Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 88 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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iHHHHmHimiuiimiiminiimimHmMHiiiMiiiimiifiitiümHHtiHHiHUfTmy Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 1. XI. 1935 Juden in Afrika Von I>r. M. Wisch 11 itzcr Mit diesem Abschnitt beenden wir den in flr. 86 hegonnenen Vorabdruck aus dem Buch ,,Die Juden in der Welt", das Mitte November in Erich Heiss Verlag, Berlin, erscheint. (Red.) Libyen Libyen, seit 1911 italienisches Kolonialgeblct, liegt in Nordafrika mischen Aegypten und Tunis. Es besteht aus Kyrenaika und Tripolitanien. Kyrenaika war bereits im 3. Jahrhundert v-or der Christliehen Zeitrechnung Zielland jüdischer Einwanderung. Sie ging 2ur Zeit des Königs ]*tok'mäus I. von Aegypten aus. 1 in zweiten vorchristlichen Jahrhundert war die jüdische Kolonie erheblieh angewaclisen und stark iuilenisiert. Jason aus Kyrenaika schrieb in eitlem klassischen Griechisch die Geschichte des jüdischen Volkes seit den Religionsverfolgtmgeri unter den Selaiziden bis Juda Maccabi; (.las zweite Makkabäerbuch bietet einen Auszug aus dieser Darstellung. Die Hauptstadt von Kyrenaika ist Herenike, das heutige Benghaci. Die Juden bi!- deten unter den verschiedenen kasteiiähnlichen Klassen der Stadtbovölkerung eine Gruppe für sich und genossen autonome Rechte. Sie unterhielten rege Beziehungen zum palästiiiensischeii .Mutterlande. In Jerusalem bestand eine Synagogengemeinde der Kvrenaiker; auch in Antiochien befand sieh eine Kolonie kyreniiischer Juden. Wahrend des grollen Auf- Standes unter Kaiser Trajan (113 -117), der in Kyrenaika und Aegypten ausbraeli, eroberten die Juden unter Führung des zum messkmistiien König aiisgeruieiien Lukuas das ganze Land. Der Aufstand wurde nach langjährigen Kämpfen unterdrückt. 1111 <1. Jahrhundert, unter byzantinischer Herrschaft, begannen jedem crtolgnngen. Die Synagoge in der Küstenstadt Bonbon wtmle in eine Kirche uuigewandelt. Im Sp.Ttiiuttelalter ertolgte ein Zuzug von Juden aus dem benachbarten 1 ripolnanicn. Der Handel mit den Mittelmeerll.ifen kenn/eit!niete das Krweibsleben der jüdischen Hevölkertmg in erster Linie, Wie ubi-rail im Orient betrieben die Juden die < mH- und Mibemehnuedekiitiet. jüdische Eisenschmiede und Zirniuerleute gibt es noch heute in Kvrenaika. litt Jahre N d /aliite die jmli-elie Besölkerung etwa 31 KM) Set Ie 11 gegeiinher eimr t K׳san1tbe\ olkerinig von 103 000. Sie lebt zum gudleu Teil in armüdien Verhältnissen. In 1'1111 סין 1 ׳ a 11 ie 11 weist die 1 la'.ipt-tadt Tripolis die 7ablt־t ielmie jinli-clu■ Bcsoikcnuig auf. Im Altertum waren es drei Städte: S.ibratha, ()in und l.eptis .Magna, die darin zusammengu-vl:i<״.,ס! wurden, (len, die älteste Siedlung, war eine phoni/mdie (1: tindung an der Kreuzung der Karawanenstrallen aus dem oud.in, dem IT-hatl-ce und Tiuibuklu. Unter de 1' l'alimiileinlvnustie in Aegvpten (')()() 1171) bestand ui Tripolis eine jüdische linneimle, die etwa SH) Famiher. zahlte. St-I arili-clie Juden kamen ins!.and nach ihrer Vertreibung ans Spanien am Ende des 13. Jahrhunderts, und späterhin, im 17. und IS. Jahrhundert, erfolgte ein Zuzug aus Italien. Her Eor-ehung-reisende J, j. Benjamin fand 1830 hei seinem Besuche neben den einheimischen auch die italienischen Juden in Tripo'is vor (sie besahen damals keine eigene Gemeinde). Im Jahre 1011, als Tri[v>|jtat1ien ton den Italienern besetzt Wurde, gal) es in Tripolis rund 13(10!) jüdische Einwohner; sie lebten in der Altstadt, von den Arabern getrennt. Obwohl die italienische Verwaltung die Freizügigkeit proklamierte, haben bis heute die wenigsten das Ghetto verlassen. Die italienische Verwaltung richtete eine obligatorische weltliche Volksschule mit italienischer Unterrichtssprache und jüdischen Lehrkräften für die jüdischen Kinder ein, sowie eine Fachschule. 50 km östlich von Tripolis, bei der Oase auf dem Gasr Garia, liegt die jüdische Troglod ytensiedlung Tigrinna, die etwa 5(K) Seelen zählt. Die Namen der Einwohner bezeugen die Abstammung von den spanischen Flüchtlingen, die vor vierhundert Jahren ins Land gekommen sind. Die Siedlung besteht aus mehrstöckigen Anlagen, die sich jeweils um einen quadratischen offenen Hof gruppieren. Sie sind 7 10 m tief in die Erde gebaut. Die Stockwerke sind durch Stollen miteinander verbunden. Ein langer schräger Gang führt in den Hof hinab. Eine Stammesfamilie vom Ahn bis zum Enkel wohnt beieinander; Fenster und Türen fehlen. Das spärliche Tageslicht dringt durch Luftlöcher hinein. Die Räume sind nach dem gemeinsamen Hofe zu, wo alle ihre Arbeit verrichten, offen. In den Wohnräumen findet man .Matten und Teppiche, die von den Bewolmern geknüpft werden. Sie sind als Tigrimiatcppichc bekannt und stellen einen gesuchten Exportartikel dar. Die Gemeinschaft hat ihren Rabbi, ihre Schule, ihren Arzt. Die italienische Verwaltung hat an den alten Sitten und Gewöhn• heiten der Höhlenbewohner nichts geändert, aber einen Schuliehrer besorgt, der die Jugend in der Landessprache unterrichtet. Die Synagoge ist im Obergeschoß gelegen« ist ausgemauert und mit Ikilzbekleidting ausgestattet. Der Schrein bewahrt eine alte Schriftrolle aus Oazellenleder, die aus der spanischen Heimat mitgebracht sein soll. Jüdische Dorfsicdlungen gibt es ferner in Dschcbcl- J eff ren und Dschebel-Nefussa; es leben auch viele Juden verstreut im Lande. 1931 wies Tripolitanicn 213-12 Juden auf gegenüber einer Gesamtbevölkerung von 552(103 Seelen, die etwa 20 000 Europäer zählte. Unter den jüdischen Höhlenbewohnern -sind alte Volkslieder erhalten geblieben. Mit einem dieser Lieder empfangen noch heute die Mädchen die Burschen am Brunnen: Augen hast du wie ein Berber, Blicke wie ein Pfeil. Gut, daß dein Mund so jüdisch — mit Zähnen so weiß. Von der Zionssehnsucht der Juden in Tripolitanicn spricht folgender Brauch: Männer, Frauen und Kinder schneiden aus Papier Schiffchen aus, stellen sie in den Synagogen auf und sprechen: Mit solch einem Schiff werden wir nach Jerusalem fahren. Martin Sternscheins ״Jüdische Rhapsodie“ (Verse der Zeit, Verlag Hamburger Rundschau, Mamburg) ist eine kleine Sammlung aus dem Tag und für den Tag geschriebener Verse. Er bedichtete, ״jenen Franz Rosenzweig“ und spricht ihn mit: ״Du, Rilke der Philosophie“ an, läßt uns vor ״diesem Theodor Herzl“ (״Der Seher — so radierte ihn Struck“) enthusiastisch ״in die Knie“ sinken, sagt von Jakob Wassermann: ״War ein Jude voll und ganz“, und findet auch für Bialik, Buber, l.iebcrmann, (',halu/im, den Untergang des Assiniilationsjudentums als einer Buddcnbrookiade entsprechende Verse. Daß er im Ausdruck öfters gar zu wählerisch ist und Liebermanns holländischen Bauern etwa einen ״Arbeitsbart“ umhängt, von den Winkcltreppen ״in des düsteren Flures Steppen“ träumt, auch vom ״Ghetto voll Profil", und den Juden von heute so charakterisiert: wui Jabic* sp.iU־r n;1uh den! Nervenschock: Die 71i״c hart, das Auge hart. Das Wesen straff nach Ki'impfrr.irt. Noch immer Wnkmann auf den LeiK'ns l)ork. So geht das weiter . . . soll uns nicht hindern, die kernig-stol/c Gesinnung des Autors zu rühmen. Nur .... mitDichtungwollen wir solche Rhapsodien nicht verwechseln._ L. H. Die Stadtbibliothek Shaar Zion in Tel-Awiw wird in den nächsten Tagen ihr neues geräumiges Gebäude beziehen. Die Einweihung des Hauses wird zu Chanukkah stattfinden. Der Direktor der Stadtbibliothek Shaar Zion in Tel-Awiw, Prof. Heinrich Loewe, feierte am Hoschanah Rabba die 40jährige Wiederkehr »einer ersten Landung in Jaffa. Anlaßlieh dieses Ereignisses wurden der Zcntralsaniniclstelle für die Jüdische National- und Universitätsbibliothek. Berlin W 15, Meinekestr. 10, eine Reihe von .Sonderspenden für die Stadtbibliothek Shaar Zion in Tel-Awiw zur Verfügung gestellt. Ein zweiter ״Führer der Verirrten“ « Das Sammclbuch ״Hatekupha“, dessen Erscheinen durch mehrere Jahre unterbrochen war, ist jetzt miter der Redaktion von Jakob Kah an neu herausgekommen und soll regelmäßig viert ei jährlich im Verlage Stybel veröffentlicht werden. In dern Sanimelbucli erörtert der hebräische Schriftsteller Scltloino Ha-Elkoschi (Sainian Epstein) das Problem der Einstellung des modernen, insbesondere des palästinensiscben Judentums zur wissenschaftlichen Bekämpfung der jüdischen Tradition. So wie vor 800 Jahren Maimonides sein Buch schrieb, um das Judentum gegenüber den An- Sprüchen der philosophischen Wissenschaft zu sichern, so sei heute ein zweiter ״Führer der Verirrten“ nötig, welcher die traditionelle Auffassung des jüdischen Volkes in bezug aut seine eigene Geschichte wissenschaftlich rechtfertigen würde. Die Gefahr drohe dem Judentum nicht so sehr von der Bibelkritik, denn einerseits sei das traditionelle Judentum elastisch genug, uin gewisse Elemente der Bibelkritik in sich aufnehmen zu können, andererseits habe sich die Bibelkritik in bezug auf ihre Kenntnis des Judentums zu große Blößen gegeben, als daß sie von den Juden rezipiert werden könne. Viel gefährlicher aber sei es, wenn jüdische Wissenschaftler selbst in ihren hebräisch geschriebenen Geschichtsbüchern, ja sogar Lehrbüchern einen Geist offenbaren, der unter dem Gewände der Wissenschaft (oder, wie der Verfasser meint, Pseudo-Wissenschaft) die überlieferte Auffassung der jüdischcn Geschichte untergraben. Er zitiert zwei Beispiele: Simon Beruf cid und Dubnow. Er wirft insbesondere Bernfeld religiösen Zynismus und Freude an der Zerstörung vor und illustriert an einigen Beispielen, wie Bernfcld ״geradezu mit Lust, mit einer Art geistiger Befriedigung, die Heiligtümer des jüdischen Volkes vornehme und in Stücke schlage“. Dubnow sei wohl in seinen Formulierungen vorsichtiger und weniger herausfordernd als Bernfeld, aber auch er nehme dieselbe negative Haltung zur Tradition ein, indem er z. B. die historische Existenz, der drei Erzväter (eugne. Dieser negativen Einstellung der beiden Historiker stellt Ha-Elkoschi die Gestalt Hermann Cohens entgegen, der zwar auch kein Gläubiger im überlieferten Sinne des Wortes war, aber doch vor allem eine positive Grundeinstellung zur Tradition hatte. Sind wirklich die Resultate der europäischen historischen Forschung so gesichert, daß das jüdische Volk gezwungen sei, daraufhin seiner 2-100 jährigen Ueberiieferung den Scheidebrief zu gehen? Die Zeit sei reit, in einem umfassenden Werke die Beweise der Ge- Schichtswissenschaft zu prüfen und ihr die Ueberlielerung gegenüberzust eilen. (% * Wir brachten in Nr. 86 der ״J. R.“ einen Leitartikel ״Verändertes Geschichtsbild“, der das Problem des Ausgangspunktes hei Behandlung der Geschichte der Judeneinan/ipation behandelt. Es ist interessant, daß sich im hebräischen Denk-Kreis im Moment der Konfrontation mit europäisch beeinflußter Geschichtsschreibung ähnliche Problemc ergehen. — A. d. Red.) Im dritten Jahrgang erschien in Tel-Awiw itn Verlag ״Mischmar Habritith“ (Kupatli Cholim) das Jahrbuch ״Mutter und Kind“ in der Form eines Almanaehs, der an der Spitze ein vollständiges Kalendarium mit Rubriken für Eintragungen der Mutter über ihr Kind enthält. Es werden hier belehrende Aufsätze iiber Kindcrpflc g e und Verbalten bei Kinderkrankheiten, sowie über Kinder- Psychologie und alles, was mit der Welt des Kindes zusammenhängt, zusanimengestellt. Das Buch ist mit sehi guten instruktiven Kinderbiklern ausgestattet und durch die vielen Einschaltungen, sowie durch eine große Reihe von 1111 bsehen Kindergedichten überaus anziehend. Die Texte sind sämtlich punktiert, also auch für nicht perfekt hebräisch Könnende leicht lesbar. Alljährlich neu Alljährlich sehenswert •V GRH IVFELD Merlin Leipziger Straße 20-22 Kurfürstendamm 22? 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