Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 91 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91 / Jahrgang 40 Pr•!■ 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU muiMiiinig SchriftleitaAg,VerU; a. Anxelganverw alttmg t Berlin VI5, Meinek«1tr,10 Fernruf; Simmel-Nr. jl Bismarck 3181/82,7165/70*7240/42. — Bezugspreis einschi. Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr HM 5*75, bei Abholung RM 1,88 b*w. RM 5*39 ־— Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Grofi - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch au! Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstes and Freitag. BERLIN ט״ז מרהשוו תרצ״ו DIENSTAG, 12. NOVEMBER 1935 Gültig f Anzelgenprelaliste Nr• 4• Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Famtlisnnachrichten 15 Rpl. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet weiden» Gelegenheit»־ anzeigen nur bei Vorauszahlung aut Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annahmeschluß lür die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag -Au»*״ gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt tür das iOdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Einigung in der Gemeinde Fifty-Fifty Prinzip zwischen Zionisten und Nichtzionisten Vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wird mitgeteilt: ״Geleitet von dem Wunsche, eine vom Vertrauen der gesamten Gemeinde getragene Führung der Geschäfte herzustellen, haben sämtliche Vorsteher der Gemeinde sowie die Vertreter aller Fraktionen der Reor'Nor. r-1e־wr׳sammlung Beratungen gepflogen, in welcher Weise und Form das erstrebte Ziel erreicht werden kann. Hierbei ist von der Voraussetzung ausgegangen worden, daß kc;־cr der in der Gemeinde bestehenden Richtungen ein für sie nicht tragbares Opfer zu gemutet werden soll und daß alles zu geschehen hat, ein friedliches und freundschaftliches Zusammenarbeiten aller Richtungen unter Anerkennung Ihrer völligen Gleichberechtigung in der Gemeinde zu gewährleisten, in Ausführung dieser Grundsätze ist eine Vereinbarung getroffen worden, deren wesentlicher Inhalt die Anerkennung des sogenannten Fifty-Fifty- Prinzips bei der Besetzung des Gemeindev.r3tr.ndes und eine entsprechende Verteilung der Dezernate des Gemeinde- Vorstandes ausmacht.“ * Die jüdische ()Öffentlichkeit wird die Nachricht von der Einigung in der Jüdischen Gemeinde Berlin mit großer Befriedigung zur Kenntnis nehmen. Die Gemeinde hat durch diesen Schritt den geänderten Verhältnissen Rechnung getragen und auch den Stimmungswandel innerhalb der Berliner Juden heit in der Zusammensetzung der leitenden jüdisehen Gremien zum Ausdruck kommen lasseri. Wir hoffen, daß hierdurch eine Periode innerer Kämpfe, die niemandem angenehm waren, abgeschlossen ist und daß nunmehr die Voraussetzungen für eine planvolle konstruktive Arbeit der Gemeinde geschaffen worden sind. Bei den Auseinandersetzungen, die dieser Neuformierung vorausgingen, haben die Zionisten geltend gemacht, daß durch die Ent- Wicklung der Dinge die von ihnen stets vertretene Idee einer über die nur religiösen Belange hinaus um das Volkswohl bemühten jüdischen Volksgc meinde zur unabwcislichen Notwendigkeit geworden ist und daß auch der von den Zionisten stets geforderte Zusammenhang mit Palästina heute schon darum ein allgemein jüdisches Interesse geworden ist, weil tatsächlich zahlreiche Juden ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit die Auswanderung nach Palästina in ihr Lebensprogramm aufgenommen oder aber nahe Angehörige bereits auswandern gesehen haben. Ja die Fragen der konstruktiven Volkshilfe und der Wanderungsfürsorge nehmen einen so prominenten Raum in der Gemeindearbeit ein, daß bei objektiver Würdigung niemand sich der Richtigkeit des Anspruches der Zionisten auf gleichberechtigte Teilnahme an der Führung entziehen kann. In der ״Jüdischen Rundschau“ wurde in den vergangenen Jahren und Monaten wiederholt betont, daß es nicht die Absicht der Zionisten ist, andere jüdische Gruppen, auch wenn deren früheres Programm nicht mehr durchführbar ist, aus der Mitarbeit und Mitverantwortung in der Gemeinde zu verdrängen, sondern daß das Ziel der Bestrebungen darauf gerichtet ist, ein gleichbcrcchtigtes Zusammenarbeiten zu ermöglichen. Diese Gleichberechtigung findet ihren Ausdruck in dem sogenannten Fifty-Fifty-Prinzip, das heißt einer zahlenmäßig gleichen ßcrücksichtigung beider Gruppen bei der Besetzung der maßgebenden Stellen. (Die Bezeichnung ״Fifty-Fifty“ ist seit der Schaffung der erweiterten Jcwish Agency für Palästina Hugo Bergmann Rektor der Hebräischen Universität Wie aus Jerusalem gedrahtet wird, hat der Senat der Hebräischen Universität den Professor an der Philosophischen Fakultät Dr. Hugo Bergmann zum Rektor für das Studienjahr 1935 36 gewählt. Die Würde eines Rektors der Hebräischen Universität ist in diesem Jahr zum erstenmal verliehen worden. Während früher die wissenschaftliche und administrative Leitung der Anstalt in den Händen des U n i v e r - sitätskanzlers lag, ist auf der im September in Luzern abgehaltcnen Tagung des Kuratoriums der Llniversität bestimmt, worden, daß ein vom Senat zu wählender Rektor die wissenschaftliche Leitung der Universität in Gemeinschaft mit den Dekanen itinehaben soll. Dr. Hugo Bergmann war bis vor kurzem Direktor der Jerusalemer Universitäts- und Nationalbibliothek. Er trat von dieser Stelle Mitte Mai d. J. zurück, um sich vollständig philosophisch-wissenschaftlicher Arbeit widmen zu können, und wurde im September zum ordentlichen Professor an der Philosophischen Fakultät ernannt. Als Organisator der Biblioin den Sprachgebrauch des jüdischen Organisationslebens eingegangen.) Die Anerkennung des Prinzips der Gleichberechtigung ist nach unserer Meinung sogar noch wichtiger als seine zahlenmäßige Auswertung im einzelnen. Die Entwicklung in der Jüdischen Gemeinde Berlin steht im Einklang mit der Resolution, die mit Zustimmung der Berliner Jüdischen Gemeinde sowie aller anderen führenden jüdischen Körperschaften Deutschlands in der Erklärung der Reichsvertretung vom 22. September 1935 enthalten war. Dieser Beschluß lautete: ״Einem im I’ritsidialausschussc der Rcichsvcrtroümg gestellten Antrag entsprechend, werden Reichsvertretung, Landesverbände und Gemeinden ersucht, unverzüglich in enger Zusammenarbeit die organisatorischen und personellen Maßnahmen zu treffen, die in den jüdischen Körperschaften erforderlich sind, um eine kraftvolle und konsequente Durchführung des netten Arbeitsprogramms durch alle jüdischen Instanzen sichcrzustellcn.“ Es ist zu hoffen, daß nun auch die anderen Körperschäften und insbesondere die Gemeinden im Reich, die sich bisher zu einer den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Umwandlung der Gremien nicht entschließen konnten, dem Vorbild der Berliner Gemeinde folgen werden. Die jüdische Entwicklung ist keine bloß organisatorische oder formelle Angelegenheit, sondern eine Angelegenheit des Lebens und des Geistes. Die jüdische Gesamtheit hat durch die von vielen Juden erlebte Stärkung der Beziehungen zu allem Jüdischen eine große Befruchtung und einen Auftrieb erfahren, und es ist zu hoffen, daß dieser Weg uns noch weiterführen wird. Alle jüdischen Gruppen und Menschen sind von dieser Bewegung ergriffen, und es ist selbstverständlich, daß es in dieser Bemühung um eine Erneuer u n g des Judentums auch weiterhin Auseinandersetzungen geben wird, Das Streben nach einer tieferen Erkenntnis des jüdischen Wesens und der jüdischen Probleme, nach Mehrung jüdischen Wissens und jüdischen Gefühlsinhaltes wird nicht aufhören. Wir hoffen, daß die nunmehr von dem Ballast innerer Kämpfe befreite Gemeinde auf diesem Weg die Führung übernehmen wird. Wir täuschen uns nicht darüber, daß es über die verschiedenen Methoden und Ziele auch in Zukunft Meinungsverschiedenheiten geben kann. Ungeachtet dessen sollen in harmonischer Zusammenarbeit alle Kräfte auf eine Förderung des jüdischen Lebens und der jüdischen Interessen gerichtet sein. Es wäre ehrenvoll für das Judentum in Deutschland, wenn es — freilich in recht später Stunde — alle Kräfte auf fruchtbare Aufbauarbeit konzentrieren könnte. In diesem Sinne begrüßen wir die in der Gemeinde vollzogene Einigung. Es darf aber in diesem Zusammenhänge nicht verschwiegen werden, daß die Einigung in der Berliner Gemeinde — so begrüßenswert der Versuch einer auf neuer Grundlage beruhenden Gemeinschaftsarbeit zwischen Nicht- Zionisten (Liberalen) und Zionisten als Ocsamtgrupppen auch sein mag — durch die immer noch bestehende Spaltung der zionistischen Gemeindevertretung in Berlin belastet ist. Es ist bedauerlich, daß aus diesem Grunde die Berliner Vereinbarung noch Probleme offen läßt, die einer innerzionistischen Bereinigung bedürfen. Wir halten es für selbstverständlich, daß auf den zionistischen Anteil in den Gremien der Gemeinde nur solche Persönlichkeiten entfallen können, die sich der gemeinde-politischen Arbeit der Zionistischen Vereinigung einfiigen. ln dieser Hinsicht wird der Delegiertentag der ZVfl). eine Klärung herbeiführen müssen. thek hat Bergmann eine gewaltige Leistung vollbracht. Seine eigentliche Neigung galt aber stets der philosophischen Arbeit. Bergmann, der am 25. Dezember 1S83 in Prag geboren wurde, war schon als Student ein eitriger Vorkämpfer eines geistig una kulturell gerichteten Zionismus. Er gehörte zu den bedeutendsten Mitgliedern des von Martin Huber stark beeinflußten Hochschülervereins Bar Kochba. Von seinen philosophischen Arbeiten sind zu nennen: ״Untersuchungen zum Problem der Evidenz der inneren Wahrnehmung“ (Halle 1908); ״Das philosophische Werk Bernhard Rol/.anos“ (Halle 1909); ״Das Unendliche und die Zahl“ (Halle 1913); ״Das Kausalitätsproblem in der Geschichte“ (Tübingen 1013); ״Der Kampt um das Kausalitätsprinzip in der modernen Physik“ (1929); sowie zahlreiche philosophische Aufsätze und kürzere Abhandlungen. Ferner veröffentlichte Dr. Bergmann eine große Zahl von Aufsätzen in zionistischen Zeitschriften, von denen ein Teil unter dem Titel ״Jawne und Jerusalem“ (Berlin 1919) gesammelt erschien. In dem Buch ״Worte Moses“ (Minden 1913) wird in der Einleitung die jüdische Ethik unter dem Gesichtswinkel der Kant-Fichteschcn Philosophie betrachtet. Unter Bergmanns religions-philosopliischen Arbeiten ragt der Aufsatz ״Kiddusch haschem“ in dem 1913 vom Prager Bar Kochba herausgegebenen Sammelbuch ״Vom Judentum“ hervor. Auch in hebräischen Zeitschriften hat Dr. Bergmann viele philosophische und literarische Aufsätze veröffentlicht, 1927 gab er in Jerusalem ein umfassendes hebräisches Werk über die Philosophie Kants heraus. Seine letzten philosophischen Werke veröffentlichte Bergmann nur hebräisch, wobei er eine Synthese allgemeinphilosophischer und jüdischer Probleme anstrebt. Dem gilt das Buch über Salomon Maimon und sein letztes Buch ״Hoge Hador“ (״Denker der Zeit“). Wochenschau Deutsche Jaden für Palästina — Transfer and Auswanderung —Weidmanns Eintreffen - Der neue Rektor — Ein bedeutendes Buch Berlin, 11. November In den Nöten und Schwierigkeiten, die wir Juden durchleben, ist Palästina ein Hoffnungsblick. Dies kam wieder zum Ausdruck bei einer Kundgebung des Keren Hajessod in Berlin am letzten Sonntag, bei der sich die Verbundenheit der Juden Deutschlands mit dem Palästinagedanken wirkungsvoll manifestierte. Die Führer der maßgebenden jüdischen Gremien bekannten sich zu Palästina und ein vielhundcrtköpfigcs Auditoriurn (die Veranstaltung war seit Tagen ausverkauft) lauschte aufmerksam den Berichten, die über das Werk des Keren Hajessod gegeben wurden. Die Juden Deutschlands wissen, daß nicht allen der Weg nach Palästina offen steht, aber für viele, vor allem für die Jugend, bietet sich hier Ausweg und Ziel zugleich; und darüber hinaus ist die Tatsache dieses jüdischen Werkes eine moralische und geistige Rückenstärkung für das ganze jüdische Volk, ln der beginnenden neuen Epoche hat gerade der Keren Hajessod, wie hier schon anläßlich seines fünfzehnjährigen Jubiläums dargeiegt wurde, besonders große Aufgaben. Ais das Finan/iristrunient der Jewish Agency dient er zur Bestreitung derjenigen Aufwände, die dem G e in e i n w o h 1 zugute kommen. Er ist eine regulierende Macht im Spiele der Einzelinteressen. Große, vom Gemeinwohl diktierte Aufgaben, wie sie jetzt die Ansiedlung von Juden aus Deutschland darstellt, könnten ohne den Keren Hajessod nicht bewältigt werden. Es ist daher begreiflich, daß gerade die Führer des deutschen Judentums an die Juden Deutschlands appellieren, die jetzt beginnende Aktion für den Keren Hajessod zu unterstützen. Es hat sich gezeigt, daß Gelder, die für diesen Zweck aufgewandt wurden, weit fruchtbarer waren als so manche Anlagen, die kluge Geschäftsleute sicher wähnten. * Bei der Palästina-Wanderung von Juden aus Deutschland und auch bei der Ueberweisung der Gelder für die jüdischen Fonds spielt die Frage des Transfers eine finanz-technisch wichtige Rolle. Ohne Kapitaltransfer ist eine Auswanderung größeren Stiles unmöglich. Es liegt nahe, daß diese Seite der Sache alle Auswanderer interessiert, die sich in Palästina eine neue Existenz aufbauen wollen, lieber den Mechanismus, durch den der Transfer bewerkstelligt wird, sind aber vielfach recht unrichtige Meinungen verbreitet. Es entspricht einem psychologischen Gesetz, daß Menschen, die auf Schwierigkeiten stoßen, ihren Aerger häufig an Aemtern und Beamten auslassen, als ob diese aus Schikane oder Gleichgültigkeit die Sachen verschleppten. Leute, die sich spät entschlossen haben, ihre Auswandcrung vorzubereiten, sind entrüstet, wenn es nicht so schnell geht, wie sie erwarteten. Vielleicht werden manche eines besseren belehrt, wenn das Problem des Transfers einmal in seinem ganzen Umfang erörtert wird. Der Beitrag von Dr. Fe i 1 c h e n f e 1 d, dem Manager der mit dem Transfer befaßten Haavnra in Tel-Awiw, gibt in unserer heutigen Nummer in aller Ausführlichkeit eine Einführung in diese etwas komplizierte Materie. Wer die Mühe nicht scheut, sich den Vorgang klarzumachen, der wird es besser zu würdigen wissen, welche Erfolge hier durch Umsicht und Organisationstalent wenigstens auf einem Teilgebiet erreicht worden sind. Dali der Transfer auch für die palästinensische Wirt- Schaft vom Segen war, wird von einsichtigen Kreisen nicht bestritten. Wenn es trotzdem immer wieder in der palästinensischen Qeffentlichkeit zu Diskussionen über diese Sache kommt, so dürfte dies teilweise der Unkenntnis der wirklichen Zusammenhänge, teilweise der Einwirkung von Interessenten zuzuschreiben sein, die aus geschäftlichen oder anderen Gründen die Konkurrenz der Haavara gern ausschalten möchten. Auf dem Kongreß in Luzern ist die Frage bekanntlich gründlich behandelt worden, und es ist bedauerlich, daß z. B. ein ehemaliges Mitglied der Exekutive wie Col. Kisch nicht als Zionist so viel Zurückhaltung und Disziplin aufbringt, diesen Kongreßbeschluß zu respektieren, zumal ja jeder weiß, daß wirklich alle Argumente pro und kontra bereits genügend durchgekaut worden sind. Wenn wir hoffen, daß der Transfer auch weiter vonstatten gehen wird, so tun wir das nicht im privaten Interesse einzelner Juden Deutschlands, obwohl für verantwortliche Zionisten und Träger einer Volksbewegung auch diese Interessen nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürften, sondern in dem Bewußtsein, daß auch Palästina und Foto-Archiv