Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 98 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 98, 6. DEZEMBER 1935 PA AS TI flf A-BI1ATT Zu den Wahlen in Tel -Awiw Neuer Weg Felix Rosenblüths Programm Von Kurt Blumenfeld Ein großer Teil der Einwanderer aus Deutschland lebt heute in Tel-Awiw. Die Einwohnerschaft von Tel-Awiw bildet ein Drittel des Jischuw. Dam kommt, daß die Stadt nur von Juden bewohnt wird, daß sie das erste, ganz von uns gebaute und nur von uns bestimmte Gemeinwesen ist, daß ihre Entwicklung schicksalsmäßig unsere Stellung im ganzen Lande bestimmt. In Tel-Awiw kann das jüdische Volk in größeren Verhältnissen als irgendwo sonst im Lande zeigen, daß es eine eigene Wirtschaft, ein neues geistiges Leben in einer von Biirgersinn erfüllten Gemeinschaft auf zubauen vermag. An den Vorgängen in Tel-Awiw ist der ganze Jischuw interessiert. Von den in der Stadt Tel-Awiw entwickelten Energien hängt viel für unsere Stellung im Lande ab. Tel-Awiw sollte ein von geschulten, weitsichtigen Menscher! geleiteter Organismus sein, eine geordnete, saubere, gepflegte, mit guten hygienischen und kulturellen Einrichtungen versorgte Großstadt, eine Stadt, die nach einem modernen Plan, der auch Freiplätze und Grünflächen vorsieht, sinnvoll auf Hunderttaiisende von Einwohnern anwachsen kann. Alles in dieser Stadt muß auf Dynamik Und Zuwachs abgestimmt sein, nichts auf Ausruhen und Schutz erworbener Hechte ״alter Geschlechter“. Aber merkwürdig, diese junge Stadt, deren Gründung wir zum großen Teil noch miterlebt haben, die vor unseren Augen aus kleinsten Anfängen gewachsen ist, diese Stadt wirkt heute als kommunaler Organismus starr und alt, und der Strom wogenden Lebens in den Straßen, die Tausende von jungen Menschen, die uns begegnen, sie können uns nicht über den unzulänglichen Zustand in der Verwaltung hinwegtäuschen. Man will weder das Neue noch die Neuen. Uns Einwanderern aus Deutschland sind die Interessenkämpfe in Kommunen allzu gut bekannt, der Gegensatz zwischen Hausbesitzern und Mietern, zwischen einer licrrsehenden Clique und der großen Schar der Verbraucher. Wir wissen, wie schwer es war, in «len Städten Europas eine moderne Wohnungspolitik zu erreichen, einer solchen Verwaltung beizubringen, daß sic für die Stadt nichts Besseres tun kann, als Raum für neue Menschen zu schaffen. Die neuen Bürger von Tel-Awiw glaubten aber sicherlich, und besonders wir Zionisten, daß diese Fragen in Palästina in anderer Form erledigt werden als im alten Europa. Wir müssen feststellen, daß es die neue Einwanderung in Tel- Awiw schwer hat, daß insbesondere die Alijah aus Deutsch- 1 land von deT Mitwirkung an der Neugestaltung der Stadt völlig ausgeschlossen ist. $i!1d den Leitern der Stadtverwaltung Menschen unwillkommen, die in Europa Erfahrungen gesammelt haben, die sie in Erez Jisrael zum Wohl des Aufbaus verwerten wollen? Es handelt sich nicht nur um die Kritik bestehender Einrichtungen, es handelt sich mehr noch darum, konstruktiv an der Weiterentwicklung niitzuwirken. Die Leitung der Hitachduth Olej Germania hat einstimmig beschlossen, am Wahlkampf um die Sitze in der Stadtverwaltung teilzunehmen. Felix Rosenblüth, der das Vertrauen aller im höchsten Maße genießt, wird der Führer unserer Liste sein. Die Hitachduth Olej Germania umfaßt alle Zionisten aus Deutschland, die in der ZVfD. organisiert waren, sie ist der Repräsentant der gesamten Alijah aus Deutschland. Ihr Wahlprogramm ist so gehalten, daß cs sicherlich den Wünschen und Bedürfnissen der Einwanderer entspricht. Nur wer den Gedanken zentraler, fortschrittlicher Entwicklung ablehnt, wird anderen Listen seine Stimme geben. Die Hitachduth Olej Germania treibt keine Parteipolitik. Sie umfaßt Menschen vieler Gruppen und Anschauungen, aber sie muß sich bei den Stadtratwahlen in Tel-Awiw für eine klare Linie entschließen. Gerade diejenigen unter uns, die wissen, welch ungeheuere Leistungen einmal in Tel-Awiw vollbracht wurden, wie man einmal aus der Enge ins Weite strebte, sehen heute klar, daß man jetzt an einem Wendepunkt der städtischen Ent- Wicklung steht. Nur durch neue Kräfte kann Tel-Awiw zu der jüdischen Stadt gemacht werden, die unser aller Stolz ist, zu einen» guten und gerecht verwalteten gesunden Gemeinwesen, in dem es gute Schulen und gute Lehrer in ausreichender Zahl für unsere Jugend gibt, in der kein Bürger der Stadt von der Verwaltung und ihren Beamten als unwillkommener Eindringling behandelt wird, wo man weiß, was moderne soziale Fürsorge bedeutet, wo es keine verwahrlosten Kinder und keine unversorgten Kranken gibt. Es ist der Alijah aus Deutschland bisher nicht einmal gehingen, auch nur die Einstellung eines einzigen Beamten zu erreichen, der für die besonderen Bedürfnisse eines so großen Bevölkerungsteiles bestimmt wäre — es hätte allerdings auch nicht viel genützt in der Zeit der heute noch amtierenden Verwaltung. Bisher hat man den Namen des um die Gründung der Stadt hochverdienten Bürgermeisters Dizengoff als Aushängeschild der Iria benutzt, in der der entscheidende Einfluß in den Händen anderer Menschen lag, die zwar alte Mitarbeiter Dizengoffs waren, mit denen er sich aber längst nicht mehr «ins fühlte. Die Tatsache, daß Dizengofl es ablehnt, die durch den Vizebürgermeister Rokeach gekennzeichnete Liste formal zu führen, zeigt mit aller Deutlichkeit, daß s auch in den Reihen der bisherigen Leitung Wider- Spruch gegen das ״System Rokeach“ gibt. Dieses System muß beseitigt werden, wenn Tel-Awiw׳ das Zentrum des jüdisehen Lebens in Erez Jisrael bleiben soll. Die Einwanderung aus Deutschland geht heute einen ■ euen Weg. Wi ׳ •d viele im ganzen Lande, eine große Zahl Tel-Awiw, aber wir waren bisher nirgends eine erkennbare Macht. Es schien uns bisher ausreichend zu sein, innerhalb der bestehenden politischen Gtuppen Anschluß und Einfluß zu gewinnen. Wir glaubten auf diese Weise am schnellsten mit dem jüdischen Volk in Palästina zur Einheit zu verschmelzen. Es hat sich gezeigt, und für jeden ernsten Aus Anlaß der Wahlen für die Stadtverwaltung von Tel-A unser palästinensischer Korrespondent an den Spilzenkandi blülh, um ein Interview. Wir bringen im folgenden die Frage: Welche Gründe führten zur Aufstellung einer besonderen Liste, die für die Vertretung der Juden aus Deutschland in der Munizipalität Tel-Awiw bestimmt ist? Antwort: An sich sind wir alle gegen eine Ürganisierung von Gruppen auf ״landsinaniischaftlicher“ Grundläge, wie schon die Tradition des deutschen Zionismus in langen Jahren bewiesen hat. Wir brauchen über diese prinzipicll-c Steilung keine Worte zu verlieren. Es lagen jedoch gerade bei den Waiden zur Stadtverwaltung in Tel-Awiw besonders gewichtige Gründe vor, die uns gezwungeu haben, dieses Prinzip zu durchbrechen. Tel-Awiw umfaßt heute bereits viele Tausende deutscher Juden und man kann vielleicht wagen zu sagen, daß bei einer Fortsetzung der heutigen Entwicklung bei den nächsten Wahlen zur Stadtverwaltung, also in fünf Jahreu, gegen 40 000 bis SO 00() Juden aus Deutschland hier konzentriert sein werden. Diese Tausende und Zehntausende, die sich in Tel- Awiw sammeln, werden in der Regel vom palästinensischen Jischuw gut au f g e nom m en. Dieser gute Empfang ist eine Frucht der zionistischen Erziehung und Disziplin, die uns immer gelehrt hat, daß wir in brüderlicher Verpflichtung zueinander stehen müssen. Dennoch bestellt zwischen den Einwanderern aus Deutschland und den anderen Immigranten und Eingesessenen ein Gefühl der Fremdheit, das wohl darauf beruht, daß der Jude aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern in Tel-Awiw ein ihm bekanntes Milieu vorfindet — ist doch die Stadt von ״Ostjuden“ erbaut —, während der Jude aus Deutschland sich völlig umstellen muß. Es ist unser Bestreben, diesen Juden aus Deutschland ihre Ein- Ordnung im L a n d e z u erleichtern, indem wir ihnen in der Verwaltungsinstanz der Stadt eine Vertretung schaffen, somit die Möglichkeit geben, ihre legitimen Interessen zu vertreten und ihnen damit den Weg zu einer Verschmelzung mit den anderen palästinensischen Gruppen zu ebnen. Frage: Welchem Arbeitsgebiet werden Sie sich im Stadtrat speziell widmen und welches sind die Fragen, denen Sie Ihr besonderes Interesse zuwenden? Antwort: Welcher Arbeit ich mich in der Munizipalität widmen werde, ist noch nicht zu sagen. Ich muß mich zuerst in die Materie ein arbeiten und eine nähere Uebcrsicht über die einzelnen Gebiete erhalten. Die Ziele, für die ich innerhalb der Stadtverwaltung besonders kämpfen will, sind eine Borger uon Tel-Auiiw! mm liste Rosenmuth! Betrachter der Entwicklung unwiderleglich gezeigt, daß die Alijah aus Deutschland gezwungen ist, sich auch in einer eigenen Organisation zu festigen und zu entwickeln. Unter der Führung geschulter und erzogener Zionisten, in 'Begleitung von Menschen, die beste Fähigkeiten für Verwaltung und Aufbau mitbringen, gehen wir in den Wahlkarnpf- Wir haben uns mit anderen Olim verbündet, und es ist uns klar, daß wir als die geschlossenste (truppe dazu berufen sind, die Interessen der gesamten Alijah der letzten Jahre wahrzunehmen. Wir erwarten, daß die Ein- Wanderer aus Deutschland alles tun werden, um die Liste der ״Hitachduth Olej Germania“ 2 u in Erfolg zu führen. Steuerrecht der Knesseth Jisrael Jerusalem, den 4. Dezember 1935 (J. T. A.). Die ״Official Gazette“ veröffentlicht das Reglement für die Knesseth Jisrael, durch das dem Waad Leumi das Recht eingeräumt wird, eine einprozentige Steuer vom dem gegenwärtigen Erträgnis jüdischen Besitzes zu erheben. Jede jüdische Gemeinde kann außerdem eine Ertragssteuer von hßchstens 5 ״<! für Erzielnmgs-, Wohlfahrts- und religiöse Zwecke einfuhren. Ferner können die jüdischen Gemeinden Gebühren für Schechita, den Mazzotli-Verkauf und die Ausstellung von Personalurkunden erheben. Das Reglement ist für den Waad Leumi von Ben Zwi und E. Berligne unterzeichnet und vom High Commissioner genehmigt. Koch *len großen Regengüssen hat die Jugend in Tel-Awiw Gelegenheit, Wassersport su treiben. Foto. Fti-Pre•■, Tei-Xwiw ■ n an liiifpi! wiw, die auf den 15. Dezember angesetzt sind, wandte sich daten der Liste der Juden aus Deutschland, Felix Rosen- Aeußcrungen von Rosenblülh. entsprechende Ausgestaltung der Erziehung, wie sie eine Innnigrantcnstadt wie Tel-Awiw erfordert, eine aktivere Wohnungspolitik und eine Ausgestaltung der sozialen Arbeit, die immer notwendiger wird. Frage: Wie ist die politische Haltung der Liste, die Sie vertreten, zu charakterisieren? Antwort: Bei der Arbeit in der Munizipalität ist eine politische Gruppierung der Art, wie sie bei Zionistenkot►■ gressen üblich ist, sinnlos, da cs sich in den meisten Fällen um verwaltungstechnische und praktische Fragen handelt. Dennoch tauchen gelegentlich Themen ״uf, die mit politischen ürumiaiiseliauungen zusammenhängen. Vermutlich werde ich mit den! größten Teil der Wähler im Einklang stehen, wenn ich den Satz unseres Programms wiederhole: ״Wir werden in Palästina nicht zu Reaktionären werden.‘* Außerdem möchte ich betonen, daß jeder Versuch, gegenüber den nationalen Zentrali n s t a n 1 e n eine s e p a ratistische oder Prestige-Politik zu betreiben, von uns aufs schärfste bekämpft werden wird. Diese Stellung ergibt sich bereits aus der langjährigen Politik dos deutschen Zionismus. Frage: Welche Grundlage haben die sich immer wiederholenden Gerüchte, daß es sich bei ihrer Kandidatur auch uni eine Anwartschaft auf den Bürgermeisterposten der Stadt Tel-Awiw handelt? Antwort: Ich möchte die Frage wie immer bisher beantworten: man soll nicht glauben, daß ich Rürgerrneistei von Tel-Awiw werden will, weil ich gelegentlich reite. (Eine Anspielung auf die Reitgewohnlieit des gegenwärtigen Bürgermeisters Dizengoff, den man oft auf seinem braunen Pferd durch die Straßen der Stadt reiten und besonders zu Pferd die großen Festzüge der Stadt anführen sieht. — A. d. Red,) An all den Gerüchten ist kein wahres Wort. Wir haben keinerlei Aspirationen, die Leitung der Stadtverwaltung zu übernehmen, es genügt uns völlig eine Vertretung in der Stadtverwaltung. Auch glaube ich nicht, daß gegen Dizengoff, den durch seine Verdienste und seine Persönlichkeit legitimierten Repräsentant der Stadt, irgendein Kandidat auftreten soll oder kann. Diese Ansicht halte ich aufrecht, obwohl Dizengoff i!1 letzter Zeit seine Absicht kundgegeben hat, sich an den Wahlen zur Stadt- Verwaltung nicht 7.11 beteiligen. ״Liste Dizengoff" Der Bürgermeister kandidiert doch Bürgermeister Dizengoff, der zunächst erklärt hatte, an den Wahlen nicht t e i 1 n c 11 m e n zu wollen, hat nunmehr seinen Entschluß geändert. Er wird jedoch nicht auf der Liste seiner bisherigen Partei, der Tel-Awiwer Bürgediehen, kandidieren, sondern eine eigene Liste führen, auf der außer ihm noch ein ehemaliger Chikagoer Anwalt, Nathan Kaplan (ehrenamtlicher dänischer Konsul) und einer von den alten Bürgern Tel-Awiws, Mosche Schellusch, ehrenamtlicher bulgarischer Konsul, stehen werden. Nathan Kaplan erklärte in einer Zuschrift an die palästinensischen Zeitungen, er betrachte es als eine große E h r e, sich mit Dizengoff zu verbinden und werde das Möglichste tun, um Dizengoff wieder an die Spitze der Stadtverwaltung zu bringen. Die Liste der Arbeiterpartei wird geführt von Josef Arono witsch, einem der alten Arbeiterführer und gegenwärtigen Direktor der Arbeiterbank. Die Linken Poaie Zion treten in den Wahlkampf nicht ein, weil es für sie aussichtslos ist, und haben beschlossen, die Arbeiterliste zti unterstützen. 24 Listen! Nach einem Telegramm vom 4. Dezember sind für die Wahlen, bei denen im ganzen 15 Stadtverordnete zu wählen sind, bisher 24 Kandidatenlisten eingereicht worden. Um die Schabbat-Heiligung. Die Exekutive der Jewish Agency veröffentlicht einen Bericht über ihre Untersuchung betreffend die angebliche Entweihung des Jom Kippur durch zwei Gruppen des Haschomer Hazair. ln dem «inen Falle habe sich die Beschuldigung als unrichtig erwiesen, während in dem anderen Falle (bei Chedera) es sich herausgestellt hat, daß einige Mitglieder in der Werkstatt verschiedene Gerate ausgebessert haben. Der ״Haschomer Hazair“, zur Aufklärung aufgefordert, bezcichnete die Angelegenheit als übertrieben und von gewisser Seite tendenziös entstellt. Et erklärte, er betrachtete sich durch den Kongreßbeschluß bezüglieh der Einhaltung des Schabbat und der Feiertage für geblinden und werde alle Bemühungen ansetzen, um eine völlige Arbeitsruhe auch in den Kibbuzim durch/!!führen. Der Bericht der Exekutive spricht über den Zwischenfall in Chedera sein Bedauern aus, verurteilt aber gleichzeitig die Veröffentlichung übertriebener und teilweise unrichtiger Berichte und fordert schließlich alle Teile des Jischuw und der Zionistischen Organisatiou auf, sich an die Kongreßbeschlüsse zu halten und die Wiederholung solcher Fälle zu vermeiden. Die Exekutive werde alle Anstrengungen machen, dies durchzusetzen. Das ״American Economic Committee for Palestine“ veröffcntlicht soeben unter dem Titel ״A Retrospect and A Program“ (Rückblick und Ausblick) den Bericht, der dem Kongreß in Luzern überreicht worden ist. Das Heft enthält vier Kapitel, in denen die derzeitige Situation beleuchtet wird, die Erfahrungen des Komitees wiedergegeben werden und ein Programm für die Weiterentwicklung von Industrie, Zitruskultur und Landwirtschaft in Palästina entwickelt wird. r! h 1e 1- 1- L sn -ל a- 3r in el le eat k, it. te m ie as te in n j el :r 1. te 1iie h iS ir h h iUJ n ,!t i d n 4 n 1 ׳öS 11 I