Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 84 (18.10.1935)
- Date
- 1935-10-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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S*?t<s IS JWPscire RTFirtyscfWo Nr. 84, T 8. X.!935 Aus einem alten Roman Zum 100. Geburtstag von L. Lewanda Von Leon Scheinhaus» Memel Mit diesem Beitrag feiern wir zugleich den TO. Ceburtstag des Autors, dessen wir in der vorigen Nummer bereits gedacht haben. (Red.) Im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, hatte sich gleich den hervorragenden Ghetto-Dichtern in deutscher Sprache Leopold Koinpert, Karl Emil Franzos U. a., auch in russischer Sprache in vorderster Reihe der Belletrist Lew Ossipowicz Lewanda eingestellt. Der Grundton des Schaffens jener Schriftsteller hüben und drüben war überall der gleiche: das Streben nach ״Emanzipation“. L. O. Lewanda, geboren 17. Tamus =13/.1 ־. Juli 1835 in Minsk, gestorben am 6. Nissan -- 6./18. April 1S8S in Petersburg, wirkte hauptsächlich in Wilna, wo er seit 1861 viele Jahre die wichtige Funktion als ״Gelehrter Jude“ am General-Gouvernement, welches die sechs Gouvernements Nordwestrußlands umfafSie, innehatte. In dieser einflußreichen Stellung■ und durch seine Schriften, wirkte Lewanda fast ausschließlich für die geistige, sittliche und materielle Hcbung seiner Glaubensgenossen. Er glaubte, daß ״das Licht des Morgens nach so langer Nacht auch für die russischen Juden angebrochen ist, einer Verjüngung des alten Lebens entgegen.‘■ Der Aneignung der russischen Art und Weise, dem Anschluß an die moderne russische Gesellschaft, werde die vollkommene Anerkennung des vollgültigen rassischen Staatsbürgern!ms folgen. Dem Wahne, das Zeitalter der Humanität sei schon wirklich da, folgte die bittere Enttäuschung. 1881 und fol- Rcmle Jahre entstand der Antisemitismus, der besonders in Südrußlami rohe Formen annahm. Der alte Berthokl Auerbach riet damals in Deutschland aus: ״Das war der Sturz von meinem Idealturm, ich bin zerschmettert‘‘. Auch Lewanda zog die Konsequenzen. 1111 letzten Jahrfünft seines Lebens wandte er sich von den Traumen und liberalen Aiischauungen seiner Jugend ab, stellte sich an die Spitze der zionistisehen Bewegung ״Ghowcwe Zion“ in Wilna und in dem ganzen Bezirk, und widmete von nun an seine Feder der jüdischen Geschichte und dem Zionsgedankcn. Seine letzten Romane sind zwei historische Erzählungen aus der« jtklisehen Leben in Polen uns! Litauen. Beide Werke haben sogleich ihre liebrüDchen Debersct/er gefunden und wurden in beiden Jahrbüchern ״Kncsseth Israel“ 1886 und 1SS7 vernffentliciit. Diese Geschichten erzählen uns romantische Schilderungen historischer Ereignisse, wie sic aus dem Zusammenstoß herkömmlicher jüdischer Sitten mit den cinströinenden neuen Vorstellungen entstehen, und was die engen Juden- Rassen einst an Leid und Freud, an Drangsal lind Aufrichtung umgaben. Doch schon in seinen ersten ״liberalen* Werken hat Lewanda siel! nicht verleugnet. Einer seiner ersten Romane war ״Die heiße Zeit“ m vier Teilen, im russischen Jahrbuch jjJcwreisknja Biblioteka“ 1870—72 erschienen. In dieser hochinteressanten Schilderung handelt es sich um den polnischen Aufstand 1863. Die alten Juden, in Erinnerung noch des polnischen Mißlingens 1831 uml in Treue zum herrsehenden Staate, hielten zu Rußland oder blieben neutral, die jüdische Jugend war geteilter Meinung, denn die Polen wählten als Lockmittel, die Juden als ״Polen mosaischen Glaubens“ zu bezeichnen. Zu Beginn dieser spannenden Erzählung läßt Lewanda eine der reifsten Figuren, die jugendliche Sophie Aronsohn, folgendes sentimental und etwas umständlich in ihr ״Tagebuch‘־ schreiben: 27״, Juli 1861. Die Warte im Garten des jungen Polen an seine Kusine: ,Ist denn Frl, Sophie nicht die gleiche Polin wie du‘, gehen mir schon einige Tage nicht aus dem Sinn, sic beunruhigen mich und fordern beharrlich Antwort. Was ich nur vornehme, wo ich nur meine Aufmerksamkeit konzentriere, immer schwebt mir diese Frage vor. Was hin ich denn in der Tat? Polin0 Ich habe vorzugsweise eine polnische Erziehung erhalte;!, ich!ernte in einer polnischen Pension, meine Gouvernanten waren Polinnen, ich liebe die polnische 1 iteratur, der Funds meiner Bibliothek ist aus polnischen [■״!eiern 71aam mengc.-.et/t, und dieses Tagebuch schreibe ich ebenfalls polnisch. Dennoch fühle ich, daß *wischen mir und der Polin e11׳ ganzer Abgrund liegt. Ich habe ts innncr empfunden, daß die Polin auf mich als auf . '■■■ — I—.- I I I— — --. .. ■I-T-I—זו■■ eine Jüdin blickt und ich sehe die Polin mit dem GefüMe einer Verschmähten auf die Verachtende an, d. h. mit beißendem Leid. Ich habe mir niemals ob dieses Gefühls Rechenschaft abgegeben, nichtsdestoweniger bestand und besteht es. Es kam mir manchmal in polnischer Gesellschaft vor, mich zu vergessen, d. 11. ich dachte und empfinde sogar, daß ich und sie ein und dasselbe sind, um so mehr, da ich von ihrer Intelligenz ganz durchdrungen war und die Erzeugnisse der polnischen Literatur habe ich nicht nur schlechter, sondern sogar besser als viele vornehme Stammespolinnen verstanden. Doch es genügte ein Wort, scheinbar ohne jegliehen bösen Vorbedacht von irgend jemandem ausgesprochen, es genügte eines aut mich hingeworfenen Blickes, eines schmeichelhaften, aber im wesentlichen taktlosen Kompliments, daß ich aus meinem Traume erwache, daß ich empfinde, allerdings mit tiefem Schmerz, ich wäre eins für mich und etwas ganz anderes für rie, daß ich, wie Juden sich ausdrücken, auf fremder Hochzeit tanze. Nein, ich bin keine Polin, niemals werde ich auch Polin werden. Folglich, was bin ich denn? Jüdin? Ohne Zweifel. Nur der Sinn dieses Wortes wird mit jedem Jahr mehr und mehr verengt. Im Auslande, sagt inan, bedeutet dieses Wort nur noch das Glaubensbekenntnis. Dasselbe wird wahrscheinlieh mit der Zeit auch bei uns der Fall sein. Aber das Glaubensbekenntnis ist nur ein Teil des Lebens und nicht das ganze. Meine Mutter beispielsweise ist eine volle, ganze üdin: nach Glauben, Begriffen, Gewohnheiten, Gefühlen, ioffnungen •und Strebungen, und ich bin schon nur zur Hälfte, sogar zum Viertel Jüdin, Was bin ich denn im übrigen drei Viertel meines Wesens? Diese Frage stellen sich vermutlich viele mir ähnliche jüdische Frauen. Wir fühlen, daß der jüdische Boden unter unseren Füßen immer mehr und mehr eingeengt wird. An wen denn sieh anschließen? Und wir schließen uns, jeder wie es Gott gibt, an: einer zu einem Volkstum, der andere zum anderen. Mary ist vorzugsweise eine Deutsche, ich eine Polin, Jules Perez Franzose, John Bcrkowitz Engländer. Kinder eines Stammes, einer Stadt verteilen sich, über verschiedene Volks- 11!111!!M1!!111!1111111111!11!1!1111111u!111111111mi1111uu11!H!!1111!11n11111u1t1111111m1!1111N1!1n1M11111n1!n11m11111)1n111111111i1u111m1 Aphorismen am Wege Weisheit der Sprache: Weg und Verwegenheit gehören zueinander. Zum Weg des Juden aber gehört mehr: Geduld. * Christentum: Weg unter die Völker. Judentum: Weg unter den Völkern. * Juden sind auf ihrem Wege immer einem im Wege. Warum ist der jüdische Weg so schwer? Andere Völker gehen geschlossen ihrem Ziele zu: sie haben einen Geschichtsablauf. Juden aber wandern nur in kleinen Cruppan oder allein: sie sind gezwungen, sich anzuschließen. Haben sie den Anschluß an eine Epoche gefunden, dann ist sie meist schon vorbei. * Man schaut auf einem Weg zuweilen rückwärts. Man kann es zwiefach tun: sich zurücksehnend . . . oder aufatmend. Wie selten dürfen wir Juden auf atmen! * Also sprach Nietzsche: ״Willst du sie fangen? Rede ihnen zu als verirrten Schafen: ,Euren Weg, oh, euren Weg, ihr habt ihn verloren!‘ Sic folgen jedem nach, der so ihnen schmeichelt. ,Wie? Halten wir einen Weg? — reden sie zu sich heimlich: cs scheint wirklich, wir hatten einen Weg? “ Erinnert man aber Juden an ihren Weg, so erinnern sie sich ihrer Wege. — Ja, jeder geht seiner Wege. GAN türner. Mary geriet zufällig nach Riga und kam als Deutsche zurück, ich bin in eine polnische Pension hineingeraten und gab daher eine Polin ab, Jules Pcrcz stieß zufällig auf ein gutes Lehrbuch der französischen Sprache und bildete sich ein, ein Franzose geworden zu sein, und von John Berkowitz kann man sagen, daß ,Robertson‘ und ״The Vicar ot Wakefidd‘ ihn zum vollblütigen Englishman herauskehrten. Ein sonderbarer, anormaler, falscher und unangenehmer Zustand. Mary ist keine Deutsche, ich keine Poati, Perez kein Franzos und Berkowitz kein Engländer. In jedem von uns ist nur eine Brotkrume dessen, was er aus sich macht. Ich urteile nach mir selbst Meine Empfindungen analysierend, finde ich, daß ich von allem Polnischen nur die polnische Literatur liebe, alles andere ist mir fremd.... Wie glücklich waren unsere Mütter, daß sie sokhe Fragen sich nicht vorlegten, und sich über ihre Lösung den Kopt nicht zerbrechen mußten. Sie wußten, daß sie J ü - d i n n e n sind, und das war genug.“ * Diese Worte sind vor 74 Jahren niedergeschrieben. Die Ungunst der Zeiten verwandelte heute ähnliche Gedanken wie die hier zitierten zum Gemeingut aller Juden. Aber daß Männer» wie Lewanda, schon vor zwei Generationen, in der Aera des jüdischen Liberalismus und der damaligen Assimilationssucht, solche Betrachtungen anstellten, ist bemerkenswert und daher verdient diese Tatsache, der Vergessenheit entrissen zu werden. Jüdische Musiker in London London, Anfang Oktober Soweit si-ch aus den bisherigen Ankündigungen ersehen läßt, dürfte der diesjährige Konzertwintcr mit weit über einem halben Hundert großer Orchesterkonzerte und einer unübersehbaren Fülle soiistischer Veranstaltungen «ine Rekord/iffer in der Geschichte des Londoner Musiklebens eu verzeichnen haben. Sehr beträchtlich ist auch die Zahl pro minenter jüdischer Künstler, die in dieser Saison hier auftreten werden. Die Gruppe der Geiger umfaßt u. a. Men uh in, Hub er man, Hei fetz (Solist im fünften Philharmonischen Konzert), und den seit einigen Jahren hier.nicht gehörten Efrem Zimbalist. An Pianisten sind Horowitz, Rosenthal, Rubinstein, Mark Hambourg und die hauptsächlich hier und in Amerika sehr bekannte Myra Heß (Solistin in! vierten Riindfunkkonzcrt) angekündigt. Die Cellisten sind vorläufig nur durch Feuermann (Solist im dritten Philharmonischen Konzert) vertreten. Reicher als im Vorjahr ist die Kammermusik bedacht. Die bekannte Cembalistin Alice Ehlers, die kürzlich mit großem Erfolg an dem berühmten ״Thrce Choirs Festival“ in Worcester teilgenommen hat, wird sich mit Hermann Schey und dem ausgezeichneten Oboisten Leon öooliens (Bruder des bekannten Komponisten) zu einem Abend alter Musik vereinigen. Die Kolisch-Leuie, unentwegte Pioniere moderner und modernster Kammermusik, insbesondere Schönbergs, sowie das Duo Krauß-Goldberg haben interessante Programme angekündigt, und das Busch-Quartett mit Rudof Serkin wiederholen die 1m Frühjahr mit dem ״Maggio Mtisicale“ in Florenz mit so großem Beifall aufgenommene Serie der Brandenburgischen Konzerte in orginaler Kammerorchesterbesetzung. Die Liste von Werken lebender jüdischer Komponisten, die heuer hier zur Aufführung gelangen sollen, ist vorläufig kurz. Bemerkenswert jedoch, daß die Royal Philharmonie Society, sonst in ihrer Programmgestaltung ziemlich konservaiiv, im November das neue Cellokonzert von Schönberg (Solist: Fcuermarm, Dirigent: Beecham) bringen wird. Dieselbe Gesellschaft hat auch noch Erncst Blocks frühe symphonische Dichtung ״Hiver —• Printemps“ auf das Programm gesetzt und das Rundfunkorchester unter Dr. Boult kündigt für Januar das selten aufgeführte Werk ״Pelleas und Melisande“ von Schönberg an. Dr. M. Garn er Neue palästinensische Volkslieder. Von Dr. Jacob Schönberg, dem Herausgeber des Liederbuches ״Schircj Erez Israel“ bearbeitet, sollen im ״Jibneh-Verlag“ in Wien ״Sechs palästinensische Volkslieder für Klavier und eine Singstimme“ erscheinen. Die Lieder erscheinen in deutscher, hebräischer und englischer Sprache, wenn eine genügende Anzahl Vorbestellungea vorhanden ist. Die Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde Berlin, Charlottenburg 2, Kanststr. 158, Bismarck 6023, nimmt Vorbestellungen entgegen. I ־־ Aus dem Hebräischen von Dr. Max Mayer, Jerusalem 13 KorUeU «ne N*e!1druck verboten Still und slnrk waren die Worte aus dem Munde Saras gekommen uml ,lechiel und Uri neiglen ihre Köpfe und lauschton auf jedes Wort. ״Ar» Stelle der Lehmhütte soll ein Steinhaus stellen. Statt unserer melis wollen wir viele, zwanzig, fünfzig, hundert werden. Stntt als einzige auf einem einsamen Hügel zu leben, sollen rings um uns Hügel sieh mit Steinhäusern bedecken. Unsere Bäume werden sich an die, Bäume des uns benachbarten Hügels schließen, unser Feld ans Feld des Nachbarhfigels. und so wird das ganze Oedland ein Land von Baumaliecn, schwarzen und g!!!denen Feldern, Steinhäusern und Wirt sch af Isgebiiiidon, die von Lobensfülle hallen!“ Sn sprach Sara, legte die Hand auf Uris und Jechiels Schüller, wie wenn eine erwachsene Frau mit Kindern spricht, die noch keine Lebenserfahrung haben. Als der Regen aufbörtc, zog Jechiel seine Schaftstiefel an und machte sich auf den Weg nach Tetira. Uri aber sattelte den Esel, sammelte die Geräte ein und führte die Herde zurück nach dem ״Hügel der Hube“, wobei Sara ihm behilflieh war. 12. KAPITEL Jechiel Im geräumigen Arbeitszimmer Nassons herrschte angenehme Wärme. Die hier \ ersammelten saßen in Zigarettenrauch eingehülll, während draußen Winlerstürme wüteten. Außer Nassen» der als Vorsitzender am Kopf des Tisches Platz genomtnea hatte, saßen zu leiden Seiten des Tisches einige 11 er bedeutenderen Kapitalisten von Tcura, und drei Neunnkftinrnlinge, die sich auf einer Erkundungsreise im Land aufhielten, inssresainl neun Männer. Der zehnte sollte Jechiel sein, den sie durch Bolen hatten einladen lassen, und auf dessen Kommen man jetzt wartete. Verschiedenartig war das Aussehen der Versammelten, aller eines hatten sie gemeinsam: die Selbslsiclierlieit, mit der sie am Tisch saßen. Unter ihnen gab es solche mit runzligem und verschlossenem Gesicht wie der alte Nasson, mit dem angestrengten Ausdruck großer Vorsicht; dagegen gab es auch jugendliche Greise, auf deren Wangen Frische lag; es gal» unter ihnen einige, die sich in die weichen Ledersessel zurücklehnlen, nach der Art von Leuten, die von Geburt an niemals Enibehrung gekannt haben. Die wichtigen Mienen ihrer Gesichter bezeugten, daß bei der Sitz.un״ eine Reihe von UrUentelmnmgen, Ziffern und Aktionen hckanntgegelien werden sollen, die das Kapital geschaffen hat- Zwar halte keiner von ihnen die Absicht, in der Sitzung das Geheimnis der besonderen Art seines Unternchmens preiszugeben, aber die Sachlichkeit, von Geschäftsleuten erforderte es, hier kurz die runden Summen anzugeben, die das Kapital in seine Unternehmungen investiert hat. Als die Türe sich öffnete und Jechiel mit seinen hohen Stiefeln ins Zimmer trat, fuhren die Dasitzenden einen Augenblick von ihren Sesseln auf, blickten sich gegenseitig bedcutungsvoll an, setzten sieh aber gleich wieder ruhig und seihstsicher hin, denn so war es unter ihnen zuvor verabredet worden. Nasson hatte einen ausgezeichneten Einfall, indem er Jechiel den Anwesenden folgendermaßen vorstellte: ״Hier ist unser ,Chaluz‘, der ins Oedland hinaufgezogen ist,“ Darauf klopfte Nasson mit der Hand auf den Tisch, und Awiwi begann folgendes zu verlesen: ״Geehrte Versammlung! Es sind nun zwei Jahre her, daß wir an diesem Ort, unsere Tätigkeit begonnen halten. Das Kapital, das wir in die Unternehmungen gesteckt haben, beträgt heute rund zwanzig Millionen Pfund. Davon wurden etwa fünfzehn Millionen in Bau- und Induslrieuntoriichinungen und fünf Millionen in landwirtschaftlichen Belricben investiert. An diesem Orte, der bis heute den Begriff eines Unternehmens und den )Verl, eines Kapital? nicht kannte, warden Werke von großer Bedeutung errichtet. Um nur die wichtigeren zu erwähnen: die in der Sandzone errichtete große Glasfabrik des Herrn Silber, das Stcinbruchunternehmen der Herren llasclian; die Webereien des Herrn Margalith und die ״Nasson & Co.“־Wcrke — sie alle beweisen greifbar den Geist des Males und der Energie, den d,1s Kapital hierher gebracht hat, aber ebenso auch die ungeahnten Möglichkeiten des Oedlands, das seiner Erschließung harrt. Es ist unsere Pflicht, diese Tatsache zu betonen, da in diesem Oedland große Investitionen erforderlich sind, um eine Industrialisierung durdizufüliren, die an Wert hinter der hochentwickelter Lfinder nicht zuriickstehl. Wir wollen das Kapital anziehen, das jetzt noch zögert, an diesen Ort za kommen. Indem wir uns zur Beleuchtung dieser Grundfrage hier versammelt haben, ist es zwar nicht unsere Absicht, dm Tätigkeilsbe/.irk des einzelnen Unternehmers, von denen jeder nach seiner persönlichen Erfahrung handelt, zu berühren, wohl aber können wir nicht umhin, Stellung zu nehmen, wenn wir auf ein verfehltes Unternehmen oder eine irrige Meinung stoßen, die dem guten Ruf des Kapitals in diesem Lande Abbruch tun kann. .Sie werden gebeten, meine Herren, über diese Dinge Ihre Meinung zu äußern.“ Als Awiwi seine Vorlesung beendet hatte, erhob sich Nasson und begann mit gedämpfter, heiserer Stimme: ״Meine Verehrten! Der Ueherblick, der Ihnen durch meinen Sekretär, Herrn Awiwi, soeben gegelwn wurde, *eichnet. in allgemeinen Umrissen das, was durch uns in diesem Lande geschaffen worden ist. Nun aller ist die Zeit gekommen, daß wir die Dinge mit Augen von Praktikern betrachten. Wir müssen die Aussichten der von uns begonnenen Uiilernelimungen prüfen. — Möglicherweise ergibt die Erfahrung, daß unsere Invcslition zu groß war, und daß es eine Gefahr bedeutet, sie n״c־.U zu vergrößern, aller Möglicherweise sagt der praktische Verstand auch anders.“ Die GestehIshaul Nassons war beim Sprechen noch run*- liger, die Gesichtsform noch spitzer geworden. Durch die goldene Brille stach plötzlich ein scharfer, verbissener Blick, der aller gleich ■wieder erlosch., Die Dasilzenden senkten in der Erkenntnis ihren Kopf, daß nun ein unausgesprochener Gedanke sich vor ihnen entrollen werde, dessen Kraft nicht in Worten, sondern in Strömen von Geld und Erzeugnissen liegt ״Meine Verehrten“, fuhr Nasson fort, ״wir wohnen hier an der Pforte des großen Oriente, auf dem Kreuzweg zu seinen bedeutenden Märkten, schien zahllosen Konsumenten.