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Jüdische Rundschau · 1936-01-10 · Heft 3 (10.1.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 3 (10.1.1936)
Date
1936-01-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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emu*^1 s^*i#w>t>»t«g»« - r .1 Nr. 3, 10. 1. 1936 JöDISCHP RUNDSCHAU Seife 7 t Orthodoxie, Zionismus und Palästina-Aufbau Zum Delegiertentag der Aguda Von unserem Berichterstatter Frankfurt, Anfang Januar Der Delegiertentag der Agudas Jisroel hat am 29. und 30. Dezember in Frankfurt a. M. stattgefunden. Die Eröffnungssitzung war, von zahlreichen Begrüßungsansprachen der agudistischen Einzelgruppen abgesehen, ausgefüllt mit einer Eröffnungsansprache des Rabbiners Josef H o r o v i t z, sowie Referaten von Dr. Isaak Breuer, mit dem Thema „Vom Wesen des Agudismus" und einem Bericht der Palästina- Zentrale von Dr. Ehrmann. Dr. Isaak Breuer gab in seinem Referat in militanter und geistreicher Form eine Zusammenfassung der ideolofIschen Aguda-Probleme. Er versuchte zunächst das geistige rbe seines Ahnen Samson Raphael Hirsch zu retten und verteidigte die Devise „Tauroh im Derech Erez" gegen Mißdeutungen, zugleich auch gegenüber dem Versuch, sie durch andere Parolen zu ersetzen( „Thora und Mussar"). Er begründete das Wesen der „unabhängigen" Orthodoxie, indem er die von ihr beeinflußte Oemeinae als die eigentliche Einheitsfemeinde bezeichnete, während die anderen sich aus der inheit von Gott, Volk und Thora separiert haben. Für den Misrachisten und den O e m e i n d e - O rt h od o x e n ist diese Einheit Zukunftsprogramm. Er will diese Einheit sozusagen wiederherstellen. Für den Agudisten ist sie gegenwärtige Tatsächlichkeit Er nahm dann die Abgrenzung von den anderen Strömungen in der jüdischen Gemeinschaft vor, für die die Agudah immer noch die Verantwortung trage, die aber die Kritik ertragen müssen, die sich daraus ergibt, daß sie die Einheit verlassen haben. Er wendet sich demgemäß gegen den deutsch-jüdischen Liberalismus, der „das Attentat auf das jüdische Volk" gemacht habe und gegen den Zionismus, der die Einheit von Volk und Thora gelöst habe. Die Meinung, daß es „sehr leicht" sei, Zionist zu werden und daß es viel schwerer sei, Agudist zu sein, läßt allerdings das Maß an Selbstkritik vermissen, das man seiner eigenen Sache entgegenbringen sollte. Eine solche Selbstkritik kommt auch bei Breuer zum Ausdruck, wenn er sich mit scharfen Bemerkungen gegen die Untätigkeit seiner Freunde, soweit sie nicht zur lugend gehören, wendet. Sie kommt nicht zum Ausdruck auf dem Gebiete der Ideologie. Denn der geistige Abkömmling Samson Raphael Hirschs hätte die Verpflichtung, zu dem Rest der jüdischen Auffassungen des 19. Jahrhunderts Stellung zu nehmen, der in der Ideologie und der Politik der Agudah deutlich zum Ausdruck kommt Die Tatsache, daß die Agudah die Verhältnisse deshalb nicht gemeistert hat, weil ihre Anhänger die Assimilation in gesetzestreuer Lebenshaltung betrieben haben, kann nicht schweigend übergangen werden, rührer der Agudah arbeiten bis zum heutigen Tage in solchen Organisationen mit, die „das Attentat auf das jüdische Volk" begehen; sie leugnen eine „der 3 Konkretisierungen" (in Breuers Sprache), des jüdischen Lebens, das Volk. Wenn Breuer den versuch eines Keren Hajischuw-Bündnisses mit dem RJF. in Analogie bringt zur ebenfalls expansiven Sammelpolitik des Keren Hajessod, so ist das kein Argument, das einer Untersuchung standhalten kann. Es war der schwächste Punkt in dem Gedankengang dieses schlagfertigen und kämpferischen Sprechers. Wie kann nämlich die also begründete religiöse Richtung, die in der Agudah zum Ausdruck kommt, mit der harmlosen Parole „für religiösen Aufbau" sich an die also gekennzeichneten anderen jüdischen Richtungen wenden? Wenn diese Formulierung nämlich keine Problem Verschleierung ist, was doch sicher nicht in Frage kommt, so ist der Widersinn, der dann besteht, ein viel schwererer: Entgegen der sonstigen Bemühung, eine religiöse Richtung sui generis zu sein, wird hier eine Genieinsamkeit unterstellt, die von beiden Seiten nicht akzeptiert werden kann und unecht ist. Denn der Prediger der Berliner Reformgemeinde ist womöglich auch für religiösen Aufbau, so wie er ihn versteht. Sein Geld kann der Keren Hajischuw nicht nehmen, ohne es sozusagen zweckwidrig zu verwenden. Dieses Bündnis aber ist dennoch möglich, weil beide Gruppen einig sind in der Ablehnung der nationalen Ideologie des Zionismus. Das ist logisch. Aber was wird aus der Polemik des einen Vertragspartners gegen den andern über das „Attentat auf das jüdische Volk"? Zionismus ist nicht leicht, wie Dr. Breuer meint. Die Bewertung der Zionisten kann nicht nach der nationalökonomischen Grenznutzen-Theorie erfolgen: Nicht der letzte Schekelzahler bestimmt unseren Wert, sondern der erste C h a I u z als das pädagogische Produkt der Bewegung, als der Erbauer des Landes und — nach Breuer — als das Instrument des Bauneh Jeruscholajim entscheidet darüber, an welchen Früchten man uns zu erkennen hat. Es ist wenig folgerichtig von diesem Referenten, die ideeliche Entscheidung eines Zionisten so wenig ernst zu nehmen, wenn er, wie es bei früherer Gelegenheit geschehen ist, der zionistischen Bewegung als solcher die ernste theologische Deutung (bei aller Abgrenzung) zuteil werden läßt, die hier dargestellt wurde. Der Bericht Dr. Ehrmanns bot einen Ueberblick über die politischen Palästina-Probleme, insbesondere im Zusammenhang mit der Legislative-Council-Frage. Er erörterte die Zertifikatsfragen der Agudah und gab über die Verteilungsprinzipien der Agudah die Prinzipien bekannt, die hier schon Der Wunsch jedes Kindes: Land der Jugend Das Bach der Kinder - Rundschau Auf 112 Selten bringt dieses ebenso sdiSn autf eiUttete wie mit 97 Bildern rekti illustrierte Bach Erzählungen aas Palastina and dem Leben der Jugend hier, Lieder, Gediente, Spiele und vieles andere mehr. Preis mit mehrfarbigem Titelbild nur KM 2,88 Bestellen Sie bitte bei Ihrem Buchhändler oder direkt bei dem Verlag Jüdische Rundschau G.m.b.H. Berlin W 15, Mein efcestraße 10 gegen Voreinsendung des Betrages luzügl. 30 Pf. Porto oder auf Postsdietkkonto der Verlagsabtlg. Berlin 71576 mitgeteilt wurden. Interessant war ein Bericht über Besprechungen mit dem B. D. J. J., der erklärt habe, daß seine Menschen für Palästina nicht in Frage kommen, wenn doch, dann nur im Sinne der Agudah! Erwähnenswert ist ein Bericht von Herbert Sonn über die Arbeit des Noar Agudati, den er als einen chaluzischen Bund, abgegrenzt vom Hechaluz und im gewissen Sinne auch vom Bachad, beschrieb. Hinzuzufügen wäre, daß die Poale Agudas Jisroel in Palästina mit der Histadruth loyal und friedlich zusammen arbeitet. Der Delegiertentag wählte zum Schluß eine neue Leitung. Manche Zusammenhänge sind der Berichterstattung entzogen, weil die Generaldebatte nicht öffentlich war. Der neue Landesvorstand besteht aus: Rabbiner Josef Horovitz, Beyfuß. Ehrentreu, Dr. Goldschmidt und einer Anzahl auswärtiger Herren aus den Zentren der Agudah-Oemeinden. _ H. Pz. Chanakkah - Wettbewerb der Kinder - Roidschan Eine Anzahl von Preisträgern hat bis jetzt noch nicht mitgeteilt, welchen Preis sie aus den in Frage kommenden Preisgruppen zu erhalten wünschen. Da der Versand der Preise jetzt abgeschlossen werden muß, bitten wir diese Preisträger, sogleich an den Keren Kajemeth Lejisrael, Berlin W 15, Meinekestr. 10, unter genauer Angabe ihrer Adresse die erforderliche Mitteilung zu schicken. Palästina-Expreß. Wie wir von Palestine Expreß Co., der Generalvertretung der Polnischen Palästina-Linie, hören, verkehrt im Zusammenhang mit den Abfahrten der polnischen Palästina-Dampfer „Polonia" — „Kosciuszko" jeden Dienstag ein Sonderzug von Warschau nach Konstanz a. Dieser Zug führt einen Schlafwagen 3. Klasse und einen Speisewagen mit ritueller Verpflegung. Passagiere aus Deutschland erreichen den Sonderzug über Bentschen—Posen oder über Breslau—Krakau. (Nähere Einzelheiten bei der Berliner Generalvertretung.) Ukfittnck £Vu IdtJne/ V/ynuaM, 4L!P»rtMtMmg I«? Rodeuirack v»rboi«B Patäs4ina-Am4 fievliii OCk. StWISM AtlNCY fOtL PALISTINI W15; Meinekestr. 10. Telephon: Jl, Bismarck 7165/70. „Sehen Sie, liebe Frau, da gibt es in Breslau, Berlin, New York und Tel-Awiw Vereine heimattreuer Malowaner, die tagen jeden Monat, fassen Beschlüsse, zahlen Beiträge und berichten mir und schicken Geld und verlangen dies und jenes. Der Friedhof mußte noch nie so gepflegt werden wie in den zehn Jahren, seitdem liier kein Jude mehr gestorben ist und nur der Biber jedes Jahr ein Kind bekommt. Dem Michenschwifz als dem einzigen armen Juden von Malowa habe ich aus den Beiträgen eine Rente auszuzahlen, die höher ist als mein Einkommen aus meiner Glaserei und aus den Tuchen, die meine Frau noch im Laden verkauft. Die New Yorker haben im Frühjahr hundert Dollar geschickt, damit die Synagoge grün gestrichen werden sollte, und wenn die Berliner heute Geld schicken, damit sie rot gestrichen wird, dann muß ich sie eben rot streichen lassen. Jedes halbe Jahr kommt einer, die Gräber seiner Eltern besuchen, weil er noch weiter auswandern muß oder scllter ans Sterben denkt, beehrt mich, sagt dies, will jenes, und dann landet bei mir der Beschluß seines Vereins, daß für die Thora-Lade ein neuer Vorhang gemacht oder auf dem Friedhof ein Grabmal für die in» Weltkrieg gefallenen Malowaner jüdischen Soldaten errichtet werden soll. Kurzum, es gibt genug zu tun, und wenn ich von den Geldern meine Barauslagen abziehe, halten mich alle für eisen Betrüger, wenn sie es auch nicht sagen oder gar schreiben, und wenn ich den schönen Posten niederlegen will, dann kommen hundert Briefe, und selbst der Starost beruhigt mich." Dann begleitete Frau Fisch die beiden Gäste durch das Haus, in dem außer den Mietern und den Möbeln alles geblieben war wie vor fünfzehn Jahren, als Erwins Eltern den anderen Laden und die anschließende Wohnung gehabt hatten- So ein Krümchen, dachte Ilse» Als sie die Tür öffneten, bimmelte eine Schelle, am Fenster hingen Peitschenschnüre, und Säcke mit Erbsen, Gries, Hanf, Mehl, Salz und gebrannter Gerste standen offen links vom Ladentisch, dahinter ein gelber Petroleumbehälter mit silbrigem Hahn, und die Schublade mit dem Johannisbrot stand noch so offen, als wenn Erwin als Kind ein Stück davon gestohlen und in der Hast und Angst, entdeckt zu werden, sie r.n schließen vergessen hätte. Und doch mutete ihn das alles fremd an; er hatte den Laden groß in der Erinnerung, und obwohl er den Petroleumbehälter, die Schübe, jedes Brettchen der Holzdiele wiedererkannte, war es ihm doch unfaßbar, daß seine Kindheit sich in diesen minimalen Proportionen abgespielt haben sollte. In der Wohnung aber, die notdürftig eingerichtet war, wurde er vollends traurig und drängte Ilse, die stumm mitging, und mitenttäuscht war, eiligst zum Aufbruch. „Was hier mein war", sagte er dann, „ist mir fremd, leer, verloren gegangen, und das Allgemeine — du hast es ja gehört, die beiden Letzten auf dem treibenden Wrack fressen sich gegenseitig." VIERTES KAPITEL „Störe ich?" sagte Erwin, als er ins Besuchszimmer des Krankenhauses trat und Ilse und Taezanowski wie überrascht zur Tür aufsahen. „Was fällt dir ein!" Ilse runzelte die Stirn und hatte mit einem Male ein schmales, strenges, fast römisch schönes Gesicht, dessen Anblick Erwin erst unwillig, bald unwillkürlich bewundernd geradezu entdeckte, so daß auch er in flüchtiger Abgelenktheit die gleiche, nicht mehr beteiligte Ueberlegenheit gewann, mit der Taezanowski ihn, gar zu gelassen und um einen Augenblick zu spät, zurechtwies: „Wenn Sie mir nicht längst bekannt und wenn Sie nicht blessiert wären, müßte ich. Sie nun eigentlich fordern, um die Ehre Ihrer Frau gegen Sie zu verteidigen." „Sie haben mich schon gefordert, und ich freue mich, daß Sie hier sind, damit ich mich Ihnen stellen kann. Es ist gut, daß ich Sie noch einmal spreche,'« daß alles klargestellt wird, ehe wir weiterfahren. Heute abend geht unser Zug, in einer Stunde werde ich noch einmal über rlpn Autobus Unfall vernommen, bis dahin —" schloß Erwin lächelnd, — „wird unser ,Duell' ausgetragen sein." „Heute abend?" fragte Ilse zögernd, „läßt der Arzt dich dann schon frei?" Verteilung des neuen Schedule Das Einwanderungs-Department der Jewish Agency hat dem Palästina-Amt telegraphisch mitgeteilt, daß von dem Winter-Schedule 1935 36 an Arbeiter-Zertifikaten der Kategorie C insgesamt 950 Zertifikate, d. h. 32 «b des Gesamt-Schedules an das P a 1 ä s t i n a - A m t Berlin zugeteilt worden sind. Von diesen 950 Zertifikaten sind 160 für Juden aus Deutschland, die sich in europäischen Ländern aufhalten, bestimmt. Der Vorschuß, den das Palästina-Amt vor etwa zwei Monaten erhalten hat, betrug 500 Zertifikate, die von den 950 Zertifikaten abzuziehen sind. 50 Zertifikate vom Vorschuß wurden den Emigrationsländern zugeteilt, die restlichen entfielen auf Einwohner Deutschlands. Demnach stehen für Deutschland noch 340 Zertifikate und 110 Flüchtlingszertifikate zur Verfügung. Der Vorschuß ist restlos verteilt. Mit der Verteilung des Hauptschedules wird unmittelbar nach Eingang der Zertifikate, die das Palästina-Amt noch im Laufe des Monats Januar erwartet, begonnen werden. Ueber die Einteilung der Zertifikate nach Berufskategorien, nach Geschlecht und Alter, sowie nach Familienstand ist bisher nichts bekannt. Vorzugs-Zertifikate für Kapitalisten Die Quote von 500 Einwanderungs-Erlaubnissen der Kategorie A 1 (1000 CP-Kapitalisten), welche von der Palästina-Regierung im Herbst 1935 für solche Einwanderer zur Verfügung gestellt wurde, denen die Reichsbank die erforderlichen Devisen noch nicht zugeteilt hatte, für deren alsbaldige Einwanderung jedoch zwingende Gründe vorlagen, ist, wie die britische Paßstelle mitteilt, in diesen Tagen, restlos verteilt worden. Hebräische Minimalforderungen Gemäß dem Beschluß der Großen Palästina-Amfs- Kommission ist in den letzten Tagen an unsere Zweig- und Vertrauensstellen ein sogenanntes „hebräisches Minimalprogramm" verschickt worden. Diesem Beschluß liegt die Absicht zugrunde, in kurzer Zeit niemanden mehr zur Alijah zu bestätigen, der nicht über gewisse hebräische Kenntnisse verfügt, und zwar sollen zunächst die Anforderungen des genannten Minimalprogramms erfüllt werden, während nach Ablauf einer gewissen Zeit die Ansprüche verschärft werden sollen. Das Minimalprogramm ist nicht für den Gebrauch von Schülern und nicht zum Selbstunterricht bestimmt; es enthält lediglich Richtlinien für die Lehrer sowie für die Prüfung der hebräischen Kenntnisse durch die örtlichen Zertifikatskommissionen. Erhaltung jüdischen Kulturgutes. Die Zeitverhältnisse bedingen die Auflösung zahlreicher Haushalte, insbesondere, aber nicht ausschließlich, solcher von Auswanderern. Bei dieser Gelegenheit wird erfahrungsgemäß nur ein relativ kleiner Teil der beweglichen Habe mitgenommen oder verwertet. Vieles scheinbar wertlose Material wird vernichtet. In Wahrheit befindet sich unter diesem der Vernichtung preisgegebenen Ballast häufig wichtiges jüdisches Kulturgut, insbesondere alte Handschriften, Briefe und Bilder. Die Abteilung für Autographen und Porträts der National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem (Sammlung Schwadron) sammelt systematisch Handschriften und autographische Schriftstücke (Briefe, Zettel, Aufsätze, Konzepte, Dokumente u. dgl.) und graphische Porträts (Lithographien, Lichtdrucke, Stiche, Photos u. dgl.) aller auf irgendeinem Kulturgebiete, innerhalb oder außerhalb des Judentums, hervorragenden Persönlichkeiten jüdischer Herkunft. Jeder, der glaubt, geeignetes Material zu besitzen, wird gebeten, es entweder direkt an Dr. Abraham Schwadron, Hebräische Universität Jerusalem, zu senden, oder es der Sammelstelle für die Hebräische National- und Universitäts-Bibliothek, Berlin, Meinekestr. 10, zuzustellen. „Ich wüßte nicht, was noch auszutragen wäre*', meinte Taezanowski unsicher. Als wäre er bereits mitten in dieser Austragung und als wäre es ülierfh'issig, anderes vorher zu bereden, sagte Erwin rasch, nachdem er mit einer Handbewegung Taezanowski wieder Platz zu nehmen bewogen und sich selbst gesetzt hatte: „Sie fanden das Mädchen damals, vor fünfzehn Jah ren, anneiimnar ode er dehnte das Wort etwas — „brauchbar. Ich schäme mich nicht. Ihnen (verzeih Ilse) einzugestehen, was dips Mädchen für mich war. Ich war knapp siebzehn Jahre alt, und wir hatten ausgemacht, daß wir unter allen Um.-Iänden aufeinander warten würden. Anstatt auf Philosophie, Mu>ik, wofür ich geboren zu sein glaubte, halle ich mein Lel>en auf dieses Mädchen gestellt. Im Augenblick unseres ge-rrweilieen Geständnisses und Einverständnisses halte ich erklärt, daß ich Nationalökonomie studieren würde, weil es das kürzeste Studium ist. und weil ich damit die Ghance gewann, schein nach drei Jahren zu heiraten. Ich war programmgemäß an eine deutsche, Universität gegangen, das war im Herbst. 1920, im Frühjahr 1921 kam ich zu den ersten Ferien hierher zurück, zu — unserer Begegnung, die Sie merkwürdigerweise nicht vergessen hatten. Nun muß ich noch erwähnen, daß ich mich inzwischen ein wenig geändert hatte. Obwohl dies Land liier, wie Sie wissen, bis zum Kriegsende deutsch war und also keine. Pogrome, kannte, waren die hiesigen Polen nicht gerade judenfreundlich. sie haßten uns doppelt, als Juden und als Deutsche, was sich gelegentlich äußerte, etwa indem wir von Bauernkindern beschimpft, und mit Steinen beworfen wurden, wenn wir über Land gingen. Aber damit fand man sich ab, man wich eben aus. In Deutschland wich man nicht aus, niemand warf mit Steinen. Ich kam mir also vor wie ein freier Mensch, und mein Sinn für Menschenwürde schnellte s[>onlan bis ans äußerste auf wie ein plötzlich entspannter Bogen: alles Ausweichen erschien mir feige, duckmäuserhaft, niedrig, verächtlich, als ich wieder nach Haus kam . . Während Erwin innehielt, hatte Taezanowski sein Etui geöffnet — Ilse, die stumm horchte und ihrem Mann mit einem annähernd ungläubigen, doch nicht übelwollenden Staunen die Worte vom Munde abzusehen schien — und Erwin Zigaretten gereicht, ein Streichholz, entzündet und dann auch selbst zu rauchen begonnen. Nur Erwin hatte seine Zigarette mit den Fingern der rechten Hand bereits zerdreht und zerknetet, ehe er sie hätte entiünden können. (Eottsctwng folgt)

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