Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 93 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 94׳✓ Jahrgang 40 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU Sdu4ftl«itB11g|Vcriag a. ABieifravirwaltniH t Berlin W3I, ■•IjMkeitr.lO Fernrui: SamtneJ-Mr. )1 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bezugspreis einschi BesteHgeld je Mona! RM 2,-., je Vierteljahr HM 5,75, bei Abholung RM 1,88 b*w. RM 539• ־־* Postecheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (lür Grofi ßerlin), Berlin!7392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung eieva schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienateg und Freitag« BERLIN כ״ג מרחשון תרצ״ו DIENSTAG, 19. NOVEMBER 1935 Gftltlgc AnieigenprelaUate Kr. 4. Die 12 gespaltene mm •Zeile 20 Rpf, für Familienaachrichte□ 15 RpL Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Steilen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit«• anzeigen pur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 —18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. AnnahmeschluS für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für di© Freitag * Au•• gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Farnilicnanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhtrl Der Zionismus erstrebt für das!ddlsche Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Baldwins Sieg Das Ergebnis der Wahlen Von unserem Londoner Korrespondenten J. K. London, den 16. November Der gewaltige Regierungssieg übertrifft alle Erwartungen, die selbst von konservativer Seite gehegt wurden. Die Baldwin-Regierung wird ihre bisherige Politik in Genf und im Mittclmeer im wesentlichen ohne Pcrsonalvcränderungen fortsetzen, Aber die große Mehrheit der konservativen Abgeordneten darf nicht darüber hinwcgtäuschen, daß ein sehr beträchtlicher Teil des englischen Volkes, mehr als bei den großen Arbeiterwahlen 1920, diesmal für die Labour Party festimmt hat. Die vereinigte Opposition erreichte 10 Millionen timmen gegenüber nur ll'/2 des Regierungsblocks. Der katastrophale Rückgang der Liberalen Partei, der an die frühere Deutsch-Demokratische Partei erinnert, ist nicht mit einem Rückgang liberaler Gedanken im englischen politischen Leben glciclizusctzcn. Die Liberale Partei hat aufgehört, weil der Liberalismus Gemeingut des englischen Volkes geworden ist. Grundsätze wie Freiheit des Individuums und religiöse Toleranz sind wichtigste Bestandteile der ״konscrvativen“ Parteidoktrin geworden, und ein Mann wie Baldwin vereinigt in seiner Person die besten Züge, die einem ״liberalen‘‘ Politiker eignen können. Einige bedeutsame Veränderungen sind in personeller Hinsicht zu verzeichnen. Die drei großen persönlichen Niederlagen, die die Sensation des Tages bilden, sind auch von einem speziell jüdisch-zionistischen Standpunkt von Interesse. Der ungeheure Stimmenver- Iust, mit dem Ramsay MacDonald dem jüdischen Sozialisten S 11 i n - well in seinen! alten Wahlkreis unterlegen ist, ist «in Beweis für den Verlust an Ans«hen, den Mac- Donald in Arbeiterkreisen erlitten hat. Allgemein wird es als nobler Zug gewürdigt, daß er statt einen höheren Sitz anzunehmen, sich diesem aufreibenden Wahlkampf gestellt hat. MacDonalds politische Karriere dürfte wohl damit ein Ende finden. Als Freund der zionistischen Bewegung, Premierminister in fünf entscheidenden Jahren englischer Palästinapolitik und Verfasser des ״MacDonald- Brieles“ an Dr. Wcizmann vom Februar 1931 ist MacDonalds Name in die zionistische Geschichte eingegangen. Ob MacDonald, heute nach seinen eigenen Worten ein vollkommen zusammengcbrochener Mann, eine Beförderung in das Oberhaus annehmen wird, ist zweifelhaft. Das Schicksal des Kolonialministers Malcolm Mac Don a 1 d, der gleichfalls nicht wiedergcwählt wurde, ist noch nicht geklärt. Da er sich in konserva- Uven Kreisen großer Beliebtheit erfreut, dürfte man ihn dem Kabinett zu erhalten versuchen. Wie bekannt wird, hat der eben mit erheblicher Mehrheit gewählte Abgeordnete des sichersten Kreises, über den die MacDonald- Gruppe verfügt, sein Mandat für Malcolm zur Verfügung gestellt. Man kann daher in einer baldigen Nachwahl mit einem ziemlich sicheren Erfolge des jungen MacDonald rechnen, fn diesem Falle würde er der Regierung erhalten bleiben, vielleicht auch in seinem bisherigen Amt. Andere Anwärter für dieses Amt sind bisher noch nicht genannt worden. Der frühere konservative Kolonialminister Sir Philipp Cunlitfe-Lister, der ins Unterhaus gar nicht kandidierte, kommt nicht in Frage, da er, wenn Karns»)׳ ülacDut*»ld Foto: Archiv buiuwcü Folo: Archiv überhaupt, nach seiner eventuellen Versetzung ins Oberhaus, der Regierung weiter als Luftminister angeboren wird. Auch Winston Churchill, einer der Ministeranwärtcr und früherer Minister für Kolonien, ist für ein anderes Ressort in Aussicht genommen. Die Niederlage Sir Herbert Samuels beraubt die Liberale Partei ihres Führers und das ganze Haus eines seiner wirksamsten Redner. Obwohl ein ähnliches Schicksal Sir Herbert schon wiederholt widerfahren war, bestehen bei der jetzigen Schwäche der Liberalen Partei wenig Chancen, ihn wieder ins Unterhaus zurückzubringen. Eine Berufung in das House of Lords, die ihm schon anläßlieh des Königsjubiläums angeboten wurde, dürfte Sir Herbert Samuel auch diesmal ablehnen, da er damit jedes aktiven politischen Einflusses für alle Zukunft beraubt würde. Andererseits wäre daran zu erinnern, daß Sir Herbert schon nach Ablauf seiner Funktion als palästinensischer Hochkomrnissar 1925 erklärt hatte, er wünsche sich von der Politik ztiriickzuziehen und nur noch literarisch zu betätigen. Das Bedauern, daß das?,arlament einen seiner besten Köpfe verliert, ist auch auf konservativer Seite — mit Ausnahme eines populären Abendblattes —- deutlich ausgesprochen worden. Und selbst in der heftigsten Agitation, kurz vor den Wahlen, hob ein großes Regierungsblatt anerkennend hervor, daß Sir Herbert Samuel als ״einziger“ oppositioneller Redner den Kampf ohne Wahllügen und in besonders fairer Weise, geführt habe. Mit Bedauern muß festgastellt werden, daß der liberale jüdische Abgeordnete für Whitechapel nicht wieder־ gewählt worden ist. Barnett Jänner hat sich bei jeder Gelegenheit für zionistische Palästina-Interessen eingesetzt und unbestrittenerweise viel zur Aufklärung der Mitglieder aller Parteien über Palästinafragen beigetragen. Besonders seine beiden Palästinareisen mit einer gemischten Parlamentsdelcgation hatten sichtbaren Erfolg. Die Niederlage Barnett Jänners bei den jetzigen Wahlen ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß Jänner diesmal nur einen Gegenkandidaten hatte, während 1931 neben der sozialistischen auch eine kommunistische Kandidatur aufgestellt worden war. Herbert Samuel als High Connniisioner Foto: Jüd. Lexikon Mit dieser Wahl schließt ein interessantes Kapitel in der Geschichte dieses überwiegend jüdischen Wahlkreises. Schon zweimal waren vor 1931 jüdisch«, liberale Abgeordnete lür Whitechapel gewählt worden. Bei den Wahlen 1931 aber wurde zum ersten Male um ein jüdisches Programm gekämpft. Die Poale Zion unterstützten trotzdem den Sozialisten, und auch bei diesen Wahlen haben sie ihren Einfluß gegen den zionistischen Kandidaten geltend gemacht. Die Niederlage Jänners ist jedoch ein Teil der Niederlage der Liberalen Partei, keineswegs eine Stellungnahme gegen den Zionismus: An einer Wahlversammlung der Poale Zion i!1 Whitechapel nahmen Herbert Morrison, der kommende Fübrer der Arbeiterpartei (der gleichfalls im letzten Jahr Palästina besucht bat), und der inzwischen gewählte jüdisch sozialistische Abgeordnete eines anderen Fastend Bezirks teil und bekannten sich zum jüdischen Aufbauwerk in Palästina. Zu erwähnen ist ferner, daß James Rothschild, der Sohn Baron Edmonds und Präsident der ״Pica“, als liberaler Abgeordneter wiedcrgewählt wurde, während ei!1 anderer bekannter jüdischer Abgeordneter, Major Nathan, unterlag. ln das neue Parlament werden insgesamt 17 j ü d i - sehe Abgeordnete einziehen, gegenüber 14 bisher. Der Anteil der jüdischen Mitglieder in der konservativen Fraktion steigt von 8 auf 9, während die Gesamtzahl der konservativen Abgeordneten sich erheblich verringert hat. Aut den Banken der Opposition werden neben 2 jüdischen Liberalen 4 jüdische Arbeiterpartciier sitzen. Im vergangenen Parlament gab es keine Juden in der Labour Party, 4 gehörten der liberalen Opposition an. Zwischenfall bei der Amtseinsetzung des Metropoliten der Bukowina Czcrnowitz, 14. November. (JTA.) Ein aufregender Vorfall, der sich anläßlich der Amtseinführung des neuen Metropoliten der Bukowina, Visarion, im Czernowitzer erzbischöflichen Palais abspielte, hat bei den Juden der Bukowina und ganz Rumäniens tiefe Empörung hervorgerufen. Zum Empfang des neugewählten Metropoliten fand sich auf dem Bahnhof in Czernowitz neben arideren Würdenträgem auch der Vertreter des jüdischen Kultus im rumänisehen Senat, Oberrabbiner Dr. Niemirower aus Bukarest, ein. Als der neue Metropolit ihn erblickte, schritt er auf ihn zu und sprach seine Freude darüber aus, daß Dr, Niemirower der Einladung zur Teilnahme an seiner Amtseinführung gefolgt sei. Vom Bahnhof bewegte sich der Festzug durch die geschmückten Straßen zur Kathedrale. Oberrabbiner Niemirower schritt in vollem Ornat unter den Festgästen mit. In der Kathedrale selbst wurde dem Vertreter des jüdischen Kultus ein seiner hohen Stellung angemessener Platz ange• wiesen. Nach dem Gottesdienst bewegte sich der Festzug zum erzbischöflichen Palais. Als Oberrabbiner Senator Dr. Niemirower mit den übrigen Gästen das Palais betreten wollte, stellte sich ihm der durch zahlreiche zum Teil auch im Parlament verübte Exzesse bekannte cuzistische Deputierte Nichifor Robu entgegen und!orderte ihn auf, umzukehren, da Rabbiner bei der Amtseinführung des Kirchenoberhauptes nichts zu suchen hätten. Dr. Niemirower erwiderte, er sei in seiner Eigenschaft als Senator eingeladen worden und sei verpflichtet, der Einladung zu folgen. Darauf schrie ihn Robu an, er solle sofort gehen, sonst werde er ihm der! Bart ausreißen; Juden müßten hinaus. Hierbei machte Robu nicht mißzuverstehende Gebärden. Dr. Niemirower und der ihn begleitende Präsident der Czernowitzer Jüdischen Gemeinde, Dr. Marcus Menczer, entlernten sich, ihnen folgte bis zu nt Portal ein junger Mann, der sie fortwährend beschimpfte. Der Vizepräsident der Jüdischen Reichsparte! lind frühere Vorsitzende des Jüdischen Pjrlainentsklubs Dr. Mayer Ebner verständigte sofort das Präsidium •der Rci»hspartei in Bukarest. Das Parteipräsidium intervenierte beim Minister des Innern und forcierte die strafgertehtäche Verfolgung Rebus. Jüdisches Kulturleben ״Juden“ und ״Mischlinge“ Nur allmählich wächst die jüdische Gemeinschaft in ihre neuen Aufgaben hinein, und zu ihren wesentlichsten gehört der Aufbau eines jüdischen Kulturlebens. Dies ist an sich ein neuer Begriff, und nicht in allen jüdisehen Kreisen ist inan sich noch darüber einig, was damit gemeint sei. Handelt es sich darum, daß jüdische Künstler, Musiker usw. nunmehr vor einem jüdischen Publikum dasselbe tun, was sie früher vor einem weiteren Kreise taten, oder aber gilt es, etwas prinzipiell Neues zu schaffen, was das Attribut ״jüdisch“ in höherem Grade verdient? Die Antwort ergibt sieh leichter, wenn man nicht nur an Theater und Konzerte, sondern a!1 die wichtigste Kulturaiifgabe denkt, die einer Gemeinschaft zufallen kann: die Erziehung de!׳ Jugend. Vor einiger Zeit hat ein Erlaß des Erzielumgsininistcrs Rust die Schaffung eines eigenen jüdischen Schulwesens angekündigt. Und hei der Tagung der Rcichskulturkainmcr am vorigen Freitag hat Reichsminister Dr. Goebbels von dein kulturellen Eigenleben der jüdischen Gemeinschaft gesprochen, das dem Willen der staatlichen Kulturord* nung entspricht. Von unserer Seite aber ist zur Inangriff nähme dieser Aufgaben kaum mehr als ein erster Anfang gemacht worden. Schritt für Schritt müssen wir der Sache näherkommen. Eines der größten Hindernisse besteht darin, daß Juden aus ganz verschiedenen Kreisen und Kulturmilieiis, auch mit ganz verschiedenen Auffassungen vom Judentum, innerhalb der organisierten jüdischen Gemein« Schaft Zusammentreffen. Noch schwieriger wird die Frage, wenn man an die ״Nichtarier“ denkt, die vielfach sich selbst längst nicht mehr zum Judentum rechneten und erst auf Grund der Arier-Bestimmungen, teilweise auch in ihren kulturellen Bedürfnissen, auf die jüdische Gemeinschaft angewiesen waren. Es ist aber auch unter diesem Gesichtspunkt eine wichtige Vorfrage, auf weichen Personenkreis sich unsere Kultur- und Erziehungsarbeit zu stützen hat. Das erste Problem, auf das vir hier stoßen, wenn auch für uns bei weitem nicht das wichtigste, ist die Frage der Nichtarier und der Mischlinge. In dieser Hinsicht ist in den letzten Tagen eine Klärung erfolgt. Die am 14. November erlassenen ersten Ausfüf!« rungs-Verordnungen zu den Nürnberger Gesetzen vom 15. September beziehen sich i!1 erster Linie auf die Definition des Begriffes Jude im Sinne dieser Gesetze. Bekanntlich ist im Zusammenhang mit den Nürnberger Gesetzen das erstemal von Juden, bzw. ״Volljuden“ die Rede gewesen, woraus sich schon ergab, daß hier eine andere Einteilung als bei den früheren Arier-Bestimmungen vorgesehen ist. Die neuen Verordnungen bringen eine so eingehende Regelung und sind so klar formuliert, daß sich ein Kommentar hierzu erübrigt. Ueberdies hat Staatssekretär Stückart vor der deutschen Presse noch Erläuterungen gegeben. Wir bctrachten es nicht als unsere Aufgabe oder unsere Sache, in eine Besprechung oder Würdigung des ganzen Umfangs der Verordnungen einzutreten, weil diese sieh zum Teil auf Personen jüdischer Abstammung beziehen, die der jüdischen Gemeinschaft nicht angeboren. Für uns Juden ist jedoeh besonders wichtig, was über den Begriff Jude bestimmt wird, weil hierdurch die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinschaft auch für die Zukunft festgesetzt wird. Und das ist mitentscheidend für Art und Wesen unserer Kulturarbeit. Wir haben ja von unserem Standpunkt aus zu unterscheiden zwischen der rein formellen Zugehörigkeit, die auch solche Menschen umfallt, die subjektiv keine jüdischen Zusammenhänge anerkennen, und den bewußten Juden, die, weitn auch in verschiedenen Formen und Begriffen, sich der jüdischen Kontinuität zurechnen. Wir betrachten selbstverständlich unsere Gemeinschaft unter dein Gesichtspunkt ihrer jüdischen Qualität, denn wir fühlen uns für die Zukunft des Judentums verantwortlich. Auf uns liegt die Vcrantwortung für das, was aus der jüdischen Gemeinschaft gemacht wird; denn das Judentum war stets mehr als eine bloße Naturtatsache, es war ein Erziehungsp ro z. e ß und ist es heute mehr denn je, denn nach einem Jahrhundert der Emanzipation und Assimilation ist durch geistige Arbeit und Wiederentdeckung der Quellen vieles in das jüdische Bewußtsein zurückzulialen, was daraus entschwunden war. Daß auch der Gesetzgeber und die Staatsbehörden die Auffassung haben, daß die jüdische Gemeinschaft eine positive Aufgabe der Entwicklung hat, geht auch neuerlich aus den Ausführungen hervor, die Staatssekretär .Stuckart im Anschluß an die Ver- Ordnungen machte. Der Staatssekretär betonte, daß dem