Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 95 (26.11.1935)
- Date
- 1935-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JODISCHE RUNDSCHAU NR. 95, 26 NOVEMBER 1935 PALÄSTINA-BLATT Die Habimah und die Jugend Arabischer Terrorismus Die Vorgänge in Haifa Der offizielle Polizei bericht über den Kampf engliscber Polizisten mit arabischen Terrorbanden in Dschenin, bei dem fünf Araber und ein englischer Polizist erschossen wurden (vgl. ״Jüd. Rundschau“ Nr. 94), wurde auch vom DNB. verbreitet. Auf Grund dieses Berichtes ist zu der ursprünglichen Meldung hinzuzufügen, daß sich unter den Erschossenen auch der .,Vorsitzende des niohammedanisehen Jugendverbandes, Scheikh Amed ei Said“ befindet. (Es handelt sich anscheinend um einen Führer der Haifa er arabischen Jugend. — A. d. R.) In der DNB.-Mekfung heißt es weiter: ״Die arabische Presse behauptet, daß es sich um eine o I i I i s c h e Terroristengruppe handele. Sie feiert die oten auch als Opfer des Mandatssystems, das die Araber zwinge, als Räuber politisch zu kämpfen. Ein Schwerverwundeter erklärte arabischen Berichterstattern, daß die Gruppe nur Moslems als Mitglieder auf genommen und die Absicht gehabt habe, unter Führung eines gleichfalls erschossenen Scheikhs planmäßig führende Juden und Engländer im Interesse des Vaterlandes zu ermorden. Die Beisetzung der Opfer des Kampfes in Haifa wurde zu einer großen nationalen arabischen Kund- 6 e b u n g. Die Särge wurden von einem großen Trauerzug, in dem sich auch die arabischen Jugendverbände mit ihren Fahnen befanden, begleitet. Vor dem Polizeipräsidium kam es zu Drohungen gegen die Polizei. Alle Fensterscheiben des Polizeipräsidiums wurden eingeworlen. Trotzdem Heß die Polizei den Leichenzug ruhig weiterziehen.“ Der Begräbniszug vermied die jüdischen Wohnviertel Haifas. Zu irgendwelchen Angriffen auf Juden ist cs nicht gekommen, vielmehr spielten sich die Reibungen nur 7.wischen den Arabern und der Polizei ab. Aus den Meldungen scheint hervorzugehen, daß ein Teil der nationalistischen Araber, insbesondere aus den Juendverbänden, zum Mittel des T «rrorismus gegriffen aben, um dadurch politische Wirkungen zu erzielen. Die jüdische Presse Palästinas weist darauf hin, daß die jetzigen Vorfälle, bei denen die englische Polizei angegriffen wurde unü Todesopfer zu beklagen hatte, eine konsequente Folge der zügellosen arabischen Propaganda der letzten Zeit ist, die von der Regierung geduldet wurde. Wir zweifeln aber, ob es richtig ist, daß verschiedene Berichte die Terroristen einfach als ״Banden“ oder ״Banditen“ bezeichnen, denn dadurch wird der politische Hintergrund dieser gefährlichen Terroraktion verschleiert. Man sagt, die Araber wollen ״die Banditen zu politischen Miirtyrern machen“. Aber die tatsächlichen Vorgänge deuten doch darauf hin, daß politischer und religiöser Fanatismus die Motive dieser Aktion sind. Es ist charaktcristisch, daß eine arabische Zeitung bei Besprechung des Polizeiberichtes erklärt, ״wenn die Getöteten Räuber waren, dann sind wir alle Räuber“. Die palästinensische Polizei hat sich an die Behörden der Nachbarländer telegraphisch mit dem Ersuchen gewandt, die dort möglicherweise sich verborgen haltenden restlichen Mitglieder der Bande festzunehinen. Der getötete britische Polizist Mott hat im Oktober 1933 an der Niederwerfung der arabischen Demonstranten in Jerusalem teilgenommen und war dafür dekoriert worden. An einem Sonnabend nach mittag in Tel-Awiw vor dem kleinen Studio der Habimah im Rothschild-Boulevard. Einige hundert junge Menschen stehen vor dem Eingang — alle um die zwanzig herum. Um punkt halb fünf gehen sie alle in den kleinen Theatersaal. Vor der Bühne mit dem blauen Samtvorhang steht ein Holzfisch, an dem einige Junge und Aeltere sitzen. Einer der Schauspieler der Habimah beginnt zu sprechen: Ueber die Gestaltung des ״Golem“: Wie ihn Lewik aus seiner Verzweiflung — als die Gestalt der rohen Gewalt gesehen hat —, wie die Habimah ihn in Moskau umgebrochen hat und de« gewaltlosen Messias der Verfolgten als Hoffnung in die Zukunft stellte. Die jungen Leute im Saal hören lautlos zu, sie leben mit, Und Gedanken und Fragen steigen auf, für die keiner mehr Zeit hat in diesem wirbelnden Tel-Awiw. Macht von Gruppen und Menschen, Kraft, die nicht mehr vom Maß gelenkt wird, sondern ihre Grenzen zerbricht — politisch und ökonomisch. Bei einer Aufführung des Jugendstudios der Habimah Foto: Plastiks Genau wie der wildgewordene Golem, der in seiner Wut Verfolger und Juden gleichmäßig niederschlägt. Man spricht hier von Theater, von einer Aufführung, und erkennt den Sinn als Symbol für eigenes Leben. _ Der Redner ist zu Ende. Erleichtert kehrt man von den schweren Problemen zum Gespräch zurück. Aber jetzt wollen sich alle freuen am gesprochenen und gesungenen Wort. Eines der junge« Mädchen tritt vor und liest ein Gedicht Bialiks, denn es ist usus, bei jeder Zusammenkunft dieses Kreises Worte von Bialik zu hören. Es ist das Lied an seine Mutter. Ein Klavier wird auf die Bühne gebracht und ein junges Mädchen von 14 Jahren spielt Debussy. Danach eine eigene Komposition — rata Morgana. Kindlich einfache Melodien, aber naiv und naturnahe. Dann öffnet sich der Vorhang und die von allen verehrte Rowina tritt heraus. Sie wird jubelnd begrüßt. Nun singt sie das Hohe-Lied Salomos, das Schir haschirim. Etwas ist darin von der Freude des palästinensischen Freundes an seiner ueliebten und auch etwas von der überwirklichen Liebe des Clianan und der Leali aus dem Dy buk. Rovvinas Stimme ist leise und einfach. Als sie endigt, geht ein Aufatmen durch den Saal. Man braucht nicht ängstlich zu schweigen, um diese Minuten zu bewahren. Sie begleiten einen ganz selt>stverstündlich für lange Zeit. Es sind zwei Stunden verflogen und alles strömt auseinander. Solche Veranstaltungen sind regelmäßig und folgendes ist ihre Geschichte: Die Habimah hat einen großen Freundes• kreis, der dem Theater seine Lasten tragen helfen soll. Eines Tages nun entstand in dieser Theatergesellschaft ein Jugendzweig, der auch mittun wollte. Aber die Jungen begnügten sich nicht mit passivem Zusehatien, sondern sie wollten! Theater ernster verstehen lernen, als man es sonst beim bloßen Zuschauen erfaßt. So entstand dieses Theater-Semi• nar der Jugend, deren Zusammenkünfte ungefähr immer so verlaufen, wie cs eben geschildert wurde: Vortrage lind Diskussionen von Gelehrten, Künstlern und den Jungen selbst über Gegenstände, die in der Nähe des Theaters und seiner Aufführungen liegen. Danach kommen Schauspieler der Habimah und andere Künstler - Musiker und Tänzer, die die sogenannte künstlerische Pause gestalten. Da sich nun das Theater mit Politik, Gesellschaft, Religion, Weltanschauung und vielen amieten Dingen mehr, in seinen Aufführungen auscinandemiscDen hat, werden viele Dinge des Lebens in diesem Kreis durchdiskutiert und ernst erörtert. Doch nicht immer zeigen alle Redner ihren < iegenstand im gleichen Licht. So hat z, B. ein Historiker des Üriel Acosta gemeint, Uriel sei aus der spanischen Kirche zum Judentum geflohen, tun das Volk der Bibel wieder/ufinden, und ein anderer meinte, er sei nach Amsterdam gekommen, um einen Ehrenplatz in der Gemeinde einzunelmreii. So hat dann der Hörer allein weiterzustudieren, um einen eigenen Standpunkt zu finden. Manchmal kommen auch die Schauspieler und spiclc-ti vor den Jungen eine besonders eindrucksvolle Szene — ohne Schminke, Kostüme und Dekoration. Dann wird heiß kritisiert und der Regisseur muß seinen Standpunkt verfechten, denn die Jungen sind unerbittlicher in ihrem Suchen, als die offizielten Kritiker. Noch ein anderer Brauch ist in diesem Kreise üblich. Es kommen junge Dichter, die ihre Schöpfungen vorlesen, lind Komponisten lehren ihre neuen Lieder. Zeile für Zeile lernt man so eine Horra oder einen Arbeitsiunrsch; dann geschieht es manchmal, daß der ganze Saal zu dröhnen anfängt von den dreihundert jungen Stimmen. Das alles geht so ungewollt und selbstverständlich vor sich, als ob es einem vorgcschricbenen Weg folgte. Der Kreis ist ganz unpolitisch, es sind die höchsten Klassen der Gymnasien, die Seminare und die Jugendbünde. Wo sind die Ziele dieser Arbeit, wohin führt sie? Wir können darauf heute nicht antworten, aber selten haben wir eine solche Sicherheit im Weg gefühlt wie hier und die Zuversieht eines — wohl noch unbewußten Zieles. Margot Klausner Mord bei Tel-Awiw Jerusalem, 21. November. (JTA.) Am Strande bei Tel-Awiw, genau an derselben Stelle, wo vor zwei Jahren Dr. Arlosoroff ermordet wurde, ist der Araber Mohammed Adiffi ermordet auf gefunden worden. Man fand an der Mordstelle Fußspuren von zwei Frauen und einem Mann. Nachforschungen mit Spürhunden bileben vorläufig ergebnislos. Die Polizei sucht nach einer geheimen Waffenfabrik in Jaffa, nachdem ein Araber verhaftet wurde, der auf einem Maultier einen Sack mit Bombenteilen und Munition mit sich führte. Erkrankung Sir Arthur Wauchopes Jerusalem, 22. November. (JTA.) Der Higli Commissioncr von Palästina, Sir Arthur Wauchopc, ist plötzlieh erkrankt. Obwohl der Patient hoch fiebert, geben die behandelnden Acrzte der Erwartung Ausdruck, daß der High Commissioncr bereits in der nächsten Woche seinen dienstlichen Obliegenheiten wieder wird nachkommen können. Die Wahlen in Tel-Awiw Eine Liste Felix RosenblUth Wie uns die Hltachduth Oie Germania (Verein!- gung der Einwanderer aus Deutschland) in Tel-Awhv mitteilt, hat sie sich entschlossen, bei den Wahlen zur Stadtgemeinde Tel-Awiw, die am 15. Dezember stattfinden, mit einer eigenen Liste in den Wahlkampf einzutreten. Listenführer ist Rechtsanwalt Felix Rosenbliith. Ueber die Bedeutung der Wahlen hat unser palästinensischer Korrespondent in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ ausführlich berichtet. Die Wahl einer Stadt- Vertretung ist nach unserer Meinung nicht in erster Linie ein ,,politisches“ Problem, sondern es handelt sich dabei in erster Linie um die Gestaltung einer Verwaltung, die in unzählige Angelegenheiten des täglichen Lebens des Einzelnen tief eingreift. Es ist daher begreiflich, daß eine Gruppe, die trotz verschiedener politischer und parteimäßiger Ein- Stellung großenteils in praktischen!Tagen gleiche lnteressen hat, bei einer solchen Wahl selbständig hervortritt. Und daß cs eine Reihe von wichtigen Wünschen gibt, die die Einwanderer aus Deutschland in der stets wachsenden Und für die große Mehrheit der Einwanderer das erste Aufnalmiereservoir bildenden Stadt Tel-Awiw gemeinsam haben, wurde schon in dem erwähnten Artikel unseres Korrcspondeuten überzeugend dargelegt. Wir sind daher der Meintinp, daß hei den Einwanderern aus Deutschland die Liste der l'litachduth Oie Germania, geführt von einem ehemaligen Vorsitzenden der ZVfD, und ehemaligen Mitglied der 210nistischen Exekutive, großes Interesse finden wird. Kein Wahlkampf? Jerusalem, 21. November. (JTA.) Es verlaufet, daß Mitglieder der Zion ist ischen Exekutive den Vorschlag gemacht haben, im Hinblick auf die gegenwärtige Lage auf die A 11 st r a g 11 n g e i n!■ s W a 11 1 k a tu p f e s anläßlich der ftir den 15. Dezember festgesetzten Neuwahl des Stadtrats Von Tel-Awiw zu verzichten und eine Part ei Vereinbarung über die Verteilung der Mandate herbei Zufuhren. Dizengoff kandidiert doch Tel-Awiw, 24. November. (JTA.) Bürgermeister Meif Dizengoff hat bekanntgegeben, daß er an seinem Vorsalz, bei den bevorstehenden Wahlen zum Sladtrat von Tel- Awhv am 15. Dezember nicht zu kandidieren, nicht mehr f e s t h a 11 e. Mit der Ablehnung einer Kandidatur wollte Bürgermeister Dizettgeff, wie er seinerzeit der Presse erklärte, gegen die unfreundliche Haltung der Paläs tina-Regierung gegenüber der Stadtverwaltung von Tel-Awiw protestieren. Es wird angenommen, daß Dizengoff sich durch den High Commissioncr, der ihn vor kurzem besuchte, umstimnien ließ. Juden in der Polizei Jerusalem. (Palcor.) Nach den offiziellen Regierungs- Ziffern setzt sich die palästinensische Polizei folgendermaßen zusammen: Die Gesamtzahl der Polizisten beträgt über 2300, die der Polizcioffjzicre HO. Unter den Polizisten befinden sich 670 Engländer, 250 eingeborene Christen, 1120 Mohammedaner und 250 Juden. Unter den Polizeioffizieren befinden sich 50 Engländer, 20 eingeborene Christen, 40 Mohammedaner und über 20 Juden. ln die Jerusalemer P o I i z c i s c h u 1 c wurden 74 neue Schüler aufgenommen. Fast die Hälfte dieser jüdischen Schüler sind Mitglieder von Kibbuzim und Kwuzoth. Die Juden bilden in der letzten Zeit 60״;« der gesamten Schülerzahl der Polizcischuie. Berichtigung. In dem Artikel von Dr. Albert B a e r ״Das Bodenproblem“ in Nr. 86 der ״Jüdischen Rundschau“ waren einige Druckfehler enthalten. In der Zeit von 1920 bis 1934 sind leider nicht, wie cs dort hieß, 1600 000 Dunatn, sondern mir 61)0 000 Dumtm in jüdischen Besitz übergegangen. In Abs. 3 muß •es heißen: ״nicht mir dulden, sondem sogar fördern müssen“. Int letzten Absatz muß es heißen: ״Proteste und Deklamationen“, nicht ״Reklamationen“. Der Neubau des archäologischen Museums Rockefeiler hat mit einer Stiftung von 2 Mül. Dollar in Jerusalem ein archäologisches Museum errichten lassen, das der Vollendung entgegengehl. Zurzeit werden die Ausstellungsgegenstände in dem Museum aufgestellt. Unser Bild links zeigt .einen Blick in den Innenhof des Museums, das Bild rechts gibt einen Ges amte indruck vorn neuen Wahrzeichen Jerusalems. Foto. : Z. Kluger BBäff»t«S mt<'*■fi'-n. 4 ' * ־״ .. *• ‘ *v *V«'