Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-10-10 · Heft 81-82 (10.10.1935) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 81-82 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653899--27489-2688929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81/82, 10. X. 1935 Zur Moezah des Hechaluz Ans Kreisen des Hechaluz wird uns geschrieben: Vom M. bis 17. Oktober 1935 wird die Moezah des Hechaluz in Berlin zusarnmeiitreten. Im jetzigen Zeitpunkt gewinnt die Moezah besondere Bedeutung. Die Arbeit des Hechaluz in Deutschland hat infolge der Veränderungen, die innerhalb des Judentums in Deutschland vor sich gingen, eine ungeheure Erweiterung erfahren. Hunderte voll Mensehen verlangen dringend Abhilfe einer wirtschaftlichen und seelischen Not. Der Hechaluz ist infolge seiner besonderen Struktur immer der Vertreter des verwirklichenden Zionismus gewesen. Die Jugend, die heute aus ihrer persönlichen und wirtschaftlichen .Situation eine Lösung sucht, findet deshalb ihren Weg zu der chaluzisclien Bewegung. Dieser Andrang von Menschen stellt die Bewegung heute vor die Aufgabe, den inneren Kreis ihrer Pflichten iri einem besonderen Maße zu erweitern und zu ergänzen. So ist heute der Hechaluz genötigt, sein gesamtes H a c h s c 11 a r a 11 - W e r k zu erweitern unu insbesondere die kibbu/ische Hachscharah auszubauen. Gleichzeitig wird es eine der ersten Aufgaben sein, die Eniehnngs- und Kulturarbeit des Hechaluz den Bedürfnissen der Chawerim, die neu zur Bewegung kommen, sowie den Anforderungen Palästinas anzupassen. Die ganze Bewegung leidet heute verständlicherweise unter der scliwierigen A li j a 11 - S i t u a t i o!1. Es entsteht die ernste Frage, wie ein erträgliches Verhältnis zwischen Aufnahme in den Hechaluz und Alijall liergcüellt werden kann. Es wird Aufgäbe der Moezah sein, darüber klare Entschlüsse zu fassen, ob es möglich sein wird, in einem weiteren Maße Menschen aufzunehmen, fiir die in absehbarer Zeit nicht die Möglichkeit einer Ali iah bestellt, sowie gleichzeitig eine Form zu finden, in der die verlängerte Hachscharah zu einem starben er/ielierisdieii Faktor ansgebaut werden kann. Neben diese inneren Aufgabengebiete des Hechaluz treten die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den P r ס Ir 1 e 111 e n 11 e s J u d e 11 tu 111 s in I) e u t s c 11 I a n d. Die Durehiuh! 1111g konkreter I.ösmig.smöglichkciten für die jüdische legend In Deutschland verpflichten den Hechaluz, zu allen das Judentum angehenden Problemen, besonders aber seiner Arbeit hir die lugend Stellung zu nehmen. Mit 4cm Entstehen eines jüdischen .Schul w e r k s, das für die jüdische Jugend in I )eulschlaiid geschaffen werden soll, ergibt sich für de11 Hechaluz die Aufgabe, durch seinen Einsalz ein Selm!werk zu gestalten, das im Inhalt seiner Er- /ichitngsnrbcit einen klaren, aut -Palästina gerichteten Ciiarak- 1er tng't. 1 )ie-cs indische SchuKvcrk muß die Grundlage für die spatere spezielle Erziehungsarbeit des Hechaluz werden. Gleichzeitig damit übernimmt es die im Hechaluz geeinte chahi/ische Jugend, in diesem histodi dien Moment der Ge...!lichte ries Judentums in Deutschland au ie lugendkreise, die 11 >11■״ immer nicht eine positiv-' Ja 1•;• Stellung gcnmdeii haben, neu her au /״treten und sieh - b ihnen für einen aut Palästina gerichteten Weg geistig auseinanderzusetzen. Ende des Auswanderer- Oberkommissariats Gent, 6. Oktober. (JTA.) Die Tagung des Verwaltungsrats und des Beirats der Privatorganisationen beim Völkerbundsoberkommissariat für Auswandererfürsorge, die vom 15.—17. Oktober in London staitfindet, wird die letzte ihrer Art sein. Oberkommissar MacDonald wird über den Verlauf der Viilkerbundstagung im Zusammenhang mit dem Auswandererproblem berichten. Er wird bei dieser Gelegcnheit endgültig vom Verwaltungsrat Abschied nehmen und sich dann nach den Vereinigten Staaten begeben. (Wi! hesch.äitigen uns im Leitartikel der heutigen Nunimer mit dem traurigen Versagen dieser Institution. —■Red.) Der Hills verein zu Auswanderungsfragen Die Pressestelle des I lilisverciiis der Juden in Deutschteilt mit: ,,Zur Zeii wird in Berlin und im Reich Propaganda für Auswamlcnin :!11 ׳ml Sb di! I;1 —:: 1 cg in \ er... bim!. neu übers e!• i - e 1! e 11 I ,uniern gemaihl. Es werden in Publikatiore/״ und Vt r-;n 111:ung0n gewi •sc Pr.ije'.te der ()ej'fcut Üchkcit unterbreitet, die der notwendigen (ir mullagen entbehren. I.s liegt im liitcic-se AiHWjitihnings- und Siedln״ wvilligcr, sieli bei uns, dem Zcntmlbür״ für jüdische Auswander ungsangelegenlu'iteti, jas vom Reichswatiderungsanit als gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Durch- und Auswanderung anerkannt ist, jeweils zu informieren, damit Fehlwander umen verwieden werden, die sich verhängnisvoll auswirken önnen.“ Für Auswanderer nach Palästina ist das Palästina-Amt der Jewish Agency in Berlin mit seinen Zweigstellen itn Reich zuständig. _ Antisemitische Exzesse in Mexiko Mexiko City, 1. Oktober. (JTA.) Die von dem ehemaligen General Nicolaus Rodriguez geführten ״Gold-!1 c m d e n“ entfalten in letzter Zeit eine verstärkte Tätigkeit und schrecken auch vor Uebcrfällen auf Juden nicht zurück. Der Vorsitzende der jüdischen Handelskammer, Jacob Landau, wurde auf der Straße von drei Angehörigen der öoldhemden- Organisation angegriffen und erlitt ernste Verletzungen. Die Täter wurden verhaftet und werden sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben. Es handelt sich um Personen, die bereits wegen Mordes und Diebstahls vorbestraft sind. Die Aktion der ,,Öoldhemden“ richtet sich auch gegen die Aufnahme aus Deutschland ausgewanderter Juden in Mexiko. Französischer Faschismus gegen Rassenprinzip R o m, 6. Oktober. (JTA.) Der Francisleniührer Marcellc Burcard hat mit einer Gruppe seiner Anhänger Rom besucht, wo er von Mussolini empfangen wurde, lieber den Standpunkt de־ F r a 11 c 1 s t c 11 b e w e g u!1 g, der französischen Spielart des Faschismus, zum Rassenproblem, gab Burcard in einem Gespräch folgende Erklärungen ab: ״Die französische faschistische Bewegung, die die Schafhtng einer starken totalitären Regierung in Frankreich anstrebt, stützt sich nicht aut das Rassenprinzip und macht daher zwischen Juden und Nichtjudcn keinen Unterschied. Sie bekämpft ihre Gegner, die Marxisten und die Freimanrcrei, ohne aber diese Bewegung und Parteien mit Judentum oder Juden zu identifizieren. Wir nehmen in unsere Reihen alle diejenigen auf, die für ein Regime des Faschismus in seiner lateinischen Konzeption in Frankreich eintreten, und ich kann feststcllen, daß wir auch treue jüdische Parteimitglieder zu den unsrigen zählen.“ Gewissensfreiheit in Amerika Präsident Roosevclt hat Anfang dieses Monats eine Rede gehalten, in der er einerseits zu der durch den ahessi* nischen Krieg geschaffenen weltpolitischen Lage Stellung nahm, andererseits die Grundsätze der imiercn Politik Amerikas darlegtc. Man kann annehmen, daß die Bemerkungen, die er gegen die Versuche, die amerikanischen (jrundsät/c der Gleichheit aller Bürger und der Freiheit des religiösen Ocwirscns m verletzen, machte, auch auf die antisemitische Bewegung in Amerika angespielt haben. Nach dem Bericht des 1JNB. sagte er dabei u. a.: .,Vor Jahrhunderten bezeiehnetc der grüßte״ Schriftsteller un&ci׳cr tksi hichte, James Madi-on, die beiden drohendsten Wolken, die über u!i<׳rcr n!ensch!ichen Regierung und nirnsehÜrheii Gesellschaft häng,■11, als ,,das heimi-־■lu־ t du•!“ und ״die AngU vor oinum audiindischeu Ki'ii'g*. Xiusnah br-tand lür die Anirnkaner 11u־hr Veranlagung* fliesen beiden t'r>,!ehen zur Rcsorguk t־mgegenzutreten. 1)״ י1גh ti 1 ־ nt i s c 11 e beheb‘ tritt, von Zeit zu Zeit in Gestalt von J,u11U־n auf. die f.GM'ht.׳ B(*h.nf|>fut־gen auBu'llcn. die Tatsauhvu verdrehen. Haß prediget! und die Bedeutung di n׳nt liuhur M aßnahmen zur Sicherung der M i'iisihuurr( in e odtr gütiger Ideale verkleinern wollen.“ 111 dem DNB.-Bericht über die Rede heißt es dann weiter: ״In den Vereinigten Staaten*', 51ל> erklärt. Rüü.m.־vu11, ״stehe gnmdsät/liuh jedermann die A u .ל ü b ti 11 g seiner R e 1 i g i o n, wie »ie ihm sein (bewi^en vor-־ itreibt-, frei. 1)0■ amerikanis־ he Plügge 5ei lür andu!halb jahrhundc!te «las Symbol 1׳er Prinzipien der Freiheit, der Freiheit den reügi'hen G wN-wn- und der Gl eich heil vor dem Rech! gcwp-ui. Ri׳11׳ig ■ei, <k1U bei! andere Nationen andere Regeln lür Gi-wL-en und hiheti-tühnm^ gib־.־n. IG h? wahr, so erklarte er weiter, da.!1 Prinzipien, die unter anderen Flaggen aU 11 ״ג ח.* rer eigenen vc1f׳)'gt \\־.! Icn, außtd all) un-ercr Ju i'dik!ion stellen, aber in unserer inneren Linsteilung können wir nicht״ inditlerenf sein, und wir beansp! uch: ■n für uns völlige Freiheit, die Prinzipieii zu bcaeineii, iür die um-erc Flagge für solch lange Zeit. Ja» Symbol gewesen ist.“ Advokat L)r. Theodor W e i s s e I b e r g e r, ein Führer der Bukowina er Zionisten, war anläßlich seines 50. Geburtstages Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Der Krieg: in Abessinien und die Falaschas London, 4. Oktober. (JTA.) Die Korrespondenten der amerikanischen und europäischen Zeitungen, die a׳us Anlaß des kriegerischen Konflikts zwischen Italien und Abessinien nach Abessinien gingen, erwähnen, daß nicht nur in den koptisch-christlichen Kirchen Abessiniens, sondern auch in den Synagogen der Falaschas, des vor einer Reihe von Jahren von Dr. Jacques Faitlowitsch entdeckten sehwarzen jüdischen Stammes, in der Sprache des Alten Testainents für den ״König der Könige“, wie sich der Negus nennt, und fiir seinen Waffensieg gebetet wird. Als Faitlowitsch znm ersten Male zu den Falaschas kam, war das Hebräische hei ihnen bis auf wenige Reste vollkommen vergessen. Mit Hilfe des von europäisch-jüdischen Kulturgesellschaften gegründeten Schulwesens für die Falaschas wurde bei diesen schwarzen Juden das Hebräische wieder, namentlich hei der jüngeren Generation, lebendig. Ueber die rassische Herkunft der Falaschas herrscht immer noch Dunkel. Es ist traditionell, daß ein beträchtlicher Teil des Falascha-Stammes Dienst im abessinisclien Heer tut. Auch hei den kriegerischen Auseinandersetzungen Abessiniens mit Italien spielen die Falaschas eine nicht unwesentliche Rolle. Die Rückwirkung: des Krieges Die ״Germania‘‘ veröffentlicht nachstehende Meldung aus Jerusalem unter dem Titel ״Gärung in Palästina“: Anläßlich des Ausbruchs der Feindseligkeiten zwischen Italien und Abessinien beginnen einige arabische Blätter, Drohungen gegen das Mandatsland England auszusprechen. Aridere arabische Zeitungen melden alte Forderungen auf ein arabisches Palästina unter Ueber- Schriften wie ״Die günstige Stunde“ an. Sie verlangen das sofortige Finstelleu der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Arabische Politiker bereiten große Massenlaindgcbungen in Palästina gegen die jüdische Einwanderung vor. Aus Beirut wird gemeldet, daß die einheimische Bevölkerung ihre Spareinlagen von den italienischen Banken abhebt. In Damaskus traten arabische Parteiführer zusammen, um ihre Stellung gegenüber ihrer Mandatsmacht Frankreich festzulegen. Bisher sind aber noch keine Beschlüsse bekanntgeworden, die sich gegen Frankreich richten. ZumTode des KopyczynczerRebbe Von unserem Berichterstatter J. R. Wien, 2. Oktober Nach kurzer Krankheit ist der in der chassidischen Welt berühmte Kopyczynczer Rebbc Israel M. Heschel in Wien im 71. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene, der als Kabbalist und Talmudgetehrier einen großen Ruf genoß, war ein Nachkomme des berühmten Ryziners, des Rabbi Israel von Ryzin, des Begründers der Sadagoraer Rabbidynastic, und begründete vor vielen Jahrzehnten in Konyc/yncze seinen ״Hof“. Dieser Hof stand nur wenig den Hofen von Sadagora, llu<yalin, mit dessen Oberhaupt der Verstorbene eng verwandt war, und Czortkow nach. Bei Ausbruch des Weltkrieges kam gleich den Rabbis von Sadagora, Czortkow und Husyatin auch Rabbi Israel Meir Heschel aus Kopyczvnczc nach Wien, wo sich um ihn ein alter Kreis von Chassidim und Anhängern scharte. Rabbi Israel Meir Heschel war nicht mir eine wirkliche Leuchte als rabbinischer Gelehrter, hatte nicht nur einen Gelehrtenruf, der weit über die chassklische Welt hinausragte, er zeichnete sich auch durch die besonderen menschlichen Qualitäten und die Lauterkeit seines Charakters aus. Der orthodoxe, im konservativen Leben stellende Mann hatte für alle Kreise mul Schichten des Volkes ein warmes, verstehendes Herz. Sein Blick war stets auf das Ganze und auf das Große, aut das Eiirgende itn Judentum gerichtet. Er war im vollsten Sinne des Wortes ein Zaddik. Rabbi Israel Heschel hatte auch stets Verständnis und Interesse für die zionistische Arbeit in Palästina und war auch als Förderer zionistischer Institutionen bekannt. Seine Tochter, Resale Friedman״, die Gattin des Sadagorer Rebben Jakob Friedmann, ist in der Wiener z i o n i :־, t i s c 11 e n Bewegung mit größter Aktivität tätig. Der Tod des berühmten Chassidim-Rabbi hat über die chassidischen Kreise hinaus in der gesamten Wiener jüdisehen Bevölkerung große Anteilnahme ausgelüst. Die I’opularität des Rabbi kam bei dem Leichenbegängnis am Dienstag zum Ausdruck. Etwa 15 0011 Menschen dürften dem toten Rabbi das letzte Geleit gegeben haben. Feste i!11 iiidisehen Altertum Von Dr. Jakob Meitlis Das klassische Judentum des biblischen Zeitalters zeichnet sich 1 ■11!0~־dcrs durch <11 ei regelmäßig wiederkehrende große religiöse Volksfeste aus, die mit dem Krcislaul der Natur, mit dem Werden und Vergehen, mit dem Aufkeimen und Absierbe״ der physischen Welt eng verknüpft waren. Sie sind im Gegensatz zu den anderen tcstgelegten Fesicn, wie etwa Schabbat und Neumond, in alter Zeit nicht kalendarisch gebunden und richten sich in der Hauptsache nach dem Stand der Ernte auf Feld und Flur. Die Feste haben hier noch ihre ursprüngliche und natürliche Sinngebung bewahrt und haben ihren rein ackerbaulichen Charakter noch erhalten. Die spätere Ucbertragung ges c h i c h 11 i c h e r Ereignisse auf das Fest, die Ver- Schmelzung einer ideologischen Geschichtsschau mit den! rein Naturhaften, die die Nat!1rgn1u<l!nge des Festes verblassen ließ, ist aut dieser Kulturstufe noch völlig unbekannt. Das Fest entspringt hier einer geistigen Haltung, die noch viel von dem l hnnittelbar-Erlebten, von dem Urwüchsigen und Abgründigen, von dein Offenbaren Gottes in allen Lebensformen der Natur, das den Menschen erzittern und erschauern, tief demütig und wiederum kindesfroh werden Hißt, aufztiweisen hat. Das Fest ist hier noch ein Stück Natur, ein Teil der Erde, aut der der Mensch lebt. Und somit ist der Sinn des Festes ein lebendiger, naturhafter, irdischer und ein betont diesseitiger. Fs fehlt ihm jene transzendentale Dentung und geistliche Verklärung einer summarisch reflektierenden späteren Zeit. 111 den mannigfachen Formen der Feste fühlen wir noch den satten Geruch der Erde, die Fülle des Feldes und des Ackers, das bis an den Rand erfüllte Her/ des Menschen, das sich in tiefer Ergriffenheit und Dankbarkeit seinem Gotte zuwendet und ihn für seine erwiesenen Wohltaten preist. Das Landleben, die innere Verwachsenheit mit der Scholle, hat also den Festen von Anfang an ihr eigentümliebes Gepräge gegeben. Sobald der Sommer zu Ende ging una die Frucht des Feldes wie des W'einberges hereingebracht war, wurde das Ern te-Schlußfest oder das Laubhüttenfest gefeiert. In alter Zeit pflegte man in den Obst- und Weingärten, auf den Bergen und Anhöhen, in den Ebenen und Tälern bei Wcingenuß, Tanz, rauschender Musik und allerlei Unterhaltungen das Fest der Weinlese zu begehen. Während der Festperiode wohnte man gewöhnlich in Feidhütten, die aus Zweigen des Olivenbaumes, der Myrte, aus Laub- und Palmcnblättern angefertigt worden sind. Nchcmia berichtet in seinen Memoiren (S, 15) über ein in Jerusalem nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil statigefundenes Eauhhüttenfest, wobei derartige Hütten auf den Straßen, Hofen und Dächern aufgestellt wurden und die Festesfreude sehr groß war. Von einem alten prunkvollen Lesefest, das von den Kanaan,äern in Sichern in den Tagen Awimclcchs, also in der ersten Zeit nach dem Eindringen Israels ins Land, gefeiert wurde, weiß uns das Buch Richter 9, 27 zu berichten. Es heißt dort von den Bewohnern Sichern«: ״sie gingen hinaus aufs Feld, hielten die Weinlese, kelterten und veranstalteten ein Dankfest.,. Ahcr schon in alter Zeit lag der Schwerpunkt der Feste an der Stätte des Heiligtums. Aus der Jugendgeschichte Samuels, die uns das I. Buch Samuel 1, 3—25 erzählt, hören wir von einem alljährlich am Heiligtum in Silo gehaltenen Feste, zu dem die Leute aus der Landschaft wallfahrten. Sie brachten ihre Gaben vom Ertrag des verflossenen Jahres mit, die in den Hallen um das Heiligtum bei fröhlichem Mahl verzehrt wurden, wobei natürlich das eigentliche Opfer zuerst dargebracht worden ist. In einem späteren Zeitalter wallfahrte man zum Tempel in Jerusalem, Daher wurden auch die drei jüdischen Hauptfeste, der Cliag ha-Mazzot, der Chag ha-Schawuot und der Chag ha-Sukkot, zu den Wallfahrtsfesten schlechthin, an denen der Mensch des Volkes, der Bauer und der Städter vor Gott traten und seine Gemeinschaft suchten. Auf solchen gemeinsamen Wallfahrtszügen ging es meistens lustig zu. Die Straßen und Wege, die nach Jerusalem führten, hallten von fröhlichem Gesang der hinaufziehenden Wallfahrer und von den lustigen Weisen der Flöte und der Zymbel, die sie mit sich führten. In Jerusalem angelangt, wollten die lauten Begrüßungs- und Freudenriife, das Umarmen und Küssen der Freunde und Verwandten untereinander kein Ende riehmen. Auch sonst ging cs hier sehr bunt zu und die Begeisterung war sehr groß. Durch die dichtgedrängten Straßen der Stadt zogen Trupps von Fremden mit ihren geschmOckten Wagen und Körben, mit ihren Ochsen und Tieren, um itn Tempel den Ertrag ihres Feldes, des Weinberges und der Herden vor Gott darzubringen. In diesem Festestamnd fanden auf den öffentlichen Plätzen und Straßen Reigen- und sonstige Volkstänze, begleitet von Musik und Gesängen, statt, zu denen_ sich Freudenriife der Frauen und bis zur Erschöpfung gesteigerte Rufe der Männer gesellten. Für Kurzweil war auch sonst reichlich gesorgt. Bei den zahlreichen Volksgelagen, bei Opferselunaus und Weingenuß, traten bekannte Dichter und Volkssänger auf, die der Menge durch manch lustige Weise die Großtaten der Vergangenheit in Erinnerung brachten oder sie durcli humorvolle Schilderungen unterhielten. Diese volkstümlichen Feste waren auch durch allerlei religiöse Zeremonien ausgezeichnet. Es fanden u. a. Pro- Zessionen um den Altar und um den Tempel statt, wie noch etwa heute beim Fest ries Nebi-Musa der Moslems, wobei besonders am Chag ha-Sukkot Bauinfrüchte und Palmenzweige, die das Fest der Fruchtlose symbolisieren sollten, bei den Um/iigen verwendet wurden. Man aß und trank dann, wie es in der Bibel heißt, vor Gott, in den Höfen und dem Hallen des Tempels. Jede wohlhabende Familie hat es, zum flank fiir den aus der Hand Gottes erhaltenen Segen, für ihre vornehmste Pflicht gehalten. Arme und Waisen, Witwen und Frcnuistämmige zu ihrem Mahle cinzuladcn und so in Eintracht und gehobener Stimmung das Dankestest vor Gott zu hege 11 en und zu beschließen (Dcutr. 16, 14 L). Zu großem Volksjubel kam es noch in Jerusalem am Ausgange des ersten Sukkot-Tagcs, als das Fest des Wasserscliöpfcns, die Simchat beth-ha-Schoewa mit viel Prunk und!,rächt gefeiert wurde (vgl. dazu Sukka 51 a f. und Toscfta Sukka IV). Die Stadt mul der Tempelberg waren ein großes Lichtmecr, in den Hallen des Tempels drängte sich eine fröhlich-lustige Menge und von überallher erscholl Gesang und Musik. Die Frommen und Vornehmen Jerusalems tanzten mit Fackeln in den Händen vor dem Volke. Ihr Lied, das sie an jenem Abend vor versammeltem Volk sangen, begann mit den Worten: ״Heil unserer Jugend, die unser Alter nicht beschämt.“ Niemand, wissen die Quellen zu berichten, konnte an dieser Nacht des Festrausches und des Begeisterungstaimiels Schlaf seinen Augen zuführen. 11»י noch in den Morgenstunden des darauffolgenden Tages hallten die Straßen und Plätze der Stadt vom Taumel des Feste» und vom Jubel glücklicher Menschen. {

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.