Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 102 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 102 / Jahrgang1 40 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU SdhrlftIeit1ms:»Verl«g «u Anteljenvarwaltonji BerU*»W15(M«lnek»«tj10 .׳ Fernruf: Sammel-Nr fl Bismarck 3181/82, 7165/70, 7240/42• - Beiugsprels einscht Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 brw. RM 539. — Postscheck ־ Konten der Vertriebs •Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin', Berlin 17392 (für das übrige Reich), In Fället» höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebähren• — Erscheint Jeden D laiiiftag and Freitag* BERLIN כ״ד כסלו תרצ״ו FREITAG, 20. DEZEMBER 1935 GttlHgt Anzeigenpreisliste Nr. 4. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf, fS» Famtliennachrichten 15 Rpf. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten lagen oder Steilem und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden, Gelegenheit», ameigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck * Konto Berlin 71618 oder ba» Montag bit Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 —16 Uhr. Annahmeschiuß für dt« Dienstag •Ausgabe Montag!0 Uhr, für die Freitag Aua* gab« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt IQr das indische Volk die Schaffung einer &ffentllch ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Das Fest des Dennoch Eine Chanukkah-Betradiiung Jüdische Feste dienen nicht nur der Unterhaltung und Erhebung; das jüdische Volk ist das Volk der Oeschichte, alle unsere Feste haben ihre geschichtliche Bedeutung und bei allen sich bietenden Gelegenheiten werden dem Volk gewisse elementare Ereignisse aus seiner eigenen Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen. Dies ist kein Zufall. Ein Volk wie das jüdische, das ein ungesichertes Leben führt, das immer wieder hart vom Schicksal angepackt wird, bedarf dieser Erinnerung an ferne Zeiten und Wunder, und sie hat einen mehr als bloß antiquarischen oder literarischen Inhalt. Ausgesprachen oder unausgesprochen — wir beziehen das einstmals Gewesene auf uns selbst, die Schranken zwischen Vergangenheit und Gegenwart fallen; jeder Jude ist der Zeitgenosse jedes Juden durch die Jahrtausende hindurch, (ln diesem Bewußtsein wurden ganze Generationen von Juden erzogen, bis an die Schwelle unserer emanzipierten ״Neuzeit“, wo dieser Zusammenhang zerbrach.) Nichts ist so eigentümlich, so im wahrsten Sinne volks-bildend wie die Erkenntnis der Tatsache, daß bestimmte Grundsituationen im jüdischen Leben immer wiederkehren. Aeußere Umstände mögen sich ändern; das Entweder-Oder, das vor uns selbst, vor unsere Seele gestellt ist, bleibt das gleiche. So sind auch unsere Feste dazu angetan, ans immer von neuem das eigentliche jüdische Lebensgefühl zu geben, mit dem wir der Welt in allen ihren Wandlungen und unserem eigenen Geschick gegenüberstehen. Das Chanukkah-Fest hat eine ungeahnte Popularität gewonnen, seitdem die großen Massen der Juden wieder eine geistige Heimat im Judentum zu finden oder wenigstens zu suchen sich bemühen. Wenn manche darin einen letzten Rest der Assimilation — eine Parallele zu dem gleichzeitigen christlichen Weihnachtsfest — erblicken, so wird dies der Bedeutung des Vorganges keineswegs gerecht. Auch im Bewußtsein der assimilierten Juden hat das jüdische Fest seinen Eigenwert und seine Selbständigkeit errungen. Ist es doch ein Fest der Kinder, und diese, zum großen Teil bereits jüdische Schulen besuchend, werden die Lehrmeister ihrer Eltern. Ein Fest von Schule und Haus, das die ganze Gemeinde ergreift! Die historische Grundlage des Festes ist der Sieg der Makkabäer und die Wiedererrichtung eines jüdischen Reiches unter ihrer Führung. Aber das wäre zu wenig; nicht auf das einmalige historische Ereignis kommt es an, sondern auf die Situation: ein kleines Häuflein wollte verzagen, viele ließen den Mut sinken, Abfall und Verrat griff in den eigenen Reihen um sich, kein Ausweg schien sich zu zeigen. Und dennoch, — dennoch erhob sich eine kleine Gruppe und entfaltete das Panier des Glaubens, und unter diesem Banner blieb sie siegreich. Denn, so schrieb Achad Haam 1889 in seiner Progratimischrift ״Der Weg des Lebens“, stärker als alle anderen Unterschiede in einem Volk, stärker als Programme und Parteimeinungen, ist dieser eine grundlegende Unterschied: die einen glauben und die anderen glauben nicht. Als in mythischen Zeiten Israel gegen das sagenhafte Volk Amalek, den Ur-Feind, kämpfte, da erhob Moses die Arme und sie wurden ״emunah“ fester Glaube, und in diesem Zeichen neigte sich der Sieg zu Israel. Die Einzelheiten der Makkabäerkämpfe, ja der äußere Glanz der Makkabäer-Herrschaft und die spätere Entartung mit all ihren Scheußlichkeiten — das würde fürwahr keinen Anlaß zu großen Feiern bieten. Aber dieses Eine: die Aufrichtung des großen Dennoch gegenüber aller Verzagtheit — das ist das Wesen und der Sinn dieses Festes und des ihm zugrunde liegenden historischen Beispiels. ״Der Wunder getan hat an unseren Vätern“ — es ist kein äußeres Wunder, von dem hier die Rede ist, sondern das immer neue, stets sich erneuernde Wunder im Innern des Menschenherzens: das Ja-Sagen, das Aufsichnehmen, das vor einer geschichtlichen Aufgabe Bestehen und Sich-nicht• Verdrücken, das Wunder des Mutes, der Lebensbejahung, der Treue zu sich selbst trotz allen widrigen Umständen, — an dieses Wunder haben unsere Väter vor nun genau 2100 Jahren geglaubt, im Zeichen dieses Wunders stand die jüdische Geschichte vieler dunkler Jahrhunderte, und heute . .. ja, heute sind wir seiner gegenwärtig ־wie nur je, dieses Wunders, das sich an uns, aber nicht ohne unser Zutun, vollziehen muß. * Das Symbol des Wunders und des Festes ist das Licht. So mancher Jude ist heute von Sorgen gebeugt, viele wissen nicht, wie ihre nächste Zukunft sein wird, gar mancher, der ehrlich sich bemüht, hat Fehlschläge zu verzeichnen. Es ist nicht leicht für die Menschen, in solcher Stimmung ihre Not und ihren Zweifel abzuschütteln und Feste zu feiern. Aber unser Fest verlangt ja auch keine unzeitgemäße Fröhlichkeit. Es verlangt Besinnung, Blick zurück und vorwärts, ein Erfühlen der Zusammenhänge. in jedem kleinen, in jedem armen, in jedem schwergeprüften Haus soll an diesem Abend das Licht aufflackern, und jeden nächsten Abend ein Licht mehr, immer mehr Licht, welch besseres Symbol der Hoffnung und des Glaubens kann man sich denken! Und selbst in den fernabliegenden, isolierten jüdischen Häusern, dort, wo einzelne jüdische Familien inmitten einer Umwelt, die sich von ihnen abgeschieden hat und zu der es kaum mehr Brücken gibt, leben, ist dieses Licht ein Zeichen der Verbundenheit, der doppelten Verbundenheit: mit den jüdischen Brüdern an allen Orten, die zu gleicher Zeit das Licht entzünden und die gleichen Worte des Segens dazu sprechen, und mit der Kette der Generationen vor uns bis zu jener Schar der Makkabäer, die mit der Treue zu ihrem Volkstum den Glauben verbanden, der der Bürge der Zukunft ist. Al! diesen vereinzelten Brüdern, in deren Haus unsere Zeitung dringt, entbieten wir den Festgruß, der ihnen das Bewußtsein geben möge, daß auch sie nicht einsam sind. Als der entfremdete Theodor Herzl zum Judentum zurückfand, wurde ihm die Menorah mit ihrem von Tag zu Tag zunehmenden Lichterglanz ein ״Zeichen für die Entflammung der Nation“. Erst flammt ein Licht auf, dann werden es mehr, bis schließlich alle Arme des alten Stammes das Licht tragen; und — so sagte er — ״kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am Lieht“. Es gab genug, was ihn zur Verzweiflung hätte treiben können. Aber über alle Einwände hinweg sprach er sein großes Dennoch. Nur so können Taten entstehen und Völker ihr Schicksal meistern. * Der Lichterglanz und die Festesfreude blenden uns nicht und verführen uns nicht zur Ucberschwenglichkeit. Wir haften in der Realität und wir sehen nüchtern die Realitäten unseres Daseins. Wenn sich heute das jüdische Volksempfinden wieder regt und der Wille vieler, die Verantwortung für das Volk auf sich zu nehmen, uns ein Trost ist, so verkennen wir nicht, daß wir diese Wendung mit einem teuern Preis bezahlen. Aber alle Not, die wir durchmachen, wird zum järnmerliehen persönlichen Elend, wenn wir sie nur als zufälliges Unglück betrachten. Ganz, anders, wenn wir sie als Begleiterscheinung eines U m w a n d 1 u n g s p r o 1 es s e s sehen, der nie ohne Leiden sein kann. Es gibt keine Geburt ohne Schmerzen und auch keine Wiedergeburt ohne Schmerzen, am allerwenigsten die Wiedergeburt eines Volkes. Im Gegenteil, wenn wir versagen, dann häufig deshalb, weil viele von uns sieh die Sache zu leicht vorgestellt haben, etwa in der Form eines Ortswechsels oder sonstiger äußerlicher Veränderungen. Um eine eigene Gestalt wiederzufinden, bedarf es schöpferischer Kräfte, und ihr Wirken ist verbunden mit den ״Wehen der Schöpfung“, von denen in unserer Zeit am innigsten und ergreifendsten der hebräische Lebensphilosoph A. D. Gordon gesprochen hat. Darum ist auch die Erinnerung an den tieferen Sinn der jüdischen Geschichte, die Beschäftigung mit jüdischem Wissen und Lernen kein Luxus, der gegenüber den materiellen Erfordernissen zurücktreten muß, sondern eine Lebensnotwendigkeit ersten Ranges. Nur auf diesem Wege kann das vage Gefühl des Volkstums eine tragfähige Basis unseres Gemeinschaftslebens werden. Und erst in diesem Rahmen ordnet sich all das ein, was an Einzelschicksalen, an Wechselfällen des Auf und Nieder das jüdische Leben erfüllt. Das jüdische Leben ist in Bewegung geraten. Nicht Stille-sitzen, sondern Rastlosigkeit und Wänderung ist unser Los. Es ist ein schweres Los, aber zugleich auch voll von Möglichkeiten. Der Wandernde kann auch Neues finden, er muß immer bereit sein, er ist bewahrt vor Selbstzufriedenheit und Abstumpfen. Für ihn ist wie für keinen sonst der Glaube wesentlieh. Mag er von Enttäuschung zu Enttäuschung ziehen, an jeder Wegkreuzung kann das Neue ihn erwarten. Auf dem Wege unserer Wanderung kann der Glaubende vielleicht obdachlos sein, nicht aber wurzellos. Und wenn unsere Wurzeln sich gelockert haben, heißt es fester Wurzel schlagen. Das jüdische Volk wird heute geeinigt durch den Gedanken an Zion und die Arbeit fürZion, Dieses Wort hat seinen alten Glanz wieder erhalten. Wir trage« es bei uns, wo immer wir sind. Und die jüdischen Menschen, die ein jüdisches Nationalheim in Palästina aufbauen, arbeiten nicht nur für sich und ihre eigene Existenz, sondern sie bereiten den Erdboden, auf dem die Säulen stehen werden, die das geistige Gebäude zu tragen haben, das sich wie ein Dach schirmend über ganz Israel spannt. * Das Alltagsleben ist prosaisch. Keine Oeschichts- Philosophie hilft uns zur Ueberwindung praktischer Schwierigkeiten oder schafft den Arbeitslosen in Palästina Arbeit. Hier gilt es, selbst anpacken, das Richtige tun, praktische und organisatorische Maßnahmen treffen, die die Nachteile und Opfer nach Menschenmöglichkeit verringern. Darum bedarf es der Organisation und eines vvohldurchdachten Arbeitsprogramms. Jeder kann an seiner Stelle mitwirken, und darum muß er sich der Gesamtheit einreihen. Die Zionistische Organisation ist berufen, diese Volksarbeit zu leisten. Aber jeder Neuhinzutretende soll nicht erwarten, etwas Fertiges vorzufinden, sondern alles ist unfertig, alles wartetauf zugreifende Hände, denn wir sind ja erst am Anfang. Die großen intellektuellen und moralischen Kräfte, über die die jüdische Gemeinschaft verfügt, müssen an diesen praktischen Aufgaben mitwirken, die sich für uns vor allem an zwei Stellen ergeben, in Deutschland und in Palästina. Da das Chanukkah-Fest mit dem Ende des bürgerlichen Jahres zusammenfällt, wird so mancher eine Bilanz der jüdischen Lage ziehen, wir werden inne werden, was wir in diesem Jahre verloren und was wir gewonnen haben. Es brauchen hier keine Einzelholten aufgezählt zu werden, denn jeder w׳eiß, wie sich die soziale Struktur der Judcnheit in Deutschland in diesem Jahre verändert hat. Die ״Jüdische Rundschau“ hat zum vorjährigen Chanukkah-Fest in einem Appell an die Juden Deutschlands unter der Losung des Pro* phetenwortes ״Bahnet, bahnet den Weg...“ ein Programm für die jüdische Arbeit in Deutsch- Iand in vier Hauptpunkten zu formulieren gesucht. Dieses unser Programm der ״Vier Punkte“ hat uns durch das ganze vergangene Jahr begleitet und wurde mehrmals wiederholt; es ist heute so richtig wie damals, nur daß sich innerhalb dieser Programm- Punkte: Einstehen für die jüdische Ehre, Wahrung der wirtschaftlichen Existenz, Organisierung und Vorbcrcitung der Auswanderung, Schaffung einer jüdischen Gefühls- und Bildungs-Sphäre, — das Gewicht etwas verschoben hat. Im Vordergrund steht so scharf wie niemals die Auswanderung. Wir wissen, daß auch Auswanderung nicht bewerkstelligt werden kann, wenn nicht auch die drei anderen Postulate zu ihrem Recht kommen; aber niemals zuvor waren alle Kreise der Judcnheit in Deutschland so überzeugt wie an diesem Jahresschluß, daß die Energien unserer Gemeinschafts-