Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 89 (5.11.1935)
- Date
- 1935-11-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 89, 5. XI. 1935 Nr. 89, 5 Die Namen der Juden Gerhard Keßler: ״Die Familiennamen der Juden in Deutschland“ (Mitteilungen der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte, 53. Heft). Leipzig 1935. Mit anerkennenswerter Gründlichkeit wird hier der Versuch unternommen, viele in Deutschland vorkommende Familiennamen von Juden zu erklären oder zu deuten. Die Abhandlung ist Nebenfrucht einer größeren Arbeit über das ״Hofjudcntmn“ in den Jahrhunderten des Frühkapilalisimis, die der Verfasser 1933 aus Anlaß der Verlegung seines Wohnsitzes nach Istanbul abbrechen mußte. Ausgangspunkt der Untersuchung über die jüdischen Zunamen ist demgemäß nicht die sprachgesclik'litlidie Forschung, für die sich der Autor, der seihst Arier ist, als Natbnnlökonom unzuständig erklart, sondern die Gesellschaft*• und Wirtschaftsgeschichte. Hier liegt denn auch der Wert des Buches, indem z. B, manche Zusammenhänge /,wischen zeitlichen Oeschrnacksrichtungen, juristischen und sozialen Verhältnissen mit der Namengebung klar herausgearbeitet wurden. Von lresonderern Reiz sind auch die Feststellungen über die Vorn a in e 11 der Juden Deutschlands, die an Hand des Berliner Adreßbuches von 1926 und tl« Mit :liederverzeichnisj.es des C.-V. von 1905 getroffen wurden. Dabei ergibt sich, daß der größte Teil der altansässigen jüdischen Familien im laufe der letzten hundert Jahre die alten Rufnamen der Väter preisgegeben hat und nur die aus dem Osten zugewanderlen noch echtjüdische Vornamen tragen, die dem Autor von V'ollcstreue zeugen und denen er mit der Objektivität, die sein Buch auszeichnet, Achtung zollt. Fr meint (S. 27), ״daß wahrscheinlich viel Irrtum, Traum und Dunkel, viel Enttäuschung um) Leid vermieden worden wäre, wenn es auch unter Juden ries Berliner Westen-, unter den Juden des Großbürgertums und der Bikhmusschieht, unter den altansässigen Juden Deutschlands i!11 letzten Jahrhundert mehr Baruch und Leiser, Moses und fVb.dem und weniger Alfred und Kurt, Arthur und Siegfried gegeben hätte״. Wenn Professor Keßler für die jüdischen Familiennamen unter Benutzung der bereits vorhandenen Literatur Erk I a r n n g e n zu gehen sucht und ein etwas starres Schema aufstellt, das fast den Anschein erweckt, als oh sich die Fungruppienmg der einzelnen Namen in bestimmte Sparten autotnatiseh vollzöge, so ist er sich sicher selbst darüber klar (und laßt e> in Anmerkungen auch durch blicken), daß seine Darlegungen noch nichts l'ndgültiges bedeuten; ja daß es als ein Wagnis lie/eieluiet werden muH, das Thema zu behandeln ohne Zuhilfenahme der wissenschaftlichen Werke und Zeit- Schriften 11 es [mh ntums, die ihm nicht, mehr zur Verfügung standen. Nur so lo-sen sich die Fehldeutungen erklären, soweit sie nicht auf einem (begreiflicherweise) ungenügenden Vertraui-em in;! der indischen Volkskunde beruhen. In der lat hören sieli ja viele jndcmiainen wie Wörter aus bestimmten Sprachen an, wahrend sic in Wirklichkeit mundartliche Nebenformen von hebräischen Personennamen. Bernfsbe/cichnuiigen, liihel/il.Uen u, a. sind. A w i g d o r, Figdor z. B. ist nicht lat. .,victor“ (S. II), sondern biblisch-hebräisch, närn• lieh ,,awi gedor״ ״der Vater von (jeder‘• (mit Namen Jered, 1. Cihrem. 5, iS); Sandler nicht griech. ״Alexander“ (S. 11), sondcrii hehr, ,״ssaudelar" ( - Schuhmacher); (iro• n e in a 11 n nicht ״grüner .Man״“ (S. 71), sondern die Oermanisierung dies jiddischen Rufnamens ״(ironitn“, d. i. griech. ״Hierorivnios“ ( heiliger Nanu*), der seinerseits wieder eine Umschreibung für den Männernamen ״Alexander“ ist; obwohl niehthebräiseh, gilt dieser Name in Erinnerung an Alexander den Großen als ״schein lia-kodesch“ ( - heiliger Name), der dein Knaben hei der Britlunilah verliehen und unter dem der Erwachsene zur Thora-Vorlesung aufgerufen wird. Türk ist kein ״Türke“ und Mamlok kein ״Marnelucke“ (S. 57), sondern diese bekannten Namen sind die jiddischen Formen der Judenstädtel Turek und Mamlicc im nördlichen Polen; Halfen, Ilalphen nicht ״Heilhronn“, sondern hehr, ״ehalfan“ ( -- Wechsler, Bankier). Umgekehrt fehlen in der Gruppe der Herkunftsnamen interessante Beispiele, die Keliler anderweit miterbririgt. Klee z. B. ist nicht ״Kalonymos“ (S. 11), sondern ■- die Familie Klee ist seit acht Generationen am Niederrhein ansässig — ״Kleve“; Mauthner nicht ״Steuereinnehmer“ (S. 68), sondern Ort ״Mautern“ in Böhmen; Lachs, Lax nicht ״Sohn des Lachmann (d. i. Isaak)“ (S. 62), sondern dieser Fischname wurde wie F o r e 11, Aal, H e i 1 b u t dem Ort Rybnik in Poln,-Oberschlesien entlehnt, der zu Deutsch ״Fischort“ heißt (poln. rvba Fisch). Oan/e Namenslisten könnte man beanstanden, z. B. die 16״. Liste: Berufsnamen — Gruppe c. Handelsgut. Abt. I: Edelmetalle, Edelsteine und Schmuckwaren“ (S. 72). Die hier vermerkten Edelstein-Namen wie Diamant, R u b i n s t c i n, Karfunkel, S a f i r usw. sind kein ״Handelsgut“; familiengesehichtlich weisen sie sämtlich nach Osteuropa und wurden zumeist 1804 in Rußland anläßlich der von Staats wegen für die Juden angeordneten Namengebung von den Hausvätern als weltliche Zunamen der Ich bin Käufer von I. und II. Hypotheken auf Berlins!' HSuser WERNER PINNER. Bankgeschäft Berlin NW 7, Unter den Linden 40-41 / Tel. Semmel ־ Nummer A6 5126 Thora entnommen: als Uebersetzungen oder versuchte Dentungen der zwölf Edelsteine im Brustschild des Hohepriester- Schmuckes, auf denen in Spiegelschrift die Namen der zwölf Söhne Jakobs eingraviert waren (II. Mas. 28, 17 und 39, 11). Unter ״HandeLsgut“ (Abt. 6: Kurzwaren und Fertigwarenbedart des Bauernhofes) figurieren die Namen Sichel, Siegel; sie sind aber die süddeutschen Schineichelformen des hehr. Namens Ji/ehak, Itzik, wie Zickel die ostdeutsch-polnische ist. Thcilhabcr gehört gleichfalls nicht in die Handelswclt (S. 72), sondern nach Tlieilheim in Unterfranken, wo der erste Naniensträgcr Hafer-Händler war (fränkisch ״Haber"). Znsainmenfassend kommt Keßler zu den! Ergebnis, daß die meisten deutschen Jtidcnnamcn (abgesehen von den manchmal sinnlosen Willkiirnamcn der Emarizipationszeii) sich aus der Geschichte des jüdischen Volkes und aus dem Wesen des jüdischen Volkstums vollauf erklären lassen: daß sie sinnvoll und achtungswürdig seien wie jeder Kulturbesitz. einer Nation, ln den altererbten Namen stecke reiche Geschichte: Familiengeschichte, Volksgeschichte, Sprachgcschichte. Audi der Deutsche würde die große und reiche Geschichte des Judentums in den iüdischen Namen anerkenrien. ״Den Juden aber möge die Ehrfurcht vor seinen Vätern davon ynriickhalten, seinen Namen zu beklagen, zu mißachten oder gar leichtfertig wegzuwerfen.“ G « s t a v Samuel Uni eine hebräische Unterschrift. Der langjährige Präsident der autonomen Zagreber orthodoxen Gemeinde, Arje Jehuda hen Rohe! Rothstein, hat sein am 17. Dezeniber 1922 datiertes Testament, worin er zahlreiche Legate für jüdische Zwecke!,unterließ, mit einer hebräischen Unterschrift versehen. Die Kinder waren einverstanden, aber das Zagreber Kreisgericht erklärte das Testament mit der hebräischen Unterschrift unter Bezugnahme auf Österreichungarische Dekrete aus den Jahren 1814, 1812 und 1S16 für ungültig. Der Appellationsgerichtshof hat die Vorentschcidüng aufgehoben und damit wohl zuin ersten Male in Jugoslawien eine mit hebräischen Buchstaben geschriebene Unterschrift unter einem Testament als gültig anerkannt. Ueber den interessanten Fall berichtet in der Zagreber Wochenschrift 7״idov“ der Vizepräsident der Zagreber KultusgemcindeV Rechtsanwalt Dr. Lavoslav Sik; die mit viel Material belegte Arbeit ist auch im Sonderabdruck erschienen. In Mailand fand vergangene Woche, wie uns berichtet wird, die Aufführung einer Oper ״Re Pappagorgia“ von Lena Stein-Schneider (früher Berlin) statt. Es war ein durchschlagender Erfolg. Die uns vorliegenden Zeitungsberichte rühmen die Handlung und Musik als erfindungsreich und überaus geschmackvoll und stellen fest, daß die Komponistin nach Schluß der Vorstellung durch zahlreiche Hervorrufe gefeiert wurde. IN ALLER KURZE Das ״Deutsche Nachrichtenbüro“ teilt mit :״In ausländisehen Blättern sind Meldungen verbreitet, denen zufolge das Propagandamimsteriiun seine naehgeordiieten Dienststellen angewiesen habe, die Namen im Kriege gefallener Juden von Kriegerdenkmälern und Gedenktafeln zu entfernen. Gegenüber diesen Meldungen wird amtlich festgestellt, daß eine solche Anweisung nicht ergangen ist.“ Die ״Westfälische Landeszeitung“ berichtet, daß das Arbeitsgericht Bochum einer Hausangestellten Recht gab, welche den Dienst bei einem Nichtarier fristlos verließ, weil der Sohn des Hauses sich mittags an der Tiir des Mädchens zu schaffen gemacht habe. In der Urteilsbegründung heißt es u, a., der Beklagte habe keinen besonderen Grund für dieses Verhalten seines Sohnes angeben können; hätte aber irgendeine Veranlassung bestanden, so hätte er seine Tochter schicken können. Nach Mitteilung des Pressedezernenten beim Landgericht Altona wird dort am 4. November zu Beginn der Schwurgerichtsperiode zun! erstenmal der Fall einer Rasse- Schändung auf Grund der neuen Gesetze verhandelt werden. Einem aus Polen stammenden Juden wird zur Last gelegt, in einer Hamburger Gaststätte die Bekanntschaft einer N'ichtjiidin gesucht und sie zu einer Autofahrt mitgenommen zu haben, um mit ihr in intime Beziehungen zu treten. Die jüdischen Studenten der kalifornischen Landes u n i v e r s i t ä f veranstalten unter Führung des Hillel- Sludentenhauses eine Sammlung, um einem begabten jüdischen Studierenden aus Deutschland die Fortsetzung seines Studiums in Kalifornien zu ermöglichen. ln Anwesenheit hervorragender Persönlichkeiten des eng- Hsclien öffentlichen Lebens fand in Birmingham eine Versammlung statt, in der beschlossen wurde, einen Fonds zur Schaffung zeitweiliger Forschungsstipendien an der dortigen Universität für Gelehrte zu bilden, die aus Gründen der Rasse, der Religion oder der Politik ihren früheren Wirkungskreis verloren haben. Der G e g e!1 k a n d i d a t des gewesenen Primeministcrs Ratnsay Mac Donald im Wahlkreis Scaham bei den bevorstehenden englischen Parlamentswahlen ist E. S h i n w e 11, ehemals Bergbauininister in der Arbeiterregierung. Shinwell ist Jude. In Stockholm hat eine Konferenz aller Rabbiner aus Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark stattgefunden. Prof. Franz Oppenheimer befindet sich gegenwärtig aut einer Reise durch die Vereinigten Staaten, wo er in akademischen Kreisen lind in zionistischen Versammlungen Vorträge hält. _ ״Kirjath Seplier“, Vicrteljalircssclirift, herausgegeben von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek Jerusalem. Vor kurzem erschien das dritte Heft des zwölften Jahrgangs der von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek lierausgegebenen bibliographischer! Viertelajlrresschrift ״Kirjatli Sepher“. Das Heft enthält außer der gewöhnlichen systematischen und ausführlichen Bibliographie von Palaestinica, Hebraica und Judaica 15 Besprechungen kürzlich' erschienener Veröffentlichungen. Die Rezensenten sind: H. Pick, J. Preß, S. A. Neuhausen, J. Braslavsky, I. Epstein, (1. A1011, A. Yaari, B. Schochetniann, M. Zulay, F. Baer, E. L. Sukenik, M. Narkis. Die in dem Heft enthaltenen Arliehen sind: I. Rivktnd: Literatur über die Peßach-Hagadah (Schluß); L. Finkclstein: R. Josuah ha-Levi und sein Kornnienta-r zu Baba Kama; A. Z. Aescoli: Die Falaschas, eine Bibliographie (Fortsetzung); A. Yaari: Ausgaben des Dramas ״Gcdulath David und Mclukhat Shaul“; J. Schumann: Eine Sammlung hebräischer Gedichte aus der Türke! i!1 der Nationalbibliothek. Um Verzögerungen zu vermeiden, bitten wir dringend, Manuskripte und Einsendungen, die für die Redaktion bestimmt sind, nicht an Einzelpersonen, sondern an die Redaktion zu adressieren. Hetssbach a, d. Bergatr B« Joachim-Fri) Hamborg Emp 12- VJ Berlin W Düssaldorfe Empfang־: HA WE BERLIN Schlüte Harden Hamburg Zu Haus« Berlin NV Agricolasti Empfang Berlin Wir dm״ Ramotb Post Tel r Keren Hajessod (Jüdisches Palostinawerk) E.V., Zentrale für Deutschland, Berlin W15, Meinekestr. 10 / BerP1fnst10495i EIN PALÄSTINA - TONFILM der Urim Palestine Film Co. Ltd., Jerusalem im Aufträge des Keren Hajessod, Jerusalem Nächste Vorführungen in STUTTGART Sonnabend, den 9. November 20.30 Uhr Sonntag, ״ 17.30 ״ .10 ״ Sonntag, ״ 20.30 ״ .10 ״ Gustav - Siegle ־ Haus, Leonhardsplatz 28 Karten von RM 0,80 bis RM 2,, Im Vorverkauf bai den Buchhand• lungen R. Levi, Colwer Straße 25; Paul Neff, Marianstrcrße 32; ZionisHiche Ortsgruppe, Sdhloßstraße 27 und an dar Abendkasse BRESLAU Sonntag, den 10. November, 11,15 Uhr vormittags Tauentiienlheater, Tauentzienplatzll Karten von RAA 0,80 bis RM2,—. 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