Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 92 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92 f Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Schriftleitttug'Verlag a. An xeigen Verwaltung! BerllnWlS, Melnekestr. 10 Fernruf: Sammel-Nr. | i Bimnarck 3181/82, 7165/70, 7240^42. — Bezugspreis rinschl. Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr HM 5,75. hoi Abholung RM 1,88 brw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 173 92 ffi'ir das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch au? Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgcbüliren. - Erscheint jeden Dienita! and Freitag. BERLIN י״ט מרחשון תרצ״ו FREITAG, 15. NOVEMBER 1935 GtUfcigf AnxeigenprelsUste Nr. 4• Di® 12 gespaltene mm ־Zeile 20 Rpf, für Fatmliennachrichten 15 Rpf. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten 'lagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit•- anretgen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9 —16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Frei tag - Ausgab« Mittwoch 13 Uhf• (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismiis erstrebt filr das jddische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Ehrung der jüdischen Toten Herbstgedanken *—* * Von ranius Schach Die Gefallenen-Gedenkfeier in London London, 11. November. (JTA.) Die am 10. November von den jüdischen Frontsoldaten Englands veranstaltete Feier zum Andenken an ihre im Weltkrieg gefallenen Kameraden begann mit einem Aufmarsch von 500!) Mitgliedern des jüdischen Frontkämpferbundcs und einem Appell auf dem Horst• üuards Paradefeld. Der Chef des englischen Generalstahes, Fcldmarschall Sir Archihald A. M o n t g o in e r y ־ Ma ssingverd, besichtigte die ausgerückten Formationen. Unter Vorantritt des Mnsikkorps der königl. schottischen Garde marschierten die Frontkämpfcrahteilungen sodann nach White Hall und /um Grabe des Unbekannten Soldaten. Major J. B, Brunei Collen, der Schatzmeister der British Legion, führte die Kraii/abordnung. Die Inhaber des Victoriakreuz.es, Leutnant Keysor und Jack White, legten den Kranz, der ein aus Mohnblüteii gebildetes /Magen David in einem Ring aus Lorbeerblättern darstellt und dessen Schleife die Inschrift ״Dem Andenken der im Weltkrieg gefallenen englischen Juden“ tragt, am Fuße des Denkmals nieder. Nach der Kranzniederlegung nahm I eldiiiarscliall Montgomcry den Vorbeimarsch der jüdischen Frontkämpfer ab. Auf dem I lorse Guards Paradefehl wurde von dem Oberrabhincr des Britischen Reichs, Dr. J. 11. Hertz, und dem rangältestcn jüdischen Fcltlkanlan der englischen Armee, Rabbi Dajan M. G o 11 o b, für die Frontsoldaten ein Festgottesdienst zelebriert, dem außer den Mitgliedern des Verbandes 30 000 Wauchopes Rückkehr Jerusalem, 13. November. (Palcor.) Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope ist heute von seiner Ferienreise nach London zurückgekehrt. Wauchope traf früh in Port Said ein und begab sich sofort mit dem Flugzeug nach Jerusalem, wo er noch am Vormittag ankam. Der von dem extremistischen Flügel der arabischen Jugend zum Lmpfaug Wauchopes proklamierte Streik wurde nur von wenigen arabischen Geschäften durchgeführt. Die Jugend bcharrte auf der Streikparole trotz der gegenteiligen Entscheidung der I־'«ihrer der fünf arabischen Parteien vom vorigen Sonntag. Der Streik, so hieß es, soll gegen die britische Politik in Palästina protestieren, insbesondere gegen die Rede Wauchopes bei dem Bankett des Anglo Palcstine Club (laut dem Bericht der ״Jikl. Rundschau" Nr. SO hat Wauchope bei diesem Bankett am 21. Oktober über die Not- Wendigkeit einer Verständigung zwischen Juden und Arabern gesprochen. — A. d. R.). Zufällig fanden auch am Tage der Ankunft Wauchopes in Port Said die gegen England gerichteten ägyptischen SUidenten-Deinonstratioiien statt. Der Beschluß der arabischen Parteien, am Tage der Rückkehr Wauchopes nach Jerusalem kein e 11 G e 11 e r a Istreik zu veranstalten, soll dadurch zustande gekommen sein, daß während der Sitzung ein Brief der Regierung eintraf, worin beruhigende Versicherungen des High Commission ers bezüglich der weiteren Untersuchung der Angelegenheit des Wati'ensehmuggcis enthalten waren. Die hebräischen Tageszeitungen widmen dem High Coinmissioner anläßlich seiner Rückkehr Begniüungsartikel und gehen der Hoffnung Ausdruck, daß es nicht zu der geplanten Einsetzung des Legislative Council kommen werde. Am Abend besuchte der 1 ligli Comtnissiouer bereits ein Konzeit des jüdischen Geigers Mischa Elmau. Antisemitische Studentenexzesse in Warschau und Wilna Warschau, 11. November, (J FA.) Im Anschluß an einen Gedenkgottesdienst, der in der St. Anna-Kirche in Warschau von n a t i o 11 a I d e m o k r a t i s c I1 e 11 S 111 d e n t c 11 anläßlieh des Beginns des akademischen Jahres zur Erinnerung an die Studenten Grotkowski und Waelawski, die bei den Judenfeindlichen Unruhen der Jahre 1<)31 und 1932 in Lemberg und Wilna den Tod fanden, abgehalten wurde, kam es zu a 11 t i s e - m i t i s c 11 e 11 Straß e 11 k 11!1 d g e b 11!1 g e 11 u 1111 Auss c h r c i t u 11 g e 11. Die Studenten zogen von der Kirche zur Universität, in die sie gewaltsam eilidrangen, als der Rektor den Studenten anderer Hochschulen den Zutritt verweigerte. Vor der Universität hielt ein naiionaklemokraliselier Student eine aufreizende Rede vor etwa 151K) Kominilitionen. Es wurden sodann unter antisemitischen Rufen sämtliche Hörsäle des Hauptgebäudes, die Universitätsbibliothek und die Institute nach jüdischen Studenten durchsucht. Wo solche angetroffen wurden, wurden sie mißhandelt und vertrieben. Die Demonstranten zogen darauf zur Technischen Hochschule. Es kam zwischen ihnen und den jüdischen Studenten zu heftigen Znsa m in e n s t ö ß e 11. Hochseliulfreinde!:;erneute drangen in die Zcichensäle ein und attackierten die jüdischen Studenten mit Zeichentischen. 30 Fische wurden dabei zertrümmert. Auf dem Wege von der Universität zur Technischen Hochschule wurden in vielen jüdischen Geschäften die Schaufensterscheiben ein geschlagen. Fünf jüdische Passanten wurden mißhandelt. Polizei stellte schließlich die Ordnung wieder her. Auch in Wilna veranstalteten antisemitische Studenten der dortigen Universität nach einem Gcdenkgottesdienst für den 1932 getöteten Studenten Waelawski Kundgebungen in den Hauptstraßen der Stadt. Polizei trieb die Demonstranten auseinander und nahm einige Verhaltungen vor. Zuschauer beiwohnten. Der Gottesdienst wurde im ganzen britischen Reieli und in Amerika durch Rundfunk verbreitet. 111 der Royal Albert Hall fand nach dem Fcldgottesdicust der jährliche Kanicradschaftstee des jüdischen Frontknmpfcrbundcs statt. Den Vorsitz führte Major Brunei Cohen, Ehrengast war Fcldmarschall Montgomcry. Oberrabbiner Dr. J. H. Hertz brachte den Toast auf Sir Archihald aus und wies darauf hin, daß die höchsten Offiziere der englischen Armee und Flotte an dieser Veranstaltung als Rejiräseiitauten der Macht Großbritanniens tcilnchmcn. Gleichzeitig aber sei ihre Teilnahme symbolisch für Englands Humanität, für sein Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit. Der Marschall dankte in einer längeren Ansprache hierfür. Major Brunei Cohen verlas ein Telegramm, das an König Georg V. gesandt worden war. Ais Antwort war folgendes Telegramm eingetroffen: ״Seine Majestät dankt allen Versammelten von Herzen für ihre freundlichen und loyalen Grüße, die von Seiner Majestät sehr gewürdigt werden.“ * Major Brunei Cohen, der Treasurcr des englischen Frontkämpferlumdes ״British Legion“, hat bekanntlich einer der Delegationen angehört, die die ״British Legion“ im vergangenen Sommer in verschiedene europäische Länder entsandt hat. Die Delegation, der er angehörte, besuchte Oesterreich, Ungarn und die Tschechoslowakei, um eine Fühlungnahme der englischen mit den dortigen Frontkänipfem herzustellen. Mildes Urteil in Grodno lieber den Fortgang des Prozesses wegen der antisemitischen Ausschreitungen in Grodno wird belichtet: Nach einer Schilderung der jtidcnfcindlichcn Ausschreitungen am 7. Juni durch das jüdische Mitglied des Stadtrats Jczerski wurden am dritten Vcrhandluiigstag auf Antrag der Verteidigung zwei Polizisten, darunter der Leiter des Koniniissariats im zweiten Bezirk, als Zeugen vernommen. Beide erzählen von angeblichen Versuchen des jüdischen Selbst- Schutzes, für die Vorfälle Rache zu nehmen, müssen aber, von den Anwälten der Privat beteiligten ins Kreuzverhör genommen, ziigeben, daß kein Nichtjude überfallen und von Juden weder Fensterscheiben zertrümmert noch Geschäfte verwüstet worder! sind. Während der Polizeikoinmissar N e u in ג r k einerseits das Auftreten des jüdischen Selbstscl1utz.es als provokatorisch bezeichnet, gibt er andererseits auf die Frage eines Privatbeteiligtenvertreters zu, daß auch nach den Exzessen am 7. Juni einzelne l Jeher falle auf Juden vorgekommen seien, aber das sei ״eine normale Erscheinung in solchen Zeiten“. Starken Eindruck machte die Aussage des 12jährigen Josef ß I e c!1 e r, der mit eigenen Augen gesellen hat, wie die Exzellenten seinen Vater Gedalja ermordeten. Der Knabe gibt weinend Einzelheiten der Ausschreitungen wieder. Er erkennt in dem Angeklagten R o m a n c z 11 k einen der Männer wieder, die den Ueberfall auf seinen Vater verübt haben. Der Zeuge Rubinczyk, Sekretär des (irodnoer kaufmännischen Vereins, erklärt, die Vorfälle am 7. Juni hätten in ihm Erinnerungen an die Ausschreitungen der Schwarzen Hundert im zaristischen Rußland, die er selbst uiiterlebte, wachgerufen. Rechtsanwalt A b r a 111 s k i sagte als Zeuge aus, daß von den Exzellenten in seinem neben dein Polizeikommissariat befindlichen Haus dreißig Fenster zertrümmert wurden, und dal! die Polizei nicht einsdiritt, obwohl die Vorgange in dem Kommissariat beobachtet wurden. Nach dem Zeugenverhör wurde der Prozeß vertagt. Das Urteil wurde am 12. d. M. gefällt. Das ürodnoer Gericht verurteilte den Hauptangcklagten Pa d sink zu 1 Jahr Gefängnis, vier weitere Angeklagte zu je 9 Monaten, die übrigen zwölf zu je einem halben Jahr Gefängins. Der unmittelbar vor dem Beginn des Prozesses verhaftete Padsiuk wurde gegen eine Sicherstellung von hundert Zlotv auf freien Kuß gesetzt. Das milde Urteil hat um so mehr Aufsehen erregt, als unmittelbar vorher jüdische An- ׳*״klagte, die in Notwehr gehandelt hatten, zu weit härteren Strafen verurteilt worden waren. Die Lag-e der Juden in Polen In einer Plenarsitzung des polnischen Senats entwarf Obcrrabbiner Prof. Dr. Moses S c 11 o r r ein düsteres Bild von dem wirtschaftlichen Nieder g a n g u 11 d der N o t der j 11 d i s e 11 e 11 B e v ö 1 k e rung Pole!1 s. Senator Scharr betonte in seiner Rede, daß die Juden Polens bereit seien, als treue Bürger große Opfer für den Aufbau des Staates zu bringen. Sie verlangen keine Privilegien, aber sic wenden sich gegen jede Beschränkung ihrer Rechte als Bürger. Sie fordern gleiche Behandlung auf allen Gebieten, und insbesondere das Recht aut Arbeit für ihre Jugend, sowie gleiche Berücksichtigung bei der Verteilung von Staatskrediteri. Der Redner wandte sich sodann der wachsenden antisemitischen Bewegung in Polen zu und erklärte, in letzter Zeit mehrten sich Ereignisse, die eine Bedrohung des Lebens der Juden darstellen. Von den Behörden würden gegenüber diesen Erscheinungen keine encrgischen Maßnahmen ergriffen. Was in dieser Hinsicht geschehc, sei völlig unzureichend. Senator Scliorr schloß mit dem Appell an die Regierung, für die Sicherheit jüdischen Lehens zu sorgen und es nicht zuzulassen, daß fremder Streit auf dem Rücken der Juden ausgetragen werde. Wenn die hohen Feiertage mit ihrer schweren und doch scelenciiöscuden Stimmung vorüber waren, pflegte bei unseren Vätern eine Gemütsstinunung einzukehren, die mit dein Worte H er b s t s t i m m u n g mir unvollkommen au-gcclrnckt ist. Ein räumlich eingeengtes und doch altromantisches Leben von wunderbarer Schönheit offenbarte sich. Die Natur fluchtete sich ins bescheidene Heim, die F a 111 i 1 i e 11 s t 11 b e wurde zur Zuflucht alles Seelenlebens. Es war gemütlich in diesem Heim, weil hier das jüdische Gemüt mit seinem ganzen Reichtum herrschte. Etwas Tiefes, Wehmütiges und doch l äuterndes lag in der Luft, — man fühlte sich als Volksclement, das das Schicksal der Vergangenheit und die Horimm« der Zukunft in sich trägt. I )1 e .Menschen strömten *■ine inni're Warme aus, die Familienmitglieder schlossen .-׳ich eng aneinander, *las ganze Heim atmete eine patriarchalische Atmosphäre. Der Vater, draußen von Sorgen und Demütigungen gedruckt, war zu Hause ernst und würdig, die .Mutter mild und gütig, und eine ganz eigenartige I laniionic, aus Sehmer/ und Not geboren, erfüllte den Raum. Keine großen Ereignisse er<ehi!t1erteil die Ruhe• des Hauses, keine schreienden Freuden störten die Stille, alles darin war von einer rührenden Re-cheidenheit, mutete beinahe armselig an, aber alles war verklärt von eincni inneren Glanz. Heute, wo wir in Vielem /um Alten zuruckgekehrt sind, soll an dieses Bild erinnert werden. Nicht um unfruchtbare Sentimentalitäten zu wecken, sondern um den steilen Lebenspfad, den wir gehen müssen, erträglicher zu machen. Wir können das Alte nicht kopieren weder die allgemeine noch die persönliche Geschichte kopiert aber manches lernen können wir daraus. Das ist der eigentliche Sinn der Geschichte. Wir können als geschichtlich denkende Menschen daraus lernen, daß die Eigenart nicht unser Unglück, sondern unser Schutz, unsere Stärke ist. Wir können daraus erkennen, daß wir nicht sind wie die Anderen, — nicht ״besser“ und nicht ״schlechter“, aber anders, wie Gott uns geschaffen hat, und daß wir zur Karikatur werden, wenn wir der Schabloitc der Gleichmacherei huldigen, wenn wir mit Gewalt genau wie die anderen werden wollen. Resultiert nicht vieles in unserem Unglück aus dem Wahn der Artverieiignung? Das jüdische Haus und seine Erweiterung, die jüdische Gemeinde, ist unsere feste Bürg, darin wurzelt unsere Kraft. Das lehrt uns die jüdische Geschichte, das hämmert uns das jüdische Lehen ein. Das wahre jüdische Ideal äst: nicht alles Jüdische zu veräußerlichen, sondern alles Aeußer liehe zu verinnerlichen, das Schöne und Große von draußen aufzunehmen, es mit unserer Natur zu verschmelzen und zu unserem Eigentum zu machen. Wir wollen, wie aile Menschen, geistig und sozial wirken, seelisch aber in unserer eigenen Welt leben, darin heimisch sein. Unsere eigene Welt, das bedeutet nicht Fremdartiges und nicht Ueber-ehvetigücnes, das bedeutet natürliches Leben. Wir wollen die-e uns von der Vorsehung angewiesene Welt mit .allem Schonen schmücken, aber ihren Charakter nicht verwischen. Das ist kein Abwciciien von der Bahn des ״Fortschrittes׳■, keine Verleugnung des Lntwiekluiigsgedankens, sondern nur eine Beseitigung des Scheins, ein Erwachen aus Illusionen, die uns nicht glücklich gemacht haben. Das Lehen unserer Väter war eng, aber stark. Wir wurden immer schwächer, ohne es zu merken. Wir zersplitterten unsere Kraft auf vielen Gebieten und vernachlässigten unser eigenes Feld, — das ist die innere Tragik der neuen jüdischen Geschichte. Gewiß ist auch der jüdische Mensch nicht nur Jude, er trägt auch vieles seiner Zeit und seiner Umwelt in sich. Aber er soll es nicht als totes Gut mit sich tragen, sondern lebendig erhalten. Er soll es zum erarbeiteten lind nicht zum entlehnten Gut machen. Jede gesunde Kultur will innerlich erlebt, d. 11. mit seiner Seele vereinigt sein. Der wahre Kulturjude in gesunder Ent- Wicklung, ohne Gezwungenes und Gequältes, ohne ewiges Schielen nach außen, müßte Gegebenes und Genommenes seelisch verschmelzen, daß sic nicht einander quälen, sondern einander bereichern. Wer Erweiterung seiner natürlichen Anlagen sticht, findet Bereicherung, wer seine Art verleugnet, ist entartet und entwurzelt. Die Gegenwart ist zu ernst, uni nicht aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wir müssen uns dem Seelisch-Jüdischen, das durch Natur und Geschichte mit dem Religiösen verschmolzen ist, wieder nähern, darin die Linie unseres Gemeinschaftslebens erkennen. Wer sich einbildet, ohne Religion fertig zu werden oder willkürlich an irgendein Kapitel der Geschichte anknüpfen zu können, ist ebenso fern vom Seelisch-Jüdischen, wie der, der wähnt, mit Religion und Ethik, losgelöst von Geschichte und Volkstum, atiskomtnen zu können. Was uns fehlt, ist der gesunde Instinkt, das natürliche Gefühl für das, was Sicherheit verheißt. Wir haben zu lange gar zu sehr geklügelt, haben das Instinktiv-Irrationale in uns geschwächt. Es entstand dabei viel Geistiges, aber häufig ohne Seele. Denn das Seelische fließt doch primär aus dem Empfinden. Das war es, was manchmal die Feinsten von uns entfernt hat, weil sie glaubten, das Seelische im Judentum nicht zu f i n 11 c n und es auf fremden Gebieten suchen zu müssen. Sie wußten nicht, daß das, was sie vor sich sahen, gar nicht ״jüdisch“, sondern Entartung war, Das wahre Jüdische, wie es sich auf natürlicher Bahn