Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 105 (31.12.1935)
- Date
- 1935-12-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 105, 31. XII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 David Frischmarm über Mendele Zu Frisdimanns 70. Cehurtstag Von David Frischmann Einer der großen Bahnbrecher der modernen hebräischen Literatur, David Frischmann, der im August 1922 in Berlin starb und hier begraben ist, wäre in diesen Tagen 70 Jahre alt geworden. Frischmann war von großer Vielseitigkeit als Dichier, Ueherselzer und vor allem als der eigentliche Schöpfer des hebräischen Feuilletons, worin er eine an französischen Vorbildern geschulte klassische Vollendung erreichte. Frischmann hat versucht, in die hauptsächlich vom Ethischen und Logischen her bestimmte jüdische Bildungsivelt den Begriff des Aesthctisehcn einzuf(ihren. Er war ein begeisterter ״Europäer“ und gilt als der Begründer des ״Europa-Kultus“ in der hebräischen Literatur, ein Aesthel und Skeptiker, aber von großem Sprach- und Formgefühl. Von seinen Ueberselzungen, durch die er französische, englische, russische und deutsehe Schriftsteller in der hebräischen Literatur heimisch machte, sei nur die großartige Uebersctzung von Nietzsches Zarathustra hervorgehoben. Frischmann war auch ein großer Redakteur. Die unter seiner Herausgeberschafi erschienenen Sammelbände, besonders die Bände ״Hatekufa“, waren Ereignisse in der hebräischen Literatur. Da Frischmanns 70. Geburtstag mit Mendeles WO. zusammenfällt, glauben wir, den Dichtem am besten zu ehren, indem wir ein Stück einer Darstellung wiedergeben, in der er die Wirkung Mendeles auf seine eigene Entwicklung beschreibt. Das folgende ist die Einleitung zu einem umfangreichen literarischen Essai Frischmanns über Mendele. (Red.) 111 meiner Erinnerung taucht ein Bild auf: In der Eisenbahn, im Abteil dritter Klasse, sitzt ein junger Mensch und hält ein Buch in der Hand. Der junge Mann ist sehr vertieft in seine Lektüre. Draußen liegt der Sommer glühend ausgebreitet über Feld und Berg, auf Baum und Stein, auch aut den Tclcgraphenstangen, die vor übereilen, und die Finken und Lerchen zwitschern, daB es einem ans Herz geht, — der junge Mann aber sieht und hört nichts von alledem. Seine Sinne sind völlig gefangen genommen von der Welt, die ihn aus den Blattern des Buches anspricht: ein gewisser Lejb Melamcd*), ein gebeugter, gedrückter Jude, zieht aus, ״Pamossc“ (Erwerb) zu suchen, denn er hat davon reden hören, daß es in der Welt noch andere Erwerbsmöglichkeilen gäbe als die, ein Melamcd zu sein. ... Ein merkwürdiges Wesen ist dieser Melamcd. Was ihn angeht, so ist er für alle Berufe der Welt geschaffen, — sei es, einem Kramladen für Mnnufakturwarcn vorzustchen, eine Fabrik ׳־u griinden, Bankdirektor zu werden oder gar — mit Ethro- »im oder Tabak 711 handeln. Was kommt es darauf an! ein Jude ist, gottlob, zu allem geeignet. Wenn Gott ihm nur!ein Stückchen ״Masel“ (Glück) dazugibt. ... Lcjb Melamcd!leiht vor einem Getreidespeicher stehen, greift eine Handvoll Weizen und siebt ihn durch die Finger, wie einer, der ein VSuster prüft, zu sehen, was die Ware wohl tauge. Ein anderer Jude kommt herbeigesprtingen und fragt, ob er kaufen wolle. Und Reb Lejb gibt ein Kopfschüttein und Naserümpfen von sich, — ein Naserümpfen, das ein ungesprochenes ״Nein“ vernehmen läßt. Weizen hin, Weizen 11er, was schert mich der Weizen! — Wie aber kommt er dann dazu, zu ״sieben״? Auch eine Frage! Ein Jude muß sich eben auf alles verstehen. Wenn cs sich einmal so fügen sollte, daß man Getreidehamiler wird, muß man sagen können: Weizen? — Was das betrifft, so habe ich Gbtt sei Dank gute Branchenkenntnisse. Allerlei Weizen ist mir in meinem Leben schon durch die Finger gegangen!“ *) ״Melamcd“ (=־ Lehrer) ist der sozial gedrückte Kleinkinderlchrer in den Judenschtilcn des osteuropäischen Ghettos. ... Reb Lejb liegt in der Herberge auf seinem Bett, das Gesicht nach oben, in Schlaf versunken, und seine• gebogene lange Nase schnarcht und trompetet wie ein Schofar. Neben ihm steht sein Gefährte, ein Licht in der Hand, betrachtet ihn, mißt ihn mit prüfendem Blick von Kopf bis Fuß. — Wie armselig dieser magere Leib, trocken und dürr wie ein morscher Baum, nur Haut und Knochen. ... Diese Hände, wie gedörrte Hol,׳spane, stark treten die angcschwollcnen David trischmann fr'oto; Archiv c *yÄSjf t״. ^k-H aber sagt unser Betrachter s Was sollte d i r diese Narrl binnen Adern hervor. Das Gesicht: eine alte Ruine, eingefallciieWangen, tiefeingesunkene Augen, eine lange Höckernase, die aus der Mitte hervorragt wie ein Schornstein aus einem vorn Feuer zerstörten Häuserdach. Darunter ein kümrner- Iicher Borstenbesen: das kurze ergraute Bärtchen. Der Geführte, den Leuchter in der Hand, blickt umher; plötzlich wird ihm etwas klar, er hetrachtet ihn mit einem Blick voller Verachtung und denkt sich: Von weicher ״Scliönheit“ ist docli dieser ״Held“! Wie unermeßlich ist die ״Tüchtigkeit“ dieses Mannes! — Was sollte es so einem wohl nutzen, sich atifztimachen, um in der Welt draußen ein neues Lehen zu suchen? — Bald ich seihst: — ״Und du selber? heit...?“ Der junge Mann wandte seinen Klick plötzlich vom Buche fort und sali verträumt um sich: Da sitzt im Waggon auf einer Bank ein armseliger Jude, hager und vertrocknet, redet auf seinen Reisegefährten ein, klärt ihn über den Posten eines Direktors der F.lcktrischen Straßenbahn auf, nach dem er nur die Hand auszustrecken brauche. ... Ein zweiter Jude sitzt auf einer anderen Bank mit seinem Bekannten, und, während er mit ihm spricht, greift er nach seinem Rockzipfej und läßt sich fachmännisch darüber ans, von welcher Qualität das Tuch sei, wie hoch er seinen Wert schätze, und vor allem, wie lange es wohl halten dürfte. Auf einer dritten Bank: gleichfalls ein Jude; er schläft mit dem (iesieht nach oben, schnarcht und trompetet, und sein Leib ist mager, trocken und dürr wie ein morscher Baum, nur Haut und Knochen.,.. Gedankenlos wandte der junge Mann seinen Blick wieder dem Buche zu und las weiter. Es war sonderbar: er verspürte gar nicht, daß er eine Weile im Lesen irmegehaiten hatte. Alles, was er hier im Waggon um sich herum sah, schien ihm noch /tun Gelesenen zu gehören, gleichsam, als wäre dies alles noch eine Zeile aus dem Buche.... Wietier vertieft sich der junge Mensch in das Buch und führt fort im Lesen: ,״.. Die Sonne brennt heiß hernieder. Ein Hund streckt sich auf seinem Bauche aus und keucht scinver in der Glut. Ab und zu erhebt er den Kopf, streckt die Zunge heraus, schnappt plötzlich zu und hat eine Fliege im Maid. Eine Henne kauert mit gespieizten Flügeln in einem Winkel, und hinter ihr hört man das Piepsen der Küchlein. Die Familie hält jetzt Ruhepause nach dem Herumjagen und Herumscliniiffeln im Misthaufen. Kein Lebewesen wird sichtbar, alles ist still und wie erstarrt. Die Kinder sind im Cheder eingesperrt, und die Großen gähnen und strecken sich, —- der daheim und der im Kramladen, — sie schmachten nach einem Schluck kühlen Wassers. Auf einer Mauer klettert eine Katze, plötzlich, auf halbem Wege, macht sie halt, wendet den Blick, späht umher und überlegt, ob sie weiterklettern oder umkehren soll. Von fern her schimmert ein grüner Baumstreifen, dort drüben, wo der Himmel sicli senkt....“ in diesem Augenblick bleibt der Zug auf einer kleinen Station mitten im Felde stehen. Der junge Mann legt das Buch für eine Weile beiseite und blickt zum Fenster hinaus. Da liegt irgendein Hund in der Sonne mit weit heraushängender Zunge und schnappt nacli Fliegen. Da kauert eine Henne mit ihren Küchlein, da weidet eine Kuh auf der Wiese, streckt die Zunge heraus und sucht nach kühlem Wasser. Eine Katze klettert die Mauer entlang. Und von fern her schimmert ein grüner Bäumst reifen, dort drüben, wo der Himmel sich senkt.... Und sonderbar! Als der junge Mann wieder im Lesen fortfährt, merkt er gar nicht, daß er inzwischen aufgehört hatte. Das Bild, das er durchs Fenster gesehen, erscheint ihm abermals wie ein Abschnitt aus seinem Buche. Der gleiche Autor mußte beides geschrieben haben,... Und wiederum kehrt unser junger Mann zu seinem Buche zurück. Alle Bitternis jüdischen Daseins, das ganze Unheilvolle Gohis-Lcben von Millionen Juden in Rußland starrt ihm aus diesem Buche entgegen. Uferlos ist dieses Elend, und sie selber sind an allem schuld. Fs gibt keinen Ausweg, keine Rettung. Die furchtbare Armut hat sie so zugrunde gerichtet.... Im engen Ghetto dieser Juden ist ״Kindheit“ etwas Seltenes. Die Kinder der Judengasse sind vorzeitig alt. Sie sind vollkommen erwachsen, in jeglicher Hinsicht. Ihre Kleidung, ihre Trauer, ihre Sorge, ihre Angst, ihre unkindliehe Vorsicht und Bedachtsanikeit, die ihnen im Gesicht geschrieben steht. Sie sind ״Erwachsene‘׳, nur, daß sic noch klein an Wuchs sind, nur gerade, daß sie noch keinen Bart haben und keine Kinder. Ach, und die jüdischen kleinen Mädchen, sind sie nicht schon alte Frauen in ihrer Art zu reden, in ihrem Verhalten, in all der Schieksalscrgcbenheit und Resignation, ja sogar in ihrer reifen Klugheit. Alte Frauen, — nur gerade, daß sie noch klein sind und noch nicht verheiratet. Kind'ohne Kindheit, das ist eine traurige und böse Sache, die einem das Herz zerbricht und die Seele melancholisch stimmt! Zweierlei Empfindung weckt dies alles: Verachtung und beißenden Spott, der sicli tief ins innere eingräbt und erbarmungslos alle Gebrechen des verelendeten Volkskörpers blaßlegt, — aber auch Mitleiden, ei!1 imendliebes Meer von Mitleid überflutet den Spott; plötzlich läßt sich hinter alledem der tiefverborgene Seufzer der gequälten Kreatur vernehmen, ein Stöhnen, das erschüttert und das Herz zu Tränen rührt.... Der junge Mann läßt das Buch sinken, er schließt die Augen und beginnt vor sich hinzuträiiinen. Jener gewaltige Ekel vor solchen» Dasein, dem gehetzten I IuikIcIcIh'!! ohne Rast, ohne Ziel, ergreift auch ihn. Der beißende Spott wird auch in ihm lebendig und bricht;ms ihm hervor. Mit rincmmal jedoeli ergie,llt sich iti ihm ein Strom imciulliehen Mitleids mit diesem geschundenen und gespielten Volke, das so grenzenlos viel erdulden muß, und dem keine Rettung, kein Ausweg oftensteht, -. lind sein Herz droht zu zerspringen vor tiefem Welt. Und abermals das Wunder: Wieslet־ bat der junge;Manu nichts davon veispürt, daß er innegclialten hatte im Lesen. Auch sein Spott und sein Mitleid schienen ihm noch eine Art ״Fortsetzung" des l’.iiehinhaltes. Er sah keinen Unterschied mehr zwischen sieh, zwischen dem Verfasser des Buches und der Welt, die ihn umgab. Alles war ineinnndergeflossen, hafte sich ziisauimengeincngt und war in Eines verschmolzen.... — — Der Verfasser jenes Buches hieß: .Mendele M oclicr S f o r i m, und der lese n d e j u 11 g e M a n n war ich. Damals begann ich auf einmal zu begreifen, daß ein Dichter, der in unseren Reihen niehi seinesgleichen hat, aus jenem Buche zu uns sprach, wie aus all den anderen Büchern, die er geschrieben. Wenn man beim Lesen eines Buches keinen Unterschied verspürt zwischen der geschilderten Welt mit ihren Typen und cier wirklichen Welt mit ihren Geschöpfen, ihren Tieren und Vögeln, ihrem Sonnenlieht, ihrer Naclilfinstcrnis und alledem, was der Mensch denkt und empfindet, — das ist das beste Zeugnis für einen ganz großen Künstler, einen Künstler, wie er in unserer modernen Literatur noch nicht da war. Von jenem Tage an haben die Werke Mendele Mocher Sforims meinen Tisch nicht verlassen, ich lese und lese sie immer wieder. Und sonderbar, — je öfter ich sic lese, um so mehr Neues entdecke ich in ihnen. (Ins Deal sehe übertragen von Mascha Kaliko) Kipnis-Konzerte in Obcrschiesien. Der Kulturbund Ober- Schlesien gewann Alexander Kipnis noch vor seiner Abreise nach Wien zwischen dem IS. und 22. Dezember für die Gemeinden Oppeln, Ratibor, Beuthen und Gleiwitz. zu Konzerten. Ueherall empfing Alexander Kipnis großer Jubel. Das Programm enthielt .Mozart-Arien, Schumann-, Wolff- und russische Volkslieder. Prof. Julius Prüwer am Flügel erwies sich als kongenialer Begleiter. H.B. Der Verband jüdischer Dramatiker und der Verband jüdischer Komponisten in Amerika haben sich unter der Führung von Seitdem Perlmutter zu einem Verband ztisammengeschlossen, der künftig die Interessen beider Organisationen gemeinschaftlich vertreten wird. UeöMrt ck ein.!deine/ ,Rottum. 1. Fortotuaag Nachdruck verboten ZWEITES KAPITEL ״Heute mußt du mir sagen, wer der Herr warI“ rief Erwin ihr entgegen, als Ilse das Zimmer bclrat. Er war erregt, fast verzweifelt, mul seine ohnmächtige Wut wuchs noch, als sogleich zwei Schwarze Schwestern neben ihm standen und mit lauten Worten alles übertäuhten. Die eine hielt ihm in polnischer Sprache eine fromme eintönige Predigt über die unerläßliche Schonung seiner Nerven, die andere hatte den Hosenkranz in Händen und surrte mit der gleichen Monotonie ein Vaterunser. Ehe der Strom der Worte verrauscht war, hatte Erwins Zorn einem ärgerlichen Humor Platz gemacht, ״Ha st du dich allein angezogen?“ fragte Tlse leise. ״Nur die Schuhe mußte mir die gute Schwester Stnsia ziischnüren." Er war leidlich angezogen und trug nur den linken, dick bandagierten Arm tinler der Jacke in einer sehwarzen Binde. Ilse dankte den Schwestern, die keins von ihren Morten verstanden, alter ergriffen zuhörlen; die eine nickte öfters, die andere scln'ilteile traurig den Kopf. Erwin schob seinen rechten unter Ilses linken Arm, und sie gingen grüßend. Es war ihr erster gemeinsamer Ausgang in Malowa. Erwin hatte einige Anstrengungen machen müssen, um den Arzt des Hauses der Schwarzen Schwestern ztt überzeugen, daß es nicht zu anstrengend werden würde. .,Alter keine Aufregungen 1“ hatte der Arzt ihm und Ilse noch einmal eingeschärft, als sie gingen. ״Können Aufregungen eine Armquetschung verselilimmern?" ״Wir wollen auch von der kleinen Gehirnerschütterung nicht mehr reden", schloß der Arzt. ״Es ist ohnehin unbegmflieh, daß außer dem Fahrer niemand ums Leiten kam und außer Ihnen niemand bei dieser Katastrophe verletzt wurde." ״Warum biegst du links ein?“ fragte dann Ilse, ״die Straße rechts führt doch in die Stadt!“ ״So gut weißt du in Malowa schon Bescheid? Na ja. in drei Tagen ist das nicht schwer. Bist du alleine auf Entdeeknngsreisen gegangen oder — hat dich — jemand — geführt?“ ״Nein, nein, Erwin, allein, ich —" Er sali sie an, aber sie vermied seinen Blirk. Sie sah geradeaus wie auf einen hestimmten Punkt am Horizont. Sie spürt« seine prüfenden Augen und konnte nicht weilersprechen. Er glaubte ihr nicht, daß sie diese drei Tage, die er im Krankenhaus hatte liegen müssen, immer allein gewesen wäre. Sie fühlte sieh nicht schuldig, aber beklommen. Er verfiel einem Ansturm von wirrm Empfindungen, Vorstellungen und quälenden Bedenken. ״Wir wollten doch ein neues Lehen anfangen —“ murmelte er verzweifelt, wie zu sieh selbst. Der Hut drückte ihn, und um ihn aliziinehiiieii, entzog er 11«* seinen Arm. Erschrocken sah sie nun zu ihm auf (sie war ein wenig kleiner als er). Sie machte sieh darauf gefaßt, wieder gefragt zu werden, wer ״der Herr" wäre, und fühlte, wie ihr das immer peinlicher wurde, je länger sie es erwartete. Aber Erwin wies mit der Hand, die den Hut hielt, nur rechts hinüber auf eine niedrige rote Ziegelmauer, filier die Efeustränge krochen und einige düstere Kiefernwipfel himvegsahen. — ״Das ist unser Friedhof." Es üherschaucrtc Ilse. Ihr fielen Gespenstergeschichten ein, die, wie Erwin ihr erzählt halle, auf diesem Friedhof spielten; sie glaubte den prahlerischen jungen Mann mit dem langen Mantel zu der niedrigen Ziegelinauer gehen zu sehen, der gewettet halte, er würde nachts um zwölf Uhr in das frische Grab von Erwins Urgroßvater ein Holzscheit einsehlagen und heil zurfirkkchren: der junge Mann verlor die Mette und sein!.eben, offenbar aus Schreck, weil er das Holzscheit sitzend in die Erde eintrieb und seinen Manlelzipfel dazu, so daß, als er anfstehen wollte, der Tote aus dem Grab her ihn zu halten und niederzuzerren schien. Morgens fand man den jungen Mann tot auf dem Grab. Trotz solchem Granen bot Ilse tapfer an, Erwin auf den Friedhof zu begleiten, aber er war selbst nicht dazu aufgelegt.: Wozu alte, verfallende Gräber besuchen und Grabsteine betrachten, deren verwitterte hebräische In- Schriften nicht mehr zu entziffern wären? ״Meine Urgroßeitern und deren Ellern lieg«* hier, aber ich habe sie alle nicht gekannt", sagte Erwin, ..und die Gräber der allen Leute, die ich gekannt habe, können uns aneh nicht viel erzählen. M ir bie״en lielx'r hier links ab und gehen in die Sladl." Din Brücke über den Stadlgralx'n. die sie passierten, war etwa drei, das Masse!- selbst kaum eine!! Meier breit, und IK<* mul.') 10 lächeln, als sie das festMellle: n.'irh Erwins Erzählungen seiner knabenhaften Heldentaten hatte sie einen breiten, gel;1!irlirhm Sturzhaeh erwartet. Hinter der Brinke wuchs etwas Lattich mit märliligen. auch jetzt noch grünen Blattern und eino Sterhapfelslamlc, auf die ein großer, seltsam dunkler Sdnnettcrling, 11er späte-le des Jahre., sich setzte. Jäh wie vor einem Abgrund blieb Erwin stehen me! hielt Ilse ziinifL I׳,r hieß sJq schweigen, als gälte es ihr!,eben, und nun entdeckte auch sio den Schmetterling..die dicke Raupe, die Tolenkopl/iiebining auf dem Rücken, die breilgespnnnlen Flügel, die icierlieli und bedeutsam wie Augenlider sieb hoben und senkten. Mil einem Sprung war Erwin davor und warf den Hut über die Staude. Dann kniete er nieder, um vorsichtig das Tier unter seinem Hut zu bergen. Aller da er die eine Hand in der Rinde trug, war er ungeschickt, und Ilse war noch viel zu verldiilft und anrli zu unvorbereitet auf derartige Jagdalicnlcuer, um ihm zu helfen. Nach einigen Minuten reinigte er seinen Hut und stand ärgerlicli auf; der Schmetterling war nicht zu sehen. ״Hast du ihn wegfliegen sehen. Ilse?“ 1)1*11 Schmetterling?“ ״Ich sali ihn aneh nicht: Er ist verschwunden. Als ,Junge habe ich jalirelang gehofft, gelauert, geträumt, einmal einen Tolenkopf zu fangen. Einen balle ich beinahe, als ein gemeiner Kerl ihn mir wegfing. Und beule — wieder nichts. E11!schuldige meine Naivität, aber —“ Dies Alier, das Erwin mit zusamrnengebissenen Zähnen gerade noch vor sieh liiiiniurmelt(*, enthüllte und verbarg zugleich seinen machtlos resignierten Zug ins Große, und die Art, mit der Ilse es aufn.ihm. grenzte an Mitleid. Vergeblich versuchte sie, die Gärten, die Zäune, die alten Räume, an denen sie vorüber kamen, mit seinen ״Augen" zu sehen und sieh weiszumarhen, Erwin wäre je über de« Slaoheldralit auf jenein Gatter hinweggeklctlerl oder er hätte aus diesem nun kahlen Wipfel Nüsse geholt; umsonst bemühte sie sieh, Ihm Kindheits,־inklänge von der Stirn abzulesen, er selbst schien weder Raum noch Strauch noch Gatterlatten, Draht oder dio grauweißlirhen Seiten- und Rückcnwändo der Häuser zu sehen, an denen entlang sic nun endlich in die Sehülzenstraße gerieten. (Fortsetzung folgt)