Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-11-22 · Heft 94 (22.11.1935) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 94 (22.11.1935)
Date
1935-11-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653911--27746-2689198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 94, 22. NOVEMBER 1935 PALÄSTINA-BLATT den Wahlen in Tel- Von unserem palästinensischen gl.-Korrespondenten Der Kampf um das Wahlregister. Die Wahlen zur Stadtverwaltung in Tel-Awiw׳ sind schon zweimal verr.hoben worden. Zuerst sollten sie im Friihsommer stattfinden, dann, als die Wahlregister nicht mr Zeit fertig wurden, setzte man erst den Oktober und schließlich den Dez. einher als Wahltermin fest. (Inzwischen ist, gemäß tel. Meldung in Nr. 93 der ״J. R,“, der 15. Dezember als Wahltag bestimmt worden. — A. <T. Red.) Als die Wahlen im Friihsommer vorbereitet wurden, entstanden schwere Meinungsverschiedenheiten über die Wahlberechtig ung der verschiedenen Biirgerklasscn. Eine besondere Schwierigkeit bildeten die Untermieter, die als Steuerzahlcr und AVohmingsinhabcr nach der Ansicht der Mehrheit in der Stadt wahlberechtigt waren, jedoch von der Wahlkomtnission, unter dem Einfluß des jetzt in der Munizipalität herrschenden bürgerlichen Blocks, mit ihren Ansuchen massenhaft abgewiesen wurden. Die Arbeiterschaft begann den Kampf in ihrer Presse und wurde auch von allen progressiven Kreisen unterstützt. Die Zeitung der liberalen Mitte, der ״Haarcz“, hat in dem Kampf um ein ausgedehnteres Wahlrecht vielleicht noch schärfere Töne angeschlagen als das Arbeiter Matt, der ״Dawar“. Die Regierung wurde in den Konflikt hineingezogen, und die Wahlkommission mußte sich dazu verstehen, eine endlose Liste von Protesten zu prüfen und einer beträchtlichen Anzahl von Einwohnern der Stadt noch nachträglich das Wahlrecht zuzuerkennen. In dem Hin una Her des Konfliktes waren jedoch kostbare Wochen vergangen, cs begann heiß zu werden, der Auszug nach Luzern zum Kongreß stand unmittelbar bevor und die Ver- Schiebung der Wahlen kam ganz wie von selbst zustande. Sic kam der gegenwärtigen Leitung, in dem die Bürgerliehen unter der Leitung von Dizengoff und Rokach die Mehrheit haben, durchaus genehm, und es verging mehr als ein halbes Jahr, bis die Frage der Wahlen von neuem aktuell wurde. Diesesmal scheint cs jedoch ernst zu werden und man darf die Wahlen für Dezember als sicher ansehen. Freilich hat sich das Wahlrcgister bereits wieder als nicht mehr genau herausgestellt. In diesen sechs oder acht Monaten, die verstrichen sind, haben wieder eine Anzahl von Einwanderern, die schon länger in Tel-Awiw sitzen, das Recht erlangt, sich an den Wahlen zu beteiligen. Außerdem stimmt ein großer Teil des Adressenmaterials nicht mehr. (Wer zieht in Tcl-Awiw nicht lim?) Es sind also sehr viel mehr technische Schwierigkeiten zu überwinden, als das sonst bei Wahlen üblich ist, und cs wird nicht ganz einfach sein, allen zu ihrem Recht zu verhellen und alle die an die Urne zu bringen, die nun nach allen möglichen Fährnissen doch das Wahlrecht erlangt haben. Die wachsende Stadt, Eine starke Wahlbeteiligung und die Zusammenstellung eines Stadtrates, der so weit Wie möglich dem Willen der Bevölkerung entspricht, ist jedoch für Tel-Awiw eine Lebensfrage. Es handelt sich ja nicht um die Leitung einer ״normalen“ Stadt mit normalen Aufgaben, wo es nur darum geht, einen laufenden und eingeiautenen Apparat zu überwachen und ihm eine Richtung zu geben, die dem Gemeinwohl entspricht. Tc1־Aw׳iw ist heute nicht nur die größte Stadt Palästinas, sondern vor allem eine werdende Stadt, die pro Monat einen Zuzug von Tausenden zu verzeichnen hat. Wenn die Verwaltung, voft der Sicherheit in den Straßen angefangen bis zu der Müllabfuhr, der Straßenreinlgung, dem Steuerwesen, der Beleuchtung, der Drainage, dem Straßenbau bis zum Erzichungswesen richtig funktionieren soll, so muß sic dauernd den sich ändernden Bedingungen angepaßt werden. Fs handelt sich nicht so sehr darum, die bestehende Verwaltung zu erhalten, als von Monat zu Monat sie weiter auszu bauen. Dabei hat die Munizipalität nicht nur eine verwaltende, sondern in hohem Maße auch eine kulturelie und soziale Funktion. Ein dauernder Ausbau des S c h u 1 w׳ es e n s ist eine Notwendigkeit. Und ohne besondere Berücksichtigung der wachsenden armen Bevölkerung in der Stadt, die sich sowohl aus den orientalischen Judengemeinden als auch aus europäischen Elementen rekrutiert, ist eine gesunde Entwicklung Tel-Awiws schwer gefährdet. Es bestehen bereits heute Slums in der Stadt, die sowohl erzieherisch als sanitär eine schwere Gefahr bilden. Diese werden ohne vergrößerte sanitäre Ueberwachung, kühne Wohnungspolitik und ein entsprechendes Erziehungswcsen schnell wachsen und damit sich zu einem Uebel gestalten, das, erst einmal eingewurzelt, schwer auszurotten sein wird. Die Wahlen zur Munizipalität sind also kein politisches Ereignis im abstrakten Sinne. Es gilt, die Menschen zu wählen, die am stärksten von der Verantwortung für die sich bildende Stadt durchdrungen sind und zugleich die administrativen Fähigkeiten und die Energie besitzen, die notwendigen Maßnahmen in die Tat umziisct/en. Die Einwandererinteressen. An keiner Stelle Palästinas hat sich die Einwanderung der letzten Jahre in einem so hohen Maße konzentriert wie in Tcl-Awiw. Hier ist im vollen Sinne des Wortes eine Immigration sstadt entstanden. in denen die neuen Einwanderer dem Ort ihr Gepräge geben und in dem sie ihre speziellen Interessen haben. Ihre wirtschaftliche Unterbringung, die Schaffung einer Existenz, die Sicherung eines Arbeitsplatzes, die kulturelle Verschmelzung mit dem früheren Jiscliuvv, das sind heute bei einem sehr viel größeren Prozentsatz der Einwohnerschaft als je früher cl 1 e Zentralproblemc. Einen je größeren Anteil die neuen Einwanderer am Leben der Stadt haben, desto stärker muß sich die Oeffentlichkeit mit ihren Spezialfragen beschäftigen und ihnen Rechnung tragen. Um nur zwei wichtige Punkte lierauszugreifcn: jeder Einwanderer, welcher Kategorie er auch immer angehört, steht in der ersten Zeit nach der Ankunft in Tel-Awiw vor der Aufgäbe, eine seinen Mitteln entsprechende Wohnung zu finden und seine Kinder möglichst rasch in einer Schule unterzubringeu. Beides ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Daß daneben noch viele andere Probleme bestehen, denen der Neueinwanderer täglich begegnet, verstellt sich von seihst. Und es ist heute die Zeit gekommen, wo die Einwanderer innerhalb der Stadt Tel-Awiw und ihrer Verwaltung für die Wahrnehmung ihrer Interessen sorgen müssen. Das ist nicht einfach, denn der neue Einwanderer ist naturgemäß in den ersten Jahren politisch unsicher und meist schon aus Snrachunkcnntnis — in der Oeffentlichkeit stumm. Aber es beginnt sich doch in den verschiedenen Kreisen der Einwanderer der Wille zu regen, sich aktiv Ui r die Wahrung ihre» speziellen Interessen einzusetzen, wenn auch nicht immer durch einen aus ihren Keihen, so doch durch einen ״alten Palästinenser“, der die fragen kennt und speziell für die Unterbringung der neuen Einwanderer besonderes Verständnis und Interesse hat. Es macht sich auch in der letzten Zeit unter den verschiedenen Awiw Unruhen in Haifa Araber stürmen die Polizeistation Haifa, 21. November (JTA.) Die Meinung palästinensischer Zeitungen, daß der vor einigen Tagen am Fuße des Berges Gilboa von Unbekannten ermordete jüdische Polizist Mosche Rosenfeld das Opfer einer organisierten Terrorbande geworden ist, die ihren Hauptsitz ln Haifa hat, erfuhr eine traurige Bestätigung durch einen ernsten Aufruhr, zu dem es in H a i f a gekommen ist, nachdem die Polizei in den arabischen Dörfern in der Umgebung der Mordsteile Nachforschungen nach den Tätern angestellt hatte. Zwischen der Polizei und der Bande, die offenbar auch Rosenfeld getötet hat, entwickelte sich beim Berge Gilboa ein regelrechter Kampf, in dem ein englischer Polizist und fünf Araber getötet wurden. Anläßlich der heutigen Beerdigung von drei gestern gefallenen Arabern überfiel eine etwa tausendköpfige Menge, die an der Beisetzung teilgenommen hatte, die Hauptstation der Polizei in Haifa, zertrümmerte sämtliche Fenster und verwundete mchrere Polizisten, zwei davon schwer. Einige Zeit darauf erfolgte ein zweiter Angriff auf die Polizei an der Eisenbahnstation. Einwanderungsgruppen eine Bewegung bemerkbar, bei den Wahlen zur Stadtverwaltung mit besonderen Listen aufzutreten. In einem solchen Schritt liegt keine grundlegende Neuerung. Bei den Stadtratswahlen sind neben den Parteien immer eine Reihe von Körperschaften aufgetreten, die mit den Interessen einzelner Berufsgruppen verbunden waren. Ls gibt Listen der Handwerker, der kleinen Kauffeilte, der Jemeniten und andere mehr, die neben den politischen Parteien für ihre speziellen Ziele kämpfen. Diesmal wird vermutlich auch eine Mieterpartei auftreten, die bei der Aktualität des Wohnungsproblems darauf hoffen darf, eine angemessene Stimmciizahl zu konzentrieren. Die Einwanderer aus Deutschland. Unter den Immigranten aus den verschiedenen Herkunftsländern nehmen die Einwanderer aus Deutschland eine wichtige und besondere Stellung ein. Es sind heute viele Tausende von J11den aus Deutschland in Tcl-Awiw׳ konzentriert. Sie haben in vielen Arbeitsgebieten bahnbrechend gewirkt und sind in starkem Maße an der Modernisierung der Stadt beteiligt. L)ie aus Deutschland kommenden haben wiederum — aus den bekannten Gründen der Sprache und der Unkenntnis der Landosverhüitnisse — einen besonders schweren Stand beim Endchen und bei der Gründung neuer Existenzen und Lebensformen. Vielfach wird auch — una zu einem Teil mit Recht — darüber geklagt, daß die leitenden Körperschaften, ganz gleich, weiche Funktionen sie ausiibeii und wie sie politisch gerichtet sind, mit U11 ״ Verständnis und auch mit Ablehnung den Bediirfnissen der Einwanderer aus Deutschland, ihren Sorgen und Interessen gegenüberstehen. Dabei ist es nicht zu leugnen, daß die Interessen der Einwanderer aus Deutschland ebenso legitim sind, wie die der anderen Immigranten, und auch sic haben ein Interesse daran, in der Atuni/ipalität von Tel-Awiw, einer der wichtigsten jüdischen Verwaltungsstellen, Vertreter zu haben, bei denen sie Gehör finden und an die sie sich in wichtigen Fragen wenden könnet!. Auch finden sich unter den Einwanderern aus Deutschland Persönlichkeiten, die bedeutende Erfahrungen im Verwaltu 11 gsdienst besitzen und fähig sind, bei dem Aufbau einer modernen Stadtleitung wichtige Dienste zu tun. Eine Heranziehung des neuen Einwandererelements aus Deutschland scheint daher auch im Gesamtinteresse der Stadt zu liegen. Baron Rothschild wird in Palästina begraben Am 18. d. M. fand in Paris eine Gedächtnisfeier anläßlieh der ersten Jahrzeit für Baron Edmund Rothschild statt. Außer den Vertretern der verschiedenen jüdischen Organisationen nahmen auch zahlreiche führende Franzosen <־<n der Veranstaltung teil. Baron Maurice de Rothschild teilte mit, daß sowohl sein Vater als auch seine .Mutter ietztwillig verfügt haben, daß sie in Palästina begraben sein wollen. Die sterblichen Ueberreste der beiden werden daher in kurzer Zeit nach Palästina überführt werden, und zwar in der Privatjacht, in der de» Baron mehrmals Palästina besucht hat. Auch in Palästina haben aus Anlaß der Jahrzeit Gedenkfeiern stattgefunden. Von der Woche Am 18. November wurden die Sanktionen Palästi« nas gegen Italien in Kraft gesetzt. Eine Abordnung unter der Führung des Vorsitzenden des Verbandes jüdischer Landwirte, Mosche Smllanski, hat bei Bürgermeister Dizengof f Vorgesprächen, um ihn zu bewegen, bei den bevorstehenden Tcl-Awiwcr Wahlen wieder zu kandidieren. Man erwartet, daß Bürgermeister Dizengoff auf Grund dieser Intervention seinen Entschluß, vom Amt zurückzutreten, noch ändern wird. Gegenwärtig befinden sich zwölf jüdische illegale Einwar.derer iin Hungerstreik, weil sie trotz Verbüßung der Strafe aus dem Gefängnis nicht entlassen wurden. Acht von ihnen können deshalb nicht freigclassen werden, weil sich bisher niemand gefunden hat, der für sie die vorgeschriebene Bürgschaft hinterlegt. Drei Juden aus Deutschland, die keine Einwanderungszcrtifikate hallen, sprangen vor der Landung des Schiffes ins Wasser und schwammen vier Stunden lang an die Küste• bei Akko. Dort irrten sie drei Tage umher, bis sie von der Polizei angehalten und ins Gefängnis eingeliefert wurden. Die palästinensische Polizei hat eine Belohnung von 200 Pfund für die Ergreifung der Mörder des Polizisten Roscnfcld ausgesetzt. St. John Philbv, der bekannte Arabist, der sich vor Jahren auch um die jüdisch-arabische Verständigung bemühte, hielt sich auf seiner Reise nach lisch q,dda (in Saudi-Arabien) einige Tage in Jerusalem auf. Professor N e u b c r g, der berühmte Chemiker (früher Berlin), ist in R e c h o vv o t h eingetroffen, wo er auf Einladung Dr. W e i z m a n n s mehrere Vorlesungen am Daniel- Sieff-lnstitut halten wird. In Bethlehem wurde in den letzten Tagen eine neue (die sechste) arabische Partei gegründet, an deren Spitze einige christliche Araber stehen. Die Partei hat sich, wie sie selbst erklärt, die Aufgabe gestellt, mit gesetzliehen Mitteln die politische Selbständigkeit der Araber Palästinas zu entwickeln. Der Waad Leumi hat eine Kommission mit dem Auftrag eingesetzt, einen Plan für eine Ehrung von Miß Szold durch den Jischmv anläßlich ihres 75. Geburtstages auszuarbeiten. Es ist beabsichtigt, einen Fonds für Kinder-Alijah und die Ansiedlung von Jugendlichen in Palästina auf den Namen von Miß Szold zu schaffen. Die Mittel des Fonds sollen für die Ucbcrfiihrung von Kindern und Jugendlichen aus allen Ländern der Galuth nach Ercz Israel verwendet werden. Demnächst trifft in Palästina der englische Ingenieur Backtown zum Zweck von Verhandlungen mit der Palästina-Regicning über die Erweiterung d es H a f e n s von Haifa ein. Für die Durchführung des ersten Arbeitsab- Schnittes sind 100(XX) Pfund erforderlich. Die Verwirklichung der gesamten Erweiterungspiäne wird jedoch die Bereitstcilung weit größerer Mittel notwendig machen. Auf Initiative der Haifaer Histadruth wurde dort eine Gruppe von 50 Arbeitern, bestehend aus Mitgliedern des Kibbuz ha’Mcuchad, organisiert, die iin Haifaer Hafen als Lastträger arbeiten werden. Neben dieser Gruppe haben in den letzten Wochen im Haifaer I taten weitere 30 jüdische Cin/elarbeiter als Träger zu arbeiten begonnen. Gefallenengedenkfeier in Jerusalem z1m Waffenstiilstandstag (11. Xavember) wurde in Jerusalem eine Feier für die Gefallenen des Weltkrieges abgehalten, an der auch der Stellvertretern!(' High Conmnssioner teilnahm. I)ie jüdischenglischen Kriegsteilnehmer konnten hei dieser Gelegenheit zum ersten Male mit der Fahne der British Legion ausrücJien. Das Bild links zeigt die Anfahrt zum Soldaten ■Friedhof. Am Horizont das Gebäude der Jüdischen Xationalbibliothek auf dein Skofms. —• Hechts: Verschiedene jüdische und arabische Besucher vor dem jüdischen Ehrenmal für die im Weltkrieg Gefallenen. Foto•; Ali«• Hott, Jeruialem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.