Ii Ctto K I e m p e r e r. In der ausführlichen Besprechung heißt es, die Aufführung sei ein erschütterndes Erlebnis gewesen, die die ganze Größe der Konzeption Mahlers enthüllte. Es werde ein großes Ereignis der musikalischen Annalen der Stadt New York sein. Paradox genug, daß zwei getaufte Juden die Vermittler einer fraglos in ihrem Charakter jüdischen Schöpfung sind. Der Aufführung wohnte auch die Witwe Gustav Mahlers und jetzige Frau von Franz Werfel bei. Zum Schluß gab es, wie der Bericht hervorhebt, eine gar nicht endenwollende Bekallsdemonstration. In einem anderen Artikel wird über die Aufführung der Beethoven-Sonaten durch Arthur Schnabel berichtet. Von Interesse ist ferner das Auftreten der Palästinenserin Sara OsnatHalevy in jemenitischen, arabischen und sefardischen Songs. Im Dezember fand auch ein Konzert zu Ehren von Kurt Weil statt. Der Violinist Mi sc ha Elmau, der kürzlich in P a 1 ä s t i n a konzertiert hat, kehrte nach New York zurück und sein erstes Wiederauftreten dort war für den 4. Januar angekündigt. Auch ein anderer jüdischer Geiger, Efraim Zymbal ist, ist von einer Kouzcrttour, die ihn nach China, Japan und verschiedene Länder Europas führte, nach New York zurückgekehrt. Beide Künstler äußerten sich über ihre Reisen, wobei Mischa Elmau erklärte, er habe gefunden, daß man in Palästina glücklich und in günstigen Verhältnissen leb? und daß besonders für die jüdischen Einwanderer aus Deutschland Palästina eine ungeheure Erleichterung gebracht hat. Anfangs sei es zwar Tür sie etwas schwer gewesen, aber nun haben sie sich durchgesetzt. In dem Programm Toscaninis, der, vom 23. Januar beginnend, 34 Konzerte in New York geben wird, wirken auch einige jüdische Künstler mit, z.B. der Pianist Rudolf S e r k i n und der Violinist Nathan M i 1 s t e i n. In Amerika erschien übrigens auch die Toscanini-Biographie von Paul Stefan mit einer Einleitung von Stefan Zweig. Mit großen Erwartungen wird in Amerika der Erstaufführung von W e r f e 1 s „Weg der Verbeiß u n g" entgegengesehen. „New York Times" veröffentlicht darüber einen auf einem Gespräch mit Werfel beruhenden Artikel, worin dieser die Absichten darlegt, die ihn bei Abfassung dieses Bibelstückes geleitet haben. Werfel habe darauf hingewiesen, daß Amerika für dieses Stück der rechte Ort sei. Denn die Bibel habe in den angelsächsischen Ländern immer eine große Rolle gespielt, zugleich sei aber auch in Amerika die Naturwissenschaft besonders stark; daher sei die Problemstellung dieses Bibelstückes, daß die Menschheit nur durch innere metaphysische und religiöse Ueberzeugung gerettet werden kann, von besonderer Bedeutung für Amerika. In dem Aufsatz wird darauf hingewiesen, daß < Werfel vor etwa sechs Jahren in Europa Vorträge mit dem " Titel hielt „Können wir ohne Oottesglauben leben?" Der Zerrissenheit der Zeit müsse ein positiver Glaube entgegengestellt werden. Die Bibel, so sagte Werfel, ist ein episches Werk, von dem wir noch kaum ein Tausendstel begriffen haben. — Auch der englische Bearbeiter des Stückes, Ludwig Lewisohn, veröffentlicht in „New York Times" einen einführenden Artikel über den „Weg der Verheißung", dessen deutsche Fassung, vorabgedruckt in der „Jüdischen Rundschau" 1<m, kürzlich als Buch im Verlag Zsolnay erschien. t-r....... ^AikWir? ^sm. 5. FortieliunR Nachtlraek verboten Erwin fuhr fort: „W ic kann ich nach so vielen Jahren, ein von \\ ürmern kahlgefres»cner, von Wind und Regen zerfaserter, zerklatschtcr Strauch, minie, mnllo», kopfhängerisch, wie Erfolge, Stellungen, \ er .inlw orliinu'i'n, allgemeine Scbick-nls'-ehläge, die sogenannte Heile unsereins macht, wie kann ich Ihnen heute die I nlKiitdiL'kfit eines Herzens l«esrhrcil>eii, das jung einen ersten trunken machenden Schluck von der Freiheit geschmeckt, einen liefen Atemzug der kühnsten Ideale eingesogen, <lie ersten Hindernisse der Verwirklichung maßlos vor Jubel überrannt hat und weiß, mit allen Fasern seines Wesens, seiner Jugend, seiner Gesundheit, seiner Lebhaftigkeit weiß, dali man auf es, auf das Herz, auf den Inhaber dieses Herzens wartet, man wartet, man — ein Mädchen, strotzend jung, schmelzend zart, berückend anmutig, schön und bereit wie eine Knospe. Ich — ich hatte sie vor Augen, was irh auch tat. Ich halte ein Semester lang studiert, aller mir wie nebenbei, ich halle gehört, gelesen, gelernt, aber nur wie nebenbei, ich hatte die Augen aufgerissen, und, Iwdenken Sie, nach der Enge hier, nach der einfältigen Kleinstädtisehkeit hier, nach der stummen, stumpfen, kunstlosen Armseligkeit, hier die Großstadt, die pompösen Architekturen, Symphoniekonzert**, Lichtreklame, die aufwühlenden ersten Theatervorstellungen meines I/el>ens, .Marmor und Farl«en der Museen in mich hineingetrunken, ,i!kt nur wie im Traum oder wie im Trance, — in Wirklichkeit erlebte ich mir ein Bild, nur ein Wort, nur eine Melodie, nur eine Gestalt, die — verzeih, Ilse — die Knospe. Als ich heimfuhr, zu den Ferien nach dem ersten Semester, ich saß fast zwei Tage in der Eisenbahn, da war es so. wie wenn nicht der Zug mich trüge, sondern ich ihn, aber nicht schwer, nicht keuchend, ächzend, ratternd, sondern leicht, brausend, singend, stürmend, jede Station ein neugewonnener Trumpf, als wäre ich selber es gewesen, der mit einem Griff Berge, Hügel, Waldungen aus dem Dämmerdunst am Horizont immer näher zog und plötzlich hinter mich stieß, als tauchte ich selber in donnernder Eile durch die dunklen Tunnels, und als dann die Ausläufer der Berge sich niedriger kuppten und der hall» Weg hinter mir lag. sah ich auf das schrumpfende Gebirge, aJs wenn ich mit meinen eigenen brechenden Fingernägeln mich himhirchgegraben hätte. Und die Bäder des Zuges höre ich noch heute immer den Sehluchznnd Jauchz-Uefrain ratlern: Nach Hause, nach Hause, die Knospe wartet, nach Hause, nach Hause, die Knospe wartet ... Dies Gefühl schwoll so an, daß es mich zu bersten drohte, es schwemmte mich weg durch die plane Landschaft meiner schon fast heimatlichen Rübenfelder und Wiesen, und' ich freute mich schließlich jedes Fabriksrhornsleins, der sieh in den Horizont häkle, der spärlichen Häuser am Bahndamm, der Schienen, wenn sie sich spalteten und verzweigten, weil es sichtbare, harte, bestimmt greifbare Dinge waren, Anker in einem Meer von Empfindungen, deren Seligkeit mich betäubte und ängstigte; vor Glück mußte ich in den letzten Stunden der Fahrt fürchten, irrsinnig zu werden, wenn meine Augen sich nicht an harten, festen, nüchternen Gegenständen festgehalten hätten, lind als mir schließlich der erste Gedanke bewußt wurde, die Angst, zu spät oder nie mehr anzukommen, da griffen die Bremsen in die aufschreienden Eisen, der Zug stand, und ich war in Malowa, hier, zu Hause. Ich stieg aus und sah mich um, al)er niemand erwartete mich. Meine Eltern und Geschwister wußten nicht, wann ich kommen würde, und das Mädchen hätte mich, auch wenn ich ihr geschrieben hätte, schicklichkeitshalbcr nie abholen können. Und trotzdem fühlte irh mich nicht verlassen, sondern stark, froh, fast rnSchtig. Mit einem Male war mir bewußt, was alles ich in diesem Halbjahr gesehen, gehört, gelernt bade, daß ich um alle Künste, um alle Freiheit, um eine Großstadt, um die Welt reicher in diese unfreie, winzige Enge heimkehrte, die ich aus Ueberlegenheit plötzlich zum Umarmen enthusiastisch liebte. Es war ein milder Märzabend, die Luft schmeckte nach Frühling, der Frühling quoll mir geradezu in den Atem, so wie man auf der Zunge noch die Spmdelbläschcn des Schaumweins zu schmecken meint, schmeckte ich den Frühling. Ich gab mein Gepäck und heinahn übermütig sogar meinen Mantel am Schalter ab und ging wie ein abenteuerhungriger Fremder in die Stadt, mit großen, leichten Schritten. Es war jene überwirkliche Alxmdstimmung. die Laternen brannten schon und das Tageslicht leuchtete noch, und diese geheimnisvolle, traumhafte Doppelbcleuchtung und Dnppelheschaltung entsprach ganz der überwachen Beschwingtheit meines eigenen Zustandes. Als ich an der alten Ulanenkaserne vorbeikam, sah ich vor mir eine Gestalt, so schön, daß mir Tränen in die Augen kamen. Aber schon einige Schritte weiter kannte meine in Ausgelassenheit umschlagende Gepackt he it keine Grenzen mehr, und mein Uebermut suchte kaum noch die Worte, mit denen ich sie ansprechen sollte. .Darf ich Sie auf etwas aufmerksam machen?' fragte ich leise mit möglichst tiefer Stimme dicht hinter ihr, und erschrocken, ob an ihrem Kleid, den Strumpfen oder Schuhen etwas in Unordnung geraten wäre, doch sogleich auch schon gefaßt, tind das Spiel mitspielend, sagte sie: .Worauf denn?' ,Auf mich!' rief ich und war neben ihr und hatte sogleich'wieder allen Mut verloren, vielleicht, weil eine alte Frau auf der anderen Seile der Straße vorbeiging oder weil die Wirklichkeit, noch brückender als alle Wünsche, war oder weil ich fiel>erte. Und wie im Fiel>cr fliegende Hitzen und Schüttelfröste einander ablösen, glaubte ich mich sofort wieder imstande, Sterne vom Himmel zu reißen, und während wir wortlos weitergingen, hatte ich ihre Hand ergriffen, ihren Arm und führte sie zum Bahnhof zurück. Wir waren Ixude noch zu jung, zu scheu, zu keusch, um die rechten Wiedersebensworte zu finden, und doch verließ mich kaum noch das Bewußtsein unbändiger Kraft, Freiheit und Beglückungsfähigkeil, während sie vor Freude zitterte. — wenigstens glaubte ich *.n spüren, daß sie vor Glück zitterte. Da niemand in der Stadt ahnen konnte, daß ich gekommen war, ging ich wie ein. Gott, wie unter einer unsichtbar machenden Tarnkappe nehen ihr her. Ich weiß seitdem, daß Odysseus die Freier überwältigen konnte, nicht weil er gewaltiger war als sie, sondern weil er unter der Tarnkappe der Beltlerverkleidung stak. Als wir zum Bahnhof zurückkamen, kaufte ich eine Bahnsteigkarte, und vor dem Schalter zum Bahnsteig küßte ich meine verdutzte Begleiterin vor allen Leuten wie zum Abschied noch einmal und noch einmal, ging dann durch die Sperre, und sie, meine Knospe, starrte mir betroffen nach. Als ich aber durch den Tunnel zum andern Ausgang kam, da hatte sie mein Spiel bereits verstanden und erwartete mich schon an der nächsten Sperre und umhalste mich und küßte mich wie zum Wiedersehen nach langer Heise. Dies Spiel wiederholten wir dreimal, bis die Schaltcrbeamten darauf aufmerksam wurden und mein Mädchen sieh schämte. Wenigstens lachte sie ein wenig, vielleicht verlegen, vielleicht auch nervös, doch gewiß nicht ahnungsvoll, meine ich, denn ich habe den Klang noch im Ohr, es war, wie wenn Silber leicht an Kristall antönt, und da es mittlerweile ganz dunkel geworden war, konnte ich, als wir durch einen unerleiirhlelen Durchgang zwischen dem Bahnhof und dem Spielplatz zum Park gingen, auch nicht erkennen, ob sie rol geworden war. Uebrigens weiß ich nicht, ob Frauen ül>erhaupt (verzeih. Ilse) im Dunkel rot werden. Ich jedenfalls war alles andre als verlegen, und das Tarnkappenbewußlscin feuerte mich noch zu einer großen, freien Lustigkeit der Lust an, mir wurde zumute, wie niemals wieder seither. Ich meinle, nun könnte uns nichts mehr am Zeuge flicken, und ülxrsrhwemmte das kaum merkliche Zaudern meines Mädchens mit meinen jugendlich ungeschickten Zärtlichkeiten, bis sie nicht mehr an Vater und Mutter dachte und mich so innig aufgeschlossen küßte, daß — — ich spüre mit einer Mischung von Erstaunen, Entsetzen und Resignation, wie fern mir nun dieser Abend gerückt ist, da irh so rückhaltlos davon sprechen kann. Würden Sie mir noch eine Zigarette geben, Herr von Taczanowski?" (Fortsetzung folgt)

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