Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1936)
- Date
- 1936-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 W ie s?€**lalle den Neliablial? Für Schabbat, 11. Januar Wochenabschnitt: „Wajechi" (!. Ii. M. Kap. -17, 28 — 50, 26) I. In unserem W'ochcnabsclmitt wird von dem Segen erzählt, den Jakob seinen Enkelkindern Menasche und Efiajim erteilt. Ine •NegeiiMormel, mit der dieses geschieht, ist im jüdischen Volke bis /um heutigen Tage erhalten. Wir sehen hier wiederum, daß nicht der Aeltestc die Erstgeburt ciha.'t, sondern daß er gegenüber dem jüngeren zurrd-gesetzt i-.t. Das war bei Kain und Ahe! der Fall, spater bei Ismael und Isaak, bei Jakob und Esau, dann bei Hullen und juda und nun bei Menasche und Efrajim. Eine sehr feinsinnige I Mitling für dieses Verhalten gibt Samson K'afaei Hirsch in seinem Kommentar zu Kap. 4S, Vers 19. In diesem Zusammenhang betrachten wir auch die Segnungen Jakobs, t)jc cr Kuben, Juda und Josef in unserem \V< chenabschniu zuteil werden läßt, hei welchem das eben angeschnittene Problem eine Rolle spielt. Zur Charakterisierung der spezifischen Stellung, die in diesem Segen den einzelnen Kandidaten für das Erstgeburtsrecht zukommt, zielte man die Hemerklingen von B. Jacob in seinem Kommentar zur Genesis heran. II. Oer _><i. Vers des 50. Kapitels ist von unseren Weisen als charakteristisch ftir das jü.lische Schicksal angesehen worden Maßnahmen, die gegen das jüdische Volk getroffen wurden, haben in ihm immer so viel Energien freigemacht, daß es aus seiner Not heraus einen Ausweg gefunden hat. Ir.i:erh;<lb der Josef-gr-vliichte spielen hierbei noch die Verse Kap. 43, 3 0 eine Rolle. III. I'nser Wo. heuabschnitt stellt den letzten des 1. Buche- .Moses dar. Wir empfehlen daher, auf diesem Oneg SUi.dib.it n:!' km/« W i e d e r h o i u n g des 1. Buches zu geben unter I Icr.iiisarbeitimg der wichtigsten Geschehnisse, von denen in diesem Buche die Rede ist. Von den f»B Mi/W"th, die i:i der I hora erwähnt werden, sind im 1. Buche nur ggeben; \vi Iches sind diese und wo stehen sie V Als Hittttirah wird gelesen: 1. Buch Könige, Kap. 2. Der Zusammenhang mit unserem Wocheuabselwirt wird formal durch den cr-lcu Vers und inhaltlich dadurch gegeben, dab I )a\id k>u/ v..r sejnem I ode seinem Sohne Salomo I rmahmingen für Mine künftige Regierungstätigkeit gibt. Somit knüpft die I laiiarah an den Segen an, den Jakob kurz vor st iii.-m Tode erteilt. I. E. Jakobs Krankheit und Tod Jakob ist dem dcnle nahe und läßt Josef zu sich kommen, dem er seinen letzten Willen kundtut. — Zu dem Vi r , ..... sc In dun Vater ist krank" (Kap. 48, 1) sagt der lakiiud (Baba Mczia S7a): Abraham wünschte sich das Alter, Isaak das I eiden.....Bis zu Jakob gab es keine Krankheit. Da kam Jakob und bat um Erbarmen (daß K-ankbeit als Vorher itiing auf den Tod dem Sterben vorangehen mochte), und s entstand die Kränklich, wie es heilit: Siehe dein \ a'er ist krank." ■ - Eine Midraschstelle weih zu et zählen: ..... Jakob wünschte die Krankheit. Er sprach vor Gott: Herr der Welten, ein Mensch stirbt ohne (vorangegangene) Krankheit und er kann (zuvor) nichts ordnen zwischen seinen Kindern. Wenn er aber zwei, drei Tage krank ist, kann er (das Nötige) zwischen seinen Kindern ordnen. Gott sprach zu ihm: Bei deinem Eeben, du hast dir etwas Gutes gewünscht und bei dir soll es (das Kranksein) beginnen . . ." Der Segen Jakobs I>er Segen Jakobs (Kap. 49, 1 ff.) liefert ein« Fülle poetischen und geschichtlichen Stoffes. Vor allem sei auf die kraftvolle Diklion, auf die seltenen und altertümlichen Ausdrücke dieses hochpoelischen Gedichtes hingewiesen. Seiner literarischen Form nach ist es dem eigentümlichen Stil der W e i s s a g u n g verwandt, dessen hauptsächliches Merkmal der dunkle und geheimnisvolle Ausdruck ist, und der auch für die älteste Prophetie besonders charakteristisch ist. „Es ist viel schlimmer. Zu meines Großvaters Zeiten, so vor aelit/isr. neunzie- ,Eiliren, e i!> es an die neunzii:lausend Juden in der i'tanin/ und ne-hr als dreihundert Rabbiner, heute gibt's nur noch tote Juden liier, und die wenigen, die noch leben, sind nichts al, Friedhof<w.;irler. Hier im Belli Ilami- Hrasrh trocknet mein S hv, ieL-er„ihn die Felle, denn Sie wippen doch, er kauft l eib' auf von den Bauern -• ■" „Wer? l)<oid Biber ist Ihr Schwiegersohn?" „Nu ja. Sie wiesen doch, Dowdl mit, dem Slrohhüll, wer denn sonst? Fr hal also des Belli Ihtmidrasch genommen. Marli doch keinen i n-inn. sagt er, soll «s denn verschimmeln? Beten und lernen kommt, doch keiner. End die Schule, die Klassenzimmer, meine ich, ha!*- ich vermietet, und die große c-ehul, die Svii^'nei', wollen die Bolen kaufen und ein Kino daraus machen," „End das lassen Sie zu?" mischte pich nun empört Ilse ein. ..Ich lasse es nicht zu, flott bewahre", beeilte sieh Miehenschwitz, sie zu I>e-chu ichligcn. „aW ist es nicht vielleicht noch besser, man verkauft das Haus, solange sie gutes (leid bieten, als daß sie es einfach nehmen?" „Sie können doch nicht einfach nehmen!" erklärte Erwin. „Sie können. Sic dürfen nicht, aber sie können. Aber was geld's mich an —" Erwin spürte, wie sinnlos es war, weiter tn fragen, wm vielleicht noch Fehleres zu erfahren, und er schlug ein anderes Thema an, während ihm wieder die Stimmung jener entscheidenden Tacre vor seiner Abfahrt zur Universität gefangen nahm, die Mischung von Angst vor der Pngromwelle, die sie alle einmal« gepackt halte wie die Tiere der Druck vor dem Gewitter, dazu die I'nhündigkeit seiner Jugend und seiner ersten l.iclie. das (Trauen vor den Mitmenschen von Malowa, diesen Kleinstädtern, die in der Panik zwischen Pogrom und Auswanderung, Deulschtumsstolz und Judentumsnot einander auffraßen wie die Hallen in der Falle, und das großartige Gefühl, bald in Ileiilsehland, Student, frei, ein Mann zu sein und reinen Tisch zu machen wie — wie. jetzt, da er die Fahrkarte nach Paliistina in der Tasche bade. Es wurde langweilig, in diesem Zimmer, wo er vor zwanzig und mehr Jahren vom Religionslehrcr gemaßregelt worden war und wo jetzt Miehenschwitz mit seinen Kindern und Enkeln sieh breit machte, länger um verlorene Dintre zu streiten, und er sagte mitten darin heiteren Tones und kurz entschlossen: „Begleiten Sie uns doch zum Glaser Fisch, den wollen wir noch Iwsurlien." Nein, das konnte Miche n-chwilz nicht und gestand erst nach langem Ehlingen den Grund, weshalb er Fisch nicht mehr JODISCHE RUNDSCHAU Wir lesen den Segen Jakobs und gehen auf manche geschichtliche Situation, die hier geschildert wird, ausführlicher ein. Im Vers 8 ff. kommt die Herrschaft des Stammes (uda über die übrigen Stämme zum Ausdruck. Wir hören hier von der glücklichen Gegenwart dieses Stammes, von der Höhe und Fülle seiner Macht und von seiner noch herrlicheren Zukunft. Dabei spielt hier die Ueppigkeit und die Fruchtbarkeit der judäischen Landschaft hinein. Eine unbeschreibliche Begeisterung und ein unsagbarer Jubel durchziehen diese herrlichen Strophen. --• Angeschlossen wird hier auch die Weissagung vom zukünftigen Könige, dem Messias, dessen symbolisches Reittier, gleich Sach. 9, 9, ein Fsel ist. Der hier in so bunten Farben geschilderte lleberfluf! an Milch und Wein ist uns auch sonst als ein charakteristisches 7 e i c h e n der m e s s i a n i s c h e n E n d zeit bekannt. — Zu dem hier gezeichneten Bild des Messias vergleicht man die prophetische klealgcstalt eines gerechten Herrschers etwa bei Micha 5, 3, Jesaja Q, 6; II, 2 ff. usw. Der Segen Jakobs erzahlt uns noch im Stil des weis- , sagenden Segens' manch andere Tatsache von der Geschichte und dem Eeben der Stamme, so etwa von der Größe und dem natürlichen Reichtum Josefs, von dem Kampf Dans um seine Selbständigkeit, vom Treiben Benjamins. Von Sermion hören wir, daß er am Gestade des Mittelländischen Meeres wohnt. Issachar, der sein schönes Land (es ist das untere Galiläa und die Ebene Isreel) und die behagliche Ruhe nicht aufgeben will, hat sich dem Frondienst der Fremden (der kanaanäischen und phönizischen Städter) ergeben. Man vergleiche hierzu noch die geschichtliehe Situation, wie sie uns im Dcboralied (Richter t, 16 tt. 17) geschildert wird. Zum Vers 1 im Kap. 40 sagt der Midrasch: „Jakob wollte die Endzeit offenbaren, da verließ ihn die Schechina." — „Als unser Vater Jakob von der Welt schied, berief er seine Söhne und ermahnte jeden einzelnen für sieh. Dann -ief er sie wieder alle auf einmal und sprach: Vielleicht hegt ihr geteilte Meinungen in euren Herzen über den, der da sprach: Und es ward die Welt? Sie antworteten: Höre uns: Gleichwie in deinem Herzen keine geteiltem Meinungen sind, so sind solche auch nicht in unserem Herzen über den, der da sprach- E'nd es ward die Welt, sondern: Fr, unser Gort, ist ein einziger Gott!" Die Kraft des Segens ist so groß, daß über die Nachkommenschaft Josefs der böse Blick keine Gewalt hat. Zu •IQ, 22 ... ein junger Fruchtbaum an einer Quelle py '^»J? . T .. lies, sagt der Midrasch ]' J? ' 71J?, d. h. die das böse (Auge) übersteigen (ihm nicht unterworfen sind). J. M. Eine Anregung „Studienstelle 10r die Fragen der Organisation" Wir erhalten folgende Zuschrift: In einer Zeit, in der so viele intellektuelle Kräfte nach Betätigung auf dem Gebiete des Judentums im allgemeinen und des Zionismus im besonderen suchen, liegt das Feld des Studiums der Zionistischen Organisation fast vollkommen brach. Von jeher ein Stiefkind des zionistischen Lebens bietet die Zionistische Organisation nicht nur praktische, sondern — was in diesen Zeilen hervorgehoben werden soll — auch wissenschaftliche und literarische Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten sind pragmatischer Natur und leiten zwanglos zu den praktischen Folgerungen theoretischer Erkenntnisse. Eine Reorganisation kann nur auf Grundlage genauer Kenntnis der Materie erfolgen, die zerstreut in Zeitungsartikeln, Broschüren, Kongreßberichten und der großen Enquete der Jahre 1028 und 1932 vorliegt und in den Archiven der Organisationsdepartements verstaubt. Das Material muß sehr groß sein; es zu sammeln, zu registrieren und zu verarbeiten wäre eine dankenswerte Aufgabe. So wäre die .Schaffung einer Zentralstelle oder Arbeitsstelle von Bedeutung, in der alle Vorarbeiten geleistet werden könnten. Der Unterzeichnete ist bereit, eine solche Arbeitsstelle ins Eeben zu rufen, und bittet alle Interessenten, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Dr. med. Walter Kölner, Karlsbad — Karlovy Vary C. S. R. Die Liedersängerin Herta Olückmann wurde nach Amerika verpflichtet. Der erste New-Yorker Liederabend findet am 31. Januar in der Town-Hal! statt. ..kannte": Fisch hätte ihn denunziert. Weswegen? „Fragen Sie nicht. Herr Juda, ich will mich nicht wieder aufregen. Bloß eins will ich Ihnen sagen: Fisch und ich. wir sind die beiden einzigen jüdischen Familien hier, alvr wissen Sie. was in meinem Testament sieht? Nicht einmal an mein (Iran darf er! (Inte Heise wünsche ich Ihnen. Ich würde auch gern nach Erez Israel mitfahren, wenigstens zum Sterben." „Bas ist ein vermiekerter, falscher Mensch!" schimpfte Ilse, als sie sieh verabschiedet hatten und von der Sehützenstraße wieder über den Hins kamen. Jetzt!>oeen sie in die Warschauer Straße ein, und Erwin lachte üImt Ilses Entrüstung. Wie hätte sie begreifen können, wer Miehenschwitz war. Ein Mann, der nie einen Beruf gehabt hatte, dessen Fähigkeiten weder zum Handel, noch zu einem Handwerk gereicht hatten, der in der Ehrenstellung eines zweiten Anshilfssehamrnes des Beth Ilamidrasrh den Vorwand erhalten hatte. Almosen anzunehmen. Und sein Schwiegersohn Bovidl mit dem Strohhütl, der den Bauern für Pfennige oder auch so die armseligen stinkenden Fell eh en abkaufte, wenn einer wildernd ein Kaninchen erwischt oder eine streunende Katze totgeschlagen hatte, dieser David Biber halte in der ganzen Schulzeil — er war wenig älter als Erwin — nur dazu getaugt, dem Lehrer Nagel das Frühslückshrot zu holen und der Frau des Lehrers die Kartoffeln aus dem Keller zu bringen. Das also waren die „Säulen", der Rest der Gemeinde; und es wäre früher kaum zu einem Gespräch zwischen Erwin und Miehenschwitz gekommen, es gab gar keine Gemeinsamkeil zwischen ihren Klassen und Kreisen. al>er jetzt war man sich wie auf einer winzigen verlassenen Insel begegnet, das Heimatgefühl überbrückte, vielleicht etwas lügnerisch, die alten Unterschiede und hatte wenigstens dem allen Miehenschwitz, der mm Nutznießer aller der Gemeinde gehörenden Gebäude, zum Bewohner des Schulhauses und zum Vermieter der Klassenzimmer, zum großmütigen Gönner seines Schwiegersohnes, dessen trefene Felle er im Beth flamidrasch trocknen ließ, mithin zum eigentlichen mehrfachen Hauslx-sitzer und Würdenträger aufgestiegen war, die seltene Gelegenheit zu allerlei Großsprechereien gegeben. „Gönne es ihm", sagte Erwin mit einer so ergriffenen 4 Stimme, daß Ilse ihn ansehen mußte Es kam ihr vor, als ob er Tränen m den Angm haben mußte, aber ehe »Je ihm ins Gesicht Wirken konnte, hafte er eine sehmal© Ladentür vor ihr geöffnet und Ilse in den kleinen, muffig nach Kitt und Tuch riechenden Baum hineingeschoben, in den sogleich auch aus einem eeitlichen Verschlag, der Glaser-Werkstatt, der Mann / Nr. 2, 7.1. 1936 Juden im französischen Film Von unserem Pariser Berichterstatter Paris, 31. Dezember Am Fuße des Montmartre, in jener berühmten „Roten Mühle", die heute ein Kino geworden ist, wird zur Zeit ein jüdischer F i I ni gespielt. Es ist ein recht banales Lustspiel, dessen Hauptrollen, ein liebendes Paar, das über Milieugegensatze hinweg den Weg zueinander findet, von den auch in Deutschland bekannten französischen Filmschauspielern Albert P r e j c a n und Meg Lcmonnicr ausgezeichnet gespielt werden. Die Hauptanzicliungskratt dieses Films für das Pariset Publikum, in dem das jüdische Element überwiegt, sind aber nicht die beliebten Eilmhelden, sondern die beiden jüdischen Typen, die Leon Bellieres und Charles Lamy geschaffen und die auch dem Film seinen Namen gegeben haben: „M o i sc et Salonion P a r f u m c u r s". Die Brüder Moise und Salomon sind zwei alte Junggesellen, die ihre hübsche Nichte Lia großziehen und unter Opfern ausbilden. Es überrascht nicht, daß das junge Mädchen dann später den Weg aus der engen Existenz des jüdischen Kleinbürgerhauses in die „christliche" Gesellschaft findet. Dieses im Leben oft tragische Motiv ist hier ins beispielhafte abgebogen. Lia ist ein gutes Mädchen, das auch im Luxus ihre Adoptivväter nicht vergißt, und Moise und Salomon geben nach einigem Zögern ihre Einwilligung zu einer Heirat, die sie zuerst als Mesalliance verurteilt haben. Im Rahmen dieser wenig originellen Handlung ziehen aber an uns gut gezeichnete Typen des französisch-jüdischen Kleinbiirgermilieus vorüber. Da sind Moise und Salomon, die amüsanten Prototypen des jüdischen Kleinhändlers, der sein Französisch mit dem schönsten elsässisch-französischen Akzent spricht, der jeden .,Sou" dreimal berumdreht, der ein gerissener Geschäftsmann ist, der aber im Grunde anständig und ehrlich und zur Aufopferung fähig ist, und selbstbewußt in seinem Judentum lebt. Da ist Samuel d'Avray, der jüdische Großbankdirektor, der den Zusammenhang mit dem Judentum verloren hat und mit allen Kräften versucht, sich der niehtjüdischen Welt anzupassen. Da ist Rebb Schmuel, da sind die Typen von jüdischen Schnorrern — der Film gibt eine Anzahl scharf gesehener Gestalten des jiidisch-elsässischfranzösischen Milieus. Leider haben aber die Produzenten nicht den Mut zu einer künstlerisch vertieften Analyse der französisch-jüdischen Gesellschaft gehabt, zu der der Film Ansatzpunkte bietet. Man wollte nur amüsieren und einer banalen Filmhandlung einen Milieuhintergrund geben, der dem französischen Publikum „exotisch" erscheinen muH. Und doch zeigt auch dieser Film trotz allen Bemühungen, jede ernste Problematik abzubiegen, noch etwas von der Tragik einer sich auflösenden jüdischen Gesellschaft. In dem Zorn Salomons, der Lia verstößt, und in seiner Klage um sie leuchtet noch immer etwas von der erschütternden Trauer Shylocks um Jessika auf; die Verfasser des Films sind sich sicherlich selbst nicht über die bittere Ironie klar geworden, die in der Schlußszene des Films liegt. Hier streiten sich Moise und Salomon erbittert darum, ob das Kind Lias Moise oder Salomon heißen soll, worauf ihnen Lia lächelnd erwidert, es würde den Namen seines Vaters „Andre" tragen. — Es soll nicht behauptet werden, daß das Bild des Juden, das den Massen durch diesen Film vermittelt wird, unsympathisch ist, aber es wäre sehr zu wünschen, daß sich die Filmproduktion entschließen würde, einen „jüdischen" Film zu schaffen, dessen künstlerischer Gehalt der Größe des Problems gerecht wird. Das jüdische Leben im Galuth wartet noch auf seine künstlerische Darstellung im Film. K, „Gesundung und neue Aufgabe" In der „Frankfurter Zeitung" vom 3. Januar bespricht Alfons Paquet das neue Palästina-Buch von Hugo Hermann: „Palästina heute — Licht und Schatten". Es heißt in dieser Besprechung u.a.: „Allen Zweifeln zum Trotz vollzieht sich eine Gesundung und Wiederherstellung auf der Grundlage der Scholle, des Landarbeiterwesens, des Bauerntums. Nicht lange mehr, und ein kleines Volk steht für eine neue Aufgabe vor der Geschichte bereit. Niemand weiß, worin diese neue Aufgabe bestehen wird. Aber sie wird wohl mit der Zukunft der arabischen Welt zu tun haben." mit dem Essigsaurelonerdegesicht. herbeikam. „Guten Tag, Herr Fisch!" rief Erwin, .'.Ja, ja, Willkommen!" sagte de« Grämliche und srhrie zur Küche hinunter: „Siehst du, Riwke, was habe ich gesagt, der Sohn vom Herrn Juda ist hier!" Und auch Frau Fi«eh kam, sich die Hände an der Schürze abtrocknend, Ilse wurde bewundert, Erwin ausgefragt, Tee getrunken, und die enge, etwas stickige Atmosphäre sättigte sich mit gedämpfter Herzlichkeit. Und als Erwin das Seinige berichtet und Ilse manch freundliches Wort dazwisrhengesprochen hatte, konnte der Glaser seine Sorgen aaspacken. „Was für Sorgen?" interessierte sich Ilse, und das tat dem grämlichen Mann wohL „Mit dem Geschäft habe ich ja wenig Sorgen, das geht gottlob wie früher auch, und seit der großen Auswanderung gibt s auch so gut wie keinen Judenhaß mehr hier. Aber mit der Gemeinde, wissen Sie, ist es schwer. Nicht daß ich mich gerissen hätte, Gemeindevorsteher zu werden, Gott bewahre, wir sind doch nur zwei Familien, und der Starost and auch sonst jeder, wendet sieh ei>en an mich. Al>er es macht mehr Scherereien und Aergr-r. als Sie für möglich halte« würden." „Bei zwei Familien?" „Hat Ihnen Miehenschwitz auch erzählt, daß ich ihn denunziert halten soll? Na ja, es war so: Iiier herrscht Wohnungsmangel, die Stadt verteilt alle freien Wohnungen in Zwangswirtschaft, und die Räume im Schulhaus, die Miehenschwitz und seine Familie nicht selbst bewohnen, sind ja frei, für die Stadt frei. Er bat sie aber von sich aus vermietet, was er nicht durfte. Nun hat der Starost bei mir angefragt,, ob er, Miehenschwitz, filiorhanpl der Besitzer, also der, wenn es keine Zwangswirtschaft gäbe, berechtigte Vermieter wäre, and ich mußte antworten, daß nicht er, sondern die Gemeinde das Haus besitzt. Also mußte er spine illegalen Mieter vor die Tür setzen. Wenn ich wirklieh ihm hätte schaden oder auch nur für Recht und Ordnung sorgen wollen, säße er aber selber nicht mehr, ohne Miete zu zahlen, im Srhulhaus, könnte er nicht den Schulhof Inriutzen und sein Schwiegersohn nicht im Reth TIamidrasrh Felle trocknen. AIkt er ist ein armer, alter Kerl, der Schwiegersohn hat siel>en kleine Kinder, und ich werde nicht die einzige« Juden, die es hier noch gibt, dem Gericht ausliefern- Auch wenn ihn, den Miehenschwitz mein ich, der "Hafer sticht Er versucht so allerlei Kunststücke. Er verhandelt mit irgendwelchen I/eulen, die aus der Synagoge ein Kino machen möchten, aber er mag es ruhig tun, denn verkaufen oder auch sonst, nur einen Vertrag unterzeichnen kann er ja doch nicht." „Und was tun Sie mit der „Gemeinde"!" (Fortsetzung folgt) i