Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ufr» 1 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpt JÜDISCHE RUNDSCHAU Senrlftlaltwi«:,Verlag a. AaMlgaavarwaltaagt BarllnWlS,Melnekeetr. 10 Farorul: SanimelNr. 11 Bimnerck 3181/82, 716570, 7240/42. - Beiutapreis eiruchl. BeatellgeM I« Mor»t RM 2,-, j« Vienelj.hr RM 5,75, bei Abholunr. RM 1,88 bsw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für GroS Berlin), Berlin 17392 Our des übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul NachlielerunR oder Erstattung etwa schon gezahlter Benigsgebahren. — Erecheint jaden Dianatag and F r a 11 a g. BERLIN vsnn nntt 'n FREITAG, 3. JANUAR 1936 Gültig. AnzelffenprelsHete Nr. f. Di« 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf, fö* Familiennachrichten 15 Rpt- Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit*- anzeigen nur hei Vorauerahlung auf Postscheck - Konto Berlin 7*618 oder Kar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Annähmetohl-uß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familitmanze.gen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das |Qdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Keimstatte in Palästina. (Baseler Programm) 1936 - bringt es den Frieden? Die Juden und die Lage im Orient — Asien gegen Europa? Palästinas Probleme - Die Pflicht der jüdischen Welt Für Erschließung: neuer Arbeit und Siedlung: In einer auch sonst höchst bedeutsamen Rede in Jerusalem, die wir an anderer Stelle der heutigen Nummer wiedergeben, hat der Präsident der Jewish Agency, Dr. Weizmann, der heute wohl gegenüber der Welt als der repräsentative Jude angesehen werden darf, die Sorgen, die das jüdische Volk zur Zeit des Wechsels der bürgerlichen Jahreszahl bewegen, in dein Satz zusammengefaßt: Unser jüdisches Werk des Wiederaufbaus, das selbst ein Werk des Friedens ist, kann nur in einer Atmosphäre des Friedens und der Völkerverständigung gedeihen; heute aber ist die Welt erfüllt von Krieg und Bruderhaß. in der Tat, das Jahr 1936, das als Geschichtsdatum noch eine große Unbekannte ist, beginnt in einer recht bedrohlichen internationalen Atmosphäre. Viele Millionen Menschen der verschiedensten Nationalität werden sich wohl diese Frage stellen: Bringt es dm Frieden oder bringt es den Krieg? Dabei denken die iWenschen gewöhnlich an das naheliegendste, an den Krieg, der sie selbst direkt oder indirekt betrifft, also an ein Uebergreifen nach Europa. Aber auch wenn wir von einer solchen furchtbaren Möglichkeit absehen, ist die Tatsache des nun schon monatelang fortschreitenden Kolonialkrieges menschlich und politisch genügend bedeutsam. Ueber das Menschliche, das jeder empfindet, soll nicht gesprochen werden. Aber politisch ergeben sich aus diesem Kampf Perspektiven, die ein konstantes Thema der Weltpresse bilden. Es geht dabei nicht einmal so sehr um die Frage von Sieg oder Niederlage, auch nicht dieser oder jener Bcilcgungsvcrsuche, sondern um viel w e i t e r r e i c h e n d e Gedanken; Ist dieser Krieg der Anfang der Auseinandersetzung zwischen Kontinenten, ist er eine Befestigung oder eine Erschütterung des Prinzips der Kolonialherrschaft, wird er durch eine Art Mandat beendet werden oder ist die Welt Asiens und Afrikas trotz ihrer tausendfältigen Differenzierung einig in dem geheimen, oft noch kaum bewußten Wunsch, die Europa c r h e r r s c h a f t abzuschütteln? Wir wissen, daß solche Tendenzen vorhanden sind und sich seit dem Weltkrieg, der den Nationalismus der orientalischen Völker so ungeahnt vorwärts getrieben hat, immer deutlicher manifestieren. Bedeutet die Aufrüttelung durch den abessinischen Krieg eine zweite Etappe dieser sprunghaften Entwicklung? Niemand ist so naiv zu glauben, daß das europäische Regime über Nacht abgeschüttelt werden könnte. Aber die in Asien bedeutendste Kolonialmacht, England, hat ihre unterworfenen Völker zu dem Ideal der nationalen und bürgerlichen Freiheit und Sclbstregicrung erzogen; in diesen Tendenzen begegnet sie sich trotz aller sonst schärfsten Gegensätze mit der anderen europäischen Macht, die in Asien gewaltigen und immer wachsenden Einfluß ausübt, mit Sowjetrußland, das gleichfalls in seiner Art eine Ideologie der Selbstbestimmung der Völker proklamiert. Wo werden diese Tendenzen Halt machen? Welche Formen können sie im Falle weitergehender kriegerischer Entwicklungen annehmen? Welche Politik werden demgegenüber die europäischen Mächte einschlagen? Wird insbesondere England, das gerade erst wieder in Aegypten nachgeben mußte, von seinem bisherigen Weg abweichen und seine Herrschaft auf eine stärkere Autorität von oben her stützen? Jeder versteht die Bedeutung und die Aktualität dieser Fragen, auf die niemand heute mit mehr als Vermutungen antworten kann. Aber für uns Juden sind das keine theoretischen Fragen. Wir berühren uns im Räume. In einer Situation der stärksten jüdischen Existenzkrisc, die vor fünfzig Jahren begann und in deren Verlauf — wie Blumenfeld in seiner Jerusalemer Rede sagte — auch das Jahr 1933 nur eine Etappe ist wie 1882, 1903, 1919 usw. (wobei wir uns der tiefgreifenden Unterschiede dieser Etappen wohl bewußt sind), ist vom jüdischen Volk selbst der Versuch einer völligen Neugestaltung seines I ebenunternommen worden. Daß dies notwendig ist, haben viele Juden nicht geglauht, solange nicht ihre eigenen Positionen, die sie für sicher hielten, zu zerbrechen anfingen. Das jüdische Volk ist seit fünfzig Jahren auf der Wanderschaft; bis 1922 war die Krise nicht so sichtbar, weil das gewaltige Auffangreservoir Amerika noch offen stand. Heute aber hat die jüdische Wanderung in ihrem Hauptstrom nicht die Richtung nach Westen, sondern die Richtung nach Osten, und Palästina ist, verglichen mit dem amerikanischen Kontinent, ein winziger I.andstreifen. Es hat Partien, die noch fast unbevölkert sind und nur mit den Mitteln moderner Technik bewohnbar gemacht werden können. Das jüdische Volk will sich dieser Aufgabe — einer in der Geschichte beispiellosen Aufgabe - unterziehen, nicht nur weil es neue Wohnplätze sucht, sondern auch weil in dem Land des jüdischen Ursprungs die Voraussetzungen für die Wiederaufrichtung eines echten Volkslebens mit eigener Kultur gegeben sind und Entfaltung der eigenen schöpferischen Fähigkeiten möglich ist. Für dieses mit unzähligen Schwierigkeiten belastete Werk brauchen wir, wie Dr. Weizmann sagte, eine Atmosphäre des Friedens und der Zusammenarbeit. Die Welt aber, in die Palästina eingebettet ist, zeigt mehr Zeichen der Unruhe als des Friedens. * In einer solchen Zeit ist es besonders wichtig, einen kühlen Kopf und ruhigen Blick für das Ganze zu behalten. Die Frage, die wir uns immer vorzulegen haben, ist die: was können wir, die wir so vielen von uns völlig unabhängigen Faktoren gegenüberstehen, von uns aus beitragen, um diese Atmosphäre des Friedens und des (wie der Engländer sagt) „good will" zu schaffen? Von dieser höheren Perspektive muß unseres Erachtens die Haltung des jüdischen Volkes bestimmt werden. Und wenn manches Ereignis uns schwer trifft und wir neue Hindernisse auf unserem hindernisreichen Weg befürchten, so soll darauf nicht mit Hysterie und Katastrophen-Stimmung reagiert werden, sondern neben den unvermeidlichen Maßnahmen, die zur Durchführung eines politischen Kampfes gehören, darf keinen Augenblick der Gedanke an jenes wichtigere Ziel, des erstrebten Friedens, aus unserem Sinn verschwinden. Palästina ist jetzt von einer starken Erregung ergriffen. Die Proklamicrung der geplanten Verfassungsänderung, durch die ein Gesetzgebender Rat (Legislative Council) errichtet werden so!lk hat den entschlossenen Widerstand der Juden hervorgerufen. Noch niemals war die jüdische Front so geschlossen wie diesmal. Von der Jewish Agency bis zur Agudas Jisroel und den orientalischen Gemeinden sind alle einig in der Ablehnung des Regierungsprojektes. Es ist gewiß bedeutsam, daß gerade Dr. Welzin a n n, der stets der Wortführer einer entgegenkommenden Politik war, jetzt zum Sprecher dieser feierlichen Zurückweisung geworden ist. Die Mandatarmacht muß aus diesen Erklärungen den Ernst des Widerstandes der Juden entnommen haben. Ueber diese Haltung konnte auch vorher schon kein Zweifel bestehen, da der Zionistenkongreß und die Vertretung der palästinensischen Juden entschiedene Resolutionen in dieser Richtung angenommen hatten und auch der Regierung in London und Jerusalem mehrmals unzwei- Wauchope bleibt im Amt Amtszeit bis 1941 verlängert Wie in London am 1. Januar vom Ministerium für die Kolonien amtlich bekanntgegeben wird, hat der König die Verlängerung der Amtsdauer des Generalleutnants Sir Arthur Grenfeli Wauchopc als High Commissioner und Oberkommandant von Palästina und High Commissioner für Transjordanien für einen Zeitraum von weiteren fünf Jahren vom 20. November 1936 an bestätigt. Es ist dies zum ersten Male, daß die Amtszeit eines High Commissioners verlängert wird. Die bisherigen britischen Hochkommissare für Palästina waren: Sit Herbert Samuel 1020 1025, Feldmarschall Lord P I u m e r 1023 -1928, Sir Robert Chancellor 1928 -1931, Sir Arthur Wauchopc seit 1931. Die reguläre Amtszeit beträgt fünf Jahre, doch haben Lord Plutner und Chancellor das Amt bereits früher niedergelegt _ deutig die Ablehnung der Juden mitgeteilt worden ist. Der gegenwärtige High Commissioner, Sir Arthur Wauchopc, der bislang erfolgreichste und auch beliebteste Statthalter Palästinas, über dessen soeben verkündete Amtszeitsverlängerimg gewiß große Genugtuung in den jüdischen Reihen herrscht, hat sich die Durchführung der Verfasstuigsrcforiti als eines seiner Hauptziele gesetzt. Wenn Wauchopc, seinem ursprünglichen Entschluß gemäß, jetzt dieses Projekt aus London mitbrachte, so entsteht die Frage, ob er aul eine Aenderung der jüdischen 1ialtung im letzten .Moment gerechnet hat (was aber bei seiner genauen Kenntnis der jüdischen Stimmung unwahrscheinlich ist) oder ob er sich über diesen Widerstand hinwegsetzen will. Man muß hoffen, daß der Proteststurm, der jetzt durch die jüdische Welt von Warschau bis New York geht, einen Eindruck auf die Regierung machen wird; wenn sie aber das Projekt nicht fallen läßt, dann würden die jüdischen Plätze durch britische Beamte besetzt werden für den Fall, daß die Araber das Projekt annehmen. Ob aber die Araber sich damit zufrieden erklären werden, ist eine Frage, die erst in einigen Tagen ihre Antwort finden wird. Wahrscheinlich werden sie versuchen, Veränderungen des ursprünglichen Projektes durchzusetzen. Sollte das Projekt wieder zurückgestellt werden, dann müßte die Zwischenzeit dazu ausgenützt werden, um einen Versuch des Ausgleichs auf neuer Basis zustande zu bringen. Wir waren immer der Meinung, daß eine Politik der bloßen Ablehnung nicht genügt, sondern Gegenvorschläge bereit sein müßten. Ein Politiker von genialen Impulsen, wie Dr. Weizmann es ist, kann hier bahnbrechend wirken. Das Projekt ist von den Juden abgelehnt worden. Das ist eine Politik, an der nicht zu rütteln ist. Aber es kann für uns wichtig sein, den Plan als ein Symp t o m für d i e d a h i n t e r s t e Ii e n d c n Tendenzen der Mandatarmacht zu prüfen. Ist zu befürchten, daß die Mandatarmacht mit (liesem Projekt das jüdische Werk vernichten oder hemmen will? Um dieser Frage willen ist das Studium der Einzelheiten des Entwurfes auch dann wichtig, wenn die Ablehnung des Gcsamtcutwurfcs feststeht. Und hei Studium der Linzelheiten ergibt sich, daß der Entwurf nicht von dem Wunsch getragen ist, das jüdische Werk zu zerstören. Die Kompetenzen des Councils sind eindeutig so festgelegt, daß nichts geschehen darf, w a s mit d e m M a n d a t in W i d e r s p r u c Ii stünde. Aus dieser Feststellung" ergibt sich auch die größte psychologische Schwierigkeit für die Annahme seitens der Araber, denn trotz allen Verwahrungen, die sie zweifellos abgeben werden, ist die Annahme dieser Klausel eine imnlicite-Ancrkennung des Mandates. Die Vorbeugung geht so weit, daß der Vorsitzende des Rates, der ein englischer Jurist und kein Politiker sein soll, das Recht hat, Anträge, die mit dem Mandat im Widerspruch stehen, überhaupt nicht z u z u I a s s e n. Der Rat soll sich also nur um einen Teil der allgemeinen Landesentwicklung kümmern, während die Hauptfragen des jüdischen Nationalheims dem High Commissioner vorbehalten sind. Dazu gehört auch insbesondere die Feststtilunng der halbjährlichen Einwanderungsquote. Wenn man dies alles bedenkt, wird man den Eindruck empfangen, daß die Verfasser dieses Entwurfes bemüht waren, die Fortsetzung d e r j ü d i s c h e n Aufbauarbeit zu sichern. Der Rat hat zunächst keine weitreichenden Kompetenzen, sondern nach Vorstellung der Engländer hat er vor allem den Zweck, eine Zusammenarbeit von Juden und Arabern im gemeinsamen Landesinteresse und dadurch auch die praktische Annäherung der beiden Völker anzubahnen. Nach Auffassung der Juden liegen die Dinge anders; aber es bleibt wichtig, die Grundhaltung der Mandatarmacht festzustellen. Dies ist um so wichtiger, wenn man bedenkt, daß Palästina jetzt in ein Stadium kommt, wo die aktive i