Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 100 (13.12.1935)
- Date
- 1935-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hr. 100 / Jahrgang 40 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU Mtlftl»lt«1kf,Vtriag ■« AnscIstDVtrwtltaBfi BcrUnWlS, Ibt11ik«1lr• 1• Foranrfs Satmuel-Nr. 11 Bismarck JJ8I/82, 7165/70, 72-40/42. - Bezugspreis einackL [WOaHgtUi $• Monat RM 2,-, f* Vierteljahr RM 5,75. hei Abholung RJM 1*88 bzw. rm %y>. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Gfoft - Berlin\ Berits 17392 flür das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt beetakil kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter B—iagahfihrea. — Crichelal jeden Dlemtag and FrtiUg. BERLIN י״ז כס לו תרצ״ו FREITAG, 13. DEZEMBER 1935 CttlRgt AnzaigenpreUUata Nr. 4. Die V2 gespaltene nun-Zette 20 Rpi, für Familiennachrichten 15 Rpi• Aufnahme von Anzeigen an beitimmtea Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheiteanzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck ■ Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9 “16 Uhr. Aanahmeechluft für die Dienstag •Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Anagäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Fsmttienanzeigen •«Tag vor Erscheine*» 12 Uhr) per Zionismus erstrebt fOr das jQdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) An der Biegung der Kurve Empfang für Weizmann Versammlung der Allgemeinen Zionisten Tel-Awiws Der erste formelle Empfang in Palästina für Dr, Weizmann nach seiner Wahl zum Präsidenten der Jewish Agency und Zi.> nistischen Organisation fand in Tel-Awivv am letzten Sonntag in Form einer großen öffentlichen Versammlung unter dem Vorsitz von Dr. 0 1 ü c k s o n statt. Dr. Weizmann wurde eine herzliche Ovation dargebracht, und eine ganze Reihe von Rednern, die alle möglichen Gruppen der Allgemeinen Zionisten vertraten, hielten Ansprachen. Als erster sprach der Bürgermeister Dizengoff, dann der Vertreter der nationalen Bauernvercitiigung, Sc hu c ho w i t z V y, ferner fiir die Zionisten aus Deutschland Felis Roscnbliith, und dann noch Vertreter mehrerer anderer Gruppen. In seiner Antwortrede hat Weizmann die Besonderheit der gegenwärtigen Situation in Palästina gekennzeichnet und mit starken, ermutigenden Worten zu einer Bewältigung der hevorstehenden Aufgaben aufgerufen. Die Exekutive betrachte es jetzt als ihre Hauptaufgabe, die ökonomischen Grundlagen des Jischuw zu stärken, insbesondere die produktiven Kräfte Die Neuregelung der Auswandererfiürsorge Arbeit der Genfer Expertenkommission Die vom Völkerbundsrat eingesetzte Expertenkommission für die Neuregelung der Auswandererfrage hat ihre Arbeiten abgeschlossen. Das Ergebnis wurde in einem 30 Seiten umfassenden Bericht niedergelegt, der nach der Tagung des Völkerbundsrates am 20. Januar veröffentlich! werden wird. In ihren Entschließungen sprach sich die Kommission dahin aus, daß zur Lösung der Auswandererfrage eine Zusammenarbeit aller direkt interessierten Staaten notwendig sei. Aber auch die Mitarbeit der nicht direkt interessierten Staaten an der Lösung des Problems durch Aufnahme einer bestimmten Zahl Ausgewanderter in ihr Staatsgebiet sei zu fordern. Bezüglich der Auswand erer ׳aas De utschland wird vorgeschlagen, daß ein international gültiges Rcchtsstatut fiir sie ausgearbeitet werde. In ihrem Bericht hat die Kommission einen Alteraativvorschlag an den Völkerbundsrat ausgearbeitet, demzufolge entweder für die Auswanderer aus Deutschland eine besondere autonome Abteilung dem N a n - sen-Amt angegliedert werden und der künftige Präsident des Nansen-Amtes gleichzeitig auch als Kommissar iür die Auswanderer aus Deutschland gelten soll oder ein völlig selbständiges Amt für die Fragen der Aus- Wanderer aus Deutschland mit einem eigenen Kommissar geschaffen werden soll. Für diesen Alternativvorsclilag haben vier Mitglieder der Kommission gestimmt, das fünfte jedoch, der Italiener Senator de Michaelis, lehnte ihn ab lind vertrat den Standpunkt, daß die Regelung der AuswanticrerfiirSbrge ohne Schaffung eines neuen ständigen Völkerbundsamtes den privaten philanthropischen Organisationen überlassen werde. Da die endgültige Entscheidung der erst im September 1936 zusammentretenden Völkerhundsversammlung wsteht, beantragte die Expertenkommission, für die Zeit vom Januar bis September ein provisorisches Amt mit einem eigenen Oberkommissar für Auswanderer aus Deutschland einzurichten. Dieser Oberkommissar soll die laufenden Angelegenheiten der Auswanderer aus Deutschland in der Zeit bis September 1936 unter technischer Mitliilfe des Völkerbundssekretariats erledigen. Schließlich wird in dem Bericht ein Uebcrbliek über die infolge der Lage der Juden in Deutschland noch in Z. u - kunit zu erwartende Emigration gegeben, wobei die Not- Wendigkeit einer endgültigen Regelung und Liquidierung des Transterproblems licrvorgehoben wird. Dabei weist die Kommission auf die Möglichkeit der Unterbringung von Auswanderern in Palästina und in einzelnen Teilen Süd- * m e r i k a s hin. Die Einwanderung von Juden aus Deutschland Interpellation im Unterhaus London, 10. Dezember. (J.T. A.) Im Unterhaus fragte Jir E. G r a h a m - L i 11 I e den Minister für die Kolonien, »• H. Thomas, ob sofortige Schritte unternommen werden würden, um die Quote der jüdischen Einwandc- Hing nach Palästina zu erhöhen, und diese Er- ״öhung den Juden, die Deutschland verlassen, zugute kommen iu lassen. Minister Thomas antwortete: Was Einwanderer betrifft, die als Arbeitnehmer nach Palästina kommen, so werden 500 חסי den vor kurzem der Jewish Agency for Palcstine als Vorschuß für die laufende Halbjahrs-Arbeiter-Schediilc über-!!ebenen KMXI Einwandmingszertifikatcn Juden aus Deutsch- ׳and zugeteilt werden. Wie ich erfahre, untersucht gegenwärtig die Palästina-Regierung die Möglichkeit weiterer Er leichter ungen f ii r die Zulassung d c u t s c h Jüdischer Einwanderer anderer Kategorien. Es wird jedoch darauf Wert gelegt werden, daß das Ausr״aß der Einwanderung nach Palästina zu jeder Zeit vom High Commissioner im Verhältnis zu der Aufnahmefähigkeit ües Landes bestimmt wird. auf dem Gebiete der Landwirtschaft und Industrie zu fördern. Line der wichtigsten Aufgaben sei die Schaffung einer g e e i n - te 11 Front in der ganzen zionistischen Bewegung, wofür die Koalition in Luzern, die die Einigkeit im Zionismus wieder hergestellt hat, eine gute Vorstufe ist. Als die zwei unmittelbar vor der Exekutive stehenden Notwendigkeiten be/eichnete W'eizmann erstens die Erhöhung des nationalen Kapitals und zweitens die Rettung möglichst vieler jüdischer Existenzen aus Deutschland, denen es ermöglicht werden soll, in Palästina neu zu beginnen. Ls müsse alies getan werden, um die Einwanderung von Juden aus Deutschland und die Ucbertragung ihres zur Gründung einer neuen Existenz unbedingt erforderlichen Vermögens (Transfer) zu fördern. Wcizmanns Rede wurde von der Versammlung mit stürmischein Beifall aufgenommen. Wieder Studentenexzesse in Bukarest Bukarest, 8. Dezember. (JTA.) Nachdem vor einiger Zeit der antisemitische Teil der Bukarester Advokatenkarnmer die Leitung der Kammer an sich gerissen hat, die Regierung aber diesem Zustand der Gesetzlosigkeit ein Ende machte, sollten am 7. Dezember die ordnungsmäßigen Wahlen in die Leitung der Advokatenkammer vor sich gehen. Der Führer der antisemitischer! Advokaten, Istrato M i - ces cu, aber mobilisierte mehrere tausend seiner Anhänger, in der Hauptsache Studenten, die das Gerichtsgebäudc, wo die Wahlen stattfanden, umstellten und den jüdischen Rechtsanwälten den Zutritt verwehrten. Diese Aktion artete noch im, Laufe des Vormittags zu ausgedehnten antisemitischen Exzessen aus, die den Nachmittag hindurch und am Abend andauerten. Automobile, Autobusse und Straßenbahnen wurden von den Demonstranten angehalten, jüdische Fahrgäste wurden hinausgeworfen und verprügelt, ein Auto wurde vollständig detnoliert. An jüdischen Läden und Wohnungen wurden die Fensterscheiben zertrümmert. Nationalistische Studenten zogen durch die Straßen und mißhandelten die jüdisch ausschenden Passanten, von denen zahlreiche mehr oder weniger erheblieh verletzt wurden. Die Rettungsstation mußte in zehn schwereren Fällen cingrcifen, doch ist die Zahl der Schwerverletzter! weit größer. Die Polizei griff im Verlauf des Tages wiederholt ein, doch immer wieder sammelten sich die Demonstranten zu neuen Angriffstrupps. Es wurden insgcsamt 50 Personen verhaftet. Die Liste Micescu siegte bei den Wahlen. B ombenanschläge Sn Polnisch-Oberschleslen Warschau, 9. Dezember. (JTA.) Am 9, Dezember wurden in K a 11 o w i t z und Umgebung mehrere B o m licnanschläge gegen jüdische Häuser verübt. Im Hof der Kattowitzcr Synagoge explodierten zwei Sprengkörper, wodurch das Tor der Synagoge schwer beschädigt wurde. In dem Städtchen Lipiny explodierte eine Bombe in dem Hause des jüdischen Kaufmanns Schell. Sämtliche Fenster wurden zertrümmert. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Eine zweite Bombe im Hause des jüdischen Kaufniaons Fleischer konnte rechtzeitig unschädlich gemacht werden, In dem Städtchen Hrohaczow wurde in den Laden des jüdischen Kaufmanns Laub eine Bombe geworfen. Der Inhaber des Ladens wurde verwundet. Ein weiterer Sprengkörper explodierte im Lagerraum des Kaufmanns Steinitz. In Myslowice (Polnisch-Oberschlesien) wurden die Fensterscheiben der jüdischen Häuser von unbekannten Tätern zertrümmert. Während des Jahrmarktes irn Städtchen Szmygel bei Posen wurden die jüdischen Händler überfallen und blutiggeschlagen. Die Warenstände der Juden wurden ausgeraubt, Polizei stellte die Ordnung wieder her. In Lodz ist der 46jährige Schneider Mordechai den in der vorigen Woche bei antisemitischen Exzessen erlittenen Verletzungen erlegen. Die Polnische Telegraphen-Ageritur teilt mit: Die Polizei verhaftete in Nowomiaste nach den letzten judenfeindliehen Kundgebungen viele Nationaldemokraten. Nunmehr wird mitgeteilt, daß bei der Unterdrückung der IJnrulicn acht Personen getötet wurden. Der Führer der Nationaldemokraten in Nowomiaste wurde in das Konzentrationslagcr in Bcrezna eingeliefert. In einer Polemik mit den Nationaldemokraten erklärt die als Sprachrohr der Regierung geltende ״Gazetla Polska“, der Karnpl gegen die ״Verjudung“ Her polnischen Hochschulen sei überflüssig; an keiner Universität überschreite der Prozentsatz der Juden den der jüdischen Bevölkerung im Lande, auch bekommen die Juden keineswegs mehr Sripendien als es diesem Prozentsatz entspricht. *־ Be. der Neuwahl der Leitung der Lemberg er Advokatenkämmet wurde der Pole Stankiewicz zum Vorsitzenden, der Jude Ruber zum stellvertretenden Vorsitzenden, der Ukrainer Wadoszyn zum Schriftführer und der Jude Geist zum Kasscnverwalter gewählt. Ferner wurde ein jüdischer Rechtsanwalt Vorsitzender des Disziplinargerichts. Zur Wirtschaftslage Palästinas gl. T e 1 - A w iw, 5. Dezember Die Pessimisten im Lande sehen in den gegenwärtigeri Wirtschaftsschwicrigkeiten bereits den Beginn der erwarteten großen Krise. Sie deuten auf die Arbeitslosen hin, die schon Wochen auf Einstellung warten, auf die Krcditschwierigkeiten, lassen die Köpfe hängen und machen sich und andere mutlos. Die berufsmäßigen Optimisten meinen, es sei schon wieder am Besserwerden und man solle solche Unheilschwangeren Worte wie ״Krise־“ überhaupt nicht aussprechen, das heiße einfach, den Teufel an die Wand malen. Die Zweifler, die noch nicht recht Bescheid wissen — und zu ihnen gehört ein großer Teil der ökonomischen ״Sachverständigen“ zählen weder zu den Optimisten noch zu den Pessimisten. Sie hören überall herum, sammeln Material, untersuchen die Sachläge und erklären: wir stehen heute an einer Biegung der Kurve. Wir wissen nicht und niemand kann wissen, wie sie sich wenden wird. Es scheint, daß in der Haltung der Zweifler sehr viel Richtiges liegt. Die Konjunkturkurve, die in den letzten Jahren in Palästina dauernd steil in die Höhe geschossen war, hat um die Mitte des Sommers eine gewisse Abflachung erfahren. Sie beruhte auf zwei Gründen: eine gewisse Zurückhaltung in den Investitionen und in der traditionellen Sommcrstille, die wir jedes Jahr erfahren. Die Zurückhaltung in den Investitionen hatte zu einem großen Teil ihren Grund in der Einengung der Möglichkeiten. Die große Pflanzungstätigkeit hatte im letzten Frühjahr fast aufgehört. Man fürchtete eine IJcberproduktion und ließ sich auch durch verschlechterte Märktverhältnisse abschrecken. Das Interesse wandte sich anderen Zweigen der Land- Wirtschaft zu, aber die Frage der Kapitalinvestitionen auf dem Gebiete der gemischten Wirtschaft war noch nicht' genügend geklärt und man war hier nicht auf so vorbereitetem Boden wie in den Plantagcnuntcrnehmungen. Hier waren neue Versuche und Kalkulationen notwendig und es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis wir uns über Formen und Rentabilität privater gemischter Wirtschaften genau im klaren sind. Es sind freilieh — ein wichtiges Anzeichen - von verschiedenen Ge- Seilschaften interessante Projekte für gemischte Wirtschäften ausgearbeitet worden und diese werden vermutlich den Weg für einen neuen Investitionszweig bahnen. Auch auf dem Gebiete der 1 ndustrie hatten sich nach den vielen Gründungen der letzten Jahre die Anlagemöglichkeiten verengert. Hier kam aber noch hinzu, daß die junge palästinensische Industrie auf die schwere Auslandskonkurrenz stieß und es nicht rasch genug und nicht in genügendem Umfange gelang, den palästinensiselten Zolltarif den neuen Bedingungen anzupassen. Die neu eingewanderten Kapitalisten, die die Schwierigkeiten der jungen Industrie sahen, wurden vorsichtiger. Wir haben aber jetzt alle Aussicht darauf, daß wir hei der Regierung eine Reihe von wichtigen Zugeständnissen in der Zollfrage erreichen und damit werden sich die industriellen Perspektiven um vieles verbessern. Unter normalen Umständen hätte man also nach der Abflachung der Konjunkturkurve in der Mitte des Sommers wieder ein Ansteigen fiir den Herbst erwarten können, der immer eine stärkere wirtschaftliche Tätigkeit mit sich bringt. Es kamen jedoch dann die hekannten, durch die Kriegspanik hervorgerufenen Ereignissc mit dem Run auf die Banken und der darauffolgenden Restringierung der Kredite. Damit hat sich die Kurve nach unten zu biegen begonnen und die Frage ist, oh sie diese Richtung weiter behalten oder sich wieder nach oben wenden wird. Die beiden H a u p t f a k 10 r e n, auf denen die palästincnsische Konjunktur beruhte, sind nach wie vor in voller Kraft aktiv. Die Einwanderung geht bisher imverämiert weiter und der Kapitalimport hat ebenfalls nicht im geringsten nachgelassen. Für den Monat Oktober ist ungefähr eine Million Pfund importiertes Kapital registriert, eine für palästinensische Verhältnisse gewaltige Summe, und auch die Immigration ist nicht geringer geworden. Dagegen besteht nach wie vor eine Zurückhaltung bei Neuinvestitionen. Das Kapital wartet ab, es legt sich vorläufig nicht in Anlagen fest. Außer• dem leidet die Wirtschaft weiter an einer Verengerung der Kredite. Zwar hat der Run nicht nur seit langem