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Jüdische Rundschau · 1935-12-17 · Heft 101 (17.12.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 101 (17.12.1935)
Date
1935-12-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hr. 101z Jahrgang Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU fAdlÜ«thu1g,VerL1; a. Anteiffeavenrtltaa; t Berlin W1S, M>hnktii1,K Fararui S«mm«l־Nr* Jl Bitmsrck 3181/82,7 J65/70,7240/42. — Bertigsrprai» «intdhL BaateUfield ja Monat RM 2*-, ja Vierteljahr KM 5,75, bei Abholung RM 1,8S bzm. RM 5*39. — Poetscbedk - Konten der Vertrieb» - Abteilung Berlin 71573 <Hir Grdi- BerlinX Berlin 17392 (für das übrige Reich), la Fällen höherer Gewak besieht kein Anspruch •ul Nachlieferung oder Erstattung «v« schon gezahlter Besacsgebühre». — Erscheint jeden Dienstag and Freite?• BERLIN כ׳יא כסלו תרצ״ו DIENSTAG, 17. DEZEMBER 1935 Gültig! Aaxeigenprelsliste Nr« 4• Die 12 gespaltene mm-Zeile 20Kpf, täa FamiliennachrichMee 15 RpL Aufnahme von Anzeigen «a bestimmten Tagen oder Stellen «and in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit•» anxeigen nur bei Vorauszahlung am! Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9—■16״ Uhr. Annahmeechluft für die Dienstag. Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag . An•-» gebe Mittwoch £3 Uhr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uh») Der Zionismus erstrebt für das jOdlsche Volk die Schäftung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Polnische Regierungs-Erklärung Außenminister Beck über das Palästina-Werk Dem Direktor des Keren Hajessod, Leib Jaffe, der sich gegenwärtig in Polen befindet, ist folgendes Schreiben des polnischen Außenministers, Oberst Beck, zugegangen: ״Herr Direktor! im Verlauf unseres Gespräches •vom 2. Dezember d. J. haben Sie meine Aufmerksamkeit auf das Jubiläum des 15jährigen Bestehens des Keren Hajessod gelenkt. Mit aufrichtigem Vergnügen nehme ich die Gelegenheit wahr, meine besten Glückwünsche dem Keren Hajessod auszusprechen, der unter Ihrer Leitung zur Entwicklung des Jüdischen Nationalheims in so hohem Maße fceigetragen hat. Polen, das selbst so lange um die nationale Eigenexistenz gekämpft hat, ist am besten in der Lage, der Idee jfldischer nationaler Erneuerung Sympathie entgegenzubringen. Die polnische Regierung hat es im übrigen nicht verabsäumt, bei verschiedenen Gelegenheiten durch den Mund ihrer Delegierten beim Völkerb u n d die Bemühungen der Zionistischen Organisation auf diesem Gebiet zu unterstützen. Andererseits kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das große Werk des Paiästina-Auibaus neue Perspektiven kultureller und wirtschaftlicher Entwick- Delegation beim Tschechischen Ministerpräsidenten Von unserem Berichterstatter h. 1. Prag, 15. Dezember In der vergangenen von politischer Hochspannung erfüllten Woche — Vorverhandlungen und Vorbereitungen der Präsidentenwahlen, die durch den Rücktritt-Wasaryks •in ihr aktuellstes Stadium gerieten — gab es zwei Ereignisse, die für die zionistische landespolitischc Betätigung von großer Bedeutung sind. Am 12. 12. empfing der Ministerpräsident Dr. Milan Hodia eine Deputation, bestehend aus den beiden zionistischen Abgeordneten des Prager Parlamentes, Dr. Angelo G 0 1 d s t e i n und Dr. Chaim Kugel, sowie den Vorsitzenden der jüdischen Partei, Ing. Ernst Fischer. Die Unterredung zwischen dem Ministerpräsidenten und den Repräsentanten der jüdischen Minorität in der Tscheche» iowakei dauerte nahezu eine Stunde. Abg. Dr. Goldstein nahm als Sprecher der Deputation zu einigen wichtigen politischen Fragen Stellung, präzisierte die Stellung der Juden und richtete auch an den Ministerpräsidenten einige Forderungen. Dr. Go Idstein führte 11. a. aus: ״Wir hoffen, daß unsere Forderungen bei Ihnen gerechte wiirdigung finden werden; wir bitten Sie speziell um Unterstützung Unserer kulturellen Bestrebungen. Wir haben in Karpathorußland ein privates hebräisches Schulwerk, Volks- und Mittelschulen aufgebaut und ersuchen Sie, dal! Sie dieses Sehulwerk durch ihren Einfluß in stärkerem Malle fördern mögen, als dies bisher geschehen ist. Unsere sozialen Bestrebungen sind dahin gerichtet, einem bedeutenden Teile der jüdischen Bcvölkerung die Berufsu 111 Schichtung zu ermöglichen und sie zu produktiver manueller Arbeit zu führen. Wir ersuchen, daß uns die Staatsverwaltung in dieser Richtung ihre Unter- Stützung angedeihen lasse und daß insbesondere unsere Jugend in gleichem Maße wie die Jugend der anderen Nationen der Republik in die öffentliche soziale Fürsorge mit einbezogen wird.“ Dr. Hodia antwortete auf die Darlegungen Dr.Goldsteins in einer längeren Rede. Er lehnt den Antisemitismus ab 11 nd Durch den Rücktritt des Präsidenten Masaryk versehwindet von der politischen Bildfläche eine Persönlichkeit, die nicht nur von ihrem eigenen Volk verehrt wurde, sondern auch bei anderen Völkern, unabhängig davon, wie sie sein politisches Werk beurteilen, respektiert wurde. Das Eigentümliche an der Figur von Masaryk liegt darin, daß er bis in ein relativ hohes Alter ein Einzelgänger in seinem Volke war, und erst als fast Siebzigjähriger allgemein anerkannt wurde. Vor dem Wdtkrieg war Masaryk bekannt als Fanatiker der Wahrheit, ein großer Ethiker und Philosoph, der vor der Kritik seines eigenen Volkes und vor der Zerstörung falscher nationaler Heiligtümer nicht zurückschreckte und schon darum nicht populär werden konnte. Erst der politische Erfolg während des Weltkrieges, wo er die öffentliche Meinung der Entente-Staaten für den «jedanken eines tschechischen Staates gewann, hat ihm die beispiellose Position verschafft, die er als ״Befreier“ in den letzten 17 Jahren errang. Es wird Sache einer späteren biographischen Geschichtsschreibung sein, den Zusammenhang nvischeu dem größeren ersten und dem kleineren zweiten Teil dieses Lebens aufzuweisen. Uns J tiden interessiert aus Masaryks Leben vor allem die eine große Episode des Hilsner-Prozesses, während dessen Masaryk mit seiner ganzen Autorität — er hatte freilich noch keine große — gegen die Ritualmordlüge auftrat. Die Art und Weise, wie dieser Professor damals von seinem eigenen Volk, das von einer Psychose ergriffen war, behandelt wurde — er wurde verfehmt, seine eigenen Studenten pfiffen llui aus usw. — bildet ein eigentümliches I u n p für die zahlreiche jüdische Bevölkerung eröffnet, die seit Generationen auf polnischem Boden ansässig Ist und hier die Rechte genießt, die in der auf dem Grundsatz der traditionellen polnischen Toleranz aulgebauten Verfassung verankert sind. Ich bitte Sie, Herr Direktor, den Ausdruck meiner Hochachtung entgegenzunehmen. J. B e c k.“ ♦ Diesem Schreiben des polnischen Außenministers kommt eine besondere Bedeutung zu, die schon dadurch go kennzeichnet wird, daß der Außenminister sich nicht mit einer rein persönlichen Meinungsäußerung begnügt, sondern die Haltung der polnischen Regierung unterstreicht, so daß der Brief einen offiziellen Charakter annimmt. Die Tatsache, daß darin die Direktiven für die polnischen Delegierten beim Völkerb und, die jüdische Palästinasache zu unterstützen, und gleichzeitig die verfassungsmäßige G 1 e i c h b c r ech t i g u n g der Juden in Polen hervorgehoben wird, macht dieses Dokument zur Verlautbarung eines Prograin ms der polnischen Regierung gegenüber den verschiedenen Aspekten der Judenfrage. steht auf dem Standpunkte der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze. Er vertraut auf die Loyalität der jüdischen Bevölkerung und begrüßt die Koalitionsmitarbeit, zu der sich die Jüdisch-nationale Partei gemeldet iiat. Dr. Hodia versprach, daß er danach trachten werde, die kulturellen und sozialen Forderungen der jüdischen Minderheit zu erfüllen, soweit dies bisher noch nicht geschehen sei. Er betonte, daß er die Bestrebungen der jüdisch-nationalen Renaissancebewegung und in ihrem Rahmen vor allem den Zionismus schätze, da er in ihnen die Rückkehr zum Boden und zur landwirtschaftlichen Arbeit erblicke, die einzig und allein Grundlage und Garantie der nationalen Existenz und des nationalen kulturellen Schaffens bilden. Die Friedensverträge und der Völkerbundpakt gaben die Garantie, daß in Palästina die jüdisch-nationale Heimstätte errichtet werden solle. Dadurch, daß die Tschechoslowakei diese internationalen Verträge mit unterzeichnet hat, stellte sic sich positiv zur Lösung dieser Frage. Was jene jüdischen Schichten, die auf dem Boden der Tradition ihres Kultes und der Einhaltung ihrer rituellen Vorschriften stellen, betrifft, so haben sie in dieser Hinsicht bisher absolute Freiheit genossen; auch für alle Zukunft ist für sie hierfür die Garantie in jenen Be- Stimmungen gegeben, die die Verfassung enthält Im Rahmen der großen politischen Aussprache anläßlich der Behandlung des Staatsvoranschlages im Abgeordnetenhause ergriff auch der zionistische Abgeordnete Dr. Chaim Kugel, Direktor des hebräischen Gymnasiums in Munkatsch, das Wort, um in ausführlicher Rede die Problematik des karpathorussischen Judentums aufzurollen. Dr. Kugel befaßte sich insbesondere gründlich mit den Fragen der herruvachsenden Generation, wies auf die Tätigkeit des He naluz, der zionistischen Instanzen und des Joint auf dem L.ebiete der Berufsumschichtung hin. Einen breiten Raum nahmen in seinen Ausführungen die jüdischen Schulfragen und die Forderung nach Umbildung der jüdischen Gemeinde ein. Zum Schlüsse seiner Rede, die vom Abgeordnetenhause mit großem Interesse aufgenommen wurde, erklärte Dr. Kugel, die Jüdische Partei werde für den Staatsvoransclilag stimmen. Kapitel auch zur Geschichte der Juden frage. Denn Masaryk ist ja nicht aus Judenfreundschaft gegen die Blutbcschuldigurig hervorgetreten, sondern aus Liebe zu seiner eigenen Nation, als nationaler Tscheche, der es nicht ertragen konnte, daß sein Volk sich ein Unrecht zuschulden körnmen läßt. Erst durch sein Auftreten im Hilsner-Prozefi ist Masarvk auch mit Juden in Berührung gekommen, er hat später viele Juden kennengelernt und auch die Judenfrage studiert. Shmarya Levin erzählt in seinen Erinnerungen sein Zusammentreffen mit Masaryk während des Krieges in den Vereinigten Staaten '־an Amerika; Masaryk, damals noch im Kampfe um den von ihm vertretenen nationalen Gedanken, zeigte viel Verständnis für die Judenfrage und die zionistische Bewegung. Nach dem Kriege war Masaryk der erste Souverän eines curopäischeii Staates, der Palästina besuchte und das jüdische Siedlungswerk besichtigte. Irr ist natürlich nicht unkritisch gegenüber der zionistischen Aufbauarbeit, aber er hat stets die wärmste Anteilnahme für die menschliche Pionierleistung und das große Kuiturwcrk bekundet. Masaryk ist auch durch den auf seinen Namen geschaffenen Masaryk- Wald in Palästina mit dem Lande verbunden. Wenn der erste Präsident der tschechoslowakischen Republik sich jetzt gewissermaßen in einen von seinen Landsleuten geliebten und verehrten Privatmann verwandelt, so wünschen gewiß die Juden Palästinas, aber auch die Juden in anderen Teilen der Welt dem alten Manne ein ruhiges und friedvolles Dasein auf der Höhe seiner Altersweisheit Delegiertentag und innerjüdische Probleme Die Einberufung des 20. Delegiertentages der Zio nistischen Vereinigung für Deutschland, der in der zwei' ten Januar hälfte stattfi 11 det, wird (ielcgenheit gehen, Rückschau zu halten über eine der schwersten und inhaltreichsten Perioden in der Entwicklung der Juden in Deutschland und in der zionistischen Arbeit. Dieser Dolegiertentag wird gegenüber früheren große Lücken auf' weisen, denn zahlreiche führende Zionisten haben inzwischen ihren Wohnsitz nach Palästina verlegt; die Lücken aber werden ausgefüllt durch die neuen Anhänger der Bewegung, die in den letzten Jahren in großen Scharen zürn Zionismus gelangt sind. Denn die Juden' heit in Deutschland hat sich nicht nur in ihrer äußeren Struktur verändert und nicht nur eine neue rechtliche und faktische Position zugewiesen erhalten, sie hat auch, zum ersten Male mit dein Judenproblem unmittelbar konfrontiert, neu zu denken begonnen. Was Wunder, daß immer mehr Juden die Richtigkeit der /ionisfischen Problemstellung erkannten! Das Verhältnis aller Juden zu Palästina hat sich gewandelt, weil dieses; Land Zehntausende von Juden aufnehmen konnte, so daß die Gegnerschaft von Antizionisten, die ihre Kinder oder nahen Angehörigen den Weg nach Paläsitna gehen sehen, ja zuweilen selbst Palästina als Möglichkeit i 11 res eigenen Lebensprogramms erwägen, jeden Sinn verlor. Aber der Zionismus war stets in ehr als bloße Palästina- Wanderung, und auch die Palästinavvandcrung hätte nie begonnen und nie die schweren Krisen und Depressionen Überstande״, wenn nicht auf dem Grunde dieser Bewegung ein anderes gewesen wäre, eine — vielleicht unbewußt von romantischen Ursprüngen genährte — Sehnsucht nach Befreiung des jüdischen Volkstums zu schöpferischem Leben, und eine bewußte Abwendung von den atomisierendeti, auflösenden Tendenzen des 19. Jahrhunderts zu einem auf Ge mein sinn, Ver' a n t w o r t u n g s g e f ii 111 und Verbünde 1111 e i t be' gründeten N a t i o n a I b c vv u ß < s e i n. I n der (■eschichte des Judentums der letzten fünfzig Jahre bedeutet — wie cs Achad Haarn schon 1889 ausgedrückt hat — der Zionismus den Sieg des Gemeinschaftsgedankens über den ״Satan des Eigennutzes“. Diese Wendung hat einen neuen Typus des J in den erzeugt: An Stelle des spöttischen, skeptischen augcnblicks-vcrliaftcten Juden von gestern den einsatzbereiten, selbstbewußten und zukunftsgläiibigen Nationaljuden. Wir glauben, daß dieser neue Typ des Juden besser geeignet war, ein unerwartetes Schicksal auf sich zu nehmen, als der gün/lich unvorbereitete, der nie gelernt hatte zu überlegen, was es eigentlich bedeutet (und wozu es verpflichtet), Jude zu sein. Die Umwelt kennt diesen ״neuen Juden‘ zu wenig, ihr Urteil haftet oft noch an einem jüdischen Typ, der heute nicht mehr repräsentativ ist. Der Zionismus spielt naturgemäß im Judentum Deutschlands heute eine ganz andere Rolle als früher. Denn durch den Gang der Ereignisse ist die deutsche Judenlieit zu einer jüdischen V ol k s g e 111 ei n d e geworden, der nun alle die Pflichten der inneren und äußeren Volksarbeit obliegen, für die der Zionismus aus Sorge für das jüdische Volkswohl seit Jahrzehnten eingetreten ist. Wahrscheinlich haben in weit höherem Umfang, als dies Einzelne zu/ugeben gewillt sind, die Juden ihr eigenes Volkstum wieder erlebt und begriffen. Man beginnt, wie von einer Selbst- Verständlichkeit auch unter Juden von ״jüdischem Volk“ zu sprechen, eine Bezeichnung, die doch sehr viele früher ablelinien. Die jüdische Auffassung vom Judcinum ist in gewissem Maß stets von den Anschauungen der Zeit und der iiichtjiidischen Umwelt abhängig. Das ist fast selbstverständlich bei der jüdischen Lage, denn seit Jahrtausenden ist jüdische Existenz nicht etwas für sich selbst Bestehendes, sondern immer zugleich auch in die Verhältnisse seiner Umwelt verstrickt — das nennen wir eben Diaspora oder Galuth. Auch eine ei ns eitige Assimilation kann es nicht geben, so daß jede Assimilationsbestrebung ihr Ende findet, wenn der andere Partner sie ablehnt. Die Diaspora-Haltung der jüdischen Gruppen richtet sich naturgemäß nach der Staatsverfassung und Staatsphilosophic ihrer Wohnlän* der, so daß Juden in anderen Ländern eine andere Auffassung ihrer Stellung im Staate haben können und müssen als etwa die Juden in Deutschland. Es soll also hier nicht die Rede davon sein, inwiefern die Jude» Masaryks Rücktritt s

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