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Jüdische Rundschau · 1935-11-26 · Heft 95 (26.11.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 95 (26.11.1935)
Date
1935-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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28.Y\.»^״ JÜDISCHE RUNDSCHAU DdurUtUiitaii^Vttlag n# Anztlgcnvtrwalhuig 1 BwUo W1S, U«lB«ktitr*10 Femrul Samiaei'Nr. J1 Bismarck 3181/82,7105/70.7240/42• - Baaugipreis einscU. Bestellgeld je JMon»t RM 2,-, je Vierteijahr RM 5.75» hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 539, — Postachedk - Konten der Vertrieb• - Abteilung: Berlin 71573 0Ü»־ Groft Berlin), Berlin 17392 (lür ds0 übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühron. —׳ Erscheint jeden Dienetag und Freitag• BERLIN לי מרחשון תרצ״ו DIENSTAG, 26■ NOVEMBER 1935 Gttltlg: Anselgenprelsllete Nr» 4. Die 12 gespaltene mm ־ £eile 20 Rpf, für FatnÜiennachrtchten 15 Rpf. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden, Gelcgenheitsanzeigen nur bei Vorauszahlung aut Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 —18 Uhr, Freitag 9—*16 Uhr. Annahmeschluß lür die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die i reit ae Ausgab® Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzcigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das fQdlscbe Volk die Schaffung einer öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Öffnet die Tore! Zur Sitzung: des Experten-Komitees des Völkerbunds für Wanderungsfrageii am 28• November Appell an die Völker Die Auswanderungsfrage ist in den letzten Wochen für die Juden in Deutschland in einem von vielen nicht erwarteten Ausmaß wieder aktuell geworden. Zwar hat schon im Jahre 1933 eine starke Aus■ Wanderung eingesetzt, aber nach Beendigung der nationalsozialistischcn Revolution war trotz der Minderung des Status und der praktischen Einschränkung der Betätigung eine große Zahl der in Deutschland lebenden Juden aus psychologischen und tatsächlichen Gründen zu dem Entschluß gekommen, innerhalb der gewaltig eingeschränkten Zone, die den Juden belassen war, zu verbleiben, statt den Weg ins Ungewisse zu gehen. Es bestand damals die Hoffnung, unter Verzicht auf jede Anteilnahme am öffentlichen und kulturellen Leben das Dasein fristen zu können, da gemäß den von der Reichs• regierung kundgegebenen Richtlinien die Arierbestiinmungen für den Bereich der freien Wirtschaft nicht gelten sollten. Viele Juden wollten nicht atiswandern, sogar wenn es ihnen in Deutschland erheblich schlechter ginge als früher, weil sie sich mit diesem Lande und seiner Kultur eng verbunden fühlen und ־— sagen wir offen — dieses Land lieben. Als dann aus verschiedenen Kundgebungen und Maßnahmen liervorging, daß die Reichsregierung und die maßgebende öffentliche Meinung in Deutschland auch nach den eisten Ariergesetzen eine Auswanderung der Juden als die gegebene Entwicklung ansehen, erhob sich für die Juden, die auswandern wollten, die wichtigste Frage, die es für Ausvvandernde gibt, die Frage: Woh In? Für einen Teil löste sich diese Frage von selbst, da sie, inzwischen zur Einsicht über das Wesen der Judenfrage gelangt oder diese Einsicht von je besitzend, für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Paiästina ihre Kräfte einzusetzen entschlossen waren, in dem Bewußtsein, daß diese Tat über ihr eigenes privates Schicksal hinaus zur grundsätzlichen Lösung der Judenfrage mit helfen kann. Für die anderen aber, die nach Palästina nicht gehen wollten oder konnten — und es liegt im Wesen der Sache, daß Palästina nicht alle Aus- Wanderer aufnehmen kann und eine besondere Qualifikation erfordert — erwies sich die Schwierigkeit, ein Land zu finden, das sie aufnehmen wollte. Die Zurückgebliebenen waren inzwischen durch das Schicksal der im Jahre 1933 in verschiedene Länder (besonders Nachbarländer Deutschlands) Ausgewanderten ernüchtert worden, denn es hatte sich gezeigt, daß für einen großen Teil dieser Auswanderer das Leben immer schwerer und eine Existenzgründung fast unmöglich ist. Wir haben uns in diesen zwei Jahren wiederholt mit diesem Problein und mit der Tätigkeit des vom Völkerbund eingesetzten Kommissars James MacDonald beschäftigt und erst vor einigen Wochen (am 10. Oktober d. J.) auf das völlige Dehacle dieser Institution hingewiesen. Wir haben bei dieser Gelegenheit die Frage aufgeworfen, was weiter geschehen soll, und betont, daß es sich hier um ein Problem mit internationalen Aspekten handelt, bei dem freilich die Juden selbst durch entsehlossene und tatkräftige Maßnahmen sich als Herren ihres Schicksals erweisen müssen, bei dem es jedoch ohne Wohlwollen und Kooperation seitens der anderen Völker nicht abgehen kann. Seit der Verkündung der Nürnberger Gesetze ist die Angelegenheit noch dringlicher geworden. Ein großer Teil der Juden hat keine Aussicht, in Deutschland seine wirtschaftliche Existenz erhalten, geschweige denn eine neue gründen zu können. Obwohl weder die Nürnberger Gesetze, noch die ersten Ausfiihrungsver- Ordnungen in das wirtschaftliche Gebiet übergreifen, sind doch bei einzelnen Berufskategorien auch jetzt schon praktische Auswirkungen in wirtschaftlicher Hinsicht zu spüren. (Um nur ein Beispiel zu nennen, verweisen wir auf die vor einigen Tagen unter Bezugnahme auf die Nürnberger Gesetze erfolgte Ausschaltung der jüdischen Börsenmakler, die am 22. November sofort ihre Tätigkeit einstellen mußten.) Es bedarf für die in Deutschland Lebenden keines Beweises, daß das A u s w a n d e - rungsbediirfnis außerordentlich gestiegen ist. Alle jüdischen Auswanderungsstcllen sind von Ratsuchenden belagert. Auch in der ״Jüdischen Rundschau“ wird die Frage immer wieder angeschnitten, und wir erhielten erst in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Zuschritten, aus denen wir weiter unten einige Zitate wiedergeben. Häufig sind solche Zuschriften aus dem Publikum verbunden mit Angriffen gegen verschiedene jüdische Instanzen oder deren Beamte, aber wir glauben, daß dies nicht das Wesentliche trifft; denn diese Instanzen möchten gern helfen oder wenigstens Hilfe versprechen, stehen aber selbst vor einer eisernen Wand. Der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissar stellt in den nächsten Tagen offiziell seine Tätigkeit ein und fährt als Privatmann nach Amerika zurück. Am 28. November tritt jedoch in Genf eine vom Völkerbund eingesetzte Kommission zusammen, die sich mit dem Erbe des MacDonald-Kommissariats zu befassen hat. Der Kommission gehören kompetente Männer an; neben dem norwegischer! Antragsteller z. B. der Engländer Sir Horace Rumbold, der 1933 Botschafter in Berlin war und daher auch die deutsche Judenfrage kennen dürfte, oder der Tscheche Osusky, Botschafter in Paris und guter Kenner des Nationalitätenproblems. Die Kornmission hat, wie wir erfahren, die dem nunmehr aufgelösten Komitee angehörenden Organisationen, also auch die großen jüdischen Organisationen, zur Vorlage von Expertisen aufgefordert. Sie wird dem Völkerbundsrat int Januar 1936 einen Bericht erstatten, der dann wahrscheinlich seinerseits Maßnahmen zu ergreifen hätte. Die Art und Weise der Behandlung dieses Gegenstandes, ganz, abgesehen von dem schleppenden Gang der Beratungen, deuten jedoch auf einen fundamentalen Irrtum hin, der von deutschjüdischer Seite mit allem Nachdruck richtiggestellt werden muß: die Kommission in Genf meint anscheinend, es handle sich um die sogenannten ״Refugees“, die jetzt in Frankreich, Belgien, Holland und anderen Liindern sitzen. Aus den von uns schon früher veröffentlichten Berichten geht hervor, daß das Kommissariat die Zahl dieser Personen auf etwa 30 000 schätzt. Da die lokalen Unterstützungs-Komitees ihre Tätigkeit teilweise eingestellt haben, ist die Situation dieser Refugees fast unhaltbar, da sie nur begrenzte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse erhalten. Der Teil, der für Palästina geeignet war, hat von der jevish Agency Zertifikate erhalten, für die anderen versuchte James MacDonald vergeblich einen Ausweg zu finden, und die Genfer Kommission steht vor demselben verzwickten Problem. Aber wenn die Arbeiten der Kommission wirklich an das Problem selbst ernsthaft herangehen wollen, dann muß volle Klarheit darüber bestehen, daß außer diesen in anderen Ländern sitzenden Refugees in Deutschland selbst noch Zehntausende von Juden sitzen, die auf Aus- Wanderung angewiesen sind. Wir dürfen vermuten, daß auch die deutsche Regierung und die zuständigen deutschen Behörden cs vorzieheti, daß diese Auswanderung in geordneter und 0r־ ganisierter Form vor sich geht, und daß Störungen der Wirtschaft, Entstehung eines auf öffentliche Wohlfahrt angewiesenen Bevölkerungsteils und chaotisches Emigrantentum vermieden werden. Schon aus diesem Grund haben wir an dieser Stelle stets die Meinung vertreten, daß für die Ucbergangszcif gewisse Lebensbedingungen für die Juden vorhanden sein müssen, denn ״ein vernichtetes, zermürbtes und demoralisiertes Judentum ist auch zur Auswanderung nicht fähig“ Jüd. Rundschau“ 22. März 1933). Es gibt jedoch keine A u s w a n d c r u n g o h n e E i n w a 11 d e r u n g sland. Darum heißt das in Genf mit aller Klarheit und Dringlichkeit gestellte Problem: Schaffet Einwand e r u n g s 111 ö g 1 i c h k e i t e 11! * Es ist ein glücklicher Umstand, daß, wie wir hören, einer der Experten der Jcwish Agency vor dieser Völkcrbunds-Kommission Dr. Arthur R 11 p p i n sein wird, der soeben von einer Studienreise aus Südamerika zurückgckummen ist. Ruppin ist der Mann, der schon im August 1933 auf dem XVIII. Zionistenkongreß einen großzügigen Plan der Lösung der deutschen Judenfrage durch Auswanderung vorgclcgt hat. Nach dem von Ruppin damals aufgestellten Schema sollten 200 000 Juden aus Deutschland im Verlaufe von 5 bis 10 Jahren durch organisierte Auswanderung an andere Wohnplätze gebracht werden. Da an der Auswanderung die jüngere Generation überwiegend beteiligt wäre, würde schon durch den Sterbe- Überschuß die Zahl der Juden in Deutschland sich beträchtlich mehr vermindern als bloß 11m diese 200000. Von den Auswandernden, so meinte Ruppin, würde Pa- Iästina ein Viertel, ein Drittel, vielleicht sogar die Hälfte aiifnehmen können. Dazu sagte er: ,,Wir werden die Auswanderung nach Pa Iästina selbstverständlich nur denjenigen Juden erleichtern, die nach Palästina gehen wollen. Auswanderer, die glauben, daß für sie in anderen Ländern bessere Aussichten bestellen, sind selbstverständlich völlig frei, sich ein anderes Land zu wählen.“ (Wir zitieren diesen Satz aus dein Grunde, weil immer wieder voll jüdischer Seite mit dem törichten Argument gearbeitet wird., die Zionisten wünschten die gesamte Auswanderung nach Palästina zu lenken, wovon schon aus palästinensischen und zionistischen Gründen gar nicht die Rede sein kann.) Was die anderen Eiinvaiidcrtingsliinder betrifft, so sind wir gespannt, welche Eindrücke Ruppin aus Südamerika mitbringcn wird. In seinem Kongreßreferat von 1933 appellierte er in erster Linie an die Vereinigten Staaten, die noch 1921 119000 jüdische Einwanderer aufgenomnien haben, dagegen 1932 mir noch 6000. Bei der gewaltigen Zahl der jüdischen Bevölkerung Amerikas könnte — so meinte damals Ruppin — eine auf mehrere Jahre verteilte Einwanderung von einigen zehntausend deutschen Juden keine Unmöglichkeit sein. Weiter koinmen andere überseeische Staaten, besonders die n!it dünnbevölkerten oder menschenleeren Territorien, in Frage, und schließlich die anderen Mitgliedsstaaten des Völkerbundes, nachdem der Völkerbund sein Interesse für diese Sache bekundet hat. Von dem Ruppinsehen Program in ist aber in den seit dem XV111. Kongreß verga n g e n c n zwei Jahren lediglich der palästinensische Teil verwirk licht worden. Die Jcwish Agency, in deren Exekutive Ruppin saß, war direkt auch mir für diesen Teil verantwortlich. Per andere Teil lag auf den Schultern des schon erwähnten unglücklichen Kommissars. Werden die in dieser Woche beginnenden Beratungen uns einer Lösung näherbriiigen? Es ist jedenfalls zu fordern, daß alle jüdischen Organisationen, inshcsonJere die großen Hilfsverbäude und die mit Auswanderung, Kolonisation und ähnlichen Problemen befaßten jüdischen

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