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Jüdische Rundschau · 1935-12-13 · Heft 100 (13.12.1935) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 100 (13.12.1935)
Date
1935-12-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 100, 13. DEZEMBER 1933 PALÄSTINA-BLATT Das harte Landleben Zur Lagp der Einwanderer aus Deutschland auf dem Lande VerstärkteslnteressefürSledlung Voll unserem palästinensischen Korrespondenten gl-Tei-Awiw, November 1935 In der letzten Zeit ist ein verstärktes Interesse von Einwanderern aus Deutschland für die An- Siedlung auf dem Lande zu bemerken, in der Landwirtschaftliehen Abteilung der Hitacliduth Oie Germania mehren sich die Anfragen der Interessenten und an allen Orten, wo eine Möglichkeit bestellt, Wirtschaften zu bekommen, ist das Eiement aus Deutschland aktiv. Die Gründe für dieses stärkere Interesse liegen vermutlich einerseits in der Schwierigkeit, in der Stadt nt einer Existenz zu gelangen, andererseits in der Attraktion mancher schon bestellenden Siedlungen (interessanterweise übt Ramot Haschawim mit seinen kleinen Hühnerwirtschaften «ine besondere Anziehungskraft aus); und die langanhaltende Propaganda für die Uebersiedlung aufs Land bringt auch ihre Früchte. schwere Anforderungen, Dabei hat sich jetzt,, nachdem mehrere Jahre seit dem Beginn der stärksten Ein- Wanderung aus Deutschland vergangen sind, auch den wenig informierten Kreisen, die gerne allen möglichen 111 u s i o“ nen nachjagten, ganz klar gezeigt, daß die landwirtschaftliehe Ansiedlung außerordentlich schwer ist. Die verschiedenartigen Versuche, die bisher von Menschen aus Deutschland gemacht worden sind, ob es sich um Kirjath B i a I i k handelt oder um Oan H a s c 11 o in r 0 n (Kerkur), um die Betriebe in Binjaininah oder in Kfar Jedidjah, haben allen Interessenten vollkommen deutlich denionstriert, was an Kärperkräftcn wie an Kapital, an geistiger Entschlossenheit wie an Zähigkeit notwendig ist, um in dieser neuen Lebensform durchzuhalten. Die Anfänge in den meisten Siedlungen waren ja keineswegs leicht. Oan Haschomron z. B., die Mittelstandssicdlung bei Kerkur, litt gerade im ersten entscheidenden Jahr schwer unter der Malaria. Die Umstellung zeigte sich an allen Stellen als ein Experiment, das ältere Leute nur mit allergrößter Mühe durchhielten. Die Berechnungen für Investitionen erwiesen sich an vielen Stellen als zu niedrig, und die Siedler hatten neben allem anderen noch die schwersten Geld - und Kreditsorgen. Wenn trotz alledem das Interesse der neuen Einwanderer an landwirtschaftlicher Siedlung nicht absondern zunimmt, ist das ein Zeichen dafür, daß die Mehrzahl der ersten Siedler ihren Entschluß nicht bereut und ihre Existenz neue Anwärter für Kolonisation schafft. Wenig freie Steilen. Die Nachfrage nach Siedler- *teilen ist jedoch nicht leicht zu befriedigen:,'Eine Reffte der WüWeren Unternehmungen (Kirjath Bialik, Gan Schomron, Benjamina, Pardess Channah, auch Ramoth Haschawim und Meged) sind voll und haben vorläufig keine Aussichten auf Erweiterung. Höchstens wird sich hier und da einmal die Gelegenheit finden, den Betrieb eines früheren Siedlers zu übernehmen. Gewisse Aussichten bestehen noch in Privat- Unternehmungen wie Nahariah (bei Akko), aber auch sie sind nicht übermäßig zahlreich. Es werden jetzt eine Reihe von neuen Projekten bearbeitet, es besteht die Aussicht, daß die ״Rassco“ (Rural and Suburban Settlement Company, eine halböffentliche, von der ״Zentralstelle für die Ansiedlung deutscher Juden“ gestützte Gesellschaft für Alittclstandssiedlung) in näherer Zukunft bestimmte Objekte an bieten kann. Aber alle diese Dinge werden noch Zeit erfordern, wie es bei den sehr komplizierten Bodenvt t..:3 en und der s hwertälligen Arbeitstechnik im Lande kaum zu vermeiden ist. Technische Vorbedingungen. Unterdes haben die letzten zwei Jahre einiges über die wichtigsten Grundlagen der Ansiedlung von Juden aus Deutschland gelehrt. Es gibt bestimmte technische Vorbedingungen, die nicht überall erfüllt sind, wie die Bereitstellung ״eniigender Wasser mengen für Bewässerung oder entsprechender langfristiger und billiger Kredite für die Entwicklung der Wirtschaft. Für die Lösung der Bewässerungsfrage wird die W a s s e r g c s e 11- Schaft, die von der ״Zentralstelle“ gegründet wurde, verwendet werden können, die Frage der Kredite feilen die Siedlungen der Juden aus Deutschland mit der gesamten Landwirtschaft im Lande, wenn auch die Zentralstelle schon einige tausend Pfund hierfür bereitstellen konnte. Es wäre wichtig, einmal zu klären, (*״ :•״׳.-pU n;״ landwirtschaftliche Hypothekenbank, die jetzt von der Regierung gegründet wird, für diesen Zweck dienstbar gemacht werden kann. Außerdem haben wir in den zwei Jahren des Experiments gelernt, daß eine Mindest große der Siedlung für ihren Erfolg erforderlich ist. Bei zu kleinen Dörfchen, die fünfzehn bis zwanzig Familien umfassen, werden die Umlagen für allgemeine Zwecke und die Kosten für Instruktion zu groß und W'achsen sich zt einer drückenden Last für den Einzelsiedler aus. Auch spielt für die Stimmung und damit das Behagen in einer Siedlung die Zusammensetzung der Menschen und ihre Stellung zueinander eine wichtige Rolle. Ein Dörfchen, in dem Menschen arbeiten, die sich kaum kennen und sich schlecht miteinander vertragen, kann leicht mit Streitereien und endlosen Reibereien gesegnet sein. Beide Erfordernisse, eine Mindestgröße und eine möglichst ״homogene“ Zusammensetzung, ist jedoch bei dieser Art von Siedlung nur schwer zu erreichen. Man muß Boden nehmen, wo man ihn bekommt; große Flächen, die gut gelegen sind, finden sich nicht häufig, und bei den Siedlern muß man sich auch mit den gegebenen Anwärtern abfinden und eine Selektion ist nur in geringem Maße möglich. Vielleicht sollte man auch bei Mittelstandssiedlungen er*( eine bestimmte Zeit gemeinsamer Vorbereitung einschalten, aber es ist bisher kein Weg vorhanden, so etwas durchzuführen. Hilfswirtschatten für Arbeiter, Die Interessenten für »Hiifswirtsc haften“ sind noch zahlreicher a 1s die für tegelrechte Ansiedlung. Zu einer Hilfswirtschaft, einem klci- Ben Stück Land, auf dem man ein Häuschen bauen, etwas Gemüse ziehen, Hühner und vielleicht eine Kuh halten kann, ist nicht viel Kapital notwendig, und dabei ergibt sich für den Arbeiter in einer Kolonie eine Rückendeckung. Die Unterbringung von Einwanderern aus Deutschland als Lohnar beiter in den Kolonien hat die leitenden I nstanzen vor schwere Fragen gestellt, wie ja überhaupt die jüdische Lohnarbeit auf dem Lande durch den damit verbundenen niedrgen Lebensstandard eine der schwersten palästinensischen Fragen darstellt. Die Errichtung von kleinen liilfswirtschafteil liefert sowohl eine erträgliche Wohnung als auch einen Zuschuß aus den Produkten des Bodens und Stalles. Die ״Zentralstelle“ und die Hitacliduth Oie Germania haben daher der Gründung von derartigen Kleinwirtschaften ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Alle bisher greifbaren Projekte dieser Art (wie z. B. Maimoniah bei Petach-Tikw׳ah und die Siedlung bei Chederah) wurden auch sofort überzeichnet. Es bestellt die Notwendigkeit, die Aktivität auf diesem Gebiete zu vervielfachen und sowohl Boden als auch Anleihen zur Errichtung von Hilfswirtschaften weiter bereitzustellen. Die Not des Kolonie - Arbeiters. Der Einwanderer aus Deutschland in den Kolonien stellt ein besonders ־schwieriges Problem dar. Es ist in den letzten zwei Jahren eine besonders große Anzahl von Einwanderern aus Deutsch- 'land in die Kolonien gegangen, teils aus Erkenntnis der Notwendigkeit, diese Position zu halfen, teils aus einfacher Not und teils, weil Zertifikate unter der Bedingung ausgegebeti wurden, daß zumindest eine bestimmte Zeit landwirtschaftliehe Arbeit geleistet würde. Wo solche Verpflichtungen durch den Immigranten unterschrieben waren, geschah automatisch die Ucberleittmg in die Kolonien. Man hat oft die Erfahrung gemacht, daß dadurch Menschen auf einen Lebens- Standard und zu einer Arbeit gezwungen wurden, die über ihre Kräfte ging. Es ist ohnehin schon sehr schwer, mit einem Tagelohn von 20—25 Piaster durchzukommen; für Familien gestaltet sich die Lage noch komplizierter, und wenn dann Krankheiten und Zeiten von Arbeitsknappheit dazu kommen, so steht der Immigrant vielfach vor nackter Not. Besonders schwer gestaltete : sich das Problem der ״Bodedim“, der einzelnen Arbeiter, die sich keiner Gruppe anschlossen, sondern sich auf eigene Faust durchzuschlagen suchten. Freilich zählte zu diesen ,״Bodeditn“ nur der kleinere Teil der Einwanderung aus Deutschland, die in den Kolonien ein beträchtliches Element für die Kollektivgruppen, die Kibbuzim, stellte. Um dem einzelnen Arbeiter die Lage einigermaßen zu erleichtern, ihm; die Wege zum Arbeitsamt und zu den sonstigen Institutionell zu .weisen, sie miteinander in Berührung zu brif!g£n( ist ein■#System der sogenannten ,,Mctaplim“ entworfen läWn. ,per ,,Metapel“ (= ״Pfleger“) ist ein Mann, der si3t*״*jn^' die einzelnen Arbeiter der deutschen Immigration in den Kolonien kümmert, sowohl in Arbeitsfragen sie berät als auch* für ihre Organisation und die Aufklärung über Landesfragef und Tagesereignisse sorgen soll. Eingesetzt sind diese Metaplim von der Arbeitcrorganisation. Das Budget wird von der ״Zentralstelle“ zusammen mit den Arbeitsämtern am Orte gedeckt. Sie arbeiten heute in Rechowoth, Rischon Le-Zion, Ramat Gan, Petach-Tikwah, Raannah, Herzliali, Kfar Saba und Chederah. Sie beschältigen sich sowohl mit den Arbeitern in den Plantagen wie auch mit denen am Bau und in den Fabriken. Es besteht der Plan, diese Arbeit auch auf die Arbeiter in den Städten auszudehnen, weil auch hier besondere Beratung und Hilfe und ein engerer Zusammenschluß notwendig ist. Das Problem der Eltern. Es ist eine interessante Tat- Sache daß die Zahl der Einwanderer aus Deutschland in den Kolonien recht beträchtlich ist. Sie ist in der Proportion sicher nicht kleiner, wahrscheinlich jedoch größer als bei der Einwanderung aus anderen Ländern. Es spricht auch sehr für die Immigration aus Deutschland, daß ein hoher Prozentsatz der Menschen dort aushält, auch wenn die Bedingungen zum Teil sehr schwer sind. Bei dem Zug in die Stadt, der sich trotz alledem bemerkbar macht, spielt die Notwendigkeit, Verwandten zu helfen und daher mehr zu verdienen, eine entscheidende Rolle. Das gilt freilich nicht nur für die aus Deutschland kommenden, sondern für alle Kreise der Arbeiter. Die Notwendigkeit, Eltern herüberzubringen und sie hier zu erhalten oder ihnen eine Existenz zu beschaffen, macht sich in immer größeren Kreisen geltend. In den Kibbuzim ist die Frage der Elternanforderung zu einem besonderen Problem geworden. Die Wirt- Schaft kann auf die Dauer nicht ohne Grenzen Menschen aufnehmen, die keine Arbeitskräfte sind und nur das Ausgabenkonto belasten, und oft genug muß ein Mitglied, das sonst nicht daran gedacht hafte, fortzugelicn, den Kibbuz verlassen, weil keine Möglichkeit besteht, Elfern oder sonst abhängig.׳ Verwandte dort unterzubringen. Ebenso werden vielfach Arbeiter, die sich auf dem Lande eingelebt haben und gar nicht fort wollen, gezwungen, sich ihr Leben anders einzuricliten und, wenn möglich, höheren Lolin in der Stadt zu suchen, weil sie unbedingt für Verwandte, die noch im Auslrmd oder bereits im Laude sind, sorgen müssen. Diese Lage zeigt mit besonders krasser Deutlichkeit, daß Entwicklungen in Palästina selbst nicht durch die Bedürfnisse und die Situation des Landes allein bestimmt werden, sondern daß die Nöte der (i a 1 111 ״ sich bei fast jedem einzelnen bemerkbar machen und ihm eine ganz bestimmte Balm und Handlungsweise vorschreiben. Im Moment wird die Lage der Immigranten aus Deutschland in den Kolonien noch durch die Arbeitsknappheit verschärft. Erst langsam weicht jetzt die tote Saison der Orangenernte, wo es wieder reichlicher Arbeit gibt, und in bestimmten Teilen hat sich auch die Kriegspanik, die einen momentanen Stillstand des Wirtschaftslebens .mit sich brachte, in den Kolonien ausgewirkt, wenn auch in geringe rem Maße als in der Stadt. Auch im Hinblick auf diese Zeiten der Toten Saison kommt den H i 1 f s w i r t s c h a f t s - planen eine besondere Bedeutung zu. Auch aus diesem Lager der Koloniearbeiter kommen jetzt in verstärktem Maße die Interessenten für Ansiedlung. Nachdem die Akklimatisierung an die palästinensischen Verhältnisse und an die körperliche Arbeit vollzogen ist, entsteht der Wunsch nach Siedlung, ln dieser Tendenz ist ein positiver und fruchtbarer Wille lebendig. Auch die allgemeine Koionisation hat ihre Kandidaten immer aus den Kressen der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter gezogen und damit gute Erfahrungen gemacht. Die Immigration aus Deutschland betritt damit den Weg der allgemeinen palästinensischen Arbeiterschaft und folgt ihr zu ihrem Ziele, der Vergrößerung der landwirtschaftlichen Siedlung. Die chronischen Überschwemmungen in Tel-Awiw Von unserem palistinensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 5. Dezember 1935 Wasserstauungen in den niedrig gelegenen Vierteln, die natürlich die Armcnviertcl sind, die Unmöglichkeit, bei Güssen die Straßen zu überschreiten, daran hatte man sich in Tel-Awiw einigermaßen gewöhnt. Mit der Ausbreitung der Stadt aber kommt es öfter und öfter zu periodischen Ucbcrschwemmungen, die eine Gefahr für Leih und Leben bilden und gegen die endlich mit aller Energie cingeschritten werden muß. Vor ein paar Tagen hatten, wir in der Stadt einen ungewöhnlichen Regenguß — es gingen in zwei Stunden mehr als 60 Millimeter nieder — und die Folge war die Uebersclnvemimmg weiter Gebiete in der Stadt- Mit der Ausbreitung des Weichbildes hat man die ersten großen Straßen himlurcligdegt, die Nebenstraßen aber noch unge- 'pflastert gelassen. Das Wasser, das früher einfach im Sand verlief, staut sich jetzt zwischen Asphaltchaussecn und Betonhäusern, und die elenden Baracken, die dazwischen liegen, laufen voll, — bis zu ein und anderthalb Meter Höhe. .Und nicht nur in den Baracken wird alles unter Wasser gesetzt, sondern auch in den Kellerwohnungen, die in den großen Häusern vermietet werden und sich bei den Regengüssen in Seen verwandelten. Das Schlimmste bei diesem Unglück war noch, daß die armen Bewohner dieser Baracken und Keller tagelang ohne jede Hilfe blieben. Sie saßen mit allen ihren Habseligkeitcn, die triefend naß und unbrauchbar waren, ohne Hilfe und Obdach vor ihren unbewohnbar, gewordenen Häusern und von keiner Seite kam eine organisierte und der Not entsprechende Hilfe, Es ist eines der schwersten Armutszeugnisse für die Leitung der Stadt, daß sie nicht zur Zeit für eine entsprechende Drainage sorgen konnte. Es spricht aber noch mehr gegen sie, daß sie im Moment der Noi, wo es um die einfachste menschliche Hilfe ging, auch versagte. Es gibt nur eine Meinung über dies alles in Tel-Awiw: es muß von Grund aüf anders *werden! Hin uzg mn genommener Stadtteil Phot,.. Latsr Uüeuier tin durch die Wassermussen zerstörtes Haus am Strand Phot.: Dr. E. Magnus, Tel-Awiw ä

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