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Jüdische Rundschau · 1935-12-20 · Heft 102 (20.12.1935) · page 44

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 102 (20.12.1935)
Date
1935-12-20
Page
– (sequence 44)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 102, 20. XII. 1935 der Oberfläche verschwunden, er wurde gleichsam für eine andere Zeit aufgespart, für die Zeit nach Chajales Niederkunft. ״La lit sie nur erst das Kind bekommen'*, dachten sie bei sich, ,,laßt sie nur erst das Kind bekommen and dann ...*' II. Als die Zeit der Niederkunft Chajales nahte, herrschte großer Schrecken im Lager, Schrecken gemischt mit Zorn, Chajale hatte beschlossen, nur im Lager wolle sie ihr Kind gebären! Man verlangte von ihr, daß sie zur Niederkunft nach Haifa fahre, wie es damals üblich war, weil das Krankenhaus im Emek nicht für diesen Zweck eingerichtet war und es keinen ständigen Arzt in der Siedlung gab. Aber Chajale versteifte sieh darauf: liier werde sie gebären! Aon hier würde sie sich nicht t wegrühren I Die Uilfsschwester warnte, daß sie die Verautwortung nicht auf sich nehmen könne; schon einige Jahre habe sie keine Geburtshilfe mehr geleistet. Chajalc gefährde wirklich ihr Leben. Aber Chajalc beliarrte: Im Lager werde sie gebären und wenn sie an der Gehurt sterben solle! Sogar das Flehen Mendels, der für ihr Leben fürchtete, nützte nichts. So habe sie beschlossen und sie werde es durch führen. Man überließ sie ihrem Los, aber der Schrecken lastete auf allen. Was konnte man machen? ״Ein albernes Geschöpf bleibt immer albern“, sagten sie zornig. ,,Sie ist eigensinnig und will ihr Lehen ohne Sinn und Grund gefährden.“ In einem andern Zustand hätte inan sie gefesselt und gegen ihren Willen nach Haifa geführt, aber fesselt einmal eine Frau, die vor der Gehurt sieht! An einem Freitag morgen, zur Zeit als die Männer auf dem Felde bei der Arbeit waren, befielen Chajale die Wehen. Sie war an diesem -Morgen, wie an den vorhergehenden Tagen zur Arbeit gegangen; sie arbeitete in der Waschküche. Als sie daranging, die Kleider auszii wringen, die seit gestern irn Wasser lagen, fühlte sie plötzlich Schmerzen, die von Minute zu Minute starker wurden. Da ging sie fort und verließ die Waschküche. Sie ging still fort, ohne ihren Arbeitsgr nossinnen etwas zu sagen. Sie ging zur llilfssrhw etter. ,,Ks scheint mir, ich habe Schmerzen“, sagte sie und lächelte. ,.VS ns, starke Schmerzen?“ fragte die Uilfsschwester zweifelnd, denn das Läeheln auf ihrem Gesicht zeugte nicht von Leiden und Schinerzen. .,Ja, sehr starke''» antwortete Chajalc und ihr Gesicht wurde gelb wie die Wolle eines alten Schafes. Die 11 il fs'fhweMr•[■ brachte sie ins Zelt und legte sie auf das Bett. (Ihajale zitterte vor Sehmerz, aber sie hörte nicht auf zu lächeln. Später brachte die Uilfsschwester alle mögliehen Instrumente, ordnete sie auf ein weißes Tablett und holte einen Trog Wasser. Als Chajale klagte, daß ihre Schmerzen immer stärker würden, band die Uilfsschwester einen dicken Strick an die Fußseite des Bettes und sagte: ,,Zieh stark an diesen! Strick, Chajale! Zieh fest! Das wird dir die Geburt erleichtern.“ (ihajale gehorcht« ihr wie ein Kind. Sie schloß die Augen fest und begann nach Kräften mit beiden Händen am Strick zu ziehen, wie Her Fuhrmann Zügeln zieht, wenn die Pferde bergabwärts rennen, sich auf die Unterlippe, aber sin ließ keinen Seufzer Die Ililfssciiwester dachte, die Schmerzen könnten esonder« stark sein. vergingen einige Stunden. Die Männer, unter ihnen enelel, kamen inzwischen zur Mittagspause vom Felde lurucK. Sie aßen und legten sich zum Mittagsschlaf hin. Mendel, der etwas wie Scham empfand, neben dem Zelte zu stehen, ging verlegen wie ein hereingeschneiter Besucher irn Hofe herum, und lauschte auf das, was sich iri seinem Zelte zutrug. I nd (ihajale zn״ mit ganzer Kraft am Strick. Sie unterdrückte joden Schmerzenslaut und hiß sich Hin I nterlippe blutig. Plötzlich schrie de kurz und furriilbar. Die llilfs- Schwester zuckte m-Jninii'ii. Sie sprang erschreckt vom Bett auf, trat zu (ihajale und sab da« Kind zu ihren Küßen liegen. Die 11 i 1 f'ssr]iwe-ter nahm die Schere, die für diesen Zweck auf den! weißen Tablett lag, und schnitt die Nabelschnur durch, di*' das Kind nut dem Mutterleibe verband. ״Ein Sohn!“ rief sie, und das Mud gab den ersten Lcl'ienslau! von sich. Mendel horte das Wimmern seines Sohnes von ferne lind kam herbei .׳!i.111 ieii. ..1)11 hast einen Solln ' liegniljte ihn Cbnjale mit srliw,־!eher Stimme, als er ins Zelt trat. Fr saß auf ihrem Beftrand und begann zu lachen. Er lächle aus vollem llor/en, und l’iamt n glänzten in seinen Augen, Dies war das erde Mal, daß er lachte, seit er Ham.'ds durch das Fenster aus dem Eßfamn geflohen war. Die Uilfsschwester zeigte ihm das kirn]. Er hahko-te sein (hiesiebt not dem kleinen Finger. Er fürchtete sich, es mit dem Finger zu her!ihren, vielleicht «״badete ihn) — Gott behüte! — die Berührung mit dem Finger! Er lachte fort und fort. Die fVifhrirht verbreitete sich wie von selbst im Lager, Es war, als hatte sich die ganze Luft verändert. Ein neues Lebewesen war geboren worden... Mit nitiem Schlag wußte man im ganzen Lager, daß (Ihajale ein Sohn geboren war, als ob der Wind die Kunde davon in alle Teile des Hofes getragen hätte. Fs herrschte Freude im Lager. Man freute sich, daß ein Mensch im Kibbuz geboren und daß dir Geburt gut überslanden war. Man freute sirli. aber dir Freude war verhallen und gedämpft, sie war nicht stark genug, um den Haß zu entwurzeln, der während vieler Monate gewachsen und großgezogen war. Von allen Milgliodern des Kibbuz betrat nur Natanel das Zelt, um den Säugling zu sehen und die Eltern zu beglückwünschen. Natanel sah ein großes Verdienst darin, daß das Kind im Zelte geboren worden war, und wegen dieses Verdienstes wurde er nachsichtig sogar gegen Alendel und (Ihajale. ״Ein jüdisches Kind wurde in einem Zelte geboren“, begeisterte sich Natanel, ״das ist eine große Sache! Ich sage euch, das ist wert, in alle Zeitungen zu kommen! Ein jüdisches Kind wurde im Zelte geboren.,.“ Man lachte ihn aus, ,,Romantik! Das ist nichts als alberne Hoi 11:1111 ikl‘‘ Ei vergingen sieben Tage, und am achten war di« Beschneidung. Am frühen Morgen des achten Tages wappnete sich Mendel mit Selbstbeherrschung und karn in den Eßraum. Wieder lastete auf ihm die Fülle seines Glücks, und er konnte es nicht allein ertragen. Es verlangte ihn danach, sein Herz vor andern aiiszusehütten. Er brachte dem Kibbuz ein Geschenk. Er wußte, daß man sein Geschenk verachten würde, aber diesmal machte es ihm nichts aus. Er wird ihnen sein Geschenk auf jeden Fall darbringen l Sein Geschenk war: das Recht, seinen! Sohn eben Namen zu geben. Nach den! Frühstück stand er auf und fragte: .,Welrhcn!Namen will der Kibbuz meinem Sohne gehen? Die Namengebung ist meiner Meinung nach ein Hecht der Gemeinschaft, nicht ein Recht der Eltern. . Alle waren verwundert. Ein solches Problem halte niemand vorausgesclicn. Sie waren verwundert, aber sie gaben keinerlei Antwort. Was ging sie das an? Mag er ihn nennen, wie er will! Hat er in andern Dingen den Kibbuz gefragt? Es entstand eine unliebsame Stille, die wenige Minuten währte. Dann stand Natariel auf. ״Weil dies das erste jüdische Kind ist, das in einem Zelte geboren wurde“, sagte Natanel mit feierlicher Stimme, ,,so schlage ich vor, cs Oholi zu nennen.“ Alle schwiegen. Mendel al»er verließ den Eßraum erregt und froh; erregt, weil nicht er den Namen gewählt batte, und froh, weil man für seinen Sohn einen so schönen, originellen Namen gefunden hatte. Am selben Morgen fuhr Natanel ins benachbarte Lager, um von dort den alten Ger schon zu holen. Gerschon war der Vater eines Arbeiters im!!enachbnrten Lager, er war vor kurzem aus Rußland gekommen und war im ganzen Emek berühmt, weil er das rituelle Schlachten und auch die Reschneidung verläßlich ausführte. Als Natanel am Konsundaden vorbeikam, beschloß er, einige Flaschen Mein zu kaufen. Man sollte nicht, sagen: ein Junge aus dem Kibbuz ist gekommen, mau hat Gerschon zu einer Resclineidung geholt und hat noch nicht einmal AVcin gekauft! Da muß etwas nicht in Ordnung sein... ״Es schadet ja nichts, die Flaschen können im Vorratsraum bis zum nächsten Fest stehen; der Wein wird schon nicht sauer werden . ..“ Nachmittags zeigte das Bellen der Hunde das Nahen eines Fremden im Lager an. Der alte Gerschon kam. Er betrat den Hof in gehobener Stimmung mit der Weise eines alten Gebets auf seinen Lippen. Wie aus einer anderen Welt kam er. Fremdartig war seine Kleidung, weich sein Blick aus Augen, die Alter und Jugend vereint ausdrückten, weißgelblich «ein Bart, der sich in Lorken verzweigte wie ein antiker Leuchter. Mit seinem Eintritt in den Hof durchlief ein heimliches Zittern alle Herzen, als brächte er ihnen den Gruß vergangener Geschlechter. Er durchschritt stelz das Lager und summte ein altes Lied vor sich hin. ״Wo ist er, wo ist er?“ fragte er Natanel, der sieh ihm angesclilossen hatte. Er muß das Kind sehen, den neuen Bing, den er an die große Kette der Geschlechter anfügen soll. ״Wo ist er?“ Natanel brachte ihn ins Zell. Er begrüßte die Eltern und betrachtete das Kind von nahe, als oh er durch die Augen zu ihm rede. ״Gut“, sagte er, ״wir können die Desehneidimg vollziehen.“ Die Resclineidung fand im Eßraum statt, als man sich gerade zum AIittn״essen versammelte. Der Baum sah aus wie gewöhnlich. Nichts Festliches war in ihm zu spüren. Nur einige junge Weinreben schmückten die Tische, denn es war der erste Tag der Trauboriernta. Der Alte irrte, wenn er meinte, man habe die Tische dem Beschneidungsfeste zu Ehren mit jungen Relien geschmückt. Bevor die Diensthabenden das Essen austeilten, stellte man einen Stuhl in die Mitte des Baumes und brachte das Kind. Mendel hielt das Kind, und Gerschon beschnitt es. Gerschon führte die Bescimeidung ungewöhnlich schnell aus. Er sprach den Segensspruch, heschnitt das Kind, und schon übergab er es der Pflegerin. Man wußte gar nicht, wann er begonnen batte und wann er fertig geworden war. Viele Kinder hatte Gerschon schon im Emek beschnitten, und er wußte, daß» die Arbeiter eines Kibbuz es nicht liebten, daß man diese Zeremonie in die Länge zog. Als das weinende Kind aus den! Eßraum getragen war, schenkte Natanel den! Alten ein Glas Wein ein. Der Alto sprach den Segen?«pruch. trank auf das Wohl der Anwesenden, und dann trat er in die Mitte des Raumes und begann, wie stets bei solcher Feier, zu singen und langsam zu tanzen, ,.t’nei es sei uns vergönnt. Sohne zu sehen, Sohne unä Ktikcl, Diener iler l.clire und Arbeit,“ Er hielt den lialbvolhm Becher in der einen Hand, die andern Hand aber halte er ausgeslreckt und gal) den an den Tischen Sitzenden durch Blicke zu verstellen, sic sollten sich ihm irn Beigen ansdilicßen. Die aber waren mit den! Essen beschä ftigl, das man inzwischen aufgelragen hatte. Die Hand des Alten blieb ins Leere ausgesl rockt. Niemand schloß sich ihm an. Der Alte brach sein Lied ab und hörte auf zu tanzen. Er war verwirrt. So etwas war ihm noch nicht vorgckonurieii. Man tanzte nicht mit ihm nach der Boselmeidting! .,Sonderbare Menschen“, murmelte der Alle vor sieh hin, ״sonderbare Menschen.“ 1 nd er verließ den Eßraum. III. Von da an zählte man in Mendels und Ghajas Zelt die Tage nach dem Alter üliolis. Ein Atonal verging seit Oholis Gehurt, zwei Monate waren vorüber, und so gingen drei Monate dahin. Oholi wohnte in der Kinderbararkc. Am Ende der Baracke hülle man eine AVand gezogen, um ihn von den andern Kindern :ihzutrennen. die älter waren als er: dort stellte inan seine Wiege auf und nannte diesen Winkel das ״Säuglingszinnner“. Dort wohnte üholi.. . Gleich nach seiner Gehurt wurde er vom Lager ahgetrennl. Die Kinder liebten ihn nicht, weil er nach!« wein So und sie!111« dem Schlafe schreckte. Die Erwachsenen kannten ihn 1iiK>rhaupt nicht. Sie haßten seine Ellern und wollten den Sohn nicht kennen. So kannten ihn nur da« Mädchen, das mit seiner Pflege Ivel raut war, Chajalc, seine Mutier, die ihn stillte, Mendel, sein Vater, der joden Abend kam um mit ihm zu spielen, und Niilaiiel, der ihm das V ordien• seiner Geburt im Zelte nichtvergessen halte, und ihm zum ־weiten Aoater wurde. Und Oholi wurde schöner von Tag zu Ta . A’on Mendel li.'ilte er das helle Haar geerbt, die römische Na 1׳ und die 111:1111*11 Augen, iirnl von Chnjalo den vollendeten ZöiiIm'!■ des Ge«id1lsnnsdruekcs und seine Anrnut. Er war ein wunderbar schönes Kind. Drei Monate waren vergangen, und inzwischen erlosch in Alendel das Feuer des Hasses, das sich in jener Nacht in ihn! entzündet hatte, und seine Verbitterung schwand dahin. Er mischte sich wieder unter die Menschen, er gal) sich wieder ganz der Arbeit hin. ganz, allmählich wurde er wieder der alte, der echte Mendel, wie man ihn in der! ersten Jahren des Kibbuz gekannt hatte. Audi (ihajale lernte sich der Umgebung anpassen. Sie lernte die Redeweise der Menschen und ihre Sitten verstehen, sie nahm sich in Acht, nicht durch AVorte oder Handlungen ihren Zorn zu erregen. Auch sie hatte sich nach Oholi? Gehurt »ehr verschönt, und die jungen Männer begannen wieder heimlich ihr Gesiebt, zu betrachten. Es ist klar, wäre es so weiter gegangen, so wäre aller Haß gänzlich verschw unden. Wäre es so weiter gegangen... Hätte sich nicht am Tage, als Oholi drei Monate alt wurde, jene schreckliche Sache ereignet ,.. Hätten sie ihn nicht in dieser Nacht bei sich im Zelt behalten. Sie holten ihn sich am Altend ins Zelt, um mit ihm zu spielen. So wollten sie ״seinen Geburtstag“ feiern. Sie spielten mit ihm. bis er einschlief. Und weil sic sich fürchteten, ihn schlafend fortzntragen, behielten sie ihn die ganze Nacht bei sich im Zelt. Durch diese Tat zerstörten sie alles, was sie in der! letzten drei Monaten nufgebant hatten. Damals legte man den großten Wert darauf, daß alle Kinder in der gemeinsamen Baracke schliefen. Hätten selbst andere Eltern ihr Kind über Nacht bei sich behalten, mar! hätte auch sie des Verrats an den Ideen des Gemeinschaftslebens beschuldigt, uin wieviel mehr aber in diesem Falle, wo die Täter Mendel und Chajale waren, die niemand im Verdacht übergroßer Treue zur Gerneinschaft hatte! Al» die Sache am nächsten Morgen im hager bekannt wurde, entstand ein wahrer Aufruhr. Aller Haß, aller Zorn, alle Bitterkeit, die schon fast verwischt waren, kehrten zurück, lebten wieder auf, und diesmal in doppelter Grausamkeit. Selbst Natanel wagte nicht, sie zu verteidigen. Es schien, daß man diesmal kein Erbarmen kennen würde, diesmal würde man das Urteil vollstrecken. Als die Glocke am Airend zur A'ersammlung rief, beeilte sich niemand zu kommen. Sie waren sicher, man würde den Ausschluß beschließen, und ihre Herzen schlugen erregt. Sie wußten, wie grausam ein solches Urteil war, »md wollten das Verfahren hinlialteii, Mendel und Chajale kamen als . erste und brachten üholi mit sich. Bedrückt kamen sic herein, in ihren Blicken lag Verzweiflung, als wärm! sie Angeklagte vor Gericht, die ihr Urteil schon kennen. Sie saften im Winkel und warteten darauf, daß die Richter kämen. Nach kurzer Zeit begannen sie, einer nach dein anderen, hereinzukoinmen. Mendel saß da, biß auf ein Zigarettenende und blickte scharf auf jeden, der eintrat. ״»Sie kommen, mich zu ricliten“, dachte Mendel voll »Schmerz, ״sie wollen mich verlreiben, sic wollen midi von dem Ort vertreiben, dem ich meine besten Kräfte geopfert habe, von dem Ort. der für mich mein Heim war... Warum? Ist meine Schuld denn wirklieh so groß? Und Chajale saß da und spielte mit dem Kinde. Das Kind war ihre letzte Zuflucht.» Sie stellte es gleichsam zur Besichtigung vor. Als ob sie sagen wollte: ,,Betrachtet doch das Kind! Seht seine Schönheit und Unschuld! Versieht doch, wir wollten uns nicht gegen die Grundsätze des Gemeinschaft«- leben* auflehnen, wir behielten ihn nur bei uns in! Zelt, weil wir Mitleid mit ihm hatten, weil wir uns fürchteten, ihn schlafend fortzutragen. Ganz einfach deshalb! Seht nur, hättet ihr selbst anders gehandelt? Betrachtet das Kind und dann — richtet! Ihr habt ja das Kind bis jetzt noch nicht einmal gesehen! ...“ Eine beklemmende Stille herrschte, man konnte das Summen der brennenden Lainpc hören. Die ganze Zeit über traten neue Menschen ein. Sie kamen nur allmählich, mit gesenkten Blicken. Plötzlich — niemand wußte, wie die Sache begann —־ fand sich eine Gruppe zusammen, die Oholi betrachtete. — Vielleicht dachten sie: ״Wir wollen ihn uns noch einmal ansehen, bevor er von liier wegkoinmt“, vielleicht, erblickten sie ihn, wie er lachte und spielte, und konnten ihr Verlangen nicht bezwingen. Man drängle sicli von allen Seiten, um ihn zu sehen, zuerst di« Mädchen und dann die Jungen, und als sie ihn sahen, waren sie bezaubert von seiner Schönheit. Sie betrachteten ihn wie ein Wunderding, und jeder ließ sein Entzücken laut werden. Natanel stand plötzlich bochaufgerichtet auf der Bank. Ringsum herrschte Stille. Alle Gesichter wandten sich ihm zu. ״Kinder!“ sagte Natanel voll Erregung, ,,habt ihr nicht gemerkt., daß dieser herrliche Oholi »Mendel ähnlich ist? ln allem ähnlich, sage ich euch ... Seht, schaut, dieselben Augen, dieselbe Nase, dasselbe Haar... Wahrhaftig «in kleiner Mendele!. . Sie waren verwirrt. Alle blickten abwechselnd auf das Kind und auf Mendel, auf Mendel und auf das Kind. AVirklich, das Gesicht dieses wundervollen üholi glich dem Gesichte Mendels. Die Verwirrung währte einige Minuten. Tis kam Ihnen allen zum Bewußtsein, warum sie im Eßraum versammelt waren, und sic senkten ihre Wicke vor Scham. Als Natanel die Pu'ue in aller Augen waltrnahn), sprang er von der Bank, ergriff Alendels Hände, stellte ihn in die Mitte des Raumes, begann um ihn herum den Tanz. Einer nach dem andern schlossen sie sich ihm an, lebende Glieder t:ingel iigl in eine lebend« lanzcnde Kette. Nach einigen Augen blicken waren alle der Kette angesclilossen, sangen und tanzten im Taumel einer Freude, wie sie der Kihlniz nie zuvor gesehen hatte. Mendel aber stand verwirrt in der M itte dieser Kette und streckte beide Hände ans» als ob er sic alle umarmen wollte. Er weiß nicht, was ihm plötzlich geschoben ist. Träumt er? Aielloieht hat er vorher geträumt, als er in den Eßraum kam! Tropfen auf Tropfen erglänzten auf *einen Wangen, niemand wußte, waren es Schweißperlen, waren es Tränen ... Durch einen Zufall hielt sich an diesem Abend der alte Gerschon im Lager auf. Er war gekommen, um eine unbrauchbare Kuh zu scTilnrlitcn. Als er hörte, daß Gesang aus dom Eßraum tönte, trat er ein, u»n zu sehen, ״wie nie Kinder sich freuen“. Er stellte sich zur »Seite und schlug im Rliythums des Tanzes in die Hände. Er konnte siel! den Tanzenden nicht;!״schließen. ,.Die Kinder“ tanzen schnell und leicht, und seine Füße sind alt, er kann nur noch gemächlich tanzen! Er stand da, schlug in die Hände, und seine Augen leuchtoten wie zwei glühende Kohlen. Als Natanel die Kette der Tanzenden verließ, um den Wein aus dem A'orratsraum zu heilen, nahm ihn der Alte bei der Hand und sagte vorwundert: ,,Ab, ihr seid sonderbare jüdische Kinder, sehr sonderbare. .. Am Tage der Beschneidung, wenn das Kind in den Bund unseres Vaters Abraham aufgenommen wird, da rührt keiner ein Bein zum Tanzen und keiner tut den Mund auf zum »Singen. Und jetzt au einem ganz gewöluiliehen Wochentag singt ihr und tanzt ihr wie die Tollen!. .. Hab ich nicht gesagt, ihr seid sonderbare Juden, sehr sonderbare, wirklieh! .. .“ ,,lieb Gerschon“, antwortete Natanel, ״auch diese Nacht wurde ein B u n d geschlossen . . ,, habt ihr nicht gesehen? Ja, diese Nacht wurde in diesem Baume ein Bund besiegelt!... A'crstrhl ihr?“ Der Alte faßte sich mit der Hand in den Bart und schloß die Augen ein wenig, — «r bemühte sich zu vorstehen...

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