Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 93 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALASTINA-BLATT NR. 93, 19 NOVEMBER 1935 Universität Die neue Aera der Die Eröffnung des Schuljahres Jerusalem, 12. November Seit dem Bestehen der 11 ehräischen Universität stellt die Eröffnung des Schuljahres int Herbst einen feierlichen Akt dar, der weit über die Kreise der Universität hinaus von der ganzen Bevölkerung beachtet wird. Die programmalische Hede, mit welcher der Kanzler der Universität diese heier zu eröffnen pflegte, zog nicht nur die Summe des während des letzten Jahres von der Universität Erreichten und des für das neue Jahr r 11 Erstrebenden, sondern versuchte immer wieder darüber hinaus ein Wort zur geistigen Lage des J i s c 11 u und der Universität innerhalb des Jisclimv zu sagen. In allgemeiner Erinnerung ist noch die große politische Rede, welcher Dr. Magnes im Herbst 1929 nach den Unruhen bei Gelegenheit der Eröffnung des Schuljahres hielt, eine Rede, welche damals durch Monate hindurch Gegenstand heftigster Erörterung wurde. Die diesmalige Eröffnung des Schuljahres, welche am 11. November auf der Universität statt fand, hatte eine besondere Bedeutung deswegen, weil sie nach den Beschtüssen des Universitäts-Kuratoriums vom letzten Sommer den Beginn einer neuen Epoche in der Universitätsführ u n g markiert. Die Beschlüsse der Konferenz von Luzern, über welche seinerzeit an dieser Stelle berichtet wurde, liefen im wesentlichen darauf hinaus, daß dem rapiden Wachstum der Universität und der Vervielfältigung ihrer Aufgaben dadurch Rechnung getragen werden müßte, daß der Arbeitskreis, der bisher Sache des Kanzlers 1 vor, auf drei Personen übertragen wurde: Die Repräsentation der Universität nach außen ist Sache des Präsidenten Salmann Schockens Ansprache ״Verbindung dar Universität mit dem Leben dee Landes“ Wenn ich beim Antritt meiner Arbeit für die Hebräische Universität die Gelegenheit wahriiehmc, in wenigen Worten zu sprec' so möchte ich darauf verzichten, auf sachliche und eigentliche Gegenstände cinztigchen, sondern einige Gedanken darkgen, die aus der Weite kommen. Der Jude lebt jetzt allenthalben in der Welt angefochten. Es gibt überall umhergetriehene Juden, jüdische Wissenschaftler und jüdische Jugend, und es gibt eine Hebräische Universität in Jerusalem. Die einzige Anstalt, die das jüdische Volk aufzubauen im Begriffe ist, in ,der sein Wesen darfelegt, in der seine Vergangenheit und Gegenwart erforscht, in der seine ־ Wissenschaft gelehrt werden soll. Die einzige Anstalt, in der die Wissenschaft vom Judentum eingebettet wird irr ein System der Geisteswissenschaffen, in der jüdische Naturforscher, in einer jüdisehen Anstalt stehend, ihre Arbeit feisten, — die Anstalt, an die wir die Hoffnung knüpfen, daß in ihr in der Zukunft die Arbeit Fortsetzung finden wird, die in den letzten 100 Jahren in den Anstalten der Nationen durch jüdische Natur- Wissenschaftler im Aufbau der modernen Naturwissenschaft geleistet worden ist. Es liegt im Wesen dieser Anstalt, daß sie nicht jetzt nach den -wenigen Jahren ihrer Existenz charakterisiert werden kann durch einen Bericht über das, was schon da ist, sondern durch einen Blick auf die Notwendigkeiten und Möglichkeiten ihrer Entwicklung. Wir wissen, daß ein sorgsam ausgebauter Plan für sie nötig ist, wir wissen aber auch, daß die vorgefaßten Planungen immer nur Rahmen sind, in denen — wenn es glückhaft zugeht — an einzelnen Stellen schöpferische Ansatzpunkte, Kernzellen entstehen, durch deren Ausstrahlungen das Ganze seinen Wert bekommt. Wir hoffen, daß hier entstehen wird eine innere und eine äußere Form als Basis für unsere kommende Kultur. Wir hoffen, daß unsere Anstalt eine große Aufgabe leisten wird, indem sie Rat und Hilfe und vielfach die wichtigsten Voraussetzungen für den Aufbau des Landes schaffen wird. Zugleich soll erzogen werden ein neues Geschlecht von Menschen, die hier nicht nur ihre wissenschaftliche Ausbildung erlangen sollen, sondern auch in den entscheidenden Jahren der jugendlichen Entwicklung herangcbildct werden sollen, nicht nur geführt durch das wissenschaftliche Können und Wollen der Lehrer, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit den Persönlichkeiten, die ihnen Meister im Leben sein sollen. Verlassen wir diese Ausblicke und wenden lins dem gegenwärtigen Bestände zu, dann sehen. wir die Schwierigkeiten, die notwendigerweise verbunden sind mit der Leitung eines so vielfältigen Institutes, wo nebeneinander, fachwcisc gegliedert, Spezialarbeit geleistet wird, bei der durch das Nebeneinander schon Schwierigkeiten erwachsen können, durch die besondere Liebe, die der einzelne für seine Arbeitsweise aufwendet, — eine Schwierigkeit, in der ein Mann dieses Institut geleitet hat, zehn Jahre lang von der Gründung an bis jetzt, von innen und von außen, und der mit allen Vorgängen und Tatbeständen aufs innigste verknüpft ist. Geht man durch die Weltgeschichte, so findet man neben den seltenen Fällen, in denen eine Entwicklung durch die Generationen klar übersichtlich sich fortsetzt in einem einheitlichen Aufbau, in der Regel, daß das kommenwerdende Große nicht gesehen wird, daß es eine bestrittene und verachtete Existenz geführt hat lange Zeiten hindurch bis zu einem Ar;jvnblick, in dem es plötzlich anerkannt dasteht; und wer kann sagen, welche Keime neben den bekannten Kräften und Arbeitszellen vorhanden sind und aufkommen, der Universität fdiese Aufgabe fällt dem bisherigen Kanzler, Dr. Magnes, zu), die Verantwortung für die Administration ist Aufgabe des Vorsitzenden des Exekutive - Komitees, Herrn Salmann Schocken, die Leitung der Lehrtätigkeit, der Forschungsarbeit innerhalb der Universität ist Koche des aus dem Senate frei gewählten Rektors. Als solcher wurde für das laufende Schuljahr Dr. Hugo Bergmann gewählt. Die in Luzern beschlossene Neuordnung sieht ferner vor, daß Dr. Chai m IV e iz ■ mann zum Dekan der in Bildung begriffenen nalurwissenschaftlichen Fakultät bestellt wird. Dr. Weizmann hat es übernommen, diese Fakultät, deren Kern die bereits bestehenden biologischen Kurse bilden, zu einer vollständigen Fakultät auszubauen. Die Eröffnungsfeier gab den leitenden Persönlichkeiten der Universität Gelegenheit, ihr Programm zu entwickeln und dem Präsidenten, zugleich die Möglichkeit, das bisher Geleistete zusammenzufassen. Das Wesentliche aus der Rede von Dr. Magnes haben wir bereits in der vorigen Nummer (auf Grund des telegraphischen Berichtes) wiedergegeben. Zum Schluß seiner Rede sprach Dr. Magnes von der Not- Wendigkeit, der Hebräischen Universität eine jüdische Akademie anzugliedern, welche die jüdischen Gelehrten und vielleicht auch die jüdischen Künstler in der ganzen Well vereinigen und ihrer gefährlichen Isolierung entgegenarbeiten würde, — Die Reden des Vorsitzenden des Exekutiv- Komitees, Herrn Salmann Schocken, und des neuen Rektors, Prof. Bergmann, geben wir hier wieder. Die Feier, die durch ein Quartett (unter der Leitung von Emil Hauser) eingclcitet wurde, schloß mit dem Absingen der llatikwah. im besonderen, wenn man von einer Anstalt spricht, in deren Wesen es liegt, stets hoffnungsvolle Jugend um sich zu sehen. Unter diesen Perspektiven s-ehe ich die Aufgabe der Verwaltung unserer Anstalt; Der von außen Kommende kann seine Erfahrung, die er sich im praktischen Leben und in einer vielfältigen Uebersicht über Berufe, Welterlebnissc, Mensehenerfahrungen an- Prof. Dr. Hugo Bergmann: Das Vertrauen der Mitglieder des Senats hat mir die hohe Ehre erwiesen, mich iuttversten Rektor der Hebräischen Universität zu wählen. Indem ich hiermit dieses Amt übernehme, sei mein erstes Wort ein Wort des Dankes an den Präsidenten der Universität Dr. Magnes. Dieser Dank ist nicht eine formale Pflicht. Bande inniger Freundschaft verbinden mich mit dem bisherigen Kanzler und jetzigen Präsidenten der Universität von dem Tage an, wo er seine Arbeit begonnen hat. Ich konnte aus nächster Nähe sehen, mit welcher f lingahe und Treue er die Universität geführt hat. Sein Weg war ein dorniger Weg, aber wenn die Universität heute ihren Rektor frei wählt und l>r. Magnes in bezug auf einen Teil seiner Pflichten den Segensspruch. sprechen kann: ,,Gelobt sei, der mich von der Verantwortung hierfür befreit hat“, so ist das zum großen Teil sein Werk. Die neue Epoche, in die wir hiermit eintreten, bedeutet einen wichtigen Abschnitt im Leben der Universität, und ich möchte sagen, im Leben des Jischuw. Denn dies ist der Weg des Jischuw in seiner ganzen Geschichte. Jedes große Werk beginnt und muß beginnen mit einer Vormund- Schaft von außen her, bis es die innere Reife bekommt, um sich selbst verwalten zu können. Pie freie Wahl eines Rektors bedeutet den ersten Schritt auf dein Wege einer Mündiggeeignet hat, in den Dienst dieser Anstalt stellen. Er kann dafür sorgen, daß der Gang der Geschäfte, der Verlauf der Verwaltungsvorgänge ohne Leidenschaften und ohne Miß- Verständnisse sich vollzieht. Er kann dafür sorgen, daß die Judenlieit der Welt erkennt, welche Aufgabe ihr in der Finanzierung dieses zentralen und einzigen Institutes gestellt ist. Er kann hoffen, daß der Erfolg seiner Arbeit eine Finanzbasis schafft, so daß nicht der schärfste Zwang des Mangels störend eingreift in die wissenschaftliche Arbeit, wenn auch nicht zu hoffen ist, daß für die nächsten Jahrzehnte die Notwendigkeit, sich immer im engsten an die knappen Verhältnisse zu halten, schwinden wird. Pas letzte Ziel, von der wirtschaftlichen Seite her gesehen, muß sein eine solche Anstalt durch Fo 11 d s, durch St i f tungen so zu fundieren, daß sie den Gefahren schlechter Jahre, ungiinstiger Zeiten entrückt, aus ihren eigenen Mitteln leben kann, — «ine Aufgabe, von der wir wissen, daß frühere Generationen unseres Volkes sie musterhaft geleistet haben, von der wir um uns herum und besonders gerade in dieser Stadt Beispiele bei den anderen Völkern in großer Zahl sehen. Glücklich, wenn cs ihm gelange, die Verbindung zwischen unserer Anstalt mit dem Leben dieses Landes enger zu knüpfen, so daß besondere finanziell 1• Leistungen (Stiftungen, Legate) aus diesem Lande, bestimmt die Anstalt zu finanzieren, neue Lehrstühle und einen neuen Aufbau zu schaffen, ein sicher wirkendes Beispiel für die Judenheit in der Golah werden könnten. Per Einzelne kann mir mit umgrenzten Kräften und Mitteln wirken, und ich weil!, daß ein .Manu, der auf tiiese Stelle gesetzt ist, mir dann seine Aufgabe erfüllen kann, wenn cs ihm gelingt, im engen Beieinander mit den Stellen dieser Anstalt in fruchtbarer, gemeinsamer Arbeit zu wirken, und ich wünsche, daß mir die Kraft gegeben sei, als ein Medium da zu sein, das den vielfältigen Ansprüchen eilt gegenbringen kann sorgsames, überlegendes Bedenken um! die Kraft, Erkanntes in gemeinsamer Arbeit energisch durch/ufuhren. Herr Schocken schloß seine Heile mit einem sehr schönen Zitat aus einem Briefe des Rabbi Nachmunn von Bratzlaw. Nach ihm ergriff der neue Rektor das Wort. sprtcluing der Universität. Auf diesem Wege müssen wir weitergehen, und wir werden um so schneller zum Ziele einer vollen Selbstverwaltung kommen, je mehr wir im Innern geeint sind. Diese Einheit im Innern herzustellen, ist eine der ersten Pflichten des Rektors. Hierfür erbitte ich Ihre Hilfe, damit von hier aus alles geschehen kann, was den systernatlsehen Ausbau der Universität ermöglicht und beschleunigt. Ich sage: systematischen Ausbau. Wir wissen aus Erfahrung, wie schwer es ist, den Aufbau der Universität programmatisch zu gestalten. Wir sind zu sehr von äußeren Faktoren abhängig, sowohl von den Wünschen der Geldgeber, wie von der Notlage der jüdischen Gelehrten und Studenten. Dennoch muß es unsere Aufgabe sein, gegenüber allen zufälligen Momenten das Programm durch/uset/.en, das aus den inneren Notwendigkeiten der Universität, der Studeuten, aus den Aufgaben der Universität gegenüber dem jüdischen Volke und diesem Lande erfließt. Ein solches Programm auszuarbeiten, daran fest/uhnlten wird eine unserer wichtigsten Pflichten sein. Wir alle stimmen darin überein, daß die baldige Errichtung einer landwirtschaftlichen Abteih.mg eines der dringendsten Bedürfnisse der Universität ist. Dieser Plan liegt jetzt in den Händen von Dr. Weizmann. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie sehr wir, die Lehrer der Universität, uns darauf freuen, mit Dr. Vcizmann zusammenzuarbeiten. Die Eröffnungsfeier auf dem Skopus Auf dem Rednerpult Dr. Magnes. Links von ihm Ussischhin, rechts von ihm der Rektor Prof. Bergmann, daneben Profi Klein. Als 5. Kopf rechts von Dr. Magnes ist Dr. Weizmann zu sehen (halb verdreht). In der ersten Reihe links vom Podium sind u, a. zu sehen: Salmann Schocken (2.), Prof. Jul, Guttmann (5.), Prof. Torczyner (6). Foto! OrmbkM mmtämm tkiiip• Antrittsrede des neuen Rektors