Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 92 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 92, 15, NOVEMBER 1935 PALÄSTIM-BIATT Sicherheit und Aufbau Eine Unterredung mit Mosche Schertok Der neue Baustil e. j. Jerusalem, 4. November 1935 Ein Mitarbeiter unseres Blattes hatte im Zusammenhang mit der gegenwärtigen politischen und allgemeinen Lage in Palästina eine Unterredung mit dem Leiter des Politischen Departements der Jewish Agency in Jerusalem, Mosche Sliertok. Die Unterhaltung ging davon aus, daß im Jiscluiw ungeachtet der gespannten weltpolitischen Verhältnisse, des italieniscli-abessinischen Krieges, der in Palästina ummttelbarer empfunden wird als in Europa, der Waffenfunde in Jaffa und des von den arabischen Parteien aus diesem Anlaß am 2G. Oktober durchgeführten gegen die Juden gerichteten Streiks, das Ci c f ü h I der Sicherheit auch nicht einen Augenblick getrübt wurde, und daß der jüdische Jlschuw in Ruhe und Gelassenheit der weiteren Entwicklung der Dinge ins Auge blickt, Wohl hat es in finanzieller Hinsicht einige Zeit eine gewisse Nervosität gegeben, sonst aber ist die seelische Haltung der jüdischen Gemeinschaft in Palästina in keiner Weise betroffen. Mosche Sliertok bestätigte die Richtigkeit dieser Fest- Stellung und bemerkte: ״Wenn wir uns nicht in eine Analyse der politischen Lage einlassen und nur die Stimmung im Jischuw feststellen wollen, so ist es vollständig richtig zu sagen, daß ein Cie fühl der Sicherheit vorhanden ist. Viele Momente wirken zusammen, die das Zustandekommen dieses Sicheriieitsbewulltseiiis herbeiführen. Da ist zunächst die allgemeine tJeberzeugung, daß die Regierung mit fester Entschlossenheit für Ruhe und Sicherheit sorgt. Die jetzige Administration, davon hat man sich mehrfach überzeugt, ist entschlossen, Ruhe und Ordnung im Lande zu verbürgen. Pie Erfahrungen während der arabischen Demonstrationen im Jahre 1933 bestätigen diese Lieberzeugung. Ein wesentlicher Faktor ist das Bewußtsein der Stärke, die der Jischuw seit den tragischen Vorkommnissen im Jahre 1929 gewonnen hat. Die jüdische (iemeinschaft in Palästina ist an Zahl, an Leistungsfähigkeit und a!1 potentieller Energie stark gewachsen. Die vergrößerte (ieschlossenheit der jüdischen Siedlungen trägt zu diesem gesteigerten Sicherheitsgefühl in großem Maße bei. Ohne daß darüber viel Worte verloren werden, empfindet jeder Jude ,'ui Palästina, daß sich die Lage des Jischuw in den letzten sechs Jahren grundlegend geändert hat. Die gewachsene Quantität des Jischuw ist eine Qualität geworden. Von Bedeutung ist vielleicht noch ein psycho 10gischer Faktor. Es ist vor allem dem neu eingewanderten Juden in Palästina unvorstellbar, daß insbesondere bei der gegenwärtigen Lage der Juden in der Welt sogar die Juden iit Palästina einer Gefahr ausgesetzt sein können. Es braucht nicht besonders unterstrichen zu werden, daß die Jewislt Agency ihrerseits die Vorkommnisse im Lande mit größter Aufmerksamkeit verfolgt und den (Jang der Ereignisse ständig überwacht,“ Das Gespräch wandte sieh den augenblicklichen Forderungen des Aufbaus zu. Es ist begreiflich, daß hierbei die Lage der Einwanderer aus Deutschland besondere Unterstreichung fand. Nach den Beschlüssen des letzten Zionistenkongresses trägt die Exekutive der Jewish Agency für alle mit dem Transfer von Vermögenswerten jüdischer Emigranten aus Deutschland zusammenhängende Angelegenheiten die Verantwortung. Aus diesem Grunde war die Frage natürlich, wie sich die Exekutive zu der letztbin in gewissen Kreisen erneuerten Agitation gegen die Haavara stellt. Herr Shertok sagte: ״Die Hauptaufgabe der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency bestellt darin, den Aufbau des jüdischen Palästina durch gesteigerte Einwanderung und größtmöglichen Zufluß jüdische:! Kapitals 2u fördern. Wie und mit welchen Mitteln — ist abhängig von den sich immer wieder ändernden Umständen, ln der gegenwärtigen Situation gilt cs insbesondere, den Juden aus Deutschland die größte Eiiiwaiiderungsinöglichkeit nach Palastina zu geben. Und wenn die Haavara dazu eine Möglichkeit יי*.»- י Parade in Jerusalem, In der leichten Kriegspsychose, die Brez Israel in den letzten H'ocöc״ beherrscht hat, war es ein beruhigendes Gefühl, die englischen Truppen in gewohnter Ruhe und tadelloser Haltung zur Parade amsrücheii ZU sehen. Koto: KMual, J«,״nla Bauten der Arbeiterschaft Von unserem palästinensischen Korrespondenten gi, T e I - A w i w, November 1935 In der letzten Zeit hat die Arbeiterschaft von Tei-Awiw die Einweihung dreier neuer Bauten gefeiert, die für große Institutionen einen veränderten und modernisierten Rahmen ergeben. Der Tel-Awiwer Arbeiterrat hat sich im B e 111 Br c n!1 e r (nach dem hei Unruhen in Jaffa getöteten Arbeiterführer und Schriftsteller genannt) ein Heim geschaffen, die Arbeiter bank hat ein neues großes Haus bezogen, in der auch das M i s r a d K a b I a 111 (die Baukooperative der Arbeiter), S n e 11 (ihre Versicherungsgesellschaft) und Nir (ihre Koloiiisationsgescllschaft) initergebracht worden sind, und der Maschbir,• die Einkaufskooperative, hat sich im Handeisvier(01 ein modernes Lager- und Bürohaus gebaut. Diese Neubauten sind zu einem Teil eine Folge der Prosperität, die auch den Institutionen der Arbeiterschaft Expansionsmöglicllkeiten gab, die früher undenkbar waren, zum Teil sind sie ein Ausdruck des großen Wachstums der Arbeiterinassen, die durch die Einwanderung der letzten lalire verursacht worden ist. Alle drei Gebäude zeigen eine Tendenz zur Modernisierung, zu einem neuen Stil, der aus Europa stammt, aber dem Lande in der Lichtverteilung und der starken Lüftung für Kuhhmgszwecke angepaßt ist. Alle zeigen den Wunsch, es nicht mir zweckmäßig zu haben, sondern auch angenehm, man merkt den Willen zu einer Durchgeslaftung von Fassaden und Räumen, von Möbeln und Beleuchtungskörpern. Der Architekt Scharon, der für die Pläne des Beth Brenner und des Maschbir verantwortlich zeichnet, hat beim Beth Brenner noch die Innenarchitekten Ordovver und Gottlieb für die Möblierung lierange/ogcn. Ls ist in jeder Hinsicht modernisiert worden, nicht nur in den Fassaden und in der Wahl der Materialien, sondern auch in der Einrichtung für Karthoieken, in der Herstellung der Möbel und in Beliittungsanlagen. Tei-Awiw folgt mit diesen drei Gebäuden Haifa, in dem die Arbeiter schon früher eine große Bautätigkeit entfallet haben. Unter den neuen, die jetzt erst ein Unterkommen suchen und auch unter den alten Arbeitern, die trotz aller Anstrengungen nur zu einer sehr bescheidenen Existenz gelangt sind, wird allerdings die Frage hörbar, ob man nicht in dem Streben nach Modernisierung und Großartigkeit zu weit gegangen sei und ob die Summen, die für die Ausgestaltung der neuen Bauten ausgegeben wurden, an anderer Stelle nicht dringender gebraucht werden. An diesen Zweifeln ist sieiier etwas Berechtigtes. Wenn man einerseits auch durchaus einsieht, daß die früheren Arbeitsräume der öffentlichen institutionell völlig unzureichend waren, so hat jnaii doch das Gefühl, daß bei diesen Bauten die Prosperity einen übermäßigen Anteil hat, daß Zweckmäßigkeit und damit auch eine gewisse Schönheit sich mit geringeren Mitteln hätten erreichen lassen. Aber gegen die allgemeine Stimmung, die von der Prosperität herrührt, scheint es sehr schwer, sich heute im Lande durclizusetzen. Noch ein Wort soll hier angefügt weiden, das keineswegs nur die genannten drei Gebäude, auch keineswegs nur die Arbeiterschaft betrifft, sondern für das ganze Land gilt. Mau sieht heute an allen Stellen die Einführung neuer Mater i a 1 i c 11, einen höheren S t a!1 d a r d, neue Bauten, bessere bietet, ist es Sache des Zionismus, den Weg der Haavara zu gelien. Die Frage des Transfers ist also nicht allein die Sache der Einwanderer aus Deutschland, sondern eine Frage der gesamt zionistischen Organisation und, soweit diese den Willen des jüdischen Volkes repräsentiert, auch eine Frage der jüdischen Gesamtheit. Die Angelegenheit ist auf dem Kongresse nach allen Gesichtspunkten diskutiert worden. Der Kongreß hat mit großer Mehrheit die Haavara gebilligt und sie der Exekutive unterstellt nach Richtlinien, die in dieser Angelegenheit für die Exekutive der Jewish Agency verbindlich sind. Es kann keine Rede davon sein, daß die Exekutive von dieser Stellungnahme abweicht.“ Wie gestaltet sich die Kooperation mit der R e - gie rung? Darüber versuchte die sich an die früheren Ausführinigeii schließende Unterhaltung den Frager zu infor• mioren. Herr Shertok sagte ungefähr: Gerade die Erfalirungen der letzten Zeit haben klar gezeigt, in wie vielfachen Beziehungen die Interessen Englands und des Zionismus parallel laufen. Die Zusammenarbeit mit der Regierung ist die unverrückbare Basis unserer Arbeitsmögliehkeit im Lande. Die Engländer sind nicht ganz pro-zionistisch, sie sind nicht ganz pro-arabisch. Englische Interessen finden im Jischuw wie auch im arabischen Volk ihre Stützpunkte. Das bedeutet nicht, daß die Engländer sicli unbedingt auf die Unterschiedliehkeit der jüdischen und arabischen Interessen einrichten. 1111 Gegenteil, es gibt eine ganze Reihe von wichtigen Augelegenhcilen, die das Schicksal des ganzen Landes und damit die Stellung Englands betreffen und die das Merkmal eines gemeinsamen arabischen und jüdische» Interesses in sich tragen. Ls ist klar, daß England immer sowohl seiner cigeneu Stellung als Weltmacht als auch der als Mandatar des Landes Rechnung trägt. Unsere Arbeit zielt selbstverständlieh aut die Durchsetzung dessen hin, was wir für den jiidischeu Aufbau für notwendig erachten, das heißt für die Stärkung des jüdischen Elementes im luteresscnkomplex der Juden, Araber und Engländer, der in Einklang gebracht werden kann. Die Erwähnung der in vielfacher Hinsicht gemeinsamen jüdischen und arabischen Interessen machte es erklärlich, daß der Schluß der Unterredung ganz dem jüdisch-arabischen Problem gewidmet war, Audi hier, sagte Herr Sliertok, •sind die Erfalirungen der letzten Zeit besonders dazu geeignet, auf die Notwendigkeit einer Verständigung liiuzuweiscn. Die Vorgänge in Abessinien beweisen, daß dünn bcwohnte und unerschlossene Gebiete stets der Gefahr ausgesetzt sind, von Mächten, die einen Ucbcrfluß an Menschen m und einer! Mangel an Raum haben, angegriffen zu werden. Räume. Aber an vielen Stellen sieht man zugleich, dal) mit dem Moment, wo der Bau fertiggestellt wird, er ein sozusagen herrenloses Dasein führt. Es gibt keine entsprechende Pflege der Materialien, keine Reparaturen zur Zeit; nacii wenigen Monaten vergeht der erste Glanz, nichts sieht mehr richtig geputzt und gepflegt aus, die schönsten Kacheln verlieren ihr Ansehen, Fenster sind staubig, Ecken ab gestoßen, Wände zeigen Risse, der Kalk bröckelt ab. Früher, wo 18g f ► ■.#i I ז 5;’; . ' x1י ׳■,* , ׳ lil Beth Brenner, das Haus der Histadruth in 'TcTAuim Foto: Hat* Wulff das Primitive überwog, konnte es —• vielleicht — nicht anders sein. Die Bedingungen waren schwer, die (ielder fehlten zum Instandlialten, man konnte nichts tun, als .mit stoischer Gleichgiiltigkeit schwitzen und frieren und krampfhaft über die Häßlichkeit von Mauern und Wänden wegscheu. Heute laden die neuen Gebäude überall nicht zum Wegseheu, sondern zum Hinsehen ein. Aber schon nach der ersten Zeit macht es keine Freude mehr, weil vieles ein verlassenes und dadurch unbehagliches Ansehen bekommt. Wahrscheinlich wird Palästina später auch lernen, daß es nicht genügt, schöne Dinge hinzustelicn, sondern daß sie nur schön bleiben, wenn man für sie sorgt, sie sauber und instand hält und sie nicht, nachdem sie aus den Händen des Architekten und Dekorateurs hervorgegangen sind, sich selbst und ihrem Schicksal überläßt Große Teile Palästinas und ganz Transjordanien wie auch andere Länder des Vorderen Orients sind im wesentlichen d 1! n n bevölkerte und nichtcrsclilossene Gebiete. Es ist nun die Frage, was diesen Ländem lieber sein müßte: die Invasion von Kolonisatiommächten, die sich auf reine Gewalt, auf Armeen und Waffen stützen, die mit sich fremde Herrschaft bringen, oder die Ansiedlung von Menschen, die sich mit dem Lande ganz identifizieren und hinter denen keine fremde Gewalt steht, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten der im wesentlichen brachliegenden Gebiete zum Nutzen der diese Gebiete bewohnenden Gesamtheit erschließen. Freiheit mul Unabhängigkeit eines Landes sind keine Sache der Formel, sondern eine t rage der praktiselu'11 Möglichkeit, das Land zu verteidigen oder es ökonomisch krisenfest zu machen. Fs ist wahr, daß Palästina in diesen Tagen keiner Kriegsgefahr ausgesetzt war, aller es war liier eine Gelegenheit gegeben, die Lage־ des Landes im Kriegsfälle zu prüfen. Es ist klar, daß Palästina mit dem jüdischen Aufbauwerk viel mehr in der Lage ist, sich zu verteidigen und zu versorgen als ohne diesen Faktor. Das Beispiel des Hafens i!1 llaifa sollte allen denkenden Arabern die geziemende Bewertung der Situation leichter machen. Dieser Hafen ist letzten Endes ein Geschenk der Juden sowohl an die Engländer als auch an die Araber. Welche Bedeutung er für die Verteidigung des Landes hat, braucht jetzt nicht hervorgehohcii /U weiden. Ebenso bedeiiteilt! wie der llaifaer Hafen für du• militärische Verteidigung, ist die jüdische Industrie für die ökonomische Versorgung des Landes. Herr Sliertok hob hervor, daß diese Argumente in Gesprächen mit Arabern tiefen Eindruck machen. Für Neutralisierung Palästinas Der Präsident der Universität Jerusalem, Dr. J. L. Magncs, veröffentlicht anläßlich der Einbeziehung Palästinas in die vom Völkerbund beschlossenen Sanktionen gegen Italien eine Erklärung, worin er sicli darüber ausspricht, daß I’alastina in Zukunft von allen kriegsartigen Akten und Operationen grün d s ä t z I i c h ausgeno m m e n sein soll. Palastina sei dazu bestimmt, im Namen der Weltrcligionen, die Stimme des Gewissens vor der ganzen Menschheit ertönen zu lassen. Es dürfe an internationalen Konflikten keinen Anteil nehmen. Ls wäre eine gewaltige Tat des Völkerbimdes, wenn er in dieser Weise Palästina als d :1 »1 crnd neutrale Enklave von der übrigen politischen Welt loslösen würde. Großbritannien, so schließt I)r. Alagties, würde durch die Mitwirkung a» einer solchen Neuordnung seine Selbstlosigkeit und seine Ergebenheit für die Sache des Friedens beweisen. \n «11« ח MO D E PARFUM KO PFWASS ER "*C׳EAU DE COLOGNE• BADESALZ m