Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 94 (22.11.1935)
- Date
- 1935-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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2S11.1335 Hr. 94 / Jahrgang 40 Prel« 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU SchriftlnitimK,Verlag a. Anzttlgeavemralttingi BerUnWH, Ualaekeetr. 10 Farnrul: Simmpl-Nr. fl Bismarck 3181/82, T165/7®» 7240/42. — Bezugspreis einschL Feetellgeld je Monat RM 2,-, je VierteljaKr RM 5,75, bei Abholung HM 138 brw. RM 5,39. — Poetsdbeck - Konten der VWtrieb« * Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 173 92 (für das übrig« Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch •ul Nachjielertmg ,oder Erstattung etwa schon gezahlter Bemgsgebühren. — Erscheint jaden Dienstag loi Freitag. BERLIN כ״ו מרחשון חרצ״ו FREITAG, 22. NOVEMBER 1935 Gttltigi Aaxeigenpraistista N«, 4• Die 12 gespalteme mm- Zeile 20 Rpf. Kii Famtliennachrichten 15 Rpf. Auftiihme von Anzeigen an bestimmten Tagen ende» Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit» anzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck ־ Konto Berlin 71618 oder bas Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 LThr. Annahreesdhluß Hai die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Aus« gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Faonilienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12U1urj Der Zionismus erstrebt «Qr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich . rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Die Judenfrage für den Juden Jüdische Bemerkungen zu einem nicht jüdischen Juden •Buch Viele Juden, die früher die Judenfrage nicht sehen wollten, haben in den letzten Jahren reichlich Gelegenheit gehabt, über sie nachzudenken. Sie müssen vor allem erkannt haben, daß eine Wendung, durch die in dieser Weise, wie wir es erleben, die Judenfrage in Deutschland zu einem zentralen Punkt des gesamten öffentlichen und privaten Volkslebens geworden ist, nicht plötzlich aus dem Nichts geboren sein kann. Die Vorstellung, daß erst ini Jahre 1933 die Judenfrage entstanden sei, kann man tatsächlich auch heute noch bei manchen Juden vorfinden; lebten sie doch bis 1933 in einer abgeschlossenen Welt, in der die sclbstgeschaffenen Fiktionen für Wahrheit gehalten und die wirkliche Haltung des deutschen Volkes ignoriert wurde. Es handelt sich hier nicht um die Frage, ob die Mehrheit des deutschen Volkes auch früher schon so zu den Juden stand wie es der heutigen offiziellen Politik entspricht, sondern darum, ob die psychologische Voraussetzung dazu da war, ob also die Existenz der Juden überhaupt als Problem empfunden wurde; und dies war instinktiv zweifellos der Fall. Nur die Juden wollten es nicht bemerken oder nicht nach Gebühr cinschätzen. So kommt es, daß nur ein kleiner Teil der Juden schon seit Jahrzehnten die Judenfrage studiert. Wir haben kein jüdisches zentrales ,,Institut zum Studium der Judenfrage“, aber jedes zionistische Seminar eines Studentenvcreiiis war ein solches im kleinen, und die Schriften der zionistischen Klassiker sind — für Juden und Nichtjuden bestimmte — erleuchtende Darlegungen der Judenfrage in all ihren Verzweigungen, Tiefen und Abgründen. Diese jüdische Betrachtungsweise war weit entfernt von Apologetik, sie wollte nichts schönfärben, sondern die Wahrheit erkennen, denn sie empfand die Krise der jüdischen Existenz und wußte, daß nur durch rücksichtslose Erkenntnis der Wahrheit die Voraussetzung für das geschaffen werden konnte, was der Zionismus erstrebte: Die um gestaltende Tat. So kam es, daß wir schon seit 30 Jahren geradezu zw׳ei Kategorien von Juden vor uns haben, die sich voneinander tiefer unterscheiden als alle anderen etwaigen jüdischen Gruppierungen, die man gemeiniglich kennt, z. B. Liberale und Orthodoxe, Ostjuden und Westjudeti und wie die Unterscheidungen sonst lauten mögen; nämlich die Juden, die die Judenfrage erkannt (und dann auch ״studiert“) haben und die, welche die Judenfrage überhaupt nicht sehen und erklären, es gebe sie gar nicht. Diese zwei Kategorien von Juden fanden in der Vergangenheit oft keine gemeinsame Sprache mehr; sie verstanden einander nicht. In dieser Hinsicht hat sich seit 1933 etwas geändert; eine große Zahl von früher naiven Verneinern der Judenfrage begreift heute, daß es um etwas Zentrales, Lebenswichtiges geht. Aber es ist nicht leicht, sich in diesem Punkt geistig völlig umzustellen, weil ja das eigene Leben die Mensehen formt und weil die Juden, die 30 Jahre ganz fern von all den Dingen gelebt haben, nur mit einer Anstrengung, deren nicht alle ohne weiteres fähig sind, das Versäumte nachholen können. Auch heute noch sehen viele Juden die Dinge in einer falschen Perspektive. Denn Not und Bedrängnis können zwar seelische Erschütterungen schaffen, die den Boden für neue Erkenntnisse bilden, bei manchen aber sind sie schlechte Berater; eine Verbitterung, die oft mit dem persönlichen Schicksal zusammenhängt, verführt dazu, alle Probleme nur unter dem Gesichtspunkt eines persönlich erlittenen Unrechts zu sehen. Die Kraßheit der antisemitischen Propaganda, oft enthalten in Schaukästen an öffentlichen Plätzen und Straßenecken, an denen wir vorübergehen, macht es gewifl für uns schwer, das wirkliche Problem zu entdecken; aber wir werden auch nicht weiterkommen, wenn wir uns nun darüber einfach hihwegsetzen und im Grunde' bei den früheren Anschauungen über die Stellung des Juden in der Umwelt verharren. Nicht der Inhalt, aber die Tatsache dieses Antisemitismus muß uns, auch wo wir fassungslos sind, zu tieferem Denken anregen. Denn wo zwischen Menschen so verfahren werden kann, muß schon ein Abgrund klaffen, eine seelische Spannung, die ernst genommen werden muß. Wir müßten längst ein ״Institut zum Studium der Judenfrage“ haben, sogar ein zentrales für alle Länder; denn es ist unsere Sache. Nostra res agitur. Wenn nun von nicht jüdischer Seite ein solches Institut gegründet wurde, sind wir begierig, zu hören, was es zutage fördert Denn wir wissen, dal! von nichtjüdischer Seite wissenschaftliche Arbeiten, die auch von unserem Standpunkt als sehr wertvoll betrachtet werden, zu diesem Thema beigetragen worden sind. Die Judenfrage ist ja auch nach unserer Meinung kein ausschließlich jüdisches Problem, sondern geht alle Völker an, unter denen Juden wohnen. Darum hat Theodor HerzI (von den meisten Westjuden freilich verkannt und zurückgewiesen) das Prinzip der öffentlichen Dislussion der Jndenfrage aufgestellt und sogar von den anderen Völkern ein aktives Interesse, eine wohlwollende Mitwirkung bei den jüdischen Versuchen einer Lösung und Umgestaltung der Judenfrage gefordert. Wie die nichtjüdische Welt die Juden sieht — auch das ist ja ein Teil der Judenfrage. Ire Deutschland wurde schon vor 25 Jahren der Versuch einer offenen Ausspräche gemacht. Wir erinnern an die berühmte Debatte im ״Kunstwart“ (1912), deren Einlcitungsartikel von Moritz Goldstein auch heute noch von antisemitischet Seite zitiert wird (das hier besprochene Buch nennt ihn die ״Verzweiflung eines ehrlichen Juden in dieser tragischen Lage“); damals hat auch der Herausgeber der Zeitschrift, Ferdinand Avenarius, einen sehr beachtlichen Beitrag zur Aussprache beigesteuert, und er wurde dann von den ״Tageblattjuden“ als ״Antiseinii“ bekämpft. Man lese den im ersten Dezemberheft 1912 (!) veröffentlichten ״Offenen Brief an den Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ von Avenarius, ein Dokument, das aufschlußreicher auch für die heutige Entwicklung ist als vieles, was heute gedruckt wird, In der Kontroverse zwischen dem ״Antisemiten“ Avenarius und dem ״Verein zur Abwehr des Antisernitismus“ waren die zionistischen Juden (״glücklicherweise nur ein sehr kleines Häuflein“, schreibt der Abwehrverein) auf der Seite von Avenarius; wie er wußten auch sie, daß nur offene Aussprache und Erkenntnis des Seienden das Verhängnis in letzter Stunde abwenden könnte. Avenarius schrieb in diesem denkwiird i ge 11 Dokument: ״Nach dieser ganzen Aussprache ist für mich Nichtjuden das Allererfreu!ich st e, daß wir uns in dem dringenden Wunsch zur rücksichtslosen Entschleierung der Verhältnisse und damit für die praktische Arbeit an der Besserung dieser Verhältnisse auf lange hinaus mit den ihres Volkstum: bewußten Juden voll kommen einig finden. Genau so bitter wie wir beklagen s i e sich darüber, daß ihr Fühlen, Denken, Arbeiten von ,Tageblattjuden‘, wie Ormsby - Gore Kolonieximinister? Reuter teilt mit: An zuständigen Stellen wird angenommen, dab Ministerpräsident Baldwin bestrebt sein werde, für Ratnsay MacDonald angesichts seiner langen Zugehörigkeit zur nationalen Regierung einen Sitz im Parlament zu finden. MacDonalds Sohn Malcolm, der bisher Kolonialminister war, wird gezwungen sein, auf sein Amt zu verzichten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der gegenwärtige Minister für öffentliche Arbeiten, Ormsby-Gore, das Amt Malcolm MacDonalds übernehmen wird. (Ormsby-Gore war bereits in einer mehrjährigen Periode Untevstaatssekretlr für di« Kolonien im britischen Kabinett. Er gehörte schon der ״Zionist Commission“ 1918 als Verbindungsoffizier an und ist ein warmer Freund des Zionumus, dessen praktische und moralische Bedeutung er In mehreren Reden, auch im Unterhaus, feierte. — Red.) sie sie nennen, unterdrückt werde. Mit welchem Reell hält der Verein zur Abwehr des Antisernitisraus die Meinungen ihres Volkstums bewu fi - ter Juden für gleichgültig? Unterscheiden _ Sie zwischen zu schützenden und nicht zu schützenden Semiten, oder steht in Ihren Satzungen, daß die Semiten keine sind, die sich ihres Semiterituins bewußt sind■'•‘ (Sperrungen itn Original. — A. d. R.) Die ״rücksichtslose Entschleierun g“, von der Avenarius spricht, tmd die auch wir wünschten, ist — wenigstens für das Bewußtsein der großen Oeffentlichkeit . nicht erfolgt Und heule ist gewiß eine Aussprache, wie sie damals angestrebt wurde, weit schwieriger geworden, weil die Juden frage bereits ein Objekt der Leidenschaften und der Lebensnot geworden ist. Aber wir meinen, daß ein Bezirk solcher Ausspräche zurückerobert werden müßte. Denn ernsten Betrachtern der Judenfrage geht es — heute freilich nur retrospektiv, denn die praktische Aktualität ist durch die Macht der Tatsachen beseitigt worden — um dieselben Dinge wie damals. Und wenn das Buch ״Die Juden in Deutschland“ (herausgegeben vom Institut zum Studium, der Judenfrage, Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf. München; ein Verfasser wird nicht genannt) sich an vielen Stellen auf jüdische Quellen (z. B. das vom Jüdischen Verlag herausgegebene ״Jüdische Lexikon“) stützt und auch jüdische Autoren (Buber, Theilhaber, Krojanker) zustinimend zitiert, so ist das ein Anzeichen dafür, daß eine ״Aussprache“ (im Sinn« von Avenarius) möglich wäre und förderlich sein könnte. Der Gegenstand, über den rückhaltlos zu sprechen wäre, ist klar. Das Buch formuliert ihn (ähnlich wie Hans F. K. Günther in seiner ״Rassenkunde des jüdischen Volkes“) wohl vom deutschen Standpunkt riehtig, wenn es, nach einem Hinweis auf die wirtschaftliche Entwicklung der Juden in den Großstädten, sagt (S. 16/17): ״Aber diese ganzere wirtschaftlichen Dinge machen nicht den Kern der Judenfrage aus, auch wenn es noch so beliebt ist, Neidinstinkte als die Triebfeder des Antisemitismus in Deutschland hinzustellen. Der Kern der Judenfrage in Deutschland ist und bleibt der, daß ein fremder Geist seit der Emanzipation in alle Poren unseres Volkslebens eindrang...“ Eine jüdische Auseinandersetzung mit diesem Buche, die nicht nach den Piiiizipien eines ״Vereins zur Ahwehr“, sondern mit dein Wunsch nach ,.rücksichtsloser Entschleierung“ ־-- freilich auch mit dem Wunsche einer Heilung der tausend blutenden Wunden, die durch die Jndenfrage entstanden —- geführt würde, wäre vielleicht auch der Gegenseite willkommen. Wir wissen es nicht, denn heute gibt es keine Plattform für eine solche Aussprache, keine gegenseitige Kommunikation. Wir können heute nur zu Juden sprechen, und nur für uns selbst können wir Folgerungen ziehen. Aber das ist für uns auch das Wichtigste. Es kommt ja in erster Reihe darauf an, daß der Jude die Judenfrage versteht und ernst nimmt. * Erster Gedanke eines Juden bei der Lektüre dieses Buches: Werden die Juden, die es lesen, nun wenigstens glauben, daß es eine Judenfrage gibt und — .- gab? Welche Tragik für uns liegt darin, daß so ein Buch erscheinen konnte, ja daß vielleicht erst dadurch viele Juden die Judenfrage erkennen! Und wir Juden hätten ja fürwahr noch anderes zu sagen. Wir würden nicht weniger wahrheitsgetreu, aber liebevoller an die Sache herangelien; denn wir lieben dieses Volk, trotz all seiner Mängel und Sunden, und wir suchen es auch! dort, wo es liebenswert ist: naiv und gottergehen, nach höchster Erkenntnis und Sittlichkeit strebend. Auch das gehört zum Bild des Judentums. Aber auch das andere! Wir können — von unserem Standpunkt — z:11 dem Buch des ״Instituts“ nur sagen: Es gibt einen