Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1936)
- Date
- 1936-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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16 7. 133E Nr. 4 ' Jahrgang 41 Preis 25 RpL JUDISCHE RUNDSCHAU Sclirif tlaitong, VarUg b. Agul|at««i»u| i BorUn W15, Molnakoatr.tO Farnnil: Sammel-Nr. (1 ßlamarck 3181/82,7165/70,7240/42. - B«u|..pr«i. «in.chU BMtellE«>M i« MooM RM 2.-, i« Vwrtelj.hr RM 5,75, bei Abholung RM 1>38 bjw. RM 539. — Poatacheck - Kontern der Vertrieb« - Abteilung Berlin 71573 (lür Orot - Berlin). Berlin 17392 (lür du abri«» Reich). In Fällen höherer Gewalt befiehl kein Anspruch etil NachlielerurjJ oder Entettung etwa aclion Bezahlter Beiueascbühren. — Erscheint jeden Oiinit*| and Freitag. BERLIN vsnn n^tD t:^ DIENSTAG, 14. JANUAR 1936 Cattltlff! Anrelfrenprtaialiete Nr, 4. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf, lür Familiennachrichten 15 Hpt. Aulnahtne von Anzeigen an bestimmten Tauen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht Eewährleiaet werden. Gelegenheit«- anzeigen nur bei Vorauszahlung aul Poetscheck - Konto Berlin 716 lö oder bar Montag bis Donneretae 9 —18 Uhr, Freitag 9 —16 Uhr. Annahmen hluß lür die DienataK . Aungabe Montag 10 Uhr, für die Freitag . Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Maische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstatte In Palästina, rBaseler Programm) Zum XXV. Delegiertentag Erklärung des Geschäftsführenden Ausschusses der ZViD« Vom 2. bis 4. Februar 1936 findet in Berlin der XXV. Dclcgicrtenlag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt. Der gegenwärtige Geschäjlsjührende Ausschuß der 'Zionistischen Vereinigung für Deutschland veröffentlicht anläßlich dieser Tagung die nachstehende Programm-Erklärung, die er auf dem Delegiertcnlag zu vertreten gedankt. I. Der XXV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland tritt in einer Zeit zusammen, die durch grundstürzende Veränderungen des jüdischen Lebens ihr Gepräge erhält. Die Aufgabe des Zionismus erwuchs in den letzten drei Jahren in Deutschland zu voller Höhe. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland betrachtet in dieser Stunde als das Ziel ihrer Tätigkeit, dem schon bisher ihre Arbeit gegolten hat: die Judenheit in Deutschland zu einem geschlossenen und bewußten Teil des jüdischen Volkes umzuformen; sie zu freudiger Bejahung des jüdisch-nationalen Gedankens zu erziehen, in ihr das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal des jüdischen Volkes zu wecken, nach langer Entfremdung ihr den Weg zu jüdischer Kultur zu weisen, sie aus dem Zustande der Zersplitterung herauszuführen und als geschlossene Volksgruppe, die ihre eigenen Angelegenheiten seihständig regelt, für den Aufbau ihres eigenen Lebens in der Galutli und der Nationalen Heimstätte in Palästina mit ganzer Kraft einzusetzen; die nach Beruf, Alter und Vermögen auswanderungsfähigen und für Palästina geeigneten Teile der Judenheit in geordneter Form Schritt für Schritt nach Erez Israel zu überführen, durch entsprechende berufliche und geistige Vorbereitung diese Auswanderung im wahren Sinne des Wortes zu einer Aiijah zu gestalten, die von lebendiger Verantwortung für die Volksgemeinschaft und das Land des Nationalheims beseelt ist und dadtfreh den Prozeß der fortschreitenden Auflösung in der Golah in eine Macht der nationalen Erneuerung des Judentums Im Lande seiner Väter umzuwandeln. II. Zur Erreichung dieser Ziele erachtet sie für notwendig, daß die zentralen und örtlichen Instanzen der Judenheit in Deutschland in reibungslosem Einvernehmen dafür Sorge tragen, daß alle Mittel moralischer und geistiger Beeinflussung in den Dienst der nationalen Erneuerungsbestrebungen gestellt werden; daß insbesondere die gesamte Jugend in jüdischen Schulen durch Lehrer erzogen wird, die ihr den Reichtum jüdischen Lebens in Geschichte und Gegenwart zugänglich machen und sie durch gründliche Pflege der hebräischen Sprache wie auch durch Anleitung zur Handarbeit auf ihr zukünftiges Leben in Palästina vorbereiten, und daß sämtliche der Erwachsenenbildung dienenden Einrichtungen wie Kulturbünde, Lehrhäuser und ähnliche Institutionen durch die Gestaltung ihres Programms den Willen wecken und fördern, an die Kultur des jüdischen Volke« den Anschluß zu finden und an dem Prozeß der Wiedergewinnung jüdischen Geistesgutes tätigen Anteil zu nehmen; daß ferner alle materiellen Mittel aufgebracht werden, die eine zweckentsprechende Durchführung der Berufsausbildung, der Berufsumschichtung und der Wanderung gewährleisten; daß schließlich alle Anstrengungen unternommen werden, die nötig sind, um die Struktur der in Deutschland lebenden Judenheit so zu gestalten, daß sie im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen wirtschaftliche, soziale und Kulturelle Existenzmöglichkeit findet. III. In diesem Prozeß der Umformung war der Zionismus von Anfang an die stärkste Kraft. Es ist notwendig, daß alle wesentlichen Instanzen, vorzüglich die Reichsvertretung und die Gemeinden, von zionistischem Geist durchdrungen werden. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland ist von der Ueberzeugung erfüllt, daß sie die gesamtjüdischen Notwendigkelten unserer Tage am klarsten erkennt und die Kraft besitzt, die sich aus ihnen ergebenden Aufgaben zu bewältigen. Weniger als je kann sie sich heute auf die Betreuung einzelner Sachgebiete der jüdischen Arbeit in Deutschland beschränken; es ist unerläßlich, daß sie in allen zentralen und örtlichen Körperschaften, die den Gesamtplan dieser Arbeit bestimmen, die Führung hat. IV. Das Instrument der zionistischen Bewegung in ihrem Kampfe um die Nationalisierung der Judenheit in Deutschland Ist ausschließlich die ZVfD. In ihr sind alle in Deutschland lebenden Zionisten vereinigt. Ihre Geschlossenheit muß mit aller Entschiedenheit behauptet, die Disziplin ihren leitenden Organen gegenüber unter allen Umständen gewahrt bleiben. Der XXV. Delegiertentag soll und wird jeden Versuch, sich dieser Disziplin für Teilgebiete der zionistischen Arbeit zu entziehen, für unzulässig erklären, und die Forderung nach Einheit und Geschlossenheit der Bewegung gegenüber den kleinen örtlichen Gruppen, die sie bisher nicht anerkannt haben, zu kraftvollem Ausdruck bringen. Die Zehntausende der in der ZVfD. und den ihr zugehörigen Organisationen und Bünden vereinigten Zionisten sind gewillt, die Organisation weiterhin durch Vertiefung der zionistischen Erziehung und Vergrößerung der aktiven Mitarbeiterschaft innerlich zu konsolidieren und gleichzeitig durch unermüdliche Werbung das Gedankengut des Zionismus in immer breitere Kreise zu trafen. Noch hält manche wertvolle Menschen nur ein irriges Traditionsgefühl für einstige Anschauungen den zionistischen Reihen fern; auch diese zu offenem Bekenntnis zu führen, wird ein wesentliches Ziel der Propaganda der ZVfD. sein. V. Angesichts der jüngsten politischen Entwicklung in Palästina spricht die Zionistische Vereinigung für Deutschland ihre ernsten Besorgnisse über die Folgen der Maßnahmen der Mandatarmacht aus. Die einschneidende Verengung der Einwanderungsmöglichkeiten, die der soeben herausgegebene Zertifikats-ScheduTe für das laufende Halbjahr bedeutet, trifft die Judenheit in Deutschland mit besonderer Härte. Viele Tausende ausgebildeter Chaluzim, die für die Mitarbeit am Aufbau des Landes bereitstehen, können ihre Aiijah nicht antreten. Die Ankündigung der Einsetzung eines Gesetzgebenden Rates erfüllt die ZVfD. mit Befürchtungen um die weitere Entfaltung der Nationalen Heimstätte in Palästina. Balfour-Deklaration und Völkerbundsmandat sind nicht einer jeweils in Palästina befindlichen Anzahl von Juden gegeben worden, sondern dem jüdischen Volke in aller Welt, dessen Recht auf Einwanderung, Ansiedlung und Begründung eines nationalen Gemeinwesens in Erez Israel sie feierlich anerkannt und festgestellt haben. Mit dem gesamten Volke appelliert durch den Mund der ZVfD, die Judenheit in Deutschland, für die in ihrer jetzigen Lage diese Rechte von besonderer Bedeutung sind, an die britische Regierung, die Tore für die Aiijah weit geöffnet zu halten, den politischen Ausgleich mit dem arabischen Bevölkerungsteil nicht durch verfrühte parlamentarische Experimente zu erschweren und das Mandat seinem Geiste nach zu erfüllen. Gewisse Erscheinungen der Schwäche im jüdischen Wirtschaftskörper Palästinas rechtfertigen die Warnungen, die die Zionistische Vereinigung für Deutschland bei ihrer Darstellung des Aufbauwerkes in Presse und Versammlungen seit langem ausgesprochen hat. Deutlicher als je offenbart sich die Notwendigkeit des nationalen Kapitals für die Schaffung eines gesunden Wirtschaftsaufbaues und die Eröffnung neuer Möglichkeiten für Einwanderung, Bodenkauf und Ansiedlunß. Die ZVfD. ruft die Judenheit in Deutschland, Einzelne wie auch Verbände aller Art, dazu auf, die nationalen Fonds Keren Hajessod und Keren Kajemeth Lejisrael zu stärken, dadurch an der Erschließung neuer Arbeitsgebiete in Erez Israel mitzuwirken und nicht zuletzt auch die Leistungskraft der von der Exekutive der Jewish Agency getragenen Aktion zur Ansiedlung von Juden aus Deutschland zu steigern. Nationale Kolonisation und private Initiative, Chaluzim und Olim des Mittelstandes müssen in gemeinsamer Anstrengung zur Herstellung eines der nationalen Zielsetzung des Aufbauwerkes entsprechenden Verhältnisses von ländlicher und städtischer Siedlung beitragen. VI. In dem Augenblick, in dem der XXV. Delegiertentag einberufen wird, entbietet die ZVfD. einen besonderen Gruß den Zionisten aus Deutschland, die jetzt in Palästina leben, insbesondere ihrem Gesamtverbande, der Hitachduth Olej Germania, sowie der Gesamtheit der Olim. Die fortschreitende Einordnung der Aiijah aus Deutschland in den Jischuw Erez Israel ist ihr ein Beweis für die lebendige Kraf! des Gedankens jüdisch-nationaler Solidarität. Der XXV. Delegiertentag wird den Willen der ZVfD. dokumentieren, die täglich wachsende Schar derjenigen in Deutschland lebenden Juden, die die Kraft und den Willen zum Aufbau des neuen jüdischen Lebens haben, der umfassenden Einheit des jüdischen Volkes einzufügen, die sich in der Zionistischen Organisation darstellt. Berlin, den 10. Januar 1936 Attentat auf Oberrabbiner NiemierOVCr elnem Verhör über die Gründe seines Attentatsversuchs Am 11. Januar ereignete sich in Bukarest ein Attentatsversuch auf Oberrabbiner Senator Dr. Niemierover. Ein Student feuerte auf den 64jährigen Oberrabbiner, als dieser sich zu Fuß auf dem Wege zur Synagoge befand, aus einem Revolver fünf Schüsse ab. Vier Schüsse verfehlten ihr Ziel, während der fünfte Dr. Niemierover leicht am linken Arm verletzte. Nach einer wilden Jagd durch die Straßen wurde der Attentäter von der Polizei festgenommen, verhaftet und sofort ins Gefängnis abgeführt. Auf der Polizeiwache gab der Student seinen Namen als Aurel Jonescu an. Er wurde unterzogen. Seitens der Polizei wird mitgeteilt, daß der Attentäter bereits einige Male wegen Geistesstörung interniert war. Im Aprii 1931 war er aus der Irrenanstalt entlassen worden, wurde jedoch im vergangenen Jahr abermals für kurze Zeit in eine Anstalt gegeben, weil er in einem Anfall religiösen Wahnsinns nachts in der Mctropolitan-Kirehe gegenüber dem Parlament angeblich auf göttlichen Befehl die Giocken lautete, um, wie er sagte, eine Audienz beim König zu erlangen. Nach dem Attentat auf Oberrabbiner Dr. Niemimver fand man bei Jonescu Schriften religiösen Inhalts. Er bat, man möge ihm nichts tun, da Gott ihm eine heilige Mission gegeben habe. Wochenschau Die englisch-jüdische Delegation — Genier Experten-Bericht — Amery zum Legislative Council — XXV. Delegiertentag der ZV f ö- Es ist nicht zu verwundern, daß sich in der englischen und auch in einer weiteren (kftentlichkeit der Abreise der jüdischen Delegation aus England nach Amerika, über die wir in der let/ten Nummer berichteten, großes Intercs-c zugewandt hat. Sowohl die Persönlichkeiten, aus denen die>e Delegation besteht, als auch das Problem, dem ihre Reise gewidmet ist, lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Juden, die bisher ihre oftentkehe Tätigkeit nur in zweiter Linie, wenn überhaupt, im jüdischen Bezirk gesucht haben, übernehmen nunmehr eine jüdische Mission. Das Problem aber, die Ueberiuhmng vieler lausende von Juden aus Deutschland in andere Lander und insbesondere nach Pakistina, ist /ugegcbenrrin.ißen äußerst k o m p 1 i z i e r t, weil die Aufnahmefähigkeit oder -Willigkeit der meisten Länder gering ist und daher erst subjektive und objektive Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Die Zeitungen haben sieh anläßlich der Mutmaßungen über die Absichten der Delegation hauptsächlich mit einer Seite der Sache beschäftigt, nämlich dein Problem des Transfers jüdischen Vermögens. Der Plan, um den es sich handelt, ist noch nicht bekannt, ja es scheinen nur Vorschläge zu existieren, über die man eben in Amerika beraten will (eine englische Zeitung spricht von einem ,,Vierjahresplan"). Das eine aber kann gewiß schon gesagt werden, daß a b g e s c h e n von dem Transfer-Problem ein Bedürfnis nach einem großangelegten Projekt der konstruktiven Hilfe besteht, wodurch die materiellen Mittel zur Durchführung der Benifsuinschichtimg. der Auswanderung und Eingliederung in der neuen Heimat beschafft werden sollen. Denn nur die Garantie großer Mittel verbürgt die Planmäßigkeit, die eine unerläßliche Bedingung des Erfolges ist. Im Vordergrund steht dabei die Ansiedlung jüdischer Jugendlicher in Palästina. Aus objektiven und sachlichen Gründen, die hier wiederholt angeführt wurden, muß es sich ergeben, daß jeder auf lange Sicht berechnete Plan die Auswanderung nach und die Siedlung in Palästina als Hauptziel betrachten muß, und daher kommt es darauf an, auch im Lande selbst die Voraussetzungen (z. B. durch Erwerb und Urbarmachung großer Bodenstrecken usw.) im Einvernehmen mit der pa!;i-tiiicnsischen Regierung zu schaffen. Unwillkürlich erinnert man man sich an die Arbeiten der ,Joint Survcv Kommission'' unter dem Vorsitz I ord Melchctts, die \<>2S ihr ausführliches Gutachten über Palä-tina erstattet hat. Die neu erweiterte Jewish Agency s<>Hle damals mit den Mitteln zur Durchführung dieses großen Plaues ausgestattet werden. Die Mittel blieben au-, aber heute, in einem viel ernsteren Zeitpunkt, müssen diese Mittel aufgebracht werden. Wir glauben, daß die luden Deutschlands ein ausgezeichnetes, gut geschultes, intellektuell und moralisch befriedigendes Menscheumaterial für den Aufbau Palästinas beistellen können, und wir hoffen, daß die nach. Amerika fahrende Delegation englischer Juden, die wir mit allen guten Wünschen begleiten, die Voraussetzungen für diese große Arbeit schaffen wird. Inzwischen hat auch die Experten-Kommission des Völkerbundes über die Präge der Auswanderung ihren Bericht an den Rat, der am 20. Januar zusammentritt, veröffentlicht. Die Kommission macht eine ganze Reihe von praktischen Vorschlägen, die das Los der Ausgewanderten erträglicher gestalten sollen, und läßt erkennen, daß sie sich darüber klar ist, daß auch in Zukunft eine jüdische Auswanderung aus Deutschland wird stattfinden müssen. Soweit sich beurteilen läßt, scheinen die Experten ihre Aufgabe mit Ernst und Verantwortung erfüllt zu haben. Die Besorgnis, die von jüdischer Seite ausgesprochen werden muß, geht nur dahin, daß die praktischen Vorschlage wieder zu sehr in bürokratischen Akten-Anhäufungen versanden könnten, statt daß es zu wirklichen schnellen Taten kommt, insbesondere zu solchen Taten, die Einwanderungsmöglichkeiten sowie Aufenthalts- und Arbeitomiauhnis für ehrliche und arbeitsame Einwanderer sichern. Mit großem Interesse wird allgemein die Zuschrift Mr. Amerys an die „Times" in der Frage des Legis-