Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 81-82 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 81/82/ / Jahrgans 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAO Sd>riftleit«ag,Verlag a, AnxelgtoTtnraltBaft BerllnWlS.Melnekeotr.lO Fernnil: Saannnel-Nr. ) 1 Bismarck 3181/82, 7165/70, 7240/42. - BezuRspreis eimchL BcMellgetd |e Monat RM 2,-, je Vieneljsih! RM 5,75, Boi Abholung RM 1,88 k>2,w. RM 5,39. — Postscheck * Konten der Vertriebs ־ Abteilung: Berlin 715 TT <für Groß-Berlin'. Berlin 17392 /lür das ulxifge Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter BerugBgebiibcn. — Erschein( ]•dpa Dlanatag and FreiSng. BERLIN י״ג תשרי׳ תרצ״ו DONNERSTAG, 10. OKTOBER 1935 AmnisanpreUlIate Nr. S gültig. Dia 12 gespaltene mm ־ Zeile 20 Rpf, lut Familiennachrichten 15 Rpf. Aufnahme von An/eigen an bestimmten Tagen oder Steilen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzelanzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. At»nahme«chlu£ fu* di© Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag Aus* gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Farmlienarueigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt lUr das iildlsche Volk die Schaffung einer öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Juden und das WHW In einer Arbeitstagung des Amtes lür Volkswohlfahrt, Gau Groß-Berlin, wurde vorige Woche — laut einem Bericht der ״DAZ“ — im Rahmen grundsätzlicher Ausführungen über das Winterhilfswerk 1935/36 von Gauamtsleiter Spiewok erklärt, daß in diesem Jahre zum ersten Male die jüdischen Einwohner nicht mehr vom Winterhilfswerk erfaßt werden; ebenso darf in ihren Wohnungen nicht mehr gesammelt werden. Die Juden werden also vom Winterhilfswerk nicht zu Spenden herangezogen und auch nicht mit Spenden bedacht werden. Dem Vernehmen nach wird die Möglichkeit eines eigenen jüdischen Winterhilfswerks gegeben werden, worüber Einzelheiten noch nicht bekanntgegeben wurden. Selbsthilfe Ein jüdisches Winterhilfswerk erforderlich — Das Debaclc des Emigrantenltemmissars — Hechaiuz berät — Die Wirtschaftslage in Palästina Berlin, 9. Oktober Das Ausscheiden der Juden aus dem Winterhilfswerk des deutschen Volkes ist ein neuer tiefgreifender Schritt in der dem StaatswiLen entsprechenden Separation der Juden. Im vergangenen Jahre haben sieh bekanntlieh die Juden sowohl als ücber am Winterhilfswerk beteiligt, als auch wurden bedürftige Juden vom Winterhilfswerk betreut, und es wurden sogar hierüber mehrfach offizielle Aufstellungen veröffentlicht, um den Gerüchten entgegenzutreten, als ob Juden von den Unterstützungen ausgeschlossen wären. Dali — entgegen anderen Envartungen — in diesem Jahre eine andere Regelung getroffen wurde, gibt uns wieder einen Hinweis auf die Bedeutung der Nürnberger Gesetze, deren volle Interpretation durch Ausfülirungsbcstimmungen wir noch nicht besitzen. Es wird durch die Praxis klar, daß int Anscltl 11(5 an diese Gesetze die Ausscheidung der Juden auch auf Gebieten erfolgt, die in den Gesetzen nicht ausdrücklich genannt waren. Die geschaffene Sachla je bietet die Notwendigkeit, ein eigenes Winterhilfswerk für die Juden mit staatlicher Genehmigung zu organisieren. Dieser Beschiuli ist am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in den Synagogen verkündet worden. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß unter den Juden in diesem Winter besonders viele Hilfsbediirftige sein werden. Zahlreiche Juden gerade der ärmeren Schichten haben ihren Beruf, ihre Anstellung und Erwerbsmöglichkcit verloren, und die meisten von ihnen haben keinen Rückhalt, weder in Ersparnissen, da sie solche nie machen konnten, noch in Farnilienhilfe, da die meisten ihrer Angehörigen in derselben Lage sind. Die jüdische Gemeinschaft übernimmt also eine gewaltige Aufgabe, und jeder, der dazu in der Lage ist, muß es als Ehrenpflicht empfinden, dabei mitzuwirken, daß den notleidenden Juden in dieser Zeit Hilfe gebracht wird. Wir betrachten es als selbstverständlich, daß hierfür die größte« Anstrengungen gemacht werden. Die jüdische Gemeinschaft hat heute vielfältige Aufgaben. Sie muß eien Einzelnen vor Not und Untergang schützen, aber sic muß auch — und dies unterscheidet ihre Lage grundlegend von der der Umwelt - für eine neue Zukunft Vorsorgen. Denn es wäre sinnlos, die gefiihrdeten jüdischen Existenzen künstlich durch Spenden zu erhalten, wenn nicht die Aussicht bestellt, daß diese Menschen und ihre Kinder eine neue Existenz, eine neue Einordnung finden können. Daher muß die konstruktive Fürsorge verstärkt, das gewaltige Werk der Berufsumsehi c 11 tung und der A 11 s w a (der u n g s - R c g u 1 i e r u n g mit aller Energie weitergeführt werden, vor allem muß dafür gesorgt werden, daß die eine große Möglichkeit, die sich der jüdischen Jugend bietet, die Teilnahme am P a 1 ii s t i 11 a a 11 f h a u, ständig erweitert ward. Und noch eine dritte Aufgabe lastet auf der jüdischen Gemeinschaft: sie muß gerade in dieser Zeit die ideellen Werte des Judentums stiirker pflogen als je, denn der Mensch lebt nicht von Brot allein, und seelischen Halt kann dem Juden von heute nur das Judentum gewahren. In einer Zeit, wo jüdische Menschen und vor allem auch unsere Kinder immer wieder sehen und hören müssen, wie Juden und Judentum geringschätzig behandelt und in ihrer Ehre gekränkt werden, muß die jüdische Gemeinschaft den Juden selbst durch Belehrung und Darstellung zum Bewußtsein bringen, wie wir das Judentum sehen, was unsere Ueberlieferung darüber zu berichten hat und daß wir, die Juden selbst, nicht nur an den alten Adel unseres Blutes glauben, sondern auch an die Vcrpfliclitun g, die sich daraus für unser Leben ergibt. All dies darf die jüdische Gemeinschaft nicht vernachlässigen, auch wenn sie jetzt die neue, bisher ohne Präzedenzfall dastehende Aufgabe der Organisierung eines offiziell staatlieh anerkannten Hilfswerkes von Juden für Juden auf sich nimmt. Diese neueste Entwicklung trägt dazu bei. uns zum Bewußtsein zu bringen, daß wir auf uns selbst angewiesen sind, auf gegenseitige Hilfe und auf Seihsthilfe. Und dieses Bewußtsein muß unsere Kräfte steigern; Haben Sie schon den «* Palästinakalender 5696 ( öenu zen Sie bitte den Bestellschein Seite 26 trotz der notwendigen Anpassung an neue bescheidenere Verhältnisse ist der jüdische Wille zum Leben ungebrochen. * Wie sehr wir Juden in einer Zeit, die mehr als irgendeine frühere unsere alte Lebensgrundlagcn ver-!lichtet, auf uns selbst angewiesen sind, zeigt eine heute von uns veröffentlichte Nachricht, wonach der Völkerbunds-Kommissar fürdas Aus van derungswesen bei der nächsten Verwaltungsratssitzung dieses Werkes in diesem Monat seine Tätigkeit einstellen wird. Wohl selten hat eine öffentliche Institution eine so traurige Bilanz gehabt wie dieses Kommissariat, auf das bei seiner Gründung viele Jausende Hoffnungen setzten. Wir erinnern uns noch, wie nach der nationalen Revolution in Deutschland viele Juden, völlig überrascht durch die von ihnen infolge der Illusionspolitik ihrer liberalen Führer, denen sie vertraut hatten, unerwarteten Ereignisse, Deutschland oft überstürzt und kopflos verließen. Die Zionisten und die ihnen nahestehenden Kreise, sowie zahlreiche andere, die damals zum ersten Male vom Palästinagedanken erfaßt wurden, verstanden, daß es eine geregelte Wänderung nur nach Palästina geben kann, weil infolge der dreißigjährigen zionistischen Bemühungen der Grundsatz, daß Juden nach Palästina ״kraft eigenen RechtsundnichtausDuldun gu kommen, Völkerrechtlich verbrieft worden war. Aber auch andere Länder machten damals eine großmütige Gebärde der Aufnahme. Es war eine Stimmung allgemeiner Erregung, in der ein unverbindliches sentimentales Wort leicht den Ton angibt, aber die darauffolgende harte Wirklichkeit ist anders. Bei der Völkerbunds-Tagung in Genf vor nun genau zwei Jahren stellte der holländische Außenminister einen Antrag, der lautete: ״ln den letzten Monaten hat eine große Anzahl deutscher Staatsangehöriger in verschiedenen Landern Zuflucht gesucht. Der Aufenthalt in diesen Ländern ist in dem Maße, als die Unter.׳itit/ungsmittel aus privaten Quellen erschöpft sind, ein wirtschaftliches, finanzielles und soziales Problem, das 11 u r d 1! r e I! internationale Z u s a m - menarbeit gelöst werden kann. Die Völkerbundsversaminlimg ersucht daher den Rat, sobald wie möglieh die Methoden zu prüfen, durch die eine praktische Regeln ng zu diesem Zweck herbeigeführt werden kann und die notwendigen Maßnahmen fiir die Ausführung aller PI ii n « zu ergreifen, die aus diesen Erwägungen hervorgehen können. Gemäß ihrer finanziellen Bestimmung beschließt die Völkerbundsvcrsammlung, einen besonderen Posten in das Budget für t'Bt einzusetzen.“ Der Antrag wurde damals in der zweiten Kommission behandelt mit dem Ergebnis, daß ein Kommissar eingesetzt wurde, der aber nicht dein Völkerbundsrat, sondern einem eigens hierfür gebildeten Verwaltungsrat unterstellt w urde. Der Kommissar sollte vom Präsidenten des Völkerbiintlsratcs im Einvernehmen mit den Regierungen Spaniens, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, der Niederlande und der Tschechoslowakei ernannt werden. Die Wahl fiel später auf den Amerikaner James Macdonald, in den Vcrwaltungsrat sollten folgende Länder eintreten: Niederlande, Frankreich, Polen, Tschecho- Slowakei, Belgien, Schweiz, Dänemark, Italien, Großbritannien, Schweden, Spanien, Vereinigte Staaten, Argentinien, Brasilien und Uruguay. Ferner sollten in den! Vcrwaltungsrat private Organisationen vertreten sein, die in beratender Weise mitwirken können. Bei der Konstitutierung des Verwaltungsratcs haben die Vertreter der verschiedenen Staaten Reden gehalten, in denen sie ihr Mitgefühl und ihre guten Wünsche zum Ausdruck brachteil, aber hinzufiigten, daß ihr Land für die Regelung der Auswanderungdrage nichts tun, vor allem keine Einwanderer aufnehmen könnte. Die Gesamtkosten des Völkerbunds-Kominissariats mit seinen Büros und Beamten wurden unseres Wissens von privaten Organisationen beigesteuert, das heißt also von jüdischen Organisationen, die sich Auswandererhilfe zum Ziel gesetzt haben und diese Aufgabe schlecht und recht und mit weniger Verwaltungskosten auch vor Einsetzung des Kommissariats erfüllt haben. Die These des holländischen Antragstellers, daß es sich um ein Problem handelt, das nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden könne, ist in keiner Weise für die Behandlung der Sache maßgebend gewesen. Diese Entwickhing, an deren Ende wir jetzt stehen, ist für uns Juden eine schwere Enttäuschung, nicht nur wegen der vielen Auswanderer, die in manchen Ländern in einer fast ausweglosen Situation ihre Hoffnungen auf den Völkerbunds-Kommissar gesetzt hatten, sondern auch wegen der Einsicht in die Unzulänglichkeit des internationalen Apparates, die ja, wie man gerechterweise zugeben muß, nicht nur in der Judenfrage zur Schau getreten ist, und der Gleichgültigkeit gegenüber dem internationalen Aspekt des Judenproblems. Als der Kommissar an das Problem der jüdischen Wanderung herantrat, konnte ihm von jüdischer Seite kein klares Projekt unterbreitet werden; und selbst für ״praktische Regelungen“, wie es im Antrag hieß, zu sorgen, erwies sich das Kommissariat als zu schwach. Der Völkcrluindsrat trägt trotz der Einsetzung eines eigenen ״Verwaltungsrates“ die Verantwortung für dieses Mißlingen. Nur auf einem einzigen Gebiet gab es Möglichkeiten, nämlich dort, wo die Juden selbst vorgearbeitet hatten, in Palästina. Und wenn beim letzten Zionistenkoiigreß in Luzern Kommissar Macdonald dem Zionismus wegen seiner Leistungen zur Erleichterung des Emigranten- Problems Lob gespendet hat, so schien das beinahe wie eine Ironie in Anbetracht der Hoffnungen, die die jüdisehe Welt auf dieses Kommissariat gesetzt hatte. Nun erhebt sieh die Frage, was weiter geschehen soll. Alle Völker haben ihre eigenen Sorgen, a her das Judenproblem bestellt nun einmal, und wenn auch die Hauptlast seiner Bewältigung auf den Juden selbst liegt, so bedarf es doch seiner ganzen Natur nach einer Ätmo- Sphäre des Wohlwollens und tler Kooperation auf seiten der anderen Volker, die anerkennen müssen, daß hier ein allgemeines und nicht nur ein jüdisches Interesse vorliegt. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß wir Unter- Stützung nur dort erwarten können, wo wir selbst uns eingesetzt haben. Ein Volk — dieses Herz.l-Wort gilt auch hier — kann nur sich selbst helfen. * Einsatz der eigenen Kräfte — das ist die Parole. Wir Juden lieben anscheinend allzusehr den Streit mit Worten, und auch in der kritischsten Situation glauben viele, es komme auf mehr oder weniger geschickte Polemik an. Es ist eine tiefe Enttäuschung für jeden aufrechten Juden, daß auch jetzt wieder diese unsere Schwäche sich zeigt, gerade in einem Moment, wo nach der Aussonderung der Juden durch die Nürn- Iterger Gesetze deutlicher als je uns alle ein und dieselbe Situation umfaßt. Die Reaktion auf die Verkündung des neuen Programms der Reichsvertretung, dem sich alle wichtigeren Gemeinden und Organisationen angeschlossen hatten, war nicht das Bemühen, praktische Vorschläge zu seiner Realisierung beizuhringen, sondern ein ressentiment-erfülltes Eröffnen einer neuen innerjüdischen Fehde, mit der wir uns an anderer Stelle auscinandersetzen. Die positive Arbeit, die voraus steht, beinhaltet aber in der Hauptsache die Sorge für die \