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Jüdische Rundschau · 1935-12-03 · Heft 97 (3.12.1935) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 97 (3.12.1935)
Date
1935-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT NR. 97, 3 DEZEMBER 1935 Wo bleibt die öffentliche Meinung? Das Aufflammen desTerrorismus Wir haben bereits die telegraphischen Nachrichten über den Zusammenprall der Polizei mit einer Terror-Gruppe sowie über die Unruhen beim Begräbnis veröffentlicht und uns über die politischen Hintergründe bereits in Nr. '■>ö kurz geäußert. Nachstehend bringen wir noch den mit Briefpost cingelrofjenen zusammenfassenden Bericht unseres palästinensischen Korrespondenten, der die prinzipielle Bedeutung dieser Bewegung ins rechte Licht rückt. (Red.) e. j. Jerusalem, 24. November Konsolidierte Gemeinschaften haben einen organisch gewaclisenen selbstverständlichen Lebensstil, von dem nicht viel geredet wird, der aber in allen Situationen wirksam ist. Auf Grundlage eines derartigen verbindlichen Lebensstils, inan kann ihn auch Brauch oder Sitte nennen, formt sich aus bestimmten Anlässen das, was man öffentliche Meinung nennt. Man kann in Anlehnung an den vorhandenen Lebensstil und in Kenntnis des Charakters einer Gemeinschaft bewußt auf dem Wege zielbewußter Propaganda die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung lenken. Wie das geschieht und mit welchem Erfolge, hat man gerade in den letten Jahren, dem Zeitalter der Massenbewegungen und Massenaktionen, zur Genüge erfahren können. Von einer im Aufbau befindlichen unfertigen, oft chaotisch anmutenden Gemeinschaft wäre es ungerecht, einen einheitlichen Lebensstil zu verlangen. Man müßte sich schon damit zufrieden geben, wenn man kaum merkbare, vcrselnvimmemie Konturen einer kommenden Ordnung entstehen sähe. Dies gilt für den neuen jüdischen Jischuw in Palästina. Aus den verschiedensten Ländern sind, besonders in den letzten drei Jahren, Tausende von Menschen ins Land geströmt und haben zunächst ״landmannschaftlich“ organisiert. Nur wenige haben sich an die ansässigen Schichten der bereits im Lande Geborenen oder vor längerer Zeit eingewanderten Kreise an/.ulehnen versucht. Der jetzige Status des Jischuw ist ein K o 11 gl om erat. Bis daraus auf Grund eines sozusagen soziologisch-biochemischen Prozesses eine homogene Verbindung entstehen wird, müssen noch viele Jahre vergehen. Dieser Prozeß des innigen Incinantlcrflicßcns der verschiedenen Elemente wird aber noch dadurch erschwert, daß ununterbrochen Tausende neuer Maischen ins Land strömen und nur allmählich in den Schmelz prozeß cinbezogen werden können. Dadurch wachsen die Probleme des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims und einer neuen jüdischen Volksgemeinschaft ins Ungeheure. Man muß zu gleicher Zeit i1״ Sinne einer riatianalen Planwirtschaft, im Geiste der Schaffung einer Volksgemeinschaft und der Verschmelzung mitgebracliten uralten und sich neu formenden Kulturgutes tätig sein. Hinsichtlich des Wirtschaftsaufbaus ist bei den verantwortlichen Faktoren, insofern sie überhaupt den Wirtschaftsaufbau zu dirigieren imstande sind, eine Vorstellung betreffs des zu erreichenden Ziels vorhanclen: Man möchte durch möglichst gesunde sozäale Schiebtungg die wirtschaftlichen Grundlagen der Volksgemeinschaft sichern, ohne in extreme Forderungen, wie nach Autarkie und ähnlichem, zu verfallen. In bezug auf den kulturellen Aspekt der kommenden Gemeinschaft aber gibt es kein von verantwörtlichen Stellen oder irgendeiner maßgebenden Schicht erstrehtes klares Ziel. Die bisherigen Tendenzen im öffentlichen Unterricht lassen ein tierartiges Ziel nicht erkennen. Hier und da hört man wohl allgemein gehaltene ziemlich vcrschwommene Formulierungen. Der eine zitiert Theodor Herzls Aus- Spruch: ״Der Zionismus-ist ein ewiges Ideal. Es genügt nicht, «dem Juden eine Scholle zu geben usw.“ Der andere greift auf einen noch mehr autoritativen Ausspruch zurück: ״Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk.“ Fs läßt sich auch bei den besten und am klarsten denkenden Vertretern des Jischuw erkennen, daß sie nur verschwommen als Ziel eine von sozialer Gerechtigkeit erfüllte, ethisch b e - dingte Volksgemeinschaft aufstellcn.!Dies geschieht nicht nur in Verfolg altjiidischcr Vorstellungen, sondern auch aus dem Gefühle der Unzulänglichkeif der bestehenden Verhältnisse. Das Wüstengeschlecht, welches gegenwärtig in Palästina die Mehrheit des Jischuw darstellt und in den Prozeß des Wiederaufbaus einbezogen ist, trägt an und in sich uiiverlöschlichc Spuren jahrtaus e!1 d c a 11 e r W a!5 deru 11 d K n c c h t s c h a f t- Man hat in den Jahrhunderten der Galuth nicht gerade nur gute Eigenschalten erworben. -Man tröstete sich, daß die Väter und Groß- Väter Händler, Krämer und Hausierer waren, weil man sich sagte, die Urahnen sind Propheten gewesen. Was die Kinder werden sollen, danach fragte man nicht, und wer im Lande lebt, wird manchmal von der Angst befallen, daß diese Kinder sich zu L e v a n f i 11 1׳ r n entwickeln könnten. Und aus Angst vor einer derartigen Entwicklung wird als Hochziel die ethische Bedingtheit der Volksgemeinschaft aufgestellt. Es ist kein Zweifel, daß die herrschenden Verhältnisse in vielfacher Hinsicht nachdenklich stimmen müssen. Gewiß kann man die gegenwärtige Fnfwickiung im Jischuw als eine Art von ,,Kriegszustand“ rutschen; und wenn die Waffen klirren, schweigen die Musen und verstummen die Geistigen. Da aber dieser ״Kriegszustand“ des Aufbaus voraussichtlich Generationell dauern wird, so kann man nicht mit Rücksicht auf die primären Elemente des Aufbaus, Sicherheit und Brot, für lange Jahrzehnte auf grundlegende intensive Kulturarbeit verzichten. Unsere Aufgabe ist vielfältig: Wohl oder übel sind wir gezwungen, vieles, was bei anderen Völkern hintereinander geschaffen und sich organisch entwickelt hat, gleichzeitig planvoll zu betreuen und die Last, die sonst auf eine Reihe von Geschlechtern verteilt ist, auf das jetzt im Lande lebende zu häufen. Welche Wege gibt es, um ein bestimmtes Kultur- und Erziehungsideal zu erreichen? Die Weltgeschichte lehrt, daß nur zwei hierfür in Frage kommen: Religion und politischer Zwang. Diese Wege sind kein Entweder — Oder, sic können einander koordiniert werden. Was die Juden anbelangt, und insbesondere den Jisehmv •11 Palästina, so müßte ein Mittelweg zwischen beiden Methoden eingeschlsgen werden. Und zwar darum, weil die religiöse Grundhaltung der jiidiselien Gemeinschaft, die noch vor einem Jahrhundert fast für die Gesamtheit bestimmend war, erschüttert ist; und weil fer- 11er die Voraussetzungen fehlen, daß der Jischuw durch autonom-politische Maßnahme״ Bedingungen zu schaffen imstande wäre, aus denen zwangsläufig eine Entwicklung in einem gewünschten Sinne folgen müßte. Denn noch immer sind wir in der Kardinalfrage unserer Zeit, der Schaffung einer neuen jiidischeu Volksgemeinschaft, auf Freiwilligkeit angewiesen, und zwar nicht nur in der Galuth, sondern auch in Erez Israel. Es bleiben somit nur zwei Mittel, lim im Sinne der Er- Ziehung der Volksgetncins liaft zu wirken: Das Wort und das Beispiel, V o r - R e d e 11 und V 0 r - L e b c 11. Zum Vor-Reden gehört aber ein von allen verstandenes, allen gcmeinsames Wort. Und was das Vor-Leben anbelangt, so ist Nach dem Kampf bei Dschenin Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl Tel-Awiw, 24. November 1935 Die Vorgänge der letzten Woche Lakonische Bulletins der Polizei, die von äußerster Vorsicht in der Abfassung zeugen, lange und farbige Sclüklcruugen der arabischen Presse, detaillierte Informationen und Kommentare der hebräischen Blätter befassen sich gleicherweise mit dem aufsehenerregenden Kampfe, der in dieser Woche in den Bergen von Dschenin zwischen einer großen Abteilung englischer und arabischer Polizei auf der einen Seite und einer arabischen gut bewaffneten Terroristengruppe auf der anderen Seite ausgefochten wurde. Der Verlauf der Dinge ist, kurz zusammengefaßt, folgender: Nach der Ermordung eines jüdischen Polizisten auf den Hügeln des Gilboa vor ungefähr zwei Wochen wurde es klar, daß an dieser Tat eine große Anzahl Menschen beteiligt sei. Die Polizei machte sich auf die Suche und spürte nach einiger Zeit eine Anzahl arabischer Bewaffneter in der Gegend von Dschenin auf. Die Gruppe wurde eingekreist, im Kampfe fünf Araber und ein Engländer getötet, mehrere verwundet. Fünf der Gruppe ergaben sich lebend, einem Teil (wievielen steht nicht genau fest), gelang cs zu entfliehen. An dem Kampf nahmen 150 Polizisten teil; ein Aeropian, in dem Rice, einer der obersten Beamten der Polizei, sich befand, tun die Bewegungen der Polizei zu leiten, kreiste in der Zeit über den Bergen. Die Araber waren gut bewaffnet, unter andere in auch mit Handgranaten. Die Entflohenen waren bisher nicht zu fassen, und da die Grenzen nach Syrien und Transjordanien stark bewacht werden, scheint es wahrscheinlich, daß sie sich in der Umgebung von Nablus oder Tul Kerem befinden, wo ihnen die Bevölkerung nicht ungern Unterstützung leiht. Ein Teil der Gefangenen verweigert jede Aussage, von den anderen erfuhr man, daß der Führer der Gruppe, der im Kampfe fiel, Sheik Izz ed Dliin el Kassain aus Haifa ist, ein Mann von 65 Jahren und aktives Mitglied der Moslem Association. Die fünf Gefallenen wurden in Haifa beerdigt, und das Begräbnis gestaltete sich zu einer Sympathickiindge bung weiter Kreise für die Gefallenen. Es beteiligten sich Delegationen aus Nablus, Safcd, Akko und den Haifa naheliegenden Dörfern, obwohl die Presse noch keine Zeit gehabt hatte, zur Beteiligung am Begräbnis aufzurufen. Läden wurden geschlossen, Schüler streikten in den Schulen, Frauen beteiligten sich in großer Zahl. Die Polizei wurde mehrmals mit Steinen angegriffen, obwohl sie sich sehr zurückhielt und alles tat, um den Zorn der Menge nicht zu reizen. Es wurden dennoch zwei englische Offiziere mit Steinwürfen verwundet. Ftie Polizei setzt die Suche nach den noch in Freiheit be- Endlichen Mitgliedern der Gruppe fort. Zwischenfälle der letzten Jahre Ueber das Bestehen einer terroristischen arabisehen Gruppe, die ihr Zentrum in Haifa bat, wußte man bereits Genaueres im November 1933. nachdem schon verlier verschiedene Ueberfälle und Morde in der Nähe von Haifa auf die Existenz einer derartigen Organisation hingedeutet hatten. Es folgten in verschiedenen Abständen lieberfälle auf Juden in der Nähe von Jagur, in Balfouriah, in Kfar Chassiclim und in Nahalal. Ucberall handelte es sich um reine Mordüberfälle, ohne daß etwas gestohlen oder geraubt wurde. Bei dem Prozeß über die Morde in Nahalal (ein Siedler und sein kleiner Sohn wurden durch eine Bombe getötet), kamen zum ersten Male vor Gericht Zeugnisse zur Sprache, die den Bestand einer terroristisclien Gruppe höchstwahrscheinlich machten. Einer der Teilnehmer am Kampfe mit der Polizei in Dschenin, der getötet wurde, war auch einer der Angeklagten in jenem Nahalal-Prozeß des Jahres 1933; er wurde damals aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Nach den Enthüllungen vor Gericht, die im Lande großes Aufsehen erregten, erfolgte jedoch weiter nichts. Die Gruppe wurde nicht gefaßt, obwohl vor Gericht eine Anzahl von Namen ihrer Teilnehmer genannt '■ irden und auch klar wurde, daß sie mit der Y. M. M. A. (Young Mens Moslem Association, einer moslemischen Vereinigung junger Männer, die nationale Ziele hat und in gewisser Weise als Gegengewicht gegen die christlichen Vereine junger Männer — Y. M. C. A. — gedacht ist), Beziehungen hatte. Nach dem Mord von Nahalal waren keine weiteren Ueberfälle zu verzeichnen, anscheinend aus Furcht vor Entdeckung, (das Haifaer Gericht schien ja den Dingen sehr nahe auf der Spur) und auch infolge der allgemeinen Dämpfung der arabischen nationalen Bewegung. Die Teilnahme eines der Angeklagten des Nahalal-Prozesses an der Aktion von Dschenin leitet unwillkürlich dazu, die letzten Ereignisse mit den Morden der früheren Jahre zu verbinden. dies ein Gnadengeschenk, und nicht zu allen Zeiten werden Männer wie Theodor Herz.l, Josef Trumpeidor und A. D. Gordon geboren. Und nicht immer gibt es eine Generation, die von opferbereitester Chaluziuth erfüllt ist. Das sind Momente, deren Vorhandensein man nicht übersehen darf. Wir haben heute im jischuw keine gemeinsame Sprache, weder dem Worte noch der Bcgriffswelt nach, und wir haben keine repräsentativen Menschen, deren Beispiel auf alle Schichten und alle Partcirichtungen gleicherweise zu wirken vermöchte. Das Fehlen dieser als repräsentativ empfundenen, über Partei und Richtung stehend c 11 M ä 1111er i st geradezu ein nationales Unglück. Ohne den verdienten Führern der ersten zionistischen Generation, die im Lande oder für das Land leben, uahefreten zu wollen, keiner von ihnen hat im Bewußtscin des Jischuw jene Rangstellung, wie sie Aehad Ha,1m oder Chajitn Nachman Bialik besaßen. Ein einfaches Wort im Munde jener großen Männer hallte vernehmlich durch die gesamte jüdische Gemeinschaft. Da die großen repräsentativen Männer fehlen, genügen einfache Worte nicht mehr. Es müßten darum von Männern geringerer Geltung starke, anklagende, harte, vie'Ickht auch manchmal übertrieben kritische Worte gesagt werden. Vielleicht konnte mau auf diese Weise zu nächst jene Kreise, die man durch ein Wort zu. erreichen vermag, in Bewegung setzen und durch sie auf eine Peripherie wirken. Die Haltung der arabischen Bevölkerung Der Kampf zwischen der Polizei und den Terroristen wurde in der arabischen Presse nicht nur in aller Ausführlichkeit und Lebendigkeit geschildert, sondern von Anbeginn an zu einer nationalen Angelegenheit gestempelt. Die Regierung hatte in ihren ersten Bulletins einfach von ״Raubern“ gesprochen, die da irgendwo in den Bergen unschädlieh zu machen waren. Diese Version mußte aber schnell einer anderen weichen, denn es zeigte sich bald, daß man es hier mit einer zentral geleiteten echten Terroristengruppe zu tun hatte, die sieh unter der Losung des ״Heiligen Krieges“ in i t de m 1< o r a 11 i n d e r T a sehe und der Flinte in der Hand auf den .Mord von Juden und Engländern verlegt hatte. Man munkelt - und man ist geneigt, in Palästina dieser Art von Gerüchten Glauheu zu sehenkeri — von einer Liste, die bei einem der (iefangenen gefunden wurde und die ein reinliches Verzeichnis der zu Mordeililen in zeitlicher Reihenfolge enthält. Auch der Befehl der Polizei, die Gegner lebendig zn fangen und erst zu schießen, wenn Lebensgefahr für die Poli/Ltm bestünde, zeigt, daß die Engländer sich filier die wahre Natur dieser ״Räuberbande“ durchaus im klaren waren. Die Haltung der arabischen Presse und der Bevölkerung, besonders bei der Beerdigung in Haifa, zeigten völlig klar, daß weite Kreise der Araber die laten von Sheik!//. ed Dliin el Kassam nicht mir nicht verurteilen, sondern mit ihnen s y m - pathisieren. Van den Minaretts der Moscheen aus wurden die Namen der Gefallenen aiisgerufen. an manchen Stellen besondere Gebete für sie gesprochen. Bei den Familien der Getuteten finden sich Beileidsbesuche!■ aus dem ganzen Fände ein, der Moslemische Rat schickt ihnen (iekliiitterstiit/uiig und Nahas Pascha, der Führer des Wahl in Aegypten, der den Kampf Aegyptens gegen England leitet, schickt ebenfalls ein Telegramm. So wie in früheren Jahren die Mörder niemals zu finden waren, so scheint es auch jetzt außerordentlich schwer, die Entflohenen zu fassen. Die Bevölkeriing steht diesen Metisehen, ehe ihr kaum als Mörder, wohl aher alls tollkühne V o r k a m ין f c r d e r n a t i o n a! e u Unabhängigkeit erscheinen, sympathisch gegenüber, sie gibt ihnen Unterkunft und Versteck, und man wird kaum zu weit gehen, wenn man behauptet, daß auch 1 eile der arabischeu Polizei, insbesondere die unteren (!bargen, nur zu gern in solchen Eil len beide Augen /!!drücken. Die sympathisierende Haltung der Bevölkerung beantwortet auch die Frage nach der zahlenmäßigen Stärke der terroristischen Bewegung. Die eigentlich aktiven Menschen in diesem Kreis dürften wohl kaum mehr als ein halbes Hundert betragen. Aber sie ziehen von Zeit zu Zeit neue Menschen an sich heran und sie haben — dieses letzte ist entscheidend — die Möglichkeit, auf eine weitere Peripherie zu rechnen, die vielleicht von der tatsächlichen Existenz einer besonderen Organisation nichts weiß, aber ans einer gewissen Verbundcnlicit heraus neue aktive Kandidaten stellt und die Gefällrdeteri mit den tausenderlei Mitteln des unübersichtlichen arabischen Palästina schützt. Daß der Gegensatz 7.wischein• den hohen Schichten der Polizei, die ausschließlich englisch und den unteren Schichten, die Imuptsächlirh arabisch sind, hier noch eine wichtige Rolle spielt, wurde schon angedeutet. Warum gerade jetzt? Es erhebt sich die Frage, warum die terroristische Organisation, die seit ungefähr zwei Jahren still geblieben ist, jetzt von neuem zu Aktionen gegriffen hat. Die Antwort ist eine dreifache: Der Waffeiisehmuggel in Jaffa, der von den Arabern ohne Schwanken sofort auf Rechnung der Juden gebucht wurde, hat die Aktivität im arabischen Lager allgemein Stark angefacht. Dazu kam ,als zweites Moment die Hoffmmß, daß — im Zusammenhang mit der durch die K r i e g spanik hervorgemfrnen zeitweiligen FrsTmttening eine Schwächling des jüdischen Werkes im Fände z11 erwarten sei lind daher alles getan werden inus-w, um die Juden, und sei es mit Gewalt, einziischüchterii. Schließlich und vielleicht liegt hier der wichtigste Faktor hat das neue Aufflammen der ä g v p t i s c I! e n U 11;1 b h ä 11 g i g k eile b e w egütig, die Demonstrationen in den Straßen vmi Kaiio, das Verhalten der wafdistischen Führer, ihren Einfluß auf die Haltung der palästinensischen Amber nie 11t verfehlt, Hier kämpfte ein Land, das mit dem palästinensischen Arabertum durch mannigfache geistige, religiöse mul wirtschaftliche Fäden verknüpft war, nachdem es bereits vor Jahren seine offizielle ״Unabhängigkeit'’ von England erlangt hatte, um die tatsächliche Unabhängigkeit. Dies wirkt 1• ermutigend auf die arabische Oeffentliehkeit, vemnlnßtc die Führer 7.11 Sympathieti'legranmien. die Presse zu laugen Berichten und Ernumterungen und schließlich die Gruppe von Stink ed Din zu einer neuen terroristischen Tal. die zu dem Kampfe bei Dschenin und nun Tode des Führers, auch zur Aufdeckung einer Organisation führte, die bereits jahrelang in Palästina gearbeitet hat. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen wäre die brauchbarste und einzig mögliche Waffe die Erzeugung einer öffentlichen Meinung. So paradox nachstehende Forciertiitg auch klinget! mag, Kenner des jüdischen Palästina werden ihre Berechtigung nicht leugnen: Man müßte bei der Agency in Jerusalem analog dem ״Department für die deutschen Juden“ in Verbindung mit dem Waad Lcurni ein besonderes ״Department für die palästinensischen Juden“ schliffen. Damit ist gesagt: Wir brauchen einen Obersten Kultnrrat, wir bratK'hi'n ein spezielles Propagmiiladepartmetit für Volkserz. ie h 11 n g und für Organisierung der öffentlichen Meinung. Die Aufgaben eines derartigen l’ropagamladeparfments werden vielfältig sein. Man muß der Tatsache Rechnung tragen, daß ein großer Teil des jischuw Hebräisch nicht verstellt. Mit dem Wort ist dieser nicht-hebräische Teil des Jischuw nicht zu erreichen. Man muß also andere Mittel und Wege suchen. Das Bild, die Veranstaltung, öffentliche Feste, Kino, Theater, Kabarett und ähnliches müßten systematisch in den Dienst der Beeinfhisstmg des Jischuw gestellt werden. Man soll Beispiele nachahnien, 11 ic in andeen I.ändern erprobt wurden. Man scheue sich nicht, wcun’s nö'ig ist, auch aii/tigreifen und att/uprangern, Die Situation ist derartig, und die Gefahren der Entwicklung sind so groß, daß man nicht mehr mit Samthandschuhen an die Dinge herantreten darf. Wer in den Anfängen der Entwick-

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