Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 102 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 19 K INDER-RUNDSCHAU W jineli, _ 1־^־W/Spovj- 0SetcAiolck. ־ Von GQniher Weißmann, Berlin (16 Jahre) (Schluß) Der Endspurt Der große Tag war da. Geschmückte Lastwagen fuhren durch die Stadt und verteilten die einzelnen Läufer auf die Laufstrecke. Tausende von Zuschauern umsäumten die Straßen, durch die der Staffellauf führen sollte, und der große Sportplatz des S. V. ״Sparta“, auf dessen Aschenbahn das Ziel des Rennens sein sollte, war überfüllt von Sportbegeisterten. Ueber der ganzen Stadt lag eine festliche Stirnmung, schon allein durch das ungewohnte Bild der buntgekleideten Sportler an allen Straßenecken. Die einen trugen das grüne S auf der Brust, andere ein buntes Wappen, diese einen Pfeil, jene das Bild eines Adlers oder das eines Löwen, und überall, an jeder Wechselmarke, befand sich ein weißgekleideter Junge unter der bunten Schar, mit dem blauen »avidstern auf der Brust. Au! dem ״Sparta“־Platz, zweihundert Meter vom Ziel entfernt, stand Heinz Adler inmitten der anderen Läufer. Er durfte seinen Platz nicht verlassen, sonst wäre er gern einmal zu seinem Vater hingelaufen, der am Ziel saß und von Zeit zu Zeit ihm zuwinkte. So blieb er in dem Rudel stehen und bemühte sich krampfhaft, an etwas ganz anderes zu denken als an den Lauf — damit das dumme Herzklopfen wegging und die furchtbare Erregung, die ihn ergriffen hatte. Da — entdeckte er plötzlich etwas Merkwürdiges. Hatte er richtig gesehen? Da stand doch unter den anderen Läufern ein Junge in einem weißen Dreß, mit — na, wie nannte man dies Zeichen doch — einerlei, Heinz wußte, daß das ein jüdisches Zeichen war, das der Junge da vorne trug. Heinz bahnte sich einen Weg zu dem Jungen, der wohl ebenso alt wie er sein mochte, und er kam aus dem Staunen nicht heraus. — Der schämte sich gar nicht, mit dem Zeichen herumzulaufern?! Sowas! Da beobachtete Heinz, daß auch viele der anderen Läufer den jüdischen Jungen neugierig muster- \ ten, — und er, ’'׳ Heinz, begann, sich plötzlich für ihn zu schämen. — J | V j ״Wenn er weit ab I j \\ als Letzter durch W % das Ziel gelaufen Wr ' kommt — was wird das für ein Hohngelächter geben! — Wirklich, Heinz schämte sich im voraus. Daß die Juden im Sport nichts leisten konnten, na, das wußte ja jedes Kind. Aber daß sie es öffentlich zeigen mußten, — das ärgerte Heinz. Er hätte gewiß noch länger darüber nachgedacht und sich noch länger geärgert und geschämt, aber — er hatte keine Zeit mehr dazu. Ein ohrenbetäubendes Geschrei be־ gann im Stadion — die ersten Läufer waren auf dem Platz eingetroften. Erregt schaute Heinz zum Eingang hinüber — der Erste hatte ein grünes S auf der Brust. ״Sparta“ führte! Mit klopfendem Herzen nahm Heinz seinen Platz auf der Kampfbahn ein. Noch einmal blickte er kurz zurück — der Blick genügte, um zu sehen, daß dem ״Sparta“-Jungen ein Zweiter dicht auf den Fersen war. Da waren die Läufer auch schon heran, Heinz raste los. bekam den Stab zu fassen, und — los wie der Wind! Das heißt, so schnell er konnte. Er hörte die Schritte des Zweiten immer näher kommen, umblicken durfte er sich', nicht. Und bald sah er auch schon einen weißen Schimmer neben sich. Schlachtrufe brausten über das Feld, ״Hei—enz! Hei—enz!“ riefen; die Leute vom S. V. ״Sparta“. Und einige Stimmen schrien dazwischen; 1״A—ri—eh! A—ri—eh!“ Heinz' sah und hörte Der schämte sich nicht... / ff nichts. Er lief nur, so schnell ihn die Beine trugen. Der weiße Schimmer neben ihm arbeitete sich immer weiter vor, — nun waren die beiden Läufer auf gleicher Höhe. Das Geschrei wurde immer lauter. Heinz nahm alle Kräfte zusammen und rannte. Da war auch schon das Zielband gespannt. Noch zwanzig Meter, noch fünfzehn, der weiße Läufer wich nicht von seiner Seite. Herr Adler sprang auf seinen Platz und schrie erregt mit: ״Hei—enz! Hei—enz!“ Und Heinz schaffte es auch. Im letzten Augenblick nahm er sich noch einmal gewaltig zusammen, und mit einem Sprung zerriß er das Zielband, wenige Zentimeter vor dem Zweiten Jubelnd kamen Heinzens Klubkameraden auf ihn zu, um ihm die Hand zu drücken. Als er sich verpustet hatte, fiel es Heinz ein, daß er doch dem Besiegten die Hand reichen müsse, und während nun in rascher Folge die nächsten », , ,. , . , .... Läufer am Ziel eintrafen, unter ״un waren die beiden Läufer andauerndem Geschrei der Zuauf gleicher Höhe. schauer, suchte Heinz in dem Gewühl nach dem Jungen in Weiß, der ihm so zu schaffen gemacht hajte. Er fand ihn bald. Umringt von einer Schar schwarzhaariger Jungen stand er da, schwer atmend, mit rotem, erhitztem Gesicht, und lachte. Heinz ging auf ihn zu und erkannte — den jüdischen Jungen mit dem komischen Zeichen aut dem Hemd. Heinz wollte auf ihn zulaufen, ihm die Hand reichen und etwas Freundliches sagen, wie er es sich vorgenommen hatte; aber nun konnte er es nicht. Er schämte sich plötzlich vor dem jüdischen Jungen und den jungen Juden, die freudestrahlend um ihn herumstanden, denn es fiel ihm ein, daß auch er ein Jude war. Und er hatte gegen sie gekämpft! ״Die Juden sind alle Schwächlinge“, hatte der Vater immer gesagt, und er, Heinz, hatte es nie bezweifelt. Denn, was so viele Menschen sagten, das stimmte wohl ... hatte er gedacht. Er hatte sich nie die Mühe gemacht, selbst hinzugehen und nachzusehen, was das für Jungen waren, die er manchmal in die Jüdische Schule gehen sah ... Er hatte abseits gestanden und gespottet, statt mitten unter ihnen zu sein. Heinz ging in den Umkleideraum und zog sich um. Alle Menschen Beglückwünschten ihn, und es gab auch welche, die Heinz auf die Schultern heben wollten, wie er es sich ausgemalt hatte. Aber nun machte Heinz nicht einmal der Gedanke daran Freude. Er nahm sein Kofferchen und zog ab. Draußen stand Herr Adler und breitete strahlend seine Arme aus. ״Das hast du ja prachtvoll gemacht, mein Junge“, sagte er und schloß Heinz gerührt in die Arme. Herr Adler hatte gar nicht gesehen, wer Zweiter geworden war. Kein Wunder. Er hatte immer nur auf Heinz geblickt und an ihn gedacht, als die beiden nebeneinander über die Bahn rannten. Nachdenklich ging Heinz an seines Vaters Seite über die Straße. Herr Adler blickte stolz nach allen Seiten, ״Das hast da ja prachtvoll gemacht