Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 80 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80, 4. X. 1935 auf und entwickelte in seiner Broschüre über die Entslehuiig des Kol Nidre (Wien 1917) folgende scharfsinnige Hypothese: Im westgotisdieii Spanien gab cs auch im 7, Jhdt. Zwangstaufen. Die getauften Juden nuillteu sich verpflichten Und schwören, da(ä sie weder Schabbat noch die Beschnei* dtmg halten und daß sie keine Beziehungen zu ihren früheren Glaubensgenossen [){legen würden. Das berühmte Placitus Judaeorum. Am Abend des Jom Kippurs protestierten die Juden gegen den Zwang, der ihnen auferlegt wurde. Sic erklärten ihre Versprechungen und Schwüre für nichtig und bekannter! sich hiermit zur jüdischen Gemeinschaft. Das Kol Nidre sei die Formel dieses Bekenntnisses. Daher die Weihe und Heiligkeit, die diese Worte des Protestes, des Auf- Schreiens gepeinigter Seelen begleiten. Die wissenschaftliche Wahrheit kann vor diesem schönen Bau keinen Halt machen. Posnanski hob mit Recht in Blochs Wochen schritt (191$ S. 280) hervor, daß das Judentum Spaniens im 7. Jhdt nicht soviel Autorität hatte, daß ein bei ihnen aus einem bestimmten Anlaß aufgenommener Ritus auch in anderen Ländern, wo dieser Anlaß fehlte, aufgenommen wurde. Ferner spricht dagegen die Tatsache, daß in Spanien, wo diese Tradition lebendiger sein müßte, das Kol Nidre überhaupt nicht gesagt wurde. Der Gedanke des Protestes, der im Kol Nidre erhalten sein soll, wurde aber nicht fallen gelassen. Der von Poznanski hhingeworfene Satz: ״Sollte nicht die zur Zeit Jeliudais entstandene Sekte der Karner, die das Losen von Gelübden verspottete, hier Ursache gewesen sein?“ wurde von S. Kraus (iin Jahrbuch der Jüdisehen Literarischen Gesellschaft XIX, hü) zu einer neuen Theorie ausgebaut. Die Kar.ier bestritten die Auffassung, daß ein rabbinischcs Koiiegiarn Gelübde und Schwüre lösen könne, in Palästina, dem Heimatland des Kol Nidre, gab es in der Gconim/eit einen harten Kampf gegen die Karäer, der nicht selten scharfe Formen annahm. Die Rabbiniten waren versucht, religiösen Vorschriften und Bräuchen., von «lenen ihre Gegner eine andere Meinung hatten, besondere Feierlichkeit und große ()cfteilt!ichKcit zu verleihen. Man machte aus dem Akt des ״Lösens von Gelübden“ eine Grmeindesadng um es starker zu betonen und gegen die Karäer zu demonstrieren. In früherer Zeit sollen sogar diese Demonstrationen am Versöhnung -tage auf dem Uelbcrge, dem Versammlung-platz beider Lager, stattgefunden und zu blutigen Zusammenstößen gefühlt haben, i)as Letzte behauptet Kraus auf Grund einer Texten!endation, die nicht zwingend ist und auch in anderer Ricluung vorgeiiommeii werden kann (Schwarz, Le-tschr. S. •IM). Gegen das Ganze läßt sich sagen, daß wir in den (,)Hellen gar keine Anhaltspunkte für irgendeinen Zusaintnenltaiig zwischen Kol Nidre und den Karäern haben. Sa.idia (.iaoi!, von dem wir den ältesten Kol- Nidre-1 ext besitzen, der nach Kraus um der ersten Ein- S et zungs/eit du, Kol Nidre nicht allzu lange entfernt sein durfte und der sieh mit den Km.iern anseinandersetzte. weiß nichts davon. Der italienische Geleinte lind Arzt des Li. Jhdt.s, Sedekia b. Abraham dei Munsi. fuhrt int Namen seines Bruders Benjamin aus, daß die Formel des Kol Nidre nicht die Absicht hat, irgendwelche Versptechniigcn, Gelübde, Lide zu lösen; denn dazu ist sie hahichi-di nicht im-tande (Sclnbbolc lialeket S. 29-1). Andererseits it die Strenge des <!esetzes in bezug auf das Hallen von Giliilxhn und von sonstigen Versprechungen, die nicht in de!־ Form von Gelübden gemacht wurden, bckannt. Im Talmud finden wir eine ■Menge von Aussprüchen, die dazu angetan sind, den luden von jeglichen Schwüren und Versprechen ab/nhalten. R. Meir ist der Ansicht: Nicht Geloben ist sogar besser als Gelobet! und Erfüllen (Nedarin 9a); denn auch derjenige, der seine Gelübde erfüllt, ist ein Bösewicht (ihid. 22a). Wer vom Geloben nicht läßt, begeht eine Sünde, die Strafe ist, daß seine Söhne frühzeitig sterben (Kettibot 72a). Auch demjenigen, der sein Gelübde formal juristisch lösen ließ, muß Gott verzeihen (Numeri 30, 13). Die Zahl ählidier. Aussprüche, die vom Gelübde an sich als von einer sümle sprechen, di c ei nur Verzeihung bedarf, läßt sich vermehren. Ls ist mm v e im tarn! lieh, daß der Jude, der am Vers( <11 min 1/ '<i'A T u vor M׳i nun Go tt tritt, sieh seiner Sünden י entled 1! m׳!i ml rin rantH 11) י .,wU ~en haben will. Er beginnt mit t ier Bit Tu. Gott tu«: *"V i tun die Absolution erteilen und v< ui Ver vpj־D <iiu ur tun orsichtigerwei.se gern acht hat, die er /II;11 Teil v rmu , zum Teil formell nalaclüsrl M׳>i י ‘I! ücl;. , b. 11111 n־rru! 1 Ve r/ri lunur gewähre,!faß das Kol Nidr <■ am h t׳i! 1r 1 ׳: i tu , .mth; tlt und nicht nur eine Formel i st, <11 u Kr;!! I- 1' 11 haimtcn /u in 11 -1:1 glaubt. beweist der alte Tex t des < im <11 Saadia t ן> ■r < he Merkmale eines Gehet es hat: ״Alle ( Hu wir . , . wie wir gelobten vom vergnn״e!1e1־ 1 | oi. , Kipp;ur Ins 7n:n m•:׳ u?!\v artigen, ziehen wir zurtick. Si c k nnimrj 1 Vf ׳1׳ um- ( ru;1 V ';Hur im Himmel (und erklären) Vv'rn n wir ein (irhib;!(־ , f(>] »'hl 1 •11, so soll es kein Gelubcti■ Sl'lH ■Es i-t kein ( Kluh; le da. kein Baun, kein Eid I . . . Ver/ t ihn n!.;, Vrrv י hrn m 1d Suhlte sind da. wie es heißt, un׳l VA sui \ rr/iu nun 1k׳r ganzen < ienteittdc der Kim!er Is r.'tels und dem Frei n.liii u׳u. der weilt in ihrer Mitte, di ' n n u: 1> 4! י ׳. ui min/eii V 'olkr!HI r aus Versehen hegegnet“ (Kol. Bo V חיי u; hg 1307). Ls Ihm Hielt sieh nicht Hin eine Formel, mit d< •r Wirklich זן ulrjs' tute üchilxle kraft des Gesetzes ■׳:luf, elmhni \v« ■!■tim, ס־!!■ ilern un! eine Bitte an den Vater im Hin! n 11 1, u < r/1 iher 1, wenn wir irgendwelche Gelübde 1 sind. Das Ko! Nid zu einem gewiss, Reform des R. '1 ׳et.111 huhi'ii und sm un e r 1 1 :ו:r bei der l 'rbertrj ■1 Teile und Iv-nml 'am den ( <r!>e|cch;(r Eine unverkennbare Spur ist lins im den Wir auch heute sagen!111 in gar keinem Ztisammeitititn g geblieben. I >ie Stimmung des Abends liegt im Inhalt dieser Gcbcgdormd. Die die Ouvertüre des Jom Kippur, welche, wie klebohn nach■ gewiesen hat (i!11 Ilebrew Union College Animal S IX), in Süddeutschland etwa im 14. Jlnit. ihre heutige Form anmit Sachgemäße und schleunige Durchführung Ihrer AUSWANDERUNG Soec. Palästina Amtsger.-Rai s. D. Dr. Aschner Oberreg.-Rat a. D. R, Kempner Berlin W IS, MeinekestraQ• e / T«l#fon: J 1 Bl«m«rck 9866 neben dem Palästina- Amt / 9 bis!3 Uhr und 16Lg bia 19 Uhr Das Gesidit unserer Synagogen-Besudier Von Ludwig Meid ne r Nicht so sehr psychologisch soll diese kleine Studie weracn, sondern mehr malerisch, das heißt, ich will, der ich auch wochentags Maler und Zeichner bin, vorzüglich die äußere Erscheinung der Baale battim darstcllcn, die unsere Berliner Synagogen hauptsächlich am Schabbat besuchen. Und da ich selber zu ihnen gehöre und viele von ihnen persönlich kenne, ist mir natürlich auch ihr Wesen nicht gegenwärtig ׳;g in- Aramäische rdurch die erwähnte Tier einiwbiiBt haben. Verne Numeri 15. 20, der nach unserer Version lern Kol Nidre steht, freilich nicht so sehr einzigartige Melodie* nahm, aber die bereits in früheren Jahrhunderten das Kol Nidre begleitete, hat vieles dazu beigetragen. Ein nationales Moment darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben. Der Jude, der sich aut irgendeinem Punkte des Erdballes befindet, weiß bei dem Sagen des Kol Nidre, «laß im selben Augenblick alle Juden in der ganzen Weit, die sonst verschiedene SpracF.cn reden, verschiedenen Kuiturkreiscn angeboren, das tleiche Kol Nidre sprechen, dieselbe Melodie vernehmen. s ist ein einzigartiges Erlebnis, eine Gemeinschaft, die;ich von einem Bande der Vergangenheit umschlungen fühlt, das die Stimmung dieses Abends erzeugt auch höchst luimaierisch, und immer wieder tauchen dort ganz unjüdische Stimmungen auf. Die Liberalen sind Spätfinge der Aufklärung; sie wollen um jeden Preis nicht zeitabgewandt sein, sondern moderne Menschen, die ihr Zeitalter gutheißen. Aber so geht es nicht; wer heute wahrhaft jüdisch-fromm sein will, muß sich absondern und der verweltlichtcn Welt mit äußerstem Mißtrauen begegnen. Man hätte glauben können, daß die Ereignisse der letzten Jahre dem deutschen Judentum eine religiöse Erneuerung bringen würden. Obschon doch etliche meinen, daß so etwas sieh ereignet hätte, indem manche wieder Freitag abend Kiddusch machten oder regelmäßiger die Synagogen aufsuchten, blieb die Mehrheit der Juden in Deutschland unbewegt. Ein paar erschütterte und innerliche Menschen traten zum Christentum über; einige andere, die schon immer religiös, vertieften ihre Frömmigkeit, doch die Mehrzahl verharrte in der Gottesfremde, und wir wissen nicht, wie wir ihnen helfen sollen. Mögen die liberalen Juden, um noch einmal von ihnen zu reden, sich auch, äußerlich besehen, nicht sehr von den orthodoxen unterscheiden, so haben sie dennoch einige MerkmaJe, die sie zu einem ganz anderen Typus stempeln. Sie sind heiterer, harmloser, verweltlichter, weniger schwerblütig und häufig sehr sentimental. Sic sehen naiver aus als die Orthodoxen, und sie sind cs wohl auch trotz ihres Modernismus und Rationalismus. In ihrer Erscheinung sind sie vollkommen unmalerisch — so unmalerjsch wie alle Berliner. Doch das ist alles nicht so entscheidend, denn das Entscheidende ist ein Merkmal, eine Atmosphäre, die sich nicht so leicht definieren läßt. Die Liberalen sind in einer ganz bestimmten Richtung assimilierter als die anderen, sie können das Altjüdische nicht recht leiden; das heftige Beten mit Bewegung des Oberkörpers ist ihnen höchst peinlieh; das getreue Befolgen der Vorschriften lehnen sie ab; ebenso den Gedanken an Zion, obschon sich das in den letzten Jahren geändert haben mag. Als ich einmal in einem liberalen Tempel mir den Tallis umtat, und bei den Worten ״na jokor chassd’cho“, wie vorgcschricben, das Haupt verhüllte, wurde ich von der ganzen Umgebung mit geradezu bestürztem Erstaunen betrachtet, als ob sie einen Dinosaurier der Urzeit erschauten. Ludwig Mcldner: Betende Juden Photo: J. Abraham vertraut. Sie haben mir seit Jahren auch als Modelle beim Zeichnen gedient. übschon ich in die Schul gehe, um mit der Gemeinde mein Gebet zu sagen, fällt auch zwischendurch, in den kleinen Bausen, etwas für mein Malerauge ab. Gehöre ich auch keineswegs zu denen, die in jenen Bausen mit ihren Nachbarn tuscheln mögen, so fängt sie mein beobachtender Blick auf und hat daran keine geringe Ergötzung; und wenn das auch nicht lobenswert sein mag, denn man geht nicht in die Schul, um Beobachtungen zu machen, so ist es minder tadelnswert als das Tuseliein und Zischeln. Iin mystischen Bereicli der Kawwonoh, in den man eintritt, wenn man aus Herzensgrund gebetet hat, erscheinen einem alle Dinge warmer, lebensvoller, ja, verklärter als sonst, die Sinne sind durchläutert, und so schauen w׳ir die Erscheinungen zuweilen in einer Großheit und Monumentalität, daß selbst eines sonst unauffälligen Männleins Bedeutung und ״Tiefe“ offenbar wird. Wie fest und niännlich sie dastehen, den Tallis zuweilen übers Fiaunt gezogen — ich denke liier vornehmlich an die Besucher konservativer oder orthodoxer Synagogen — in Gestalt und Antlitz meist ganz anders als das übliche Bild des semitisch ausselienden Juden. Tatsächlich findet man dort jenen Typus äußerst selten, den die uns feindlichen Karikaturen vom Juden entwerfen: häßlich, mißgestaltet, mit krummer Nase usw. Man sieht viel lach aschblonde Erscheinui'gen, mit großen, jedoch geraden Nasen, stämmige Man- 11er, welche von den Nichtjuden niemals für Juden gehalten werden; das, was mail heute den ״ostischen“ Typus nennt, wiegt dort vor. Sie haben Brillen über umschatteten großen Augen, gestutzte, graue Vollhärte und im ganzen etwas Unauffälliges, Tüchtiges und Biederes. ,,Sind denn das alles Jude::: ■ fragte mich ein gänzlich assimilierter und unreligtüser Bekannter, den ieli auf seinen Wunsch einmal mitgenommen hatte in eine Schul. Der hagere, sehr brünette Jude ist in den Synagogen der thoratretien Richtung in der Minderheit; dagegen wird man ihn häufiger sehen können auf den Tummelplätzen der Apikorsim, in Theatern und Cafes und sicher auch dort, wo völlig assimilierte oder abtrünnige Juden beisammen sind. Ja, man möchte fast sagen, je rein semitischer ein Jude aussicht, desto lebhafter scheint häufig in ihm der Wille zu brennen, utn keinen Breis ein Jude zu sein; während viele blonde Juden, wie hier unsere Thoratrcuen, unbeugsam festhalten wollen am unverfälschten Judentum. Diese letzteren sind wie aus Kernholz geschnitzt, michterri, naiv und höchst realistisch, 1!״:0:’״p!izicrt, gänzlich unsentimental, im Gleichgewicht ihrer inneren Kräfte. Sie sehen vielfach wie Handwerksmeister aus, obwohl sie Kaufleute sein mögen; und das, was man ״jüdische Hast" nennt, scheint ganz, fern von ihnen. Vergessen dürfen wir nicht, auch die zahlreichen Ostjuden zu beachten, die in jenen Synagogen beten. Da sind nicht mir Patriarchen unter ihnen mit den herrlichen Renibrandfschen Bärten, in denen ein ganzes Meer von Tonalität und Seele zu schlummern scheint, sondern auch kleine, diinnc, proleiarisierte Menschlein mit slawischen Zugen, zuweilen mit hochcharakieri.stischcn Gesichtern, jedoch unschönen, von Leid oder Sorge zerbeult. Es scheint indessen, als ob auch hier in der Mehrzahl eine ziemlich phvsiognomielose, weltstädtisch nivellierte Menschenart auftrift, der man jüdische Merkmale beim ersten Blick kaum ansieht; man muß schon ein guter Kenner jüdischer Typen sein, um auch bei ihnen den Juden zu entdecken. So sind eine ganze Anzahl Orthodoxer, vom Künstlerischen aus betrachtet, wenig fesselnd. Aber Geheimnis raunt um die schon erwähnten malerischen Batriarchengestalten, welche eben wegen dieses Malerischen una ihrer vergeistigten Antlitze eine tiefe Schönheit verwirklichen, wie sie von gleichem Range nur bei einigen sehr aszetischen Kirchenfürsten zu bewundern ist. In den liberalen Synagogen weht, trotz allen Pomps und aller ״Weihe", ein kühler und neutraler Geist; sie sind Eilt neues Gebet ftir den Kol - Nidre -Abend? Anläßlich der jüngsten Luzcrner Tagung der Jewish Agency sowie des Kuratoriums der Hebräischen Universität fand dort eine ad hoc-Versammlung der anwesenden Rabbiner und Theologen statt, in der unter Vorsitz des Chiefrabbis Dr. Hertz (London) der Orandrabbiner von Paris, 1. Lev y, den Antrag stellte, es möge ein Gebet verfaßt werden, das, auf die Nöte der Zeit hinweisend, am Vorabend des Versöhnungstages in allen Synagogen der Welt zum Vortrag gebracht, elas Volk zur Buße und Einkehr erwecken möge. Der Antrag wurde einstimmig angenommen und mit dem Referat der gewesene Breslauer, jetzt Budapester Rabbinerseminardirektor Dr. Michael Guttmann betraut, der den hebräischen Text bereits eingereicht hat. Ein jüdischer Bildhauer Das Werk Bernhard Betlers Prag, im September Manchmal kommt das Glück über Nacht. 38 Jahre alt ist der Jude Bernhard Re der schon geworden, und noch wußte — bis vor einigen Wochen — niemand etwas von ihm. 38 Jahre hat er unter den schwersten Entbehrungen gearbeitet, hat aus Steinen Figuren geformt und war dabei völlig anonym geblieben. Das kleine verfallene Atelier in der?,rager Vorstadt, in dem er schuf, war eine dürftige Arbeitsstätte. In der Ecke saß die Sorge als ständiger Gast. Da kam eines Tages der Leiter des modernsten und wichtigsten tschechoslowakischen Künstlervereins ״Manes“ vorbei, sah, was Reder werkte, und einen Monat später bargen die hellen, luftigen Ausstellungsräume an der Moldau das bisherige Schaffen des Bildhauers. Reder, der aus Czcrnowitz stammt und sich viele Jahre dort durch Hilfsarbeiten heim Meißeln von Grabsteinen sein Brot verdiente, ist eine eigenartige Erscheinung. Zuerst stutzt man vor dem Ungewöhnlichen seines Werks. Diese mächtigen Leiber und Formen, die er türmt, erschrecken. Aber darin merkt man, daß hier nicht ein wild aus der Phantasie heraus Schaffender, Illusionen seiner Träume nachjagender, gewalttätiger Phantast sich austobt, sondern daß ein strengcr Mathematiker, ein von der Form und deren Prinzip Bescsscner arbeitet. Er will nichts dem Beschauer ״geben“. Der Beschauer geht ihn überhaupt nichts an. Reder hat eine Aufgabe erhalten: aus Material Gestalt zu machen, aus LONDON wc» 222, Shaftesliury Ave. P A L B H T 1 N B B X P B B S S C ©. Urstoff etwas Lebendiges, das in Beziehung zu Schatten, l icht und Raum steht. Die Kugel, Körper ohne Anfang und Ende, ist ihm allscitiges Element; der Kubus ihr bildhaucrisches Analogon. (Gegensatz: das Relief.) So wie der menschliche Körper aus seinen biologischen Funktionen heraus sich als Materie die Formproportiorten schafft, kann bildhauerisches Material aus sich heraus nur das ihm Adäquate ertragen. Damit lehnt Reder z. B. die Punktier* inaschine ab. Kunst als Angelegenheit von Proportionen und Massen —> das ist ihr Grundsinn, ist die Basis des Rederschcn Werks. Wenn es Almen hat, so sind es die Künstler des Uebergangs vom Aegyptischcn zum Friihgricchisclien, sind es die Mexikaner, von Neueren Mayel. Riesenhaft an Schenkeln und Leib sind seine liegenden, stürzenden, knienden Frauen. Ueberdimensional steigen sie aus dem Stein auf. Aber sie sind mit dem Boden genährt, aus dem sie kommen. Reders Menschen sind unabgclöst von der Natur. Ein Schlafender, ilhisiöniert, obwohl illusionslos entstanden, so, daß man meint, der Stein schnarchte. Es ist nicht Rubcnssche Ueppigkeit, die ihre Reize entfaltet. Es ist vielmehr Schöpfung aus Urstoff, die sich entlädt. Mehrere Holzplastiken zeigen, daß aber keineswegs in irgendeiner Beziehung das Wort ״priinitiv“ paßt, sondern daß Intuition und Denken sich genial mischen. Dies Wort ist ohne Scheu gewählt. Wenn Reder erst ins weitere Europa hinausdringt, wird sein Name eines Tages die europäische Kunstdiskussion auf das lebhafteste beschäftigen. M. O- £<xu de Co&rQne JkLepxm, Die Duftkomposition eines Filmerlebnisses 1n allen e1nS Qhescharien Bezaubernd wie das Antlitz einer schönen Frau r 2