Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 91 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 91, 12. NOVEMBER 1935 Das Neueste in Kürze Von unserem palästinensischen gl.*Korrespondenten Der erste Regen W. K., Tel-Awiw, 4. November Es ist jedesmal anders und es ist immer dasselbe. Es ist immer dasselbe, weil jedes Jahr von neuem behauptet wird, ein solches Jahr sei noch nicht dagewesen. Entweder ist es der heißeste Sommer oder der kälteste Winter, der je verzeichnet wurde. Entweder war noch nie so viel oder so wenig Regen, und das ״normale“ Jahr scheint nur in der Phantasie der Klimatologeti zu bestehen. Und es ist jedesmal anders, weil die Wetteränderungen immer wieder als Ueberraschungen kommen und man erst merkt, daß der Winter gekommeri ist, wenn man pudelnaß dasteht, und daß der Sommer da ist, wenn man zum ersten Male gründlich und behaglich schwitzt. Diesmal war es nun wirklich nicht ״normal“. Der ״Frühregen“ kam in der Tat ungewöhnlich früh und begnügte sich nicht wie meist mit einem gründlichen Schauer, der alles ordentlich wäscht und dem Beschauer erst zum Bewußtsein bringt, wie staubig Straßen, Häuser, Dächer, Bäume vorher waren. Sondern es kamen unregelmäßig hintereinander mehrere Regen, und dann begann es nach einem Zwischenraum mit dem Winter in großem Ernst, als ob wir nicht Ende Regentag in Tel-Awiw Foto; Lunar Dünner $:m§ Oktober, sondern Mitte Dezember hätten. Wolken, Blitze, Donner und Wetterleuchten, gemischt mit unendlichen Regenfluten. Das dauert jetzt schon etliche Tage an und sieht aus, als ob es noch unentwegt so weitergehen wollte. Es ist jedesmal anders und dasselbe. Wer schon lange in einem Halis \vohnt, weiß genau, wo cs hineiuregnen wird, und nimmt die Duschen in den verschiedenen Zimmern und die Bächlein, die auf den Fußböden entstehen, je nach Temperament mit Fluchen oder mit gleichmütigem Achselzucken und Eimern auf. Wer neu in eine Wohnung gezogen ist, hat noch Hoffnungen, die meist im wahren Sinne des Wortes zu Wasser werden, aber er hat wenigstens die Unterhaltung, daß ihm überall Ueberraschungen vorbereitet sind und er erst jetzt herausbekommt, an welchen Stellen denn das ״Dach als ein Sieb gebaut ist“. Man lernt in diesen Regentagen genau ermessen, wieviel die Baukunst in Palästina in den letzten Jahren zugelernt hat — denn es gibt doch schon eine Menge Häuser, wo man auch bei einem Wolkenbruch trocken sitzt, Wenn man ganz vornehm ist, sogar bei Zentralheizung! — und auch wieviel sie noch zu ler nen hat, weil in diesen Tagen auch Wände, die ganz vertrauenerweckend aussahen, zu tropfen beginnen, Türritzen einen verräterischen Strom durchlassen und Fenster um keinen Preis dicht zu schließen sind. Das S t r a ß e n bi ld sieht in den ersten Regentagen noch sehr viel bunter aus als sonst. Kaum einer ist auf den Wetter- Umschlag vorbereitet. Während der Himmel schon sehr grau aussieht, geht die Einwohnerschaft von Tel-Awiw noch lustig in Leinenhosen und weißen Kleidern Strumpf- und hutlos herum. Dann kommen, nachdem man einmal gründlich naß geworden ist, die ersten Sicherungen, Regenmäntel und feste Schuhe, bis schließlich nach einigen Wochen jeder sich so weit versorgt hat, wie es ihm gegeben ist. Tel-Awiw feierte dieses Jahr gleich zu Anfang der Regen- Periode seine ״venezianische Zeit“, denn es hatte gleich in den ersten Tagen seine Teilüberschwemmungen. Straßen waren unpassierbar, Autos konnten an den ungepflasterten Ecken nicht weiter, in die jämmerlichen Baracken in den Armenvierteln drang das Wasser in Strömen, machte die Leute ob- Wirtschaft Die Rückzahlung •der Depositen in die Banken, die in den Wochen der Panik abgehoben worden waren, dauert an. Es wird gemeldet, daß die großen Banken, die in den Krisentagen gezwungen waren, große Summen aus London nach Palästina zu überführen, damit begonnen haben, den Ueberschuß der Gelder wieder nach London zu überweisen. Der Ueberschuß in der palästinensischen Regierungskasse wird am 30. September mit über sechs Millionen Pfund beziffert. Die Vorbereitungen für die Errichtung der großen Reismühle in Haifa gehen vorwärts. Mit dem Bau soll Ende November begonnen werden. Das Unternehmen umfaßt Investitionen von ß 35 000. Der rohe importierte Reis soil in der Mühle geschält, poliert und für die Konsumtion vorbereitet ■werden. In Palästina sind zur Zeit 60 Versieh er ungsgeseilschatten nebeneinander tätig. Nach Verhandlungen zwischen der jüdischen Pflanzer- Organisation und der Regierung hat sich diese bereit erklärt, einen Nachlaß auf die Landsteuer zu gewähren, da die Hitzewelle zu Beginn des Sommers schweren Schaden angerichtet hat. Es wird berichtet, daß die Agrarbank der Palästina-Regierung noch vor Schluß des laufenden Jahres ihre Arbeit beginnen wird. Die Zentrale der jüdischen Kooperativen in Palästina hat im Einvernehmen mit der internationalen Kooperation den 31. Oktober zum ״S p a r t a g“ deklariert und zu diesem Datum eine Reihe von Publikationen über die Bedeutung der Sparsamkeit im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft herausgebracht. Am 3. November wird in Tel-Awiw der Grundstein für einen neuen großen Block von G c in c i n s c h a f t s - Wohnungen gelegt, der 7S Wohnungen mit 230 Zimmern umfaßt. Die Munizipalität von Haifa beriet in einer ihrer letzten Sitzungen über die Beschleunigung verschiedener Straßenreparaturen und die Schaffung einer modern ausgeriisteten Feuerwc h r. Ein neues Stück der Chaussee Haifa—Tel-Awiw zwischen den Siedlungen des Scharon und K a i k i I i e 11 ist a s p h a Itiert worden. Die Autobuslinien benutzen bereits die neue Straße für die Fahrten in die Ebene Jcsrecl. Die Verbindung ist dadurch erleichtert und beschleunigt worden. Eine neue Straße zwischen Nablus und Jaffa über Asun ist fertiggestellt worden. Der Weg ist 20 km kürzer als der bisherige über Tul-Kerem. dachlos und zerstörte die geringe vorhandene Habe. Der letzte regenreiche Winter hat Tel-Awiw gründlich gelehrt, was Mangel an Drainage bedeutet. Man hätte annehmen sollen, daß das Leiden der Äernisten der Armen, die in dm ticfgelcgeueii Stadtvierteln in jämmerlichen Hütten hausen, und die Uebcrflutung ganzer Straßen die Stadtväter gelehrt haben müsse, daß man einzuschreiten hat. Man konnte auch immer wieder bemerken, daß hier und da planiert und Röhrenarbeit gemacht wurde, aber der erste große Guß zeigte, daß die getroffenen Maßnahmen längst nicht genügten. Wieder stand das Wasser knöcheltief, wieder überschwemmte es die Slums. Und der Skeptiker fragte sieh: Wenn die Munizipalität sich nicht einmal jetzt, vor Wahlen, richtig anstrengt und für eine entsprechende Drainage sorgt, von einer weitsichtigen Wohnungspolitik ganz zu schweigen, was wird erst sein, wenn es ihr nicht auf eine Mehrheit in einem Wahlkampf ankommt? Es ist höchste Zeit, daß einmal der Druck der öffentliehen Meinung so stark wird, daß gründlich in diesen Dingen Wandel geschaffen wird. Gibt es bei diesen großen Regen schon in Tel-Awiw Stellen, wo es reichlich ungemütlich wird, so wird vielfach die Lage in den Siedlungen noch viel peinlicher. Es ist keine Kleinigkeit, die Winterregen in den Zelten zu überdauern, wie es an vielen Stellen noch immer gemacht wird, die Wohnungsnot in den Kibbuzim, die im Sommer von der Pol Hilf Der High Commis sioner für Palästina, Sir Arthur Wauchope, wird am 13. November von seiner Englandreise zurückk ehren. Nach der Rückkehr Ben G u r i o n s wird, wie die palästinensischen Blätter melden, in diesen Tagen die endgültige Konstituierung der in Luzern gewählten Exekutive der Jewish Agency und die Ressortverteilung vorgenommen werden. Zum Vorsitzenden der Palästina-Exekutive als Nachfolger von Dr. Ruppin dürfte Ben Gurion ernannt werden. Für das Ein werfen von Fensterscheiben in den Häusern von Samaritanern in Nablus am Tag des arabischen Streiks wurden die Eltern der Kinder, die die Aussclireitungen begangen hatten, zum Ersatz der Kosten verurteilt. Aus verschiedenen Orten des Landes werden in den letzten Wochen Ueberfälle von Arabern auf Juden gemeldet Die hebräische Presse verlangt eindringlich von der Polizei eine schärfere Kontrolle der öffentlichen Sich er heit. Der neue deutsche Konsul für P a I ä 8 t i 11 a und Transjordanien, Walter Dohle, ist in Jerusalem eirigetroffen. Kultur und Gesellschaft Die ersten groß e n W i 11 t e r r e g e :1 haben eine Ver* spätung der Züge von Aegypten verursacht, da Brücken unterwaschen wurden. Die Siedlungen im t nick Chefer (Wadi Hawarith) sind neuerdings von der Umgebung abgeschnitten. Die fehlenden T eile für die W a s s e r i e i t u n g in Je r u - Salem, die aus London nachbestcllt werden mußten, sind bereits in Pord Said eingetroffen, und die Regierung hofft, das neue Werk noch im November in Betrieb setzen zu können. Die Wassernot in vier Hauptstadt war in den letzten Wochen stark gestiegen, die ersten ungewöhnlich starken Winterregen lassen jedoch sofort auf eine gewisse Erleichterurig hoffen. In der Haifa er Bucht konnte ein Segelschiff mit dem starken Sturm nicht fertig werden und die Poiizei eilte ihm zu Hilfe. Es gelang, die Besatzung, bis auf einen Matrosen, der verschwunden ist, zu retten. Das Schiff zerschellte und versank mitsamt der Ladung. Die Stadtbatikommission in Jerusalem hat beschlossen, zur Erhaltung des Charakters 11 e r Altstadt in Jerusalem Experten für Geschichte und Archäologie heranzuziehen, tim zu verhüten, daß bei baulichen Aenderungen historische Denkmäler zerstört werden. Der Bezirk, der zur Altstadt gerechnet wird, soll erweitert werden. Außerhalb der Mauer wird die Aufforstung der Abhänge geplant. In Jerusalem wurde der t a u s e n d f ü n f h u «d e r t ste Jahrestag der Ue b ersetz 11 ng der Bibel ins Arrnenische gefeiert. An der Feier nahmen eine Reihe geistlieber Würdenträger und Vertreter der Bibelgesellschaften teil. strahlenden Sonne etwas erleichtert wird, zeigt sich zu Beginn des Winters in voller Schärfe, Enge und Unordnung werden größer. Dazu kommt in einigen Gegenden (vor allem im Ernek Chefer) die ungenügende Verbindung. Voriges Jahr waren diese Punkte alle paar Wochen von der Welt abgeschnitten. Die Autobusse, die den Verkehr versorgen, versanken irn grundlosen Morast, es war unmöglich, Lebensmittel zu erhalten, es kam keine Post, die Produkte der Landwirt- Schaft konnten nicht zu Markte geführt werden. Man verhandelte mit der Regierung, es gab Versprechungen und Berechnungen, die Chaussee Haifa Tel-Awiw sollte endlich so ausgebaut werden, daß sie da« Einek Chefer mit einschioß und damit den Siedlungen dort den lange ersehnten Hauptweg lieferte — und hei den ersten Regen dieses Jahres kommen dieselben trüben Nachrichten :Wir sind a b g e sc I! n i 11 e n, wir stecken im Sumpf. Wenn aber die ersten Rcgenfluten stoppen, beginnt die beste Zeit im Lande. Es folgen die wolkenlosen Wochen vor der zweiten großen Regenzeit, eine Zeit der Kühle und Sauberkeit, wo alles aufatmet und nach der langen Sommerhitze wieder aktiv und lebendig wird. Es kommt die Zeit der verstärkten Kulturarbeit, mit ihrer Fülle von Vorträgen, Theatervorstellungen und Konzerten, eine Zeit der geistigen Lebendigkeit, die die langen glühenden Sommermonate vergessen läßt. Vom arabischen Streik in Jaffa am 26. Oktober Am Vorabend des Streikes verließen viele jüdische Familien Jaffa, besonders am den Die Polizei hatte die Verbindungsstraße zwischen Jaffa und Tel-Awiw durch Kreisen des orientalischen Jischuw, und lagerten sich am Rothschild-Boulevard in TeTAtvuo, Postenketten abgesperrt f«u•: l»i« Dam!« ״fgsi mm «am