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Jüdische Rundschau · 1935-10-29 · Heft 87 (29.10.1935) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 87 (29.10.1935)
Date
1935-10-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 87, 29. OKTOBER 1935 25 Jahre Deganiah In diesen Tagen feiert die Kwuzah Deganiah das Jubiläum ihres 25jährigen nur für die Siedlung allein ein Festtag, denn für die ganze Siedlungsarbeit Deganiah ein neuer Abschnitt, der mit dem Namen von Arthur Ruppin verknüpft ist. die erste genossenschaftliche Siedlung auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds, eine geistige Macht gewesen, verbunden mit den Namen von Josef Bussei, Witkin, Nicht nur den Boden galt es zu erobern, sondern eine neue Lebensform zu schaffen. Genossen von Deganiah, David Schmetterling, scharah. Auf unsere Bitte stellt er uns folgende Zeilen Jubiläumsgedanken Von David Schmetterling, Deganiah, z. Zt. Berlin Vor einem Jahre ungefähr ging ich eines Abends auf die Jordanbrücke, um, wenn ich mich so ausdrücken darf, vom Jordan und dem Kinerethsee für ein ganzes langes Jahr Abschied zu nehmen. Nicht allzu leicht füllt das demjenigen, der hier all seine Mannesjahrc verbracht hat: die guten und freudigen Tage, noch mehr aber die schweren und verhängnisvollen Stunden schmiedeten uns mit dem Jordantal zu einer stählern-festen Schicksalsgcmeinschaft zusammen. Ich starrte bewegten Herzens in die unruhige, nach dem Segen des Regens lechzende Herbstnacht. Mit einem Male erschien vor mir ein bekannter arabischer Feilache und Fischer mit seinem Netzwerk und fragte mit besorgter Stimme: ״Wird es in diesem Jahre Regen geben, mein Bruder?“ ״Wir müssen hoffen, mein Lieber“, antwortete ich in gewohnter Weise. ״Ja, wir müssen hoffen“, begann er nun wieder, ״Du hast wohl recht. Nun wißt ihr aber, ihr Leute aus Deganiali, daß ihr bald 25 Jahre auf diesem Boden sitzet? Ein Teil von meinem Boden war es doch, der! icii an euch verkaufte. Wahrlich, Herr, der Boden war arm, ein mageres Haferfeld. Und bei euch, bei Gott, ist es zum Gan-Eden, zu einem Paradies geworden. Weizen- und Gemüsefelder, Orangen, Bananen, große gesegnete Luzernefclder für das Milchvieh. In allem hat euch Gott gesegnet. Ihr Juden seid aber wirklich Schatrin (Heidenkerle).״ Nun sind an diesem Sukkothfeste wirklich 25 Jahre seit der Gründung Deganiahs verflossen. Zu Hause, in Deganiah, gibt es jetzt ein Fest von ern• stem und freudigem Besinnen. Unsere Chawerim aus Deganiah feiern eigentlich eigene Dcganiahfcste sehr ungern. Das 10- und 20jährige Jubiläum verschoben wir immer wieder. Immer gab es noch verhängnisvolle Wolken am Horizont. Und heute? — Aber ist ein 25jähriges Jubiläum noch verschiebbar? Gerade in solchen Herbsttagen überschritten unsere Chawer-im vor 25 Jahren die Furt des Jordans (denn eine Jordanbrücke gab es damals noch nicht) und faßten Fuß in der Jordanebenc. Eigentlich schon in Transjordanien. Die Jcntcniten wollten nicht mitgehen. ״Nach chuz learez, ins Ausland, gehen wir nicht“, antworteten sic zornig. ״Nun wieder zwei Sederabende feiern müssen, wie in der Galuth von Jemen? Nein!“ Aber unsere Chawerim dachten anders. ,,Wir schaffen auch in Transjordanien ein Erez Israel!“ Und wirklieh bestimmte spater dieser Schritt die Palästinagrenze am Jordan (nach dem Friedensschluß) sehr wesentlich. Und nun begannen die Jahre der schweren Mühen unter der sengenden subtropischen Sonne. Aber das Schicksal meinte es mit uns gut. Trotz unserer Unerfahrenheit, trotz der sengenden Tagessonne und vieler unruhiger Nächte im verwahrlosten, von darbenden Beduinen besiedelten Jordantal, trotz schweren Malaria- und Kriegsjahren wuchs und gedieh Deganiah äußerlich, im Aufblühen der Wirtschaft, wie auch innerlich, im Aufbau der Kwuzahgemcinschaft. Deganiah ist doch die erste (die älteste) Kwuzah im Lande. Und die von den ersten Chawerim von vor 25 Jahren Gebliebenen sind noch heute der Kern und die Festung der Kwuzah in ihrem ungebrochenen zionistischen Volkswillen, wie auch in ihrer Hartnäckigkeit und Ausdauer in der tagtägliclicn Arbeit. Jahraus, jahrein, von morgens bis abends reihen sich die Stunden, die einfachen ״kleinen“ Mühen und Taten, auf den Faden des Lebens, und — werden zu einem halben Jubiläum. Ja, diese einfachen Mühen und Taten schmiedeten während dieser langen Jahre eine eiserne Kette von wahrer Bestehens. Dies ist nicht in Palästina begann mit Deganiah war Sie ist aber auch A. D. Gor dort. Einer der allen weilt jetzt in Deutschland als Instruktor der Hachur Verfügung. (Red.) Gemeinschaft. Es entstand, trotz mancher Niederlage und Mißlingen, ein Menschenschlag von Juden unbeugsamen Willens. Denn es ist nicht wahr, daß die Kwuzahgemcinschaft das Individuum unterdrückt. Harte Männer und Frauen, Bauern und Bäuerinnen stehen da, Schulter an Schulter im Lebenskampf. Durch das gemeinsame Vertrauen wächst die Erkenntnis der eigenen, unbesiegbaren Kraft. Nun, so gedieh eine intensive, moderne Wirtschaft. So wuchs eine Generation von Kindern auf, die sich brüderlich an uns anreiht; so entstanden auch Kwuzoth in der Nachbarschaft und sind ein Beispiel produktiven Lebens und musterhafter Wirtschaft. Wenn wir während der traditionellen Baumpflanzung am Chamtscha assar b’schwat alle Kwuzah-Chawerim des Jordantals versammeln, können wir ein Gefühl der Freude nur schwerlich unterdrücken. Von den Anfängen Deganiahs bis heute ist so manches geschehen, und all das durch das Vertrauen zur einfachen, harten Tat. Und nun zur Jubiläumsfeier! Ja, kann man denn wirklich auch jetzt feiern? Audi jetzt ziehen sieh bedrohlich schwere Wolken über unseren Köpfen zusammen. Aber nun sind wir ja nicht mehr dieselben unerfahrenen Jungen und Mädel wie in den ersten Jahren von Deganiah. Wir haben ja schon manche schwere Wolke an uns vorbeiziehen gesehen. Auch jetzt bedeutet es wie immer: Vertrauen und Tat. Ich erinnere mich noch einer Legende, die mir dieser arabische Fischer an jenem Abschiedsabend erzählte, ״Allall meldete seinem Propheten, daß in diesem Jahre kein Regen fallen würde. Der Prophet Mohammed stieg auf die Erde herunter und sah, wie ein Fellache ausdauernd pflügte und den Samen hartnäckig verstreute. Mohammed erbarmte sich seiner: Hör auf, mein Lieber, Gott wird dieses Jahr keimen Regen senden. Doch der Bauer antwortete ruhigen Mutes: Nicht meine Sache ist es, über Allahs Taten zu grübeln. Aber meine Pfliciit als Bauer ist es, zu pflügen und zu säen. Es tue jeder seine Pflicht! Mit einem Male ergoß sich ein mächtiger Regen. Mohammed lief eiligst zu Gott und klagte: Wahrlich, Allall, du erniedrigst mich in den Augen dieses Bauern; während ich ihm die Botsdiaft deines Willens überbrachte, hast du plötzlich Regen über uns ergossen. Verzeih, mein guter Prophet, antwortete Allah, icii war auch fest entschlossen, diesen Winter keinen Regen zu spenden. Doch dieser hartnäckige, pflichtgetreue Bauer hat auch mich am meine Pflicht gemahnt.“ Und so ist es auch. Auch zu dieser schweren Zeit, die über uns hcrcinzubrechen droht, gibt es nur eine Antwort: Ein felsenfestes Vertrauen auf unsere Pflicht und Tat! ״... bei euch ist es zum Paradies geworden...“ (Ansicht von Deganiah A) Foto: Au« dem Film ״Laad der YerhciCung■" l|gjgfP _ rt י. ס' * -M.*C tcc., - ■ .... Besuch in Deganiah Eine Berliner Leserin sendet uns den Brief ihres Bruders aus Palästina, der während der Sukhoth-Fciertagc seine Tochter in Deganiah besucht hat. Deganiah hat bekanntlich eine Gruppe der Jugend-Alijah aus Deutschland aufgeiwmmen. Die Eindrücke eines neuen Einwanderers, der das Produkt dieser 25 Jahre Anstrengung fertig vor sich stehen sicht und dieses Erlebnis in einem privaten Briefe schildert, sind gewiß eine willkommene Ergänzung des Bildes dieser Siedlung. Wir geben den Brief mit einigen Kürzungen wieder. (Med.) Ich habe beschlossen, über Schabbat meine Tochter Miryam in Deganiah zu besuchen. ״Ich würde mich schreck* lieh freuen“, schreibt sic mir, ״wenn du kämest, bringe mir bitte ein rotes Kopftuch und ein paar bunte Taschentücher mit, und — aber nicht für mich allein, sondern für die anze Kwuzah (25 Mann) recht viel Süßigkeiten, die es ier gar nicht gibt; es kommt nicht auf Qualität, sondern nur aut Quantität an.“ Für 25 nasclifreudige junge Menschen — ich nehme also einen ganzen Handkoffer voll Bonbons und Schokolade mit und besteige am Freitag vormittag um 11 Uhr den Autobus nach Tiberias. Als er eben abfahren will, kommt ein junger Mann heran und fragt, ob vielleicht einer der Reisenden ein Paket nach Deganiah mitnehmen könne; ich melde mich und bekomme ein Paket mit Diskussen und zwei Stoppuhren vertrauensvoll in die Hand gedrückt: icii bin ihm zwar ein wildfremder Mensch, aber eben ein ״Jeliudi“, und damit ist die Vertrauensfrage erledigt. Die Sachen sind für ein Sportfest, das in Deganiah stattfinden soll.... Dann geht es los, zuerst auf guter Chaussee durch die jüdische Scharon-ebene bis Ra’ananah, dann dreiviertel Stunden auf holprigen Feldwegen durch arabische Dörfer. In Afuie ist eigentlich 20 Minuten Aufenthalt zum Mittagessen; aber einer der Mitreisenden möchte gern nach Kfar-Tabör, das abseits der Hauptstraße liegt und fragt die Fahrtgenossen, ob jemand etwas dagegen hätte, wenn der Autobus den kleinen Umweg von einer Vierteistunde mache, da er sonst womöglich nicht mehr vor Schabbat hinkomme. Alle •sind einverstanden, aber der Chauffern־ will es nur machen, wenn dafür auf den Aufenthalt verzichtet wird. Also stürzt man mir schnell ein Glas eisgekühlten i ebben (eine Art saurer Milch) hinunter und kauft sich ein paar Zwiebäcke für unterwegs, und weiter gelit’s. Dafür kriegt man zur Belohnung eine Gegend zu sehen, in die man sonst nicht kommt. Es geht rings um den einsam mitten in der Osthälfte des Emek aufragenden Taborberg herum, eine kahle, runde, über 500 m hohe Kuppe, deren Name wahrscheinlich mit tabbür (Nabel) Zusammenhänge rechts auf einem Hügel liegt das alte En-Dör (1. Buch Samuel, Kap. 28), dann geht s weiter durch weniger bekannte jüdische Siedlungen: Messkha, Kfar-Tabör, Ssedschcra, und endlich erreicht mau wieder die Hauptchaussee in der Nähe einer riesigen mittelalterlichen Burgruine mit Resten gewaltiger Rundtürme. Links liegen in einem weiten fruchtbaren Tal die Kolonien Mizpalt und Kfar-Chittin, und dann hat man ganz plötzlich vor sich ein tiefes, blaues, riesenhaftes Loch, den 500 m tiefer liegenden Kinnerethsee; dicht unter einem am Rande des Sees —. liegt spiclzeugartig die Stadt Tiberias, zu der cs dann auf großen Kurven herimtergeht.... Zwanzig Minuten Ömuibusfahrt von Tiberias geht es auf einer Brücke über den hier aus dem Sec herausfließenden Jordan, und gleich darauf hält der Wagen vor dem Tor der Farm Deganiah Aid. ... Miryam sitzt in Hosen und blauer Arbeitsbluse auf einem Schemel vor_ einem großen Eimer mit Tomaten und wird ganz rot vor Freude, als sie mich sieht. Sie führt inieii in das große Haupthaus in ihr Zimmer, das sie mit zwei Ghaluzoth teilt, das aber im Sommer nur zum Aufbewahren der Sachen benutzt wird. Geschlafen wird be! diesem Klima den ganzen Sommer über auf den flachen Dächern, über denen auf Säulen eine schwebende Dachkonstruktion erridiiet ist, so, daß die Luft auf allen Seiten hindurch kann.... Miryam zeigt mir voll Stolz die herrliche Aussiclit vom Schlafdach aus, die wirklich einzigartig ist, die Aussicht auf ein Paradies. Auf der einen Seite der blaue See Gcnc/areth mit den transjordanischen Bergen, die wie riesige Sandhaufen atissehen, aher eine ganz zarte, rötlich-violette Färbung haben, auf der zweiten Seite Stalle und Uutshöfe, dahinter Weizenfelder bis an die Abhänge der galilaisdten Berge, auf der dritten Seite Gemüsefelder und Pardcssim, die fast wie Wälder ausseheii, und auf der vierten der Blick durch die Parkanlagen von Deganiah mit ihren hohen Zypressen und Palmen auf Deganiah ß und das Araberstädtchen Zeninch. Fs ist 11 ei fl, aber im tiegensatz zur Küstenebene einschließlich Tel-Awiw eine trockene Hitze mit einem angenehmen Luftzug von der Hochebene her. ... Nach dein Abendessen singen ein paar Madels und Jungens zwanglos hebräische Lieder, andere gehen ins Musilszimmer, wo musiziert oder getanzt wird, wieder andere gelten im Garten spazieren, diskutieren oder gehen früh schlafen. Ich gelie mit 'Miryam unter einem unerhört klaren Sternenliimmel im (iarten spazieren. Aus einem Baum ertönt Musik, Beethovens Pastoraisvmphonie. Da ist in den Baumkronen eine Sukkalt errichtet, zu der eine Leiter hinaufftiIrrt. Oben ein mit Matten gedeckter Raum mit vier Betten, darauf sitzen und liegen ein paar Jungens und Mädels und hören der Musik zu. Wir setzen uns auf das eine Bett und :genießet! auch die Musik, aller bald komme ich mit dem Aeltcsten ins Gespräch, er stellt das Grammophon ab, und es entspimit sielt eine interessante hebräische l' 111 erhaltimg über Landleben lind Stadtleb.cn, Palästina und Europa. Als die Macken zu lästig werden, verabschieden wir tum und ich. gehe mit meiner Tochter auf das Schlafdach. In völliger Dunkelheit balaneieren wir zwischen den vielen Betten hindurch, wo die meisten schon schlafen, und verkriechen uns Seite an Seite in unsere Betten. Ich werde trotz Moskitonetz von den winzigen Sandfliegen ziemlich gepeinigt und kann mir wenig schlafen; außerdem krähen die ganze Nacht hindurch die Hähne, und ich bemerke plötzlich, daß ihr Kikeriki das Haupttlicma der Szene am Bach aus der Pastoralsymphonie ist. Um half fünf Uhr ist es mit dem Schlaf ganz, vorbei, es wird hell und im Holzdach über mir fangen die Spatzen an zu toben, über den transjordattischen Bergen stellt am grünen Morgciihimmel leuchtend die Venus als Morgenstern, die Külte und Esel fangen an zu schreien. Zum Frühstück stehen auf dem Tisch Schüsseln mit Weißbrot, weißem Käse in großen Stücken und Tomaten, außerdem bekommt jeder ein Glas Lebben, ein Ei und soviel Tee, wie er will. Schon während des Frühstücks strömen Gäste von allen Nachbarkwu/ot herein — Kinncrcth, Deganiah B, Bcth-Scra — und Arbeiter und Arbeiterinnen von Tiberias und Safed, die zum Sportfest kommen, kn Jordan wird erst ein Wettkampf im Wasserball (Kaddurmajini) ausgefochtcn, dann im Schwimmen (Ssechijäh) und schließlich im Springen (Kefi/äh), und besonders in letzterem werden sehr schöne Leistungen von zwei Seliwinimerinnen aus Deganiah A erzielt, die sieh gemeinsam vom Sprungbrett fallen lassen. Migrant ist umgeben von den Kindern der Kwuzah, die besonders an ihr hängen, weil sie ihnen am Schabbat immer so schöne Geschichte!1 erzählt. (Fortsetzung Seite 10) Gegensätze in Jerusalem Eine. Telephonzelle, vor dem Jafjaldr, ioioi Lwt Dü»■«

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