Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-10-25 · Heft 86 (25.10.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 86 (25.10.1935)
Date
1935-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653903--27572-2689016
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 86 / Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAD SdirtftSeltttBf*Verlag a. Anxeigenvcrwtltimgi B«HinW15,l(©lnekn»tr. 10 Feranil: SammelNr. fl Bismarck 3181/82, 7!6572-10/42 ,70׳. - Bezugspreis emschl• Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75• bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (lür das übrige Reich), In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dieaitag und Freitag* BERLIN כ״ח תשרי תרצ״ו FREITAG, 25. OKTOBER 1935 Gültig t Anzelgenprelallate Nr. 4• Die 12 gespaltene nun - Zeile 20 Rpf, H31 Fatniliennachrichten 15 Rpf, Aufnahme von Ameisen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit•■ anzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71816 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Aus■ gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Famitienanzeigeo am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jddlsche Volk die Schaffung einer Sffentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Minister M- MacDonald über Palästinapolitik Der britische Kolonialminister beglückwünscht Weizmann zur Wiederwahl — Jüdisches Nationalheim und Araber Erzbischof von Liverpool zur Judenfrage Malcolm MacOouald Archiv Palästina-Bankett in London London, 22. Oktober. Das Bankett, das am 21. Oktober im Mayfair-Hotel zu Ehren des englischen Kolonienministers Maleclm MacDonald vom Anglo Palestinian Club veranstaltet wurde, war ein Ereignis von außerordentlicher gesellschaftlicher und politischer Bedeutung, ln den Reden des Lorderzbischofs von Liverpool, Dr. Richard Downey, von Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz, High Commissioner Sir Arthur Wauchope und anderen führenden Persönlichkeiten wurde zum Ausdruck gebracht, daß der Palästina-Aufbau in einer Zeit aufs höchste gesteigerter Judennot entschejdend für das künftige Schicksal des jüdischen Volkes ist. In bcsonders warmen Worten sprach der Erzbischof von Liverpool den Juden sein Mitgcfiihl aus. Während von jüdischer Seite die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht bei dem Aufbauwerk ausgesprochen wurde, hob der Kolonien ministerdas Interesse Englands an einem auf sicheren Grundlagen stehenden jüdischen Nationalheim hervor. Der Vorsitzende des Bauketts, Unterhausmitglied James de Rothschild (Sohn Baron Edmunds und Präsident der Pica) sprach den ersten Toast auf den Ehrengast, Kolonienminister MacDonald, den zweiten Toast hielt Dr. Weizmann. Sodann erhob sich Kolonienminister Malcolm MacDonald and dankte für die an ihn gerichteten Worte. Zu den vielen Vorzügen Dr. Weizmanns gehörten auch stets unveränderte Höflichkeit, Freundlichkeit und Großzügigkeit, und diese Eigenschaften habe Weizmann auch in seiner heutigen Rede gezeigt. Er freue sich, ihn als Präsidenten der Zionistischen Organisation begrüßen zu können. Er dürfe wohl sagen, daß Weizmann der einzige unter den Anwesenden sei, der seine Wahl mit gemischten Gefühlen betrachte. Zweifellos hätte er es vorgezogen, sich in irgendeinem Laboratorium in Stücke reißen zu lassen, die übrigen Anwesenden aber möchten ihn von so gefährlicher Betätigung fern halten, um ihn für die vor ihm liegenden größeren Aufgabe« zu bewahren, auf die bevorstehenden Wahlen Schwierigkeit, die Fühlung mit den Wählern aufrechtzuerhalten. Für Dr. Weizmann wäre das allerdings ein Kinderspiel. Denn seine Wähler seien Hunderttausende an Zahl, und sein Wahlkreis umfasse die ganze Erde. Die Aufgabe, die Weizmann gestellt sei, sei eine außerordentliche. Er könne sagen, daß kein Volk jemals einen weiseren und erfolgreicheren Führer gehabt hat. Mit ein Grund dafür, daß Weizmann ein großer Führer ist, sei es, daß er etwas von einem Seher an sich habe. Er habe eine prophetische Vision. Es sei bemerkenswert, wenn ein ltjähriger Knabe schreibt, das englische Volk solle die Juden nach Palästina zurückführen. Fast hätte er falsch vorausgesagt, denn fast wäre es dazu gekommen, daß die Engländer die Juden statt nach Palästina nach Kenya gebracht hätten. Chambcrlain war es, der vor etwa 30 Jahren sich mit diesem Plan befaßte. Von seinem eigenen Standpunkte aus sei er heilfroh, daß dieses Projekt nicht verwirklicht wurde. Denn Kenya sei eines der schwierigsten Probleme, mit dem das Colonial Office zu tun halse. Einmal kämen Beschwerden seitens der Afrikaner, einmal seitens der Araber, dann wieder von der europäischen Bevölkerung. Wohl könne für jede der drei Gruppen etwas getan werden. Würde aber jemals Brodetsky zu ihm kommen und verlangen, daß man 50 000 Juden nach Kenya lasse, so müßte er den Geist aufgeben. Daß es dazu nicht zu kommen braucht, sei der Tatsache zu verdanken, daß Weizmann mit seiner pro- Der Minister kam sodann zu sprechen und auf die Foto: Archiv phetischen Vision recht behalten hat. Als Shmarya Levin seine Bücher ״Kindheit im Exil“ und ״Jugend in Aufruhr“ schrieb, habe er das Leben vieler beschrieben, die heute in Palästina sind. In jenen Zeiten aber habe Rückkehr nach Palästina wie ein traumhaftes Ideal geklungen. Heute wird Palästina wieder aufgebaut. Neue Städte werden gegründet. Siedlungen werden geschaffen und führen das flache Land zu neuem Leben. Und je größer das Nationalheim wird, um so mehr Arbeiter werden hingebracht, um an der Vollendung der großen Aufgäbe mitzuarbeiten. Zehntausend Menschen sind 1932 nach Palästina gekommen. 1934 waren es 42 000 und 1935 bis September 44 000; trotzdem wisse er, daß viele Juden die Mandatarmacht scharf kritisieren und am schärfsten ihn als den Minister für die Kolonien. Gegen Sir Arthur Wau• chope habe er allerdings bisher von niemandem auch nur das leiseste Wort der Kritik gehört. ״Ihr jungen Leute, bemerkte der Minister unter allgemeiner Heiterkeit, meint in euren eiligen Gedanken, daß wir alten Leute langsam sind. Wir seien zu vorsichtig in unserer Einwanderungspolitik. Nun, wenn es von Zeit zu Zeit, genauer gesprochen, alle sechs Monate, Meinungsverschiedenheiten gibt, so nicht deshalb, weil England das Versprechen außer acht läßt, das es mit der ßalfour-Dcklaration gegeben hat, auch nicht etwa deshalb, weil es gleichgültig wäre gegenüber den wirklich sclnVefen Leiden, die jüdische Gemeinschaften in manchen Teilen Europas heute zu erdulden haben. Die Politik in Palästina wird von zwei Erwägungen geleitet. An erster Stelle steht die Verantwortung gegenüber der Gesamtbevölkerung Palästinas. Die Mandatarmacht ist der Hüter der Interessen jedes Teiles der Bevölkerung, ln zweiter Reihe stimmen wir der Errichtung des Jüdischen National heims zu. Wir freuen uns, mit diesem Werk verknüpft zu sein. Wir wollen, daß die Arbeit gut getan wird. Wir wollen kein unsolid gebautes Jüdisches Nationalhelm. Wir wollen sicher sein, daß es auf festen Grundlagen steht. Und wenn der Bau wächst, dann wollen wir das Gefühl haben, daß wir um seine Sicherheit wissen, daß er standhält, wenn ihn einmal ein Stoß trifft, bis er eines Tages vollendet dasteht. Es ist gut, daß es Juden sind, die an dem Bau arbeiten. Man kann nicht erstaunt sein über das, was sie in Palästina geleistet haben, denn darin liegt der jüdische Genius. Das jüdische Genie in der Sorge um die moralische W0J1Ifahrt der Menschen hat ebenso hohen Ruf wie das britische Genie in der Sorge um die materielle Wohlfahrt. Der Impuls, der hinter dem Jüdischen Nationalheim steht, ist ein großer geistiger Impuls. Sorget dafür, sagte MacDonald, daß er fortdauere.“ Seiner Meinung nach, fuhr MacDonald fort, werde der wahre Beweis jüdischer Staatskunst in Palästina nicht durch die Fälligkeit erbracht, dort eine jüdische Gemeinschaft zu schaffen, sondern durch die Fähigkeit, mit den anderen dort lebenden Menschen zusammenzuarbeiten. ״Ihr müßt, erklärte der Minister, mit den Arabern Zusammenarbeiten. Ihr müßt solche Bedingungen schaffen, daß der Araber dazu gebracht wird, mit euch zu arbeiten. Ihr werdet die historische Verknüpfung der Araber mit Palästina anerkennen. Es ist ihre Heimat, sie haben dort ihre Interessen. Ihr Leben in Palästina muß erhalten weiden und darf durch diese Veränderungen nicht beeinträchtigt werden. Es handelt sich nicht um die Errichtung eines Judenstaates, sondern um die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims. In Palästina ist Raum für beide Völker und sie sollen dort nebeneinander leben.“ Er sei vollkommen davon überzeugt, daß das Leben der Araber durch die Schaffung des Jüdischen Nationalheims nicht beeinträchtigt, daß es vielmehr verbessert werden und daß der Lebensstandard der Araber durch die von den Juden in Palästina geleistete große Arbeit gehoben werden wird. Man lebe heute in einer kritischen Zeit. Es gibt Krieg und Kriegsgerächte und manche haben große Nervosität über die Lage Palästinas im Zusammenhang mit internationalen Ereignissen gezeigt. Er wolle eine Frage stellen: Gibt es jemanden, der glaubt, daß wirklich Grund zur Beunruhi• gung vorhanden ist, wenn der High Commissioner an diesem Abend hier sitzt? Der High Commissioner sei ein Mann von hoher soldatischer Tugend und tiefstem Pfüchtbewußtsem. Gäbe es Gefahr für Palästina, so wäre er dort. Diesem ruhigen Mann könne man vertrauen. Sein Wort als High Commissioner könne nicht hoch genug veranschlagt werden. Araber und Juden blicken auf ihn mit Bewunderung, Vertrauen und Liebe. Dasselbe tue das Kolonialamt. ,,Sir Arthur Wauchope, schloß der Minister, ist die Verkörperung des Geistes des Mandats, des Geistes absoluter Unparteilichkeit gegenüber den beiden großen Gemeinscliaften des Landes.“ (Fortsetzung Seite 2) Verändertes Geschichtsbild Die Emanzipation vor 125 Jahren in neuer Geschichtsbetrachtung—Wilhelm v. Humboldt Von Dr. Ludwig Feuclitwanger Aus bloßer Neugierde oder aus einem abstrakten Erkenntnistrieb vertiefen wir uns nicht in die jüdische Geschichte. Aus ihr sollen vielmehr Kräfte entbunden und Werte geschaffen werden. Dem Geschichtsschreiber vertrauen wir uns am liebsten an, der leidenschaftslos und vom Zeitgeist bewußt distanziert, aus den Eigengesetzen der Epoche, die er darstellt, die Feststellungen trifft, wie es eigentlich gewesen ist. Unter der Herr- Schaft von freier Forschung und Lehre •— scheint uns — kann diesem Ziel am ehesten nühergekommen werden. Beurteilung und Deutung der fcstgestellten Tatsachen, Kräfte, Tendenzen, Persönlichkeiten und Einrichtungen werden mit der sichtbar gewordenen Veränderung ihrer Wirkungen und Folgen oft stark wechseln. Bei vielen Sachverhalten, Motiven, Personen gilt auch der Satz, daß nur der Gleiche den Gleichen verstehen könne; von einer Gemeinsamkeit des Denkens, Wollcns, Fuhlens und Beurteiiens kann jedenfalls nicht mehr die Rede sein, wenn wir innerhalb der weiträumigen jüdischen Geschichte in die Nähe der ״Schnittfläche“ des jüdischen und außerjüdischen Lebenskreises, also der ״Beziehungen“ etwa von Deutschen und Juden, namentlich ihrer rechtlichen und sozialen Gestaltung geraten. Das epochale Ereignis der Gleichstellung der Juden mit den Deutschen vor etwa 125 Jahren in Preußen und in anderen deutschen Ländern erfordert in dem historischen Augenblick der Abkehr von dem Prinzip eine Nachprüfung des gesamten Komplexes der deutschen Judenemanzipation. Die innerjüdische Beurteilung einerseits und die Deutung des Vorganges als eines Teiles der deutschen Geschichte andererseits müssen dabei getrennte Wege gehen. Die rein jüdische Wertung der Emanzipation war nie einheitlich, sie hat in der Vergangenlieit oft gewechselt und ist heute in einer neuen Wandlung begriffen. Eine Geschichte der einander ablösenden jüdischen Urteile über das mit der Gleichberechtigung Erreichte, über die Motive und Ziele der Gleichberechtigimgsbewegting, vor allem über die damit zusammenhängenden jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkciten ergäbe ein buntes Bild. Hier sei an zwei neuere, entgegengesetzte historische Bewertungen von jüdischer Seite erinnert, die besondere Berühmtheit erlangt haben: Vor 45 Jahren hat Ach ad Ha am in dem oft zitierten Aufsatz ״Awduth b’thoch cheruth“ (״Knechtschaft in der Freiheit“) die Opfer im einzelnen beschrieben, uni die die westeuropäische Judenheit die Gleichstellung erkauft hat; sie habe vor allem ihr natürlichcs Selbstgefühl für ihre ״Rechte“ darangegeben und habe sich selbst in die dauernde Zwangslage einer ängstlich auf die Stimmung der Wirtsvölker lauschenden Rücksicht versetzt. 1 in Jahre 1dl2 erschien zur hundertsten Wiederkehr des Jahrestages der preußischen Judenemanzipation, ״zur würdigen Begehung des bedeutsamen ״Gedenktages“, das zweibändige Werk von Ismar Freund: ״Die Emanzipation der Juden in Preußen“, in der Hauptsache eine Quellenpublikation, der eine zusammenhängende Darstellung der Vorgänge und ihrer Hintergründe vorangestellt war. Hier wird das Ereignis als der epochale endgültige Wendepunkt in der Geschichte der preußischen Juden behandelt. Mitten in den schmerzhaften Prozeß der Ausglicderung und Rückgängigmachung der deutschen Judenemanzipation fielen drei Gedenktage, die in diesen Blättern (״J. R.“ Nr. 74 v. 14. 9. 34, Nr. 102/3 v. 21, 12. 34 und Nr. 28 v. 5. 4. 35) der Anlaß zu einer gründlichen Revidicrung unserer innerjüdischen Gesamtauffassung von den rechtsgeschichtlichen Vorgängen vor 125 Jahren wurden: der 100. Geburtstag Treltschkesam 15. September 1934, der 100. Todestag David Friedläuders am 25. Dezember 1934 und zuletzt der 100. Todestag Wilhelm von Humboldts am 8. April 1935. Aber erst neuerdings (im September 1935) wird Wilhelm von Flumboldts Anteil an der Lösung des Juden- Problems in Deutschland in einem grundlegenden historisehen Werk nun auch von nichtjüdischer Seite nicht mehr wie fast durchweg bisher von der Voraussetzung der angeblich längst zur unwiderruflichen europäischen Tat- Sache gewordenen staatsbürgerlichen Gleichheit behandelt, sondern von der Wertvoraussetzung der natürlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.